Schon fünf Tage auf der Sehnsuchtsinsel, die bevorstehende Abreise erzeugt ob des Wetters durchmischte Gefühle.
Wenn man es ganz genau nehmen wollte, war die kleine dänische Insel ANHOLT im KATTEGAT der wahre Grund, wieder ein Segelboot sein eigen zu nennen. Logisch, die Insel ist natürlich auch komfortabel mit der Fähre erreichbar und man könnte in den Hostels PAKETHUSET oder CASABLANCA direkt am Hafen übernachten. Oder im Zelt auf dem Campingplatz in Hafennähe, gleich am Nordstrand.
Aber so richtig authentisch ist ANHOLT wohl nur, wenn man mit der einen oder anderen Entbehrung auf eigenem Kiel hierher gesegelt ist.
Die knapp 30 Seemeilen von GRENAA waren schlicht eine Zumutung. Der Wind zu schwach um die Segel auch bei „Absturz“ in ein Wellental prall zu füllen. Entsprechend kollabieren die großen weißen Dinger alle paar Minuten und alles klappert und scheppert fürchterlich. Gegen den Einsatz der Unterwassergenua spricht die im Grunde dennoch gute Geschwindigkeit von über 5 Knoten. Da würde der kleine Brüllaffe im Keller auch nicht mehr liefern.
Nun, kannste machen nix, musste durch und still und tapfer die Meilen herunter zählen.
Und nach Ankunft viel Bier für das schnelle Vergessen trinken!
Auch so eine Unsitte:
Früher sind die Seeleute völlig betrunken in See gestochen weil sie sonst im Angesicht der großen Gefahren gar nicht erst los gefahren wären. Heute fängt man an sein wohl verdientes Anlegerbier zu rechtfertigen.
Mitte Juni 2026, das Wetter im KATTEGAT könnte unbeständiger nicht sein. Gefühlt bläst es zwar seit Wochen ordentlich mit irgendwas aus Süd, aber Regen, Böen und Flauten zwischendurch machen die Sache nicht leichter. Um ANHOLT zu erreichen ist das erst mal gut, um die Insel wieder zu verlassen natürlich sau blöd.
Das Anzünden von offenem Feuer jeglicher Art zu jeglichem Zweck ist an Bord und auf den Stegen streng verboten. Logisch, ein Großbrand wäre in diesem Hafen nicht kontrollierbar. Damit sich alle Grillfetischisten auch an dieses Verbot halten hat man beim Hafenhaus eine große öffentliche Grillstation eingerichtet, deren Feuer jeden Abend um 1730 entfacht wird. Es ist üblich, das auch wildfremde sich zusammen setzten und jeder sein eigenes mitgebrachtes Zeug vertilgt.
So kommt es zu einem ungewöhnlich tief gehenden Männergespräch zwischen Hans (* Name von der Redaktion geändert, beginnt in Wirklichkeit mit „M“) und dem Schreiberling. Hans ist ein absolut kerniger Einhandsegler im stolzen Alter von 78, körperlich und geistig nach dem ersten Eindruck um schlappe 20 Jahre jünger.
Hans hatte vor kurzem großes Pech:
Vor über zwei Jahren ist seine lebenslange Begleitung überraschend gestorben. Die beiden haben sich im Alter von 15 Jahren kennen gelernt, später geheiratet, Kinder und Enkel bekommen. Hans ging fest davon aus das er zuerst in die Kiste springt. Jetzt, zweieinhalb Jahre nach dem lebensverändernden dramatischen Ereignis bekommt er sein Leben zwar auf die Kette, leidet aber doch immer noch unter dem entsetzlichen Verlust.
Sicher, seine Kinder haben ihm gezeigt wie man auf Online Dating Plattformen ein Profil erstellt und ja, so konnte er die eine oder andere neue Frauenbekanntschaft machen. Aber die eine, die eine richtige war bisher noch nicht dabei. Hans glaubt auch nicht mehr, das er noch mal im Leben so viel Glück haben könnte wie damals mit 15.
Soviel ist allen Beteiligen an diesem frühen Abend in ANHOLT völlig klar:
Einen Ersatz für die verlorene wird es nicht geben können, aber, so des Schreiberlings felsenfest geäußerte Überzeugung, eine neue Partnerin für erfüllende letzte Lebensjahre, die muss sich doch finden lassen! Kernige Frauen im höheren Alter gibt es doch wohl genug?!
Hans glaubt das nicht. Nach seinen nun gemachten Datingerfahrungen sind Frauen um die 70 einfach „fertig“ im Sinne von sehr klaren Erwartungen, Ansprüchen und Kompromisslosigkeit. Nun, im Gespräch muss Hans allerdings erkennen, das auch seine eigene Bereitschaft für Kompromisse offenbar beschränkt ist.
Klar, ein leidenschaftliche Segler wie Hans kann nicht auf sein Boot und das Meer verzichten. Da hört wohl zu Recht jeder Kompromiss auf!
Die überraschend perfekte Demotivation des Abends wird absolut emotionslos, nüchtern und von brutaler Ehrlichkeit von des STÖRTEBECKERS Besatzung geliefert. Während der Schreiberling weiterhin energisch dafür wirbt, die Hoffnung nicht aufzugeben und noch mehr Gas bei der Partnersuche zu geben, wirft die kleine wissende Frau an passender Stelle trocken ein, das sie keine Frau um die 70 kenne, die sich auf eine neue Partnerschaft einlassen würde – die Frauen wollen lieber alleine bleiben und ihr Leben ohne Anhang genießen.
Aber, liebe Ladies, hallo, wie war das noch?
Lieber ein Mann im Haus als gar keinen Ärger!
Nun, es bleibt vom Herzen zu hoffen das Hans doch ein wenig motiviert werden konnte weiter auf der Suche nach der Frau zu bleiben, mit der er zusammen in den Sonnenuntergang segeln kann. Ohne jeden Zweifel hätte er es verdient – und die neue Frau an seiner Seite mit Sicherheit dann auch.
Bedrückend, das einer der beiden STÖRTEBECKER´s irgendwann vor dem gleichen Problem stehen wird.
Das ausführliche Gespräch mit Hans war an diesem Abend in der Tat nur möglich, weil EIN anderer gekocht hat. Wunderbare Südamerikafreunde haben ihr europäisches Wohnmobil in GRENAA geparkt und sind mit der Fähre für zwei Nächte zu Besuch gekommen.
Alle Achtung: Wer mit Anfang 60 noch so spontan sein kann muss schon was ganz besonderes sein. Wir Reisende wissen das man sich auf neues, unbekanntes und unbestimmtes unbedingt einlassen muss, will man im bereits reich erfahrenen Leben noch was besonderes erleben.
So nutzten wir die wenigen gemeinsamen Stunden auf ANHOLT um den Freunden „unsere“ Insel zu zeigen. Mit der obligatorischen Leuchtturmtour geht der Schreiberling auch wissentlich über seine eigenen körperlichen Fähigkeiten hinaus und humpelt später für ein paar Tage durch die Gegend. Die (eigentlich) kleine Wanderung durch die Wüste von ANHOLT war es wieder Wert. Erst Recht mit selten gesehenen Freunden.
Das große Fernrohr am Leuchtturm zur Beobachtung der Seehunde auf der Sandbank ist zwar noch in Funktion, aber dessen schützende Abdeckung erfüllt ihre Aufgabe nur noch bedingt. Hoffentlich erkennt das demnächst ein verantwortlicher und die Abdeckung wird ersetzt damit das tolle Fernrohr noch viele Jahre uns Touristen zur Verfügung steht.
Keine Ahnung wie viele Seehunde sich da super cool in der Sonne räkeln, keine Ahnung, wie viel gerade gut sichtbar (besser als in VALDES!) im Wasser auf der Jagd nach Nahrung sind. Unmengen an Land, vielleicht 200 Tiere?
Mit einem Male so was wie eine Riesen große Aufregung am Strand. Alle, wirklich alle Seehunde nehmen Reißaus und stürzen sich ins Wasser. Das brodelt und kocht geradezu ob der vielen Tiere auf engstem Raum.
Eine junge Touristin, rot pausbäckig, Zopf, kurze Hosen, rosa Trinkflasche am Rucksack und, Achtung, Hund, immerhin, an der Leine stapft in nächster Nähe zu den Tieren am Strand entlang und versetzt durch ihre bloße Anwesenheit hunderte von Tieren in absolute Panik.
Das „Übersehen“ der zahlreichen ABSOLUT VERBOTEN ZU BETRETEN Hinweistafeln muss man erst mal hin bekommen! OK, steinigen wäre vielleicht auch überzogen, aber ist das nicht ein Phänomen unserer Zeit? Regeln? Die gelten nur für andere! Haben wir nicht unseren Kindern gepredigt sie könnten alles werden, sollten sich nichts sagen lassen und immer zuerst ihr Ding machen?
Nun, diese junge Frau hat das wohl alles für bare Münze genommen und ist verwundert, das die kleine Frau von STÖRTEBECKERS Besatzung versucht sie zur Rede zu stellen. Wie erwartet: Ach, Entschuldigung, das wusste ich ja nicht!
Völlig unglaubwürdig. Auf ganz ANHOLT gibt es mit TOTTEN nur ein Naturschutzgebiet das aus sehr guten Gründen unter gar keinen Umständen betreten werden darf und ein jeder, der auf der Insel unterwegs ist kommt nicht daran vorbei, diese einzige ultimative klare Regel zur Kenntnis zu nehmen.
Also vielleicht doch einfach steinigen? Wegen Blödheit mindestens.
Auch nach über einen halben Stunde der Störung kehren die Seehunde nicht an den Strand zurück. Vermutlich verbinden die Tiere schlicht das Nützliche mit dem praktischen und jagen im Wasser köstliche Fische für das Abendessen.
Verdammt, wo bleibt das Positive an dieser Episode?
OK, sie hat offenbar kein Selfie von sich und den flüchtenden Tieren gemacht. So wie andere Idioten die den Kadaver von TIMMY bestiegen um das ultimative Bild von sich selbst (!) zu bekommen.
Der lange Rückweg durch die Steppe bleibt fast trocken, wird aber mit jedem Kilometer überproportional anstrengender. Das Glücksgefühl auf dem zuvor gemieteten Fahrrad nach Hause radelnd zu sitzen ist nahezu unbeschreiblich.
Am Ende geht es doch nur darum. Um unverhoffte Glücksgefühle.
An einem späten Nachmittag. Wie üblich vor dem Kaufmann am Hafen sitzend, einen gar nicht mal so kleinen metallischen Zylinder vor dem Wind mit der Hand sichernd dem Einlaufen der Fähre aus GRENAA zuschauend. ELEFANT gibt es nicht mehr, statt dessen TUBORG FINE FESTIVAL. Eigentlich noch besser.
Kurz darauf läuft die X-55 Yacht MARDIVINO unter PANAMA Flagge und Gastlandflagge Dänemark (Pflicht) und Chile ein. Donnerknittel! Das wird doch nicht etwa Miguel sein?
Damals, ANHOLT 2021 auf der letzten STORMVOGEL Reise.
Miguel hatte uns damals seine Visitenkarte gegeben und uns eingeladen ihn zu besuchen, wenn wir mit unserem Dampfer (der damals dem Vergleich zu einer X-55 wohl hätte Stand halten können) mal nach CHILE kämen. Nun, es kam anders. STORMVOGEL wurde verkauft, CHILE mit dem Auto erkundet und Miguel natürlich nicht angerufen. Mit dem Auto ferne Länder zu erkunden ist schon etwas völlig anderes als mit dem Boot, oder?
Nun, der Skipper der stolzen MARDIVINO hat wieder wenig Zeit. Grundberührung vor ANHOLT, bei 3,20 Metern Tiefgang eher Wahrscheinlich als vermeidbar. Er ist beschäftigt, man selbst will nicht aufdringlich sein. Nach kurzem Stegplausch trennen sich die Wege und am nächsten Morgen verlässt MARDIVINO den Hafen von ANHOLT mit unbekanntem Ziel.
Wie wahrscheinlich ist es wohl das man einen Menschen von einem anderen Kontinent nach fünf Jahren für wenige Minuten im Hafen von ANHOLT wieder trifft?
Kulinarisch stehen dieser Tage zunächst natürlich wieder die örtlichen Jomfruhummer auf dem Speiseplan. Für die ersten drei Tage wenigstens. Zweimal Frühstück, einmal zum Abendessen. Die Tiere und deren Zubereitung wurden bereits ausführlich in einem Beitrag von 2021 gewürdigt.
Erwähnenswert ist nun die Preisentwicklung: 2021 das Kilo zu 50 Kronen, jetzt, 2026 satte 70 Kronen. Wobei wichtig ist zu verstehen das das Bruttogewicht von einem Kilo mal gerade für zwei belegte Brötchen reicht. Na ja, zugegeben, üppig belegt.
Aber, wie andere zu sagen pflegen: Was soll?
Was soll man schon sagen wenn ein niederländisches HighTec Speedboat mit junger Familie an Bord von EBELTOFT nach ANHOLT (ca. 50 Seemeilen, weniger als 100 Kilometer) 400 Liter Diesel verbraucht und sich der Skipper lediglich darüber wundert, wieso der Diesel auf ANHOLT für günstige 2,03 € / Liter zu haben ist?
OK, schon klar. Der Seegang war für langsame Fahrt zu rau und die beiden kleinen Kinder an Bord sollten nicht leiden. Also Vollgas über die Wellen hinweg gleiten. Ist das wahrer Reichtum?
Na ja, im Besten Fall jugendlicher Wahnsinn eines warum auch immer vermögenden Menschen.
Peter.









