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T86, Helsingör

Nun wollen wir aber endlich mal wieder Strecke machen.

In drei Tagen soll es von ANHOLT nach HELSINGÖR nach RÖDVIG und schließlich nach HESNAES (hurra, hurra, hurra!) gehen.

Am Freitagmorgen, immerhin kein dreizehnter, ist der Skipper trotz der Ereignisses des Vorabends mit sich noch nicht wirklich im reinen. Aufbrechen oder nicht? Der Wind ist etwas herunter gekommen, so um und bei 22 Knoten, doch es heult immer noch abschreckend aus den Masten und draußen ist viel weißes Wasser zu sehen. Die Böen sind weiterhin sehr gemein, doch auf der Suche nach dem ewig positiven: Es ist trocken und soll es auch bleiben.

Im Museeumshafen von HELSINGÖR

So viel ist sicher: Wenn man nicht heute geht, dann kann man Segeln in den kommenden Tagen wohl wieder komplett vergessen. Samstag schon wieder Flaute, Sonntag vermutlich auch.

Und wie immer, wenn der Skipper wankt. Die Mannschaft stützt und strahlt extreme Zuversicht aus. Was wäre der Skipper wohl ohne diese seine Mannschaft? Vermutlich ein großes Nichts, ein großer Niemand.

Generalstabsmässig wird der Ableger geplant. Wir wollen das in Lee liegende Nachbarboot auf keinen Fall touchieren. Mit einer langen Luvleine sichern wir des STORMVOGELS Heck von der Pier damit wir den Bug näher an die unter Wasser liegende Mooringboje bekommen. Wie immer bei Starkwind richtig fest, um nicht zu sagen “ganz fest” gemacht: Bojenhaken mit Leine und zusätzlich eine Leine auf Slip. Bei dieser Konstruktion ist es allerdings schwierig, den Bojenhaken wieder heraus zu bekommen. So auch diesmal. Aber mit Maschine und der langen Luvleine kommen wir an die Mooringboje und den Haken schließlich frei. Es folgt das neu gelernte Wild-West-Mannöver á la ORION: Alle Leinen fliegend los und Vollgas!

Im Museeumshafen von HELSINGÖR

Klappt super.

Die ANHOLT Fähre ist gerade weg und im inneren Hafenbecken ist genug Platz für zwei Ehrenrunden, damit die Mannschaft Leinen und Fender weg stauen kann. Das Groß ist vorbereitet, um im Dritten Reff gesetzt zu werden. Doch wir haben beschlossen, es erst draußen in der kochenden See zu setzen, wo wir freien Seeraum haben. Das können wir.

Durch die heftige Grundsee der Hafeneinfahrt. Klappt besser als gedacht. Doch danach steigen ein paar Wellen an Deck ein. Das große Flach um ANHOLT lädt die kurzen Wellen natürlich geradezu dazu sein, sich zu brechen.

Wir setzten das Groß schnell im dritten Reff und dann die Fock.

Und weiter geht die gute Fahrt! (Running Gag auf dem Radiosender SWR3)

Es kachelt, der (!) Ostsee kocht und der Skipper ist vorsätzlich betäubt. Mit STUGERON, bereits seit zu Bett gehen am Vorabend. Zum Glück wirkt es. Sicher, wohl fühlt man sich bei dem Geschaukel und Gerappel nie, aber es ist erträglich.

Die X55 aus CHILE ist auch los. Anfangs länger unter Maschine, kommt sie nur unter Vorsegel gut an uns ran. Rennboot. Dann sind die Flachs passiert und es trennen sich unsere Kurse. Schnell sind wir alleine und wir bleiben alleine auf diesem windigen Meer, bis wir die dänische Küste erkennen. Dort sind nur ein paar Boote auf dem Wasser. Eigentlich kein Segelwetter.

Im Museeumshafen von HELSINGÖR

Wir laufen zwar in den Yachthafen von HELSOINGÖR ein, doch bereits im Vorhafen wird klar, das wir hier nix vernünftiges finden werden. Bei dem Wetter will niemand Nord. Also staut es sich hier wie immer. Aber wir haben ja im letzten Jahr den Museumshafen, gleich südlich der Burg, ausgekundschaftet. Da sollen eigentlich nur Boote größer 50 Fuß rein, 48 Fuß sind ja fast 50. Wir gehen im leeren Hafen längsseits an einen Schwimmponton und liegen wie in Abrahams Schoß.

Wirklich klasse.

Die Burg in nächster Nähe, das Museum, die alten Dampfer. Und, wie erhofft, erwünscht und auch ein wenig geplant: Sehr gute, längstjährige Freunde aus Bremen an Bord: Die beiden sind in der Nähe in einem Ferienhaus und wir haben die Route durch den Sund tatsächlich nur gewählt, damit wir wenigstens einen gemeinsamen Abend zusammen verbringen können.

Keine Ahnung, ob STUGERON zu den bewusstsein erweiternden Drogen gehört, in Verbindung mit allseits bekannten flüssigen Stoffen jedenfalls haut es auch einen großen Kerl glatt um. Der Skipper geht leider früher zu Bett, als die Gäste den STORMVOGEL verlassen.

Vermutlich unhöflich, aber unumgänglich.

Peter

T77-81, Vrangö

Da sind wir also nun wieder auf der kleinen, südlich von GÖTEBORG noch in den Schären gelegenen Insel VRANGÖ. Um von Tradition zu sprechen sind noch nicht genügend Segeljahre vergangen, hier Station zu machen ist für uns eher eine willkommene seemännische Konsequenz auf dem Weg nach Süden.

STORMVOGEL vor GÖTEBORG – endlich mal wieder unter Segeln

Und obwohl wir schon öfters hier waren, entdecken wir diesmal zwei neue wesentlichen Dinge auf der Insel:

1) Hafen für Gastlieger
Der Hafen ist viel größer als jemals gedacht! Wir kannten bisher nur die Pier mit den Heckleinen und dem Schwimmponton direkt an Steuerbord bei Einlaufen. Aber wenn man gerade aus durch fährt kommen im hinteren Hafenbereich an Steuerbord locker noch mal 20 oder 30 Liegeplätze mit Heckbojen. Beim Einlaufen vermutet man das nicht, denn man sieht an Backbord nur viele kleine Motorboote und denkt, da muss es wohl flach sein. Ein Hinweisschild oder ähnliches erkennen wir nicht. Tolle Wurst.

Im Hinterhof des Hafens von VRANGÖ

2) Wanderwege
Wir sind zwar oft zu Fuß über die kleine Insel gepilgert, aber die beiden sehr guten Wanderwege (einmal Nordhälfte, einmal Südhälfte) kannten wir tatsächlich noch nicht. Doch Segelfreund Michael F. aus HH auf A. kannte schon die Nordtour und nahm uns auf die wunderschöne Runde mit. Zünftiges kleines Frühstück mit vorher geschmierten Stullen und heißem Kaffee auf einem Schärenfelsen unterwegs. Die Tage darauf sind wir den Weg Morgens alleine gelaufen und hatten den Eindruck, das man die Strecke noch gut 10 mal laufen könnte, um wirklich alle Facetten zu erfassen. So abwechslungsreich, so viel zu sehen. So schön.

Quelle: Ortsschild in VRANGÖ mit den beiden Wanderwegen
Ausblick auf den Ort und den Hafen (ganz links)

Nun denn. Hängen wir also hier ab und warten auf Wetter für den anstehenden Südkurs. Es kachelt aus Südwest. Um und bei 30 Knoten. Theoretisch machbar, aber klarer Fall von Finger weg! Fast schon ein wenig beängstigend ist, das die Wettervorhersagen der unterschiedlichen Systeme (ECWMF, GFS) für nur zwei Tage im voraus zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Das ist ja immer ein Zeichen dafür, das keiner von beiden es so richtig weiß, was da kommen wird. Also immer schön abreisebereit bleiben und die Chance zum gut 50 Seemeilen Sprung nutzen, wenn sie denn kommt.

Heidelandschaft auf VRAGÖ

Auf VRANGÖ ist die Saison ganz offensichtlich auch schon vorbei. Am Sonntag Nachmittag verlassen die letzten Eingeborenen Segler die Insel und fahren nach Hause. Wohl in der Regel in den Großraum von GÖTEBORG, das geht gerade so bei diesem Schietwetter. Richtig kalt ist es zwar noch nicht, aber in den heftigen Regenschauern ist es schon sehr, sehr ungemütlich. Wie schön ist es da unter Deck im Deckshaus oder auch ganz unten im Keller des STORMVOGELS, dem fast nie genutzten Salon!

Jungfrauen-Hummer in Groß auf VRANGÖ

Ein paar neue Fressbuden haben auf der Pier von VRANGÖ aufgemacht. Da kann man jetzt auch Krabben kaufen. Die sehen aus wie die Jungfrau-Hummern aus ANHOLT, nur in viel größer. Bei denen kann man tatsächlich sogar etwas Krabbenfleisch aus den Scheren pulen. So groß wie die toten Tiere auch sind, so groß ist leider auch der Preis. Die Viecher sind so teuer, das wir uns den Spaß nur einmal erlauben. OK, gegenüber den kleineren Artgenossen aus ANHOLT sind sie veredelt: Bereits gekocht, in einen Sud aus Gewürzen und Salz eingelegt und in einem tollen Plastikeimer zum Mitnehmen. Wie immer: Verpackung ist alles. Jedenfalls für die, die sich blenden lassen (wollen). So richtet sich dieses Krabbenangebot wohl auch nicht an wissende Segler im Hafen, sondern eher an die vielen Tagestouristen, die mit der Personenfähre hier herüber kommen und was schönes zum Essen für zu Hause mitnehmen wollen.

ANICO vor GÖTEBORG

Wer nun denkt, wie langweilig können denn wohl vier Tage und Abende auf einer kleinen Insel am südlichen Ende der schwedischen Westschären sein (?), der liegt falsch! Tagsüber wandern, herumstrolchen, einkaufen und Wäsche waschen. Leben an Bord halt. Völlig normal und besser als sonst wo.
Abends, sehr zur Freude der STORMVOGEL Mannschaft, lauschen wir nach dem gemeinsamen Abendessen gespannt den Erzählungen von Michael. Zusammen mit seiner Frau hat er eine völlig andere Route für die Reise seines Lebens als die unsere gewählt: “Mal eben” Südamerika im Osten runter, Patagonien, Südamerika im Osten wieder rauf. Getroffen haben wir uns dann nach diesem sehr besonderen Reiseabschnitt erstmalig auf der kleinen Pazifikinsel NIUE. Long Ago And Far Away.

Sommerweide auf VRANGÖ

Bilder aus Patagonien hat er zufällig auf einer externen Festplatte auch dabei – was für ein Glück für uns! Mit den sehr authentisch wirkenden Fotos bekommen seine Erzählungen eine im Gedächtnis hängen bleibende Tiefe, die nicht nur zum Nachdenken anregt. Nur damit das klar ist: Wir haben Michael innig um seine Geschichten gebeten – und werden das wieder tun, wenn wir ihn wieder sehen 😉

Für Montag sind schwache nördliche Winde, um und bei 6 bis 8 Knoten angesagt. Damit sollte, könnte, müsste es mit dem Leichtwindsegel eventuell nach ANHOLT klappen?

Schauen wir mal.

Peter.

STORMVOGEL im Hafen von VRANGÖ

T56, weiter

Die Tage als Hotelschiff auf ANHOLT sind vorbei. Drei Tage nach Abreise der Gäste steht der Wind günstig für einen 60 Seemeilen Schlag nach FREDRIKSHAVN. Da wollen wir neue Besucher aufpicken – aber diesmal segelnde Besucher. Mal was neues, für uns jedenfalls.

Letzter Abend auf ANHOLT

Am Vorabend den Dampfer endlich mal wieder seeklar gemacht und in weiser Voraussicht die Leinen und Blöcke für unser Parasail der Marke Wingaker ausgebracht. Weil der Wind am frühen Nachmittag einschlafen soll, Frühstart um 0600.

Da ist es endlich mal wieder, das große blaue Monster

Raus aus dem Hafen, unter Maschine das große blaue Monstersegel gesetzt und erst 8 Stunden später kurz vor dem Anleger in FREDIRKSHAVN wieder geborgen. Die letzte Stunde war allerdings nicht von wenig, sondern von zu viel Wind geprägt und die Mannschaft hat mehr als einmal darum gebeten, das Segel zu bergen. Doch was soll ein Skipper machen, wenn das Boot ganz hervorragend mit 8 Knoten vor sich her läuft und der Hafen in der Nähe ist?

Eben, nur noch kurz weiter segeln,

Peter-

P.S.:
Von hier aus irgendwie, irgendwo nach Schweden in die Westschären. Und wenn es geht, nach Norden. Schauen wir mal, woher der Wind weht.

P.S.2:
Das blaue Monster fahren wir ja nicht sehr oft. Aber jedes mal denke ich darüber nach, das der STORMVOGEL eigentlich einen Gennakerbaum haben müsste, damit das Vorliek des Wingakers auch wirklich frei von allem (Bugkorb, Yankee) schwingen kann. Ach ja, diese möglichen Projekte…

Vorliek des Wingakers
Vorliek des Wingakers

Yachthafen Anholt

Der Yachthafen von ANHOLT liegt im gleichen Hafenbecken wie die Pier für die Berufsschiffahrt, bestehend aus Fähre, Fischern und Arbeitsschuten. Er ist nahezu perfekt gegen den Schwell des Kattegats durch einen großen Vorhafen und einem verschwenkten Fahrwasser abgesichert. Allerdings kann Starkwind oder Sturm aus NORD, WEST oder SÜD doch dafür sorgen, das man lieber ein paar Stunden an Land verbringt, denn der gesamte Hafen wurde zu Füßen des Nordbjergs ganz im Westen der Insel ins Meer hinein gebaut und ist entsprechend windanfällig.

Ordentlich Wind im Hafen von ANHOLT
Ordentlich Wind im Hafen von ANHOLT

Dadurch, das die Yachten und die Berufsschiffe sich das gleiche Hafenbecken teilen, gibt es zwei Uhrzeiten am Tag, an denen der durch Yachten verursachte Bootsverkehr unerwünscht ist. Nicht direkt verboten, sondern typisch dänisch ausdrücklich, per Aushang im Hafenhaus nachzulesen, unerwünscht. Immer dann, wenn die Fähre ANHOLT – GRENAA – ANHOLT an- oder ablegt, braucht sie die ganze freie Wasserfläche vor ihrer Pier für das Manöver. Morgens legt sie in ANHOLT pünktlich um 0800 ab und muss einmal drehen um dann durch das verschwenkte Fahrwasser die Hafenausfahrt zu erreichen. Am Nachmittag, irgendwann zwischen 1530 und 1600 kommt sie dann wieder und legt an ihrem Liegeplatz in ANHOLT ohne Wende an. Dadurch, das man aus allen Blickrichtungen, von See und im Hafen, erkennen kann, das die Fähre gerade einläuft, kann man sich gut frei halten und wenige Minuten warten.

Freifläche im Hafen von ANHOLT. Die in Husum gebaute Motoryacht SANSOUCI STAR für eine Nacht zu Besuch

Auf keinen Fall sollte man versuchen, kurz vor der Fähre einzulaufen, denn man wird nicht sofort einen Platz im Yachthafen finden und dann wird es schnell unnötig eng.
Die genauen Zeiten sind sehr gut auf der Internetseite der Fährgesellschaft nachzulesen. Samstags in der Hochsaison und Sonntags gibt es abweichende Zeiten.

Hafeneinfahrt, verschwenktes Fahrwasser, Freifläche und Fähre im Hafen von ANHOLT. Rechts hinter der Fähre die Notpier

Außerhalb der Hochsaison (Dänische Schulferien) könnte man den Eindruck bekommen, es gebe keinen Hafenmeister auf ANHOLT. Doch man kann versichert sein, es ist immer einer da und sieht nach dem Rechten. Bezahlt wird, wie in Dänemark üblich, bei einem eisernen Hafenmeister, dem bekannten BEAS Automaten im Hafenhaus.
Doch zur Hochsaison gibt es ein richtiges Hafenmeisterteam, das sich im gut motorisierten RIB um die einlaufenden Yachten kümmert. Also Liegeplatzzuweisung und sogar (auf Wunsch) Hilfe beim Festmachen an der Mooringboje.
Eigentlich ist es nicht notwendig, im voraus Kontakt mit dem Hafenmeister aufzunehmen. Ist bei Ankunft einer mit dem Schlauchboot auf dem Wasser, richtet man sich (selbstverständlich) nach seinen Anweisungen. Ist keiner da, kümmert man sich gefälligst selbst. Wie sonst auch immer. Will man dennoch auf Nummer Sicher gehen, kann man gerne anrufen. Alles was wichtig ist, auch die Kontaktdaten, ist auf der Internetseite der Hafens von ANHOLT nachzulesen.

Einlaufend an Steuerbord die Pier für größere Yachten. Gut zu erkennen die Mooringbojen

Hat man einlaufend das innere Hafenbecken erreicht, befindet sich die Pier der Berufsschifffahrt gleich an Backbord. Sehr viele Hinweisschilder weisen darauf hin, das man dort auf keinen Fall festmachen darf. In der hintersten Ecke, vor dem Kaufmannsladen SPAR KONGE erkennt man an der Pier eine gelb gestrichelte Markierung, dort befindet sich die ebenfalls frei zu haltende Tankstelle.

Ganz hinten die Tankstelle im Hafen von ANHOLT, links daneben die wirklich großen Yachten, dann die Fischer

Ganz an Steuerbord befindet sich eine hohe feste Pier, an der die größeren Yachten fest machen sollen. Die vielen Hinweisschilder weisen jeden Skipper auf eine Mindestbootsgröße von >= 13 bis 15 Meter hin. Wenn kleinere Boote hier fest machen, müssen sie die gleiche Hafengebühr wie die großen bezahlen. Außerhalb der Hochsaison kümmert sich aber nie jemand darum.

Hafenmeister im RIB im Hafen von ANHOLT

Aber in der Hochsaison hält der Hafenmeister aktiv die Liegeplätze für große Yachten frei. So passiert es regelmäßig, das kleine Boote erst mal fest machen und froh´ sind, einen Liegeplatz zu haben und dann kommt der Hafenmeister mit seinem RIB und schickt einen wieder weg.
An einigen der äußeren Plätze hängt ein “Reserviert” Schild.

Reserviert-Schilder abgehangen, 14-Meter Schild aufgehangen im Hafen von ANHOLT

Doch in Wirklichkeit gibt es keine Reservierung, sondern die Hafenmeister wollen damit nur erreichen, das wenigstens ein paar Plätze für große Boote frei bleiben. Sozusagen als zusätzliche Abschreckung. Ganz große Yachten von 20 oder mehr Metern machen sowieso auf Anordnung des Hafenmeisters in der Nähe der Tankstelle fest. Es gibt zwar einen Plan, eine neue Pier für wirklich große Yachten im Vorhafen zu errichten, doch ob & wann die kommt kann der Hafenmeister nicht sagen.

Doch keine Angst:
Der Hafenmeister schickt einen nicht einfach so weg, sondern bringt einen Falschlieger zu einem geeigneteren Liegeplatz an einem der drei Schwimmstege im zentralen Hafenbecken. Dort sind freie Plätze für Ankommer mitunter gar nicht so leicht zu entdecken. Aber wenn die anderen Boote ein wenig geschoben werden, passt schon noch ein weiteres dazwischen.
Ist kein Helfer auf dem Schwimmsteg, muss man sich auf einen kleinen Sprung vom Bug oder Heck einstellen, denn naturgemäß sind die Schwimmstege sehr flach. Wenn dann wirklich nichts mehr frei ist, wird in zweiter Reihe fest gemacht. Sieht wild aus und ist es wohl auch, man möchte so liegend sicher keinen Starkwind erleben.

Die Zeiten, in denen man per Heckanker in ANHOLT fest machte, sind lange vorbei. Nun gibt es fest verankerte Mooringbojen, die ca. 1 Meter aus dem Wasser ragen. An deren Kopf befindet sich ein Rundauge, in dem idealerweise ein solider Bojenhaken mit einer guten langen Festmacherleine daran eingeklinkt wird. Doch scheinbar nur etwa die Hälfte der Yachten führt diesen nützlichen Helfer mit sich. Alle anderen müssen mehr oder weniger mühsam eine Leine während des Anlegemanövers in das Auge einfädeln. Je nach Windstärke und Windrichtung kann das schon mal schwieriger werden. Ist die Leine dann auch noch zu kurz, misslingt der Anleger, weil das Boot die Pier nicht erreicht.

Es ist nicht so, das jedem Boot eine eigene Mooringboje “zusteht”. Oft muss eine Mooringboje zu zweit oder dritt geteilt werden. Daher ist mit größter Vorsicht in einer Boxengasse zu manövrieren: Häufig sind die Bojen, an denen Boote fest gemacht sind, unter Wasser und als Festmacherleinen werden der Länge wegen oft dünne, fast unsichtbare Schooten verwendet. Dadurch wirkt die Boxengasse viel breiter, als sie in Wirklichkeit ist. Diese Mooringbojen sind schwer zu erkennen und leicht zu überfahren. Also wie immer: So lange wie möglich immer hübsch in der gefühlten Mitte bleiben und dann zügig rechtwinklig in den Liegplatz eindrehen.

Große Motoryachten im Hafen von ANHOLT im Päckchen

Wird es wirklich eng im Yachthafen, wird angefangen am hintersten (innersten) kleinen Schwimmsteg Päckchen zu bauen. Dorthin werden Boote bis ungefähr 12 Meter gelotst, denn die Boxengasse ist wirklich sehr eng.
Liegt man dort ist es klug, sich direkt am nächsten Tag zu vorholen, wenn die ersten Boote wieder auslaufen und einen besseren Platz frei machen. Die großen Motoryachten liegen auch in dieser Ecke. Auch im Päckchen, wenn es sein muss.

Notpier im Aussenhafen von ANHOLT, einlaufend an Backbord – noch leer
Notpier im Aussenhafen von ANHOLT, einlaufend an Backbord – jetzt im 3er Päckchen

Einlaufend an Backbord gibt es im verschwenkten Fahrwasser eine hohe Holzpier an der man längsseits beidseitig fest machen kann. Völlig ab vom Schuss, aber immerhin Landzugang mit Strom und Wasser an der Pier. Bei viel Südwind sehr unruhig weil der Schwell dort ungehindert aufläuft. Also eher ein Notplatz für maximal vier Boote, wenn kein Päckchen gebildet wird. Direkt an der Backbord-Außenmole gibt es auch noch einen Liegeplatz für Großsegler und ähnliche schwer zu manövrierenden Fahrzeuge, ungeeignet für normale Yachten.
Im Vorhafen kann man außerhalb des Fahrwassers (einlaufend an Steuerbord) auf gut haltendem Sandgrund ankern. Platz für zwei, drei oder sogar vier Boote, wenn sich nicht gerade einer genau in die Mitte gelegt hat. Doch Obacht: Auch hier sind die Hafengebühren zu bezahlen.

Ankerlieger im Aussenhafen von ANHOLT

Im Prinzip kann man rund um die ganze Insel ankern, außer natürlich im großen Naturschutzgebiet im Osten beim Leuchtturm von ANHOLT. Sehr beliebt ist der Ankerplatz gleich neben dem Hafen vor dem Weststrand, aber natürlich nur, wenn es die Wind- und Schwellbedingungen erlauben. Denn eine geschützte Bucht oder auch nur Einbuchtung gibt in der ganzen Küstenlinie der Insel nicht. Vor Anker liegt man auf ANHOLT immer zur offenen See.

Einsamer Ankerlieger vor dem Weststrand in der Nähe des Hafens von ANHOLT

Interessant zu sehen ist, das die dänischen Boote eindeutig die Schwimmstege im inneren Hafenbecken bevorzugen. Da findet man kaum deutsche Boote. Die liegen lieber weiter außen. Könnte schlicht an lokalen Revierkenntnissen liegen, oder daran, das die Dänen gerne in der Nähe des öffentlichen Grillplatzes sind.

Grillplatz im Hafen von ANHOLT (Blick vom Hafenhaus)

Schwierig sind eigentlich nur Starkwindverhältnisse aus NORDWEST und SÜDOST. Dann macht man quer zur Windrichtung fest und wird entsprechend schnell vertrieben. Klappt es dann mit der Bojenleine auf Anhieb nicht, ist es keine Schande, mit einer Spring erst mal am Nachbarboot fest zu machen, die Stegleine zu klarieren und dann in Ruhe die Bojenleine klar zu bekommen. Wenn man Glück hat, ist gerade ein helfendes Dingi oder SUP Board in der Nähe. Wenn nicht und die Boje ist unter Wasser, muss wohl einer baden gehen.
Was gar nicht geht ist einen Festmacher ohne ausgebrachte Fender zu fahren. Passiert offenbar nur Charterbooten. Gerade wenn viel Seitenwind herrscht lässt sich ein Bootskontakt zu einem eng liegenden Nachbarboot nicht vermeiden. Ordentlich abgefendert für niemanden ein Problem.

Ist der Hafen leer und kein Nachbar da, kann man ja beliebig oft einen Anlauf nehmen um das Bojenmanöver erfolgreich hin zu bekommen. Allerdings machen viele Boote dann lieber längsseits fest. Vermutlich weil es einfacher erscheint. Allerdings ändert sich die Liegeplatzsituation täglich und so ist es im Juni passiert, das eine kleine Flotte von HALBERG RASSYs durch längsseits liegen alle Plätze für große Boote dicht gemacht hat.

Kleine HALBERG RASSY Flotte längsseits im Hafen von ANHOLT

Das ist für große Neuankommer doof, weil sie auf kleinen Plätzen die Bojenleine dann als Mittschiffsspring legen müssen und die Boje an der Bordwand haben. Kann man versuchen abzufendern, aber schön ist es nicht. In dieser Zeit war der Hafenmeister nahezu unsichtbar, dann hat er wohl doch mal was gesagt…

…und die Boote haben bei Windstille in aller Ruhe den vorgesehenen Liegeplatz eingenommen und gut ist.

Peter.

Zweite Reihe Festmacher im Hafen von ANHOLT
Zweite Reihe Festmacher im Hafen von ANHOLT
Zweite Reihe Festmacher im Hafen von ANHOLT
Nach außen (links) verlängerte Päckchen am Schwimmponton
Zu kleines Boot auf zu großem Platz mit zu kurzen Leinen
Mooringbojen unter Wasser im Hafen von ANHOLT
Hafenmeister weist Neuankommer im Hafen von ANHOLT ein
Leerer Hafen von ANHOLT
Radarturm über dem Hafen von ANHOLT

Tag 11,12,13: Lyö

Die zwölf Seemeilen von MOMMARK nach LYÖ reiten wir sozusagen auf einer Arschbacke ab. Gut zwei Stunden Reise. Halbwind. 2. Reff im Groß, um bösen Böen vorzubeugen.

Wir verlassen MOMMARK gegen 0900, viel zu früh. Denn wer will schon vor 1200 im nächsten Hafen einlaufen? Wie peinlich ist denn das? Doch es gibt wirklich nichts zu tun, es ist kalt und ungemütlich und dann kann man ja wohl auch mal los segeln und wenigstens den Anschein von Aktivität liefern?

Klare Ansage: Entdecke!

Auf LYÖ soll nun klappen, was zuvor in MARSTAL am Wetter gescheitert war. Treffen mit Segelfreunden der schnellen Sorte.

Doch während wir an diesem Freitag recht easy den Standort wechseln, haben unsere Freunde es deutlich schwieriger. Der Wind entspricht mal wieder nicht dem, was man im Vertrauen auf die Wetterexperten erwarten sollte. So erreichen die drei erst gegen 2300 LYÖ und wir nehmen sie im allerletzten Restlicht in Empfang. Kein Anlegerbier. Alle sind Müde. Hallo? 2300 Uhr?

Baum auf Lyö

Schon klasse, wenn es in dieser Jahreszeit in der Nacht nur so kurz dunkel ist. 2300 noch Restlicht, gegen 0330 geht es dann mit frischem Licht wieder von vorne los. Eigentlich die ideale Zeit für Übernachter. Doch Segler haben ja immer was, daher: Wenn es nur nicht so kalt wäre, wenn die Sonne fehlt…!

Statt praller Sonne startet der Samstag mit Seenebel der dickeren Art. Erst gegen Mittag hat der Wärmespender von oben den Spuk aufgelöst und dann haben wir tatsächlich mit einem Male Sommer. Sommer!

Hurra. Hurra. Hurra!

Fähre auf Lyö

Die Skipper schrauben ein wenig am anderen Boot, die Frauen vergnügen sich an Land und unvermittelt naht der Abend. Bei so einem fantastischem Wetter steht natürlich Grillen am Hafenhaus von LYÖ auf dem Programm. Ganz so, wie es die Eingeboren an solchen Tagen auch zu zelebrieren pflegen. Da können wir uns wie immer nur was abschauen. Und lernen. Lernen, wie gelassen man die Zeit genießen kann, die man an solch schönen Erdenflecken mit Freunden verbringen darf.

Mehr geht wirklich nicht.

Gemähte Wiese auf Lyö

Wir haben unseren Spaß. Die mitreisende sehr junge Dame im besonderen, als sie den übergewichtigen Skipper des STORMVOGEL mit verschiedenen Gräsern und Blumen in ein zartes, rankes, unschuldig drein schauendes Blumenkind verwandeln darf. Es existieren Fotos davon, doch die sind vertraulich. Schon beeindruckend, wie beschwingt einfach so was geht…

Boot auf Lyö, aber an falscher Stelle

Nun, wir sitzen da also so lachend, feixend und dreist in der prallen Abendsonne herum, kommt da eine junge Familie des Weges und unsere Segelfreunde raunen: “Das ist doch Deutschlands berühmtester aktiver Hochseeregattasegler! Wie toll, was macht der denn hier?” Persönlich kennen tun sie ihn auch nicht, doch haben sie seine letzte Regatta, die VENDEE GLOBE genauestens verfolgt. Auch und insbesondere die sehr junge Dame, die das frisch drappierte Blumenkind mal kurz beim Anblick des Prominenten Luft holen lässt. Sie hatte damals sogar das Lied “Flieg, Boris, Flieg” von Frank Schönfeldt während seines Zieleinlaufes in der Biskaya einstudiert. Der stolze Vater hielt diesen akustischen Leckerbissen in einem kleinen Handyvideo für die Familie fest. Nun drängt eben jene sehr junge Dame ihren Vater, mit ihr diesen berühmten jungen Mann auf LYÖ zu begrüßen. Nun, mit dieser kleinen Geschichte und dem Familienvideo sollte es kein Problem sein, einen bekannten Hochleistungssportler auch in seiner sehr privaten Zeit anzusprechen.

Hubschrauber über Mast vom Boot von berühmten Deutschen Hochsee-Regattasegler

Gesagt, getan. Sie bekommt sogar ein Promifoto mit ihm, Jungmädchenträume werden wahr!

Wie schön für alle. Wir albern und lachen weiter doch irgendwann wird es kalt, das Bier ist alle und alle schleichen glückselig zurück an Bord.

Der Wetterbericht für Sonntag verspricht keine einfache Rückreise der Freunde, der Seenebel ergibt sich der Sonne früher als Tags zuvor und schließlich bleiben wir alleine auf der Insel zurück und fangen an, die Lampen unter Deck zu demontieren um sie eine nach dem anderen hübsch säuberlich im Cockpit zu polieren.

Erscheint auf dem Nachbarboot, einer schnittig schicken Carbon-Rennziege aus Hamburg, eine junge Familie samt Hund zu Besuch. Da ist er also wieder, dieser berühmte Deutsche Segler. Bekanntlich ist es ja so, das Sportboote im Hafen eng, also wirklich sehr eng, beieinander liegen und man Mühe hat, nichts vom Nachbarboot mit zu bekommen. Versuchen wir dennoch, räumen aber schließlich auf und gehen auf eine kleine Fahrradtour über die Insel.

Boot auf Lyö, an richtiger Stelle

Große Änderung zu vergangenen Jahren: Nun gibt es unterwegs auch kaltes Bier in der LYÖ OASE, einem kleinen Cafe mit Galerie. Doch selbstverständlich wird wie traditionell schon üblich auch der einzige Kaufmann der Insel mit dem Kauf von ein paar Flaschen kaltem Bier bedacht.

Oder beschenken wir uns eher mal wieder selbst?

Peter.

P.S.:
Als die junge Dame bei Rückkehr in Hamburg von den Eltern gefragt wird, “was war denn das schönste am Wochenende?”, kam wie aus der Pistole geschossen: “Heidi und Peter” (…und dies weit vor Boris…;-)). So jedenfalls die Überlieferung der Eltern. Und sehr schmeichelhaft für uns alten Leute…

Hafeneinfahrt von Lyö

Tag 7, Mommark Triathlon

Das mit dem Treffen von Segelfreunden hat weder auf LYÖ noch in MARSTAL geklappt.

Absolut kein Wetter für berufstätige Segler.

Also vorholen wir uns am Montag erst mal zu anderen Freunden auf der Halbinsel ALS. Zielhafen MOMMARK, knapp 20 Seemeilen von MARSTAL. Mit den angesagten 20 Knoten Wind aus Süd-Ost sicher gut zu machen.
Da waren wir noch nie und die Hafenangaben über MOMMARK reichen von “geschlossen” über “versandete Ansteuerung” bis “gemütlicher Gasthafen”. Kann man sich wohl was aussuchen? Den Skipper stört die erwartete Welle bei Ankunft. Die steht natürlich voll auf den hoffentlich gebaggerten Einlaufkanal. Doch es herrscht ja nun wirklich kein Sturm, sondern “nur” 20 Knoten. Kann ja wohl nicht so schwer sein?

Kleiner Yachthafen in Momark mit Schwimmstegen

Ist es auch nicht.

Vier große Spierentonnen markieren den kurzen Kanal, zwei kleine Kanister unmittelbar vor den Molen geben letzte Gewissheit. Und schon ist die Welle auch weg. Einfach gegen den Wind längsseits an den Schwimmsteg, der Anleger verdient leider dennoch nur ein “ausreichend”, da wir irgendwie noch nicht ganz klar mit den Leinen waren und die Spring nur als großes Wuhling auf den Steg ging. Wie peinlich!

Ententeich, einen Tag später bei Westwind

Merke:
Skipper war zu schnell für die Mannschaft und die Mannschaft hätte auf die Idee kommen können, eine kürzere Leine als Spring zu nehmen. Kann und wird besser werden. Wie jedes Jahr. Zuversicht!

Kaum angekommen, geht es auch schon zu Fuß zu den Freunden. Bus war geplant, doch der fährt wegen Feiertag leider nicht, wie sich erst nach Studium der Haltestelleninformation herausstellt. 9 Kilometer auf der Straße. Wie anstrengend! Die am Morgen noch in MARSTAL besorgte Erdbeertorte wird ganz ordentlich durchgeschüttelt. Bei Kilometer 7 fragt sich der Skipper, was er hier eigentlich genau macht? Lieferdienst für dänische Erdbeertorten á la Delivery Hero? Ja klar, in jedem Fall Hero!

Mehr Hafen ist nicht. Das ist alles.

Entsprechend spät kommen wir an, freuen uns bekannte Gesichter zu sehen und hoffen auf geliehene Fahrräder für den Rückweg. Die bekommen wir auch, doch die beiden Teile sind wahre Höllenmaschinen. Sättel, die eher einer Sattelstange denn einem komfortablen Seniorensattel nahe kommen, eine Gangschaltung, die das Studium der Raketenwissenschaft voraussetzt und natürlich, kein Licht. Aber: Einem in der Fremde geliehen Drahtesel schaut man auch in Dänemark nicht ins Maul. Auch nicht auf den Sattel, die Gangschaltung oder dem Licht. Schon gar nicht, wenn die eigenen Füße nicht mehr tragen!

Und so schaffen wir im Grundsatz doch eher faulen Menschen es doch glatt, an einem Tag 20 Seemeilen zu segeln, 9 Kilometer zu Fuß zu gehen und noch mal 9 Kilometer mit dem Fahrrad zu fahren.

Hat der Skipper doch glatt irgendwie die Buchungsbestätigung für den OSTSEE Segeltörn 2021 nicht richtig gelesen?

Da stand doch nichts von Super-Aktiv-Urlaub?

Oder etwa doch?

Ach, im Kleingedruckten?

Nein.

Doch.

Uuurrrrrrrr!

Peter.

Ohne Worte

Tag 60-64, DAS ENDE

Das Problem mit Rückreisen ist ja immer, das man weiß, dass das Ende naht.

So auch dieses mal. Stramm nach Süden, wenn es das Wetter zulässt.

Der Schlag von Samsö nach Middelfahrt gelingt zwar bis zur Ansteuerung des Kleinen Belts unter Segeln, doch es ist nasskalt, trübe und trostlos.

Rückreisewetter.

Je näher wir dem Festland kommen, um so weniger wird der Wind. Welle ist schon lange keine mehr vorhanden. Dafür jede Menge Segelboote um uns herum und auch wieder Schiffsverkehr, der beachtet werden will.

Eigentlich wollen wir den alten Stadthafen von Middelfart ausprobieren, nach dem wir 2017 bereits länger in der Marina herum lungerten. Doch die kurze Inspektion ergibt: Ganz schön klein hier, jede Menge Holzkutter an denen geschraubt und gemalt wird und Abends wird es bestimmt rappel voll mit Charterbooten sein. Unser Bedarf ist gedeckt! Also einmal ganz rum um die Halbinsel und wieder in die Marina Middelfart, die so elendig weit ab vom Schuss liegt.

Alles so trostlos, wie wir es in Erinnerung haben. Kein guter Ort, um ein paar Tage auf besseren Wind zu warten, aber was soll das Jammern? Ein langer Spaziergang in die überraschend schöne und aktive Innenstadt von Middelfart, ein paar Einkäufe und natürlich ein paar Bootjobs.

Zwei Tage später, am Tag 63 geht es weiter nach Süden. Eigentlich haben wir gar keine Lust mehr auf Häfen und streben daher an, nach Lyö auf Anker zu gehen. Der Südwestwind ist Anfangs sehr gut segelbar, bis zu engen Passage von Bägö überhaupt keine Welle. Danach wird es erst mal unangenehm.

Logisch:
Wenn es tagelang ordentlich aus Süd weht, steht erst mal eine alte Wellte in den kleinen Belt. Aber der Stormvogel läuft und erst als wir kurz vor Lyö stehen und die Nordansteuerung nehmen wollen, wird es wirklich doof. Zum einen lässt der Wind nach und dreht weiter zu Ost, zum anderen ist die Welle mittlerweile völlig chaotisch und es setzt Nordstrom.

Mit anderen Worten: Es läuft gar nicht mehr.

Brüllaffe im Keller an, Vorsegel weg und die letzten paar Meilen bis zum Ankerplatz unter Diesel. Was solls?

Herrlich, diese Ruhe! Herrliche diese unkomplizierte Art des Übernachtens. Wenn der Ort stimmt. Wo könnte er mehr stimmen, als auf Lyö? Das sehen schätzungsweise 15 andere Boote an diesem Abend auch so. Kein Problem, die Bucht hat Platz für 100.

Mit der Erinnerung der doofen Welle vom Vortag und der Windvorhersage, die einen Mittags einschlafenden Wind prophezeit, entscheidet sich der Skipper am Folgetag, durch das Marstal Fahrwasser nach Süden zu gehen. Das eröffnet die Gelegenheit auf einen Abbruch in Marstal, verspricht ruhigeres Fahrwasser und ist nur knapp 8 Seemeilen länger.

Früh´ am Morgen geht es los, trüb, aber tolle leichte Ostbriese, die uns für zwei, drei Stunden gute Fahrt beschert. Die Mannschaft will lieber direkt nach Wendtorf durchfahren, jetzt tickt doch irgendwo die Uhr und die Luft ist raus. Einziges Gegenmittel wäre wohl ein echter Sommertag, doch der ist nicht in Sicht. Es ist gefühlt trübster Herbst.

So passieren wir ohne Halt unter Groß und Maschine Marstal, eine Reihe von Booten läuft gerade aus und verstreut sich auf alle möglichen Südkurse. Nur wenige nehmen Kurs auf die Kieler Förde. Wir versuchen erst gar nicht zu segeln. Der Wind steht jetzt auf Süd-Süd-West mit 8 Knoten. Klar, echte Segler würden jetzt aufwendig kreuzen und den Tag auf See genießen. Auch im Regen.
Doch wir fahren einen Holländer mit großen Dieseltanks und top-fitter Maschine. Also stellen wir den Brüllaffen erst ab, als wir bei nun völliger Windstille in Wendtorf fest machen.

Hier endet nach 64 guten Tagen unsere Ostseereise 2020.

Der Dampfer bleibt in der ewigen Baurunine der sogenannten “Marina Wendtorf” für zwei Wochen, dann bringen wir ihn in einer grandiosen Kanalfahrt in nur einem Tag bis nach Glückstadt. Grandios, weil wir bei beiden Schleusen keine Wartezeit hatten und die 12 Seemeilen auf der Elbe in knapp 1,5 Stunden bei auflaufend Wasser zurück legen konnten. Wir rechnen fest damit, das wir das Sperrwerk in Glückstadt noch passieren können. Doch bei Ankunft werden gerade die Tore geschlossen, gut 45 Minuten vor der offiziellen Zeit. Angeblich wegen aktuellem Wetter…oder war nicht Sonntag Abend?

Ende gut, alles gut.

War eine gute Zeit.

Viele alte Segelfreunde getroffen, kaum neue gemacht.

Viel Zeit zusammen verbracht und die Lust am Segeln nicht verloren.

Peter.

P.S. 1
Zitat von der Website www.marina-wendtorf.de:

“Die Marina Wendtorf ist seit 2015 ein moderner familienfreundlicher Hafen mit neuen, gut ausgerüsteten Echtholzstegen und einer neuen modernen Sanitärausstattung.”

Was für ein Schmarrn!

Der Hafen verkommt immer weiter, der Eigentümer und Betreiber Ship Shape Deutschland GmbH verschachert immer mehr Land an die Ferienhausbude Planethaus und bringt die Anlage um einen entscheidenden Vorteil: Das Parken von Autos direkt am Steg. Keine Ahnung, wie die sich das vorstellen, wenn da erst mal überall Ferienhäuser stehen. Und die Autos der Bewohner.

“neue, gut ausgerüstete Echtholzstege” – kein Kommentar.

“modernen Sanitärausstattung” – Klar, die von Amateuren selbst umgebauten Container auf dem schmuddeligen Industrieponton sind neuer als das mittlerweile abgerissene Sanitärgebäude. Abgerissen, weil man den Platz wohl auch verkauft hat.

Es ist noch nicht einmal problemlos möglich, seine Hafengebühren zu bezahlen. Die so genannten Hafenmeister sind kaum da, der Automat funktioniert nur manchmal. Und das ist wirklich bezeichnend. Denn es ist ein aus Dänemark und Schweden bekannter BEAS Automat, die wirklich überall tadellos funktionieren. Nur die Kiste in Wendtorf kann weder Karten noch Scheine. Da hilft auch das Schild nichts, das der Automat manchmal nicht funktioniere und man bitte warten möge, bis das Hafenbüro mal besetzt ist.


Wäre mal eine Geschichte für einen ambitionierten Lokaljournalisten: Was geht da eigentlich seit über 10 Jahren wirklich ab?

P.S.2
Die Charmeoffensive des Nord-Ostsee-Kanals (NOK) geht offenbar weit über die neuerdings kostenlose Benutzung hinaus. Wartete man “früher” gerne mal in Kiel 4 bis 6 Stunden auf eine Sportbootschleusung, geht es jetzt “sofort”: In Kiel wartet bereits ein Boot, als wir ankommen. Kaum sind wir zu zweit, wird die große Kammer aufgemacht und wir Zwerge verlieren uns in der riesigen Schleuesenkammer.
In Brunsbüttel sind wir gar alleine. Die Schleuse wartet sogar schon auf uns, Null Minuten Wartezeit.

Nicht, das wir das darüber beschweren würden.

Ostsee 2020

Bis zuletzt war unklar, ob wir den Sommer auf unserem Boot STORMVOGEL auf der Ostsee verbringen werden. Das Coronavirus machte jede Planung unmöglich. Für uns stand fest: Wenn wir nicht wenigstens nach Dänemark einreisen dürfen, dann lassen wir STORMVOGEL in der Halle und bringen ihn gar nicht erst zu Wasser.

Route Ostsee 2020 – darauf klicken um auf die interaktive Karte zu kommen

Doch Mitte Juni entspannte sich die Cornalage in Europa und Dänemark erlaubte zunächst die Einreise für Deutsche aus Schleswig-Holstein, später dann für alle Deutsche. Einen konkreten Törnplan hatten wir aufgrund der Dynamik der Pandemie nicht erstellt, standen aber in regelmäßigen Kontakt zu Segelfreunden aus Deutschland und Norwegen. Der grobe Plan war, uns irgendwo in der westlichen Ostsee, Kattegatt oder Skagerak mit den Booten zu treffen.

Stormvogel vor Anker auf Lyö (Dänemark)

Immer wenn wir vom Haus auf das Boot ziehen dauert es ein paar Tage, bis wir uns an Bord eingelebt haben. Das hängt wohl auch mit der Verwandlung von “wir” zu “Skipper” und Mannschaft” zusammen. Nicht zu erwähnen sind, wie in jedem Jahr, die ersten Hafen- und Schleusenmanöver zu Beginn der Segelsaison. Aber nach ein paar Tagen läuft es wie am Schnürchen und wir leben auf dem Wasser.

Im Nachhinein betrachtet lässt sich unsere gut zweimonatige Sommereise in fünf Reiseabschnitte unterteilen. In dieser Zeit hat der Skipper einen Reiseblog geführt und tägliche Eindrücke, Erlebnisse und Reisefotos darin festgehalten. Durch Klicken auf die jeweiligen Links (grüne Schrift) kommt man ganz einfach zum jeweiligen Beitrag mit Fotos.

Nach der Passage des Nord-Ostsee-Kanals trieben wir uns in den ersten beiden Wochen in der Dänischen Südsee herum: Einleben an Bord im Hafen von Marstal, Segelfreunde vor Anker auf Lyö (Lyø) treffen, eine Kühlschrankreparatur in Sonderburg (Sønderborg) und unerwartet tolle Livemusik ganz im Norden vor Langeland, in Lohals.

Rödvig / Stevens (Dänemark)

Danach wollten wir uns mit Enkeln, Neffen und einem Bruder auf Rügen treffen. Also auf nach Stralsund in zwei Etappen! Zunächst durch das wunderbare Smaland Fahrwasser im rauhen Wind (Smålandsfarvandet) nach Osten, durch den Grönsund (Grønsund) in Windstille nach Süden und endlich mal wieder im Besten Hafen der westlichen Ostsee übernachtet: Haesnes (Hesnæs). Leider im Regen, leider nur für eine Nacht. Der Wind steht gut. Daher am nächsten Tag direkt weiter in den Stadthafen von Stralsund. Zeitweise haben wir dort acht Gäste an Bord. Unter Deck, es regnet! Doch im Prinzip haben wir Glück mit dem Wetter und verbringen eine gute Zeit auf dem Greifswalder Bodden und den Häfen von Hiddensee und Ralswiek.

Hiddensee / Hafen Langer Ort (Vitte)

Mit Blick auf den Kalender wird klar, das wir uns mal langsam nach Norden aufmachen müssten, wollen wir noch tatsächlich unsere Segelfreunde aus Norwegen irgendwo treffen. Die Route führt uns in einem wunderbaren Übernachter über Rödvig (Rødvig) in den Öresund (Øresund) und zunächst nach Helsingör (Helsingør). Dort bleiben wir ein paar Tage: Die Suche nach einem kleinem Leck kostet uns einen ganzen langen Tag, das unpassende Wetter für den nächsten Schlag nach Anholt trägt auch nicht zu einer schnellen Weiterreise bei. Das ist aber alles weiter nicht schlimm, denn so erkunden wir in aller Ruhe die Stadt und lassen uns es gut gehen.

Nach vier Tagen geht es endlich weiter nach Anholt. Kaum sind wir dort fest kommt eine große Halberg Rassy aus Norwegen und führt das ganz große Hafenkino auf. Unsere Segelfreunde aus Norwegen sind es zum Glück nicht, die liegen derweil auf der Lauer am südlichen Ausgang des Oslofjords und warten auf ein Wetterfenster für den Schlag nach Süden. Das wird aber erst mal nichts, denn es herrschen nur für uns günstige südwestliche Winde, die uns perfekt nach Laesö (Læsø) wehen. Dort bleiben wir eine ganze Weile, oder besser der Skipper bleibt dort lange. Denn seine Mannschaft hat sich schon seit Monaten für einen Familientermin in Berlin verabredet. Selbst an Bord des STORMVOGELS unter dem Kommando seines selbstsüchtigen Skippers kann und darf seine Mannschaft ihre eigenen Prioritäten setzten. Unglaublich, aber wahr.

Strand auf Anholt

Mittlerweile sind die Freunde in Skagen eingetroffen, wir liegen 30 Seemeilen weiter südlich auf Laesö. Wie erwartet, wie erhofft kommt die Mannschaft planmäßig zurück und bringt sogar noch einen Sohn als Gast für die kommenden zwei Wochen mit. So verlassen wir tags darauf Laesö und gehen auch nach Skagen. Da waren wir noch nie. Endlich mal wieder Neuland, auch wenn sich die kleine Stadt so ganz anders als die ländliche Idylle von Laesö (Læsø) anfühlt. Man könnte auch sagen, dieser riesige Fischereihafen ist aufregend anders und das lag sicher nicht nur an der großen Aquavitverkostung in Skagen!

Stormvogel im Fischereihafen von Skagen (Dänemark)

Die Coronasituation ändert sich täglich und die Norweger befürchten, nach Rückkehr aus Dänemark in Quarantäne zu müssen. So trennen wir uns nach drei Tagen wieder. Die einen gehen zurück in den Oslofjord, wir andere in die Schären der Westküste von Schweden, nördlich von Marstrand. Unsere Freunde kennen das Revier recht gut und haben uns ein paar gute Ankerplätze in die Seekarte gesetzt. Die ersten beiden Tage vertrödeln wir vor Anker auf Danholmen. Mit dem Bade im Meere will es aber zunächst nicht richtig klappen. Ausnahmsweise liegt es nicht an den Temperaturen, sondern an den vielen roten Feuerquallen im Wasser. Im folgenden Bienenstock von Gullholmen geben wir uns nur eine Nacht – viel zu viel Menschen auf Booten in Partylaune. Doch die sehr eng mit süßen kleinen Häuschen bebaute Insel war die Nacht auf jeden Fall wert. In Fiskebäckskil treffen wir deutsche Segelfreunde, die wir erstmals vor vielen Jahren im Pazifik, auf Niue kennen gelernt haben. Zusammen verziehen wir auf Anker vor der Insel Lyr und verbringen dort zwei perfekte Sommertage. Inklusive Baden, Campfire und BBQ am Strand. Die Tage waren ein echtes Highlight der Reise.

Lagerfeuer vor Lyr (Schweden)

So langsam wird es Zeit an die Rückreise zu denken. Mitte September hat die Mannschaft einen weiteren wichtigen Termin und wir wollen dann zu Hause sein. Dem Gast sind die Tage mit den Eltern genug und er mustert via Fähren und Bus bereits in Marstrand ab. Wieder alleine machen wir uns also auf den Rückweg und verbringen eine letzte Nacht in Schweden vor Anker auf Vrängö (Vrångö). Tags darauf direkt nach Anholt, unter Maschine. Große Flaute für die kommenden Tage im Norden, südlich von Anholt guter Segelwind für den weiteren Südkurs. Nur eine Nacht in Anholt, aber diesmal mit Sundowner in der Orakelbar.

Abendstimmung auf Samsö

Wetter und Mannschaften anderer Boote machen uns auf Samsö (Samsø) ein wenig zu schaffen. Aber auch die Digitalisierung von Yachthäfen steigert die schlechte Laune des Skippers. Doch im Grunde liegt die schlechte Laune nur an der Rückreise. Rückreisen sind immer doof und der Skipper möchte das Ende dieser schönen Reise eigentlich immer weiter heraus zögern. Doch Middelfart und erneut Lyö (Lyø) bringen uns unweigerlich näher nach Hause. Nach 65 Tagen an Bord machen wir in Wendtorf fest. Zum Glück bei schlechtem Wetter!

Das war er also. Unser Sommertörn 2020 auf der Ostsee.

Stillstand ist der Tot.

Runter vom Sofa, raus in die Welt.

Peter.

P.S: Etwas Statistik

Anhand des wie immer geführten Logbuchs ergibt der Übertrag in EXCEL (12/10/2020) folgende Kennzahlen:

  • 987 Seemeilen
  • 65 Reisetage
  • 35 Segeltage
  • 30 Hafentage
  • 10 Ankertage
  • 1 Übernachter
  • 70 Motorstunden

Wenn wir die Rückreise von Wendtorf nach Glückstadt mit einbziehen, kommen wir auf gut 1.000 Seemeilen – fühlte sich nicht so an!

Tag 57-59, Samsö

Gut 60 Seemeilen nach Südwest, nach Samsö.

Früher Vogel fängt den Wurm, früher Segler fängt den Wind.

Unter Vollzeug über die Untiefen, am Windpark von Grena vorbei, doch Geschwindigkeit schreibt man anders. Wer 60 Seemeilen abspulen will, muss Geschwindigkeit machen. Erst Recht, wenn die Wettervorhersage für den späteren Nachmittag von einem Flautenloch um Samsö spricht.

Also beschäftigt sich der Skipper mehr als üblich mit dem Segeltrim und leichten Kursänderungen bis er irgendwann zufrieden ist. Die Mannschaft macht derweil Frühstück und als auch das erledigt ist, widmen wir uns unserer neuesten Beschäftigung auf See:

PODCAST hören!

Ganz was modernes. Man nehme:

1) Ein Mobiltelefon
2) Einen Bluetooth Lautsprecher mit dickem Akku
3) Die App “ARD Audiothek
4) Eine Internetverbindung (an Land, im Hafen)
5) Man lade **VOR** Auslaufen ein paar, oder ein paar mehr Podcasts herunter. Als da wären: ARD Radiotatort, Fernseh-Krimis, Fernseh-Talkshows oder, absoluter Favorit in diesen Tagen: “Wischmeyers Stundenhotel” (mehr dazu gleich…)

Und wenn dann die Zeit ist, schmeißt man das Teil an und lauscht, geht Ausguck und trimmt mal nach, wenn einem danach ist.

Wischmeyers Stundenhotel wird vom Radiosender Bremen 2 produziert. Gehobener Nonsens mit manchmal denkwürdigen Gedanken, vorgetragen von Tina Voß und Dietmar Wischmeyer. Letzteren kennt man aus der heute-show, schließlich ist er der Kumpel von Oliver Welke aus den längst vergangenen Tagen des legendären ffn Frühstyxradios Ende des letzten Jahrtausends.

Nun, jeden Monat eine Folge, eine gute Stunde lang. Wenn man den Podcast für sich neu entdeckt, hat man gut zu tun, sich alle Folgen anzuhören.

Wir nähern uns Samsö, der Wind frischt auf und wir rasen geradezu auf das enge Fahrwasser der Nordansteuerung von Samsö zu. Der Gedanke ans Reffen kommt auf, aber es läuft doch gerade so gut! Von wegen Flautenloch! Kommt wohl erst später am Tag?

Und dann wird es wirklich spuuky:

Erst, unmittelbar vor der Enge von Vejrö und Nordby ist der Wind innerhalb von jetzt auf gleich vollkommen weg. Einfach weg. Unheimlich! Eben noch über 7 Knoten Fahrt, jetzt flattern die Segel.

Das ist aber nicht nur unheimlich, sondern auch doof. Schließlich müssen wir hier recht genau auf Kurs bleiben. Also kurzer Streßeinsatz: Maschine an, Vorsegel weg, Groß fest setzten und mal weiter auf der Kurslinie tuckern. Vielleicht kommt der Wind ja gleich wieder? Tür auf und Tür zu?

Nun, er kommt nicht wieder, doch mit einem mal machen wir “boiling water”, kochendes Wasser, voraus aus. Untrügliches Zeichen von massiver Strömung. Die Meerenge ist hier keine Seemeile lang, doch irgendwie will das Wasser nach Norden, wir nach Süden und selbst mit erhöhter Drehzahl kommen wir zunächst nicht über 4 Knoten, noch mehr Drehzahl bringt dann die 5 vor dem Komma. Mehr wollen wir in dieser Situation nicht.

Und dann, fast unmerklich, ist die Strömung weg, spiegelglatte See und, natürlich, immer noch kein Wind. Da ist es also wirklich, das angesagte Flautenloch von Samsö! Auch egal, in gut 4 Seemeilen liegt der Hafen von Ballen. Also packen wir schon mal in Ruhe das Groß weg, bringen Fender und Festmacherleinen aus und haben beim Einlaufen in den Hafen auch keine Lust mehr. 60 Seemeilen sind halt 60 Seemeilen.

Um die Uhrzeit ist der Hafen natürlich voll, der Skipper entschiedet sich für eine einsame Mooringboje und geht wieder mit dem Heck an die Pier. Komisch. Wieso liegt hier keiner? Die vielen Längsseitslieger  in Ballen haben längst Päckchen gebildet und hier sind noch vier, fünf gute Plätze frei. Natürlich klappt das Manöver bei der Windstille auf Anhieb. Kaum sind wir fest, entdeckt der Skipper in der Holzpier eine eingelassene LED-Tafel. Die leuchtet Rot. Also im Schatten des Stormvogels leuchtet sie rot. Die Sonne steht tief im Westen und die LED´s sind natürlich völlig machtlos gegen die Sonnenstrahlen, die bei Auftreffen auf die LED´s trotz schlapper 150 Millionen zurückgelegter Kilometer einfach heller sind. 

Nun, üblicherweise ist die Farbe Rot auf einem Liegeplatz keine gute Farbe. Keine oder Grün wäre besser. Aber Rot? Das erklärt erst mal, wieso hier keiner liegt. Ob der erhöhten Pier klettert der Skipper wie ein Bergsteiger an Land und will den Hafenmeister suchen. Doch weit muss er nicht pilgern, denn er fragt den Skipper eines längsseits liegenden Motorbootes und der hat die Telefonnummer des Hafenmeisters.

Der Anruf ergibt, das wir das, wo wir jetzt liegen, nicht liegen sollten. Denn das sind Plätze, die man über das Internet im voraus buchen kann. Die ultimative digitalisierung des Yachthafens!

Mit anderen Worten: In Ballen auf Samsö kann man jetzt für seinen Dampfer vorab virtuell ein Handtuch auslegen lassen.

Wir sollen beim Boot warten, er kommt gleich mal vorbei…tut er auch tatsächlich und meint, wir können bleiben. Doch wenn jemand in der Nacht den Platz buche, müssen wir da Morgen weg.

In Ermangelung von Wind wissen wir, das wir am Folgetag nicht weiter gehen werden und so beschließt, viel später am Abend, nach dem obligatorischen Bade im Meere, nach Einkaufen, Duschen und Abendessen, der Skipper sich dieses famose Liegeplatz-Buchungssystem mal genauer anzusehen.

In der Zwischenzeit liegt im übrigen eine Rennziege aus Hetlingen direkt neben uns und daneben ein prominenter Großdampfer aus Bremen. Alle auf Rot.

Das Liegeplatz-Buchungssystem ist ein einziges IT Desaster! Wer auch immer dafür verantwortlich zeichnet, wer auch immer seine Finger (Hirn war wohl nicht dabei) bei der Entwicklung beteiligte, wer auch nur in der Nähe bei der Entstehung dieser “Lösung” war, dem gehört die Tastatur für immer weg genommen!

Geht schon los mit dem famosen Namen:

www.cpay.dk

CPAY – C hört sich in Englisch wohl so ähnlich an wie Sea, Seapay, ach wie toll.

Nun gut. Das ist noch Geschmackssache.

Ein paar dänische Häfen machen da mit. So auch Ballen. Man bucht darüber nicht einen speziellen Platz, sondern nur “einen Platz”. Dafür werden im Hafen einfach mal 10 Plätze blockiert, also elektrisch auf Rot gesetzt und wenn dann einer bucht, wird über die immer noch rote LED Tafel der Bootsname eingeblendet. Wenn man also ankommt, muss man erst mal suchen fahren, und wenn die Sonne tief steht, auch für Schatten vor der Tafel sorgen. Und wenn keiner gebucht hat, bleiben die Plätze eben auf rot. Und leer.

Der Buchungsprozess ist, na ja, OK. Doch im Laufe der einzelnen Schritte bekommt man 4 (VIER!) Codes, die alle wichtig seien. Ein PIN Code, einen Zugangscode für die Dusche, eine Kunden und eine Rechnungsnummer. Per Kreditkarte zu bezahlen.

Und nun kommt die nächste Hürde bei der Verknüpfung der virtuellen mit der realen Welt: Irgendwie muss ja nun an den Dampfer ein Aufkleber als Bestätigung dafür, das bezahlt wurde. Sonst weckt einen womöglich noch der Hafenmeister, denn der ist noch analog und weiß bei seiner Stegkontrolle leider nicht, wer online gebucht und bezahlt hat. Also **GENAU** nach Anweisung den PIN am Hafenautomaten eingegeben, doch die doofe Blechkiste meint, sie kenne die Nummer nicht. Tagsüber ist kein Hafenmeister zu sehen. Irgendwann probiert der Skipper einfach alle Nummern durch und siehe da, nicht der verlangte PIN Code ist der, der zum ersehnten Aufkleber führt, sondern die Ziffernfolge, die für die Dusche zuständig ist. OK, da hat der, der die Anleitung geschrieben hat, wohl gepennt und den Prozess nicht wirklich durchprobiert. Klassiker.

Jetzt müsste ich noch schreiben, wie man Strom über dieses System bucht. Denn die Steckdosen sind individualisiert und ebenfalls online zu buchen. Oder am Hafenautomaten. Aber nur da (am Hafenautomaten) kann man die Steckdose einigermaßen vernünftig auswählen…wenn man sich vorher gemerkt hat, welche frei ist.

Was für ein Scheiß!

Wenn man so eingestimmt nach einem langen Seetag sich zur Ruhe begibt, kann der nächste Morgen ja auch nicht besser werden.

Der Morgen beginnt um 06.00 Uhr. Mit einem unglaublichen Getöse und mit noch viel mehr laut ausgesprochenen, ganz offenkundig überflüssigen Sätzen eines mitteilungsbedürftigen Skippers einer Rennziege aus Hetlingen. Die legt im Morgengrauen neben uns ab. Klar, wenn so eine tolle Regattamannschaft bei Windstille am frühen Morgen ablegt, müssen alle Besatzungen der umliegenden Boote auch wach werden, um Respekt zu zollen. Schon klar. Was für ein Selbstbewusstsein. Was für eine Überheblichkeit. Was für ein unsympathisches auftreten!

Schade nur, das der Regen erst eine Stunde später einsetzt.

Aber wenn man denkt, jetzt sind sie weg, dann liegt man falsch. Denn an “unserer” Mooringboje war nicht nur die Rennziege aus Hetlingen fest, sondern auch noch der prominente 18 Meter Dampfer aus Bremen. Auch nur so eine verkappte Kojencharterkiste mit Gastskipper. Der hat sich gleich an zwei Mooringbojen fest gemacht und mit seinen Vorleinen die anderen Boote quasi gefesselt. Wenn man raus will, muss man erst mal die Leine des Bremer Dampfers weg nehmen…und wieder an die Boje bekommen.

OK, ich gebe zu, dieser Krampf mit insbesondere deutschen “Großyachtseglern” geht mir vielleicht mehr als nötig auf den Keks. Doch wie um das ganze noch zu toppen, feiern in der nächsten Nacht drei tolle dänische Kerle eine riesige lautstarke Orgie auf “ihrer” 54er HANSE. Mit völlig überdrehten Inseldamen, die sie offenbar irgendwo aufgerissen haben. Gegen drei Uhr siegt endlich (!) der Alkohol und Stille macht sich breit.

Um 6:00 Uhr legen wir in aller Ruhe ab.

Peter.

P.S.: Das Problem mit einem 48 Fuß Eignerdampfer in der Südwestlichen Ostsee ist doch, das man alleine ist. Boote in ähnlicher Größe sind zu 90% Charterdampfer mit (vielleicht) einem wissenden Skipper und einer Reihe von Landratten. Und die wollen in der einen Woche, die sie sich den Dampfer leisten können, maximalen “Spaß”. Kann man nachvollziehen, muss man aber wohl nicht gut finden.
Mit einem kleineren Boot läge man wohl eher da, wo gleichgesinnte sind.

P.S.2: Mehr Bilder gibt es tatsächlich nicht. Wir haben zwar am freien Tag eine Fahrradtour gemacht, doch die fand während einem ausgeprägten Landregen statt und der Skipper fand kein lohnenswertes Motiv. Die Mannschaft hingegen fand einen Laden auf dem Lande (…nachdem der Skipper mühevoll den Ort gefunden hat. Ohne Plotter!) mit wunderschönen Anziehsachen. Sagte die Mannschaft und ruinierte die nicht vorhandene Bordkasse.

P.S.3: Und vor lauter Mecker fast das wirklich schöne vergessen: An beiden Abenden, in der Abendsonne, tummeln sich 5, 10, 15 jugendliche am Hafen und springen voller Herzenslust ins Hafenbecken. In der Gruppe auf Kommando, einzeln mit Salto und so lange des der Hafenmeister nicht mit bekommt, auch von wackelig aufgetürmten Sitzbänken. Arschbombe bevorzugt. Begeistert schauen wir den jungen Menschen zu, Lebensfreude pur. Erst beim zweiten Hinsehen fällt ein lachendes Mädchen in Burkini auf das genau wie alle anderen lacht, johlt und springt. Und als ihr Bruder Abdul uns kurz auf deutsch anspricht nur um direkt neben uns vom Festmachpoller sich wieder ins Hafenbecken zu stürzen, wird uns mal wieder klar, wie einfach die Welt sein könnte. Und wie einfach sie hier & jetzt gerade ist. Jedenfalls für diese Horde jungendlicher Wasserspringer! Und uns Zuschauer.



Tag 54 bis 56: Drei auf einen Streich

Die drei sind Marstrand, Vrängö und Anholt, letzteres sicher ein kleiner Frevel.

Doch der Reihe nach:

Der Gast steigt planmäßig in Marstrand aus und wird mit dem Bus nach Göteborg, mit der Fähre nach Kiel und mit der Bahn nach Elmshorn reisen. Der Mannschaft ist der Trennungsschmerz anzumerken und auch der Skipper sorgt sich ein wenig, ob der Gast denn wirklich diese komplizierte Reiseroute meistern wird. Doch, wie immer, hilft Rationalität: Der Gast ist nicht nur einfach Kind. Wird er ja auch ewig bleiben. Nein, er ist mittlerweile selbst ein erfahrener Reisender, der hat schon ganz andere Wege in der Welt zurück gelegt.

Abschied, ein wenig Wehmut, doch wir werden uns ja schon bald wieder sehen.

Es ist bereits Nachsaison in Marstrand, doch der Liegeplatz ist super-teuer im Vergleich zu einem Ankerplatz. (Toller Vergleich, oder?) Der Unterschied liegt jedoch nicht nur einfach im Preis. Die Nutzung der Waschmaschinen im Hafenhaus ist mittlerweile im Liegegeld enthalten und so waschen wir tapfer 4 (in Worten VIER) Ladungen und trocknen sie auch gleich. Schon erscheint einem das Liegegeld sehr angemessen, geradezu attraktiv! Doch wir würden nicht soweit gehen, das man nach Marstrand gehen sollte, um seine Wäsche zu waschen.

Eine kurze Abkühlung an der nahe gelegenen Badestelle, eine leckere Pizza am Hafen in neuer alter Zweisamkeit und die Entscheidung, am kommenden Tag nach Vrängö, südlich von Göteborg zu gehen.

Einmal mehr vollständig unter Maschine.

Auf dem Weg dorthin scouten wir zwar noch die eine oder andere alternative Ankerbucht, doch an einem Sommerwochenende in der Nähe von Göteborg braucht man wohl nicht ernsthaft nach Ruhe und Abgeschiedenheit zu suchen. Jeder Schwede hat mindestens ein Boot. Und wenn die Sonne scheint, ist er damit unterwegs. Logisch.

Eigentlich wollen wir in den netten kleinen Hafen von Vrängö, doch gleich gegenüber der Hafeneinfahrt liegen ein paar Boote bei nahezu völlig glattem Wasser auf Anker. Ein Blick in die Seekarte verrät, das man hier ganz gut aufpassen muss: Ein Felsen mit 1 Meter Wasser darüber, ein anderer mit 1,5 Meter. Gut, das sich Felsen in der Regel nicht bewegen und man diese Untiefen mit langsamer Fahrt und Sicherheitsabstand gut umschiffen kann.

Wir ankern etwas zu nah an einem Tagesausflügler auf 6 Meter Wasser (57° 34,8’N 11° 45,4’E) vor den unbewohnten Felseninseln Lockholmen, Mavholmen und Mavholmeskar. Der Tagesausflüger geht am späten Nachmittag Anker auf und so liegen wir ohne eigenes Zutun perfekt.

Keine Quallen in Sicht und der Skipper stürzt sich erst mal tapfer in die Fluten.

Benötigt er doch ein wenig Abkühlung, denn er muss sich endlich mal entscheiden:
Wir wollen stramm nach Süden. Aber hier oben im Kattegatt ist auf Tage hinaus kein Segelwind angesagt. Einfach gar kein Wind. Erst südlich von Anholt wird es wieder wehen. Nun könnte man Stur hier liegen bleiben und warten…oder unter Maschine die 55 Seemeilen nach Anholt abspulen und direkt am folgenden Tag unter Segeln gut nach Samsö kommen.

Keine leichte Kiste. Selbst wenn man die naheliegenden Termine mit einem kurzen Landabstecher per Mietwagen erledigen könnte, Mitte September wäre unsere Segelsaion sowieso vorbei, da die Mannschaft zur Reparatur muss und zwei, drei Wochen ausfällt.

Außer in den Schären sind wir in dieser Saison nicht besonders viel motort und so entscheidet sich der Skipper am späteren Abend für die klassische Form des Niederländischen Segelns: Motorsegeln.

Die Mannschaft ist´s zufrieden. Hauptsache Süd!

Sehr früh los, gegen 6:00 Uhr. Herrlich. Diese Stille! Einmalige Stimmung am frühen Morgen, nur der Wind fehlt. Die letzten Felsen an der schwedischen Südwestküste, dann bis zum Horizont nur noch Wasser. Jede Menge blaues Wasser. Auch mal wieder gut zu sehen.

Wir setzten und trimmen das Groß und machen später dadurch gut 0,5 bis 1,0 Knoten mehr Fahrt. Durch den seit Tagen fehlenden Wind gibt es auch absolut keine Welle. Wie ungewöhnlich auf dem offenen Meer. Die Schifffahrtswege passieren wir ohne Ausweichmanöver.

Irgendwann am Nachmittag kommen wir auf Anholt an. Das Wochenende ist vorbei, die dänischen Ferien auch. Ergebnis: Der Hafen ist nur zu einem drittel belegt und fest in deutscher Hand. Schnell den Dampfer aufgeklart, noch ein paar Sachen einkaufen (…der Laden am Hafen ist noch geöffnet!) und dann geschwind an den einmaligen Strand in das einmalige Wasser! Wenigstens für eine Stunde oder so. Mitnehmen, was geht.

Die Mannschaft bleibt unternehmungslustig und wir pilgern später zum Sundowner in die Orakel Bar am Hafen. Noch einen Sonnenuntergang ansehen. Hatten ja in diesem Jahr erst 1.000 oder so. Der Skipper, experimentierfreudig wie er nun mal ist, möchte standesgemäß einen roten Cocktail im tiefroten Abendrot genießen und beauftragt die Mannschaft, eine Bloody Mary am Tresen zu beschaffen.

Ein Fehler, wie sich kurze Zeit später heraus stellt.

Denn offenbar hat die Mannschaft den Barmixer bestochen und ihn dazu veranlasst, beim Mixen auf jeglichen Wodka zu verzichten und so sitzt der Skipper leicht betrübt im Abendrot mit seinem vereisten Tomatensaft, während die Mannschaft frohlockend an ihrem leckeren kalten Bier nippt.

Es gibt halt wirklich nichts ehrlicheres als ein einfaches, kaltes, frisch gezapftes Bier.

Peter.