Tag 1-3, PILL, ANCONA und ADRIA

Der Lärm ist ohrenbetäubend.

Die Kulisse in der jetzt anbrechenden Nacht gespenstisch. Es riecht nach Diesel, verbrannten Öl und Hafen. Die riesigen Scheinwerfertürme um uns herum versuchen die allgegenwärtige Dunkelheit zu erhellen. Wir auf der Erde mitten im Getümmel, weit darüber zieht der Vollmond in aller Seelenruhe am Nachthimmel auf und spendet zusätzliches Licht für das merkwürdige Geschehen um uns herum.
Den grellweiße Strahl des Leuchtturms hoch über der Stadt hingegen bemerkt man nur, wenn man länger in seine Richtung sieht, so selten erscheint er. Nutzlos für uns an Land, früher hilfreich für die Leute auf See.

Abgaswolke in Blau

Wir befinden uns in einer wahren Orgie der Pferdestärken. Die noch verbliebenen 50, 60 oder gar 70 LKW´s warten mittlerweile sehr ungeduldig darauf, endlich auf die Fähre EUROPA PALACE der MINOAN LINES verladen zu werden. Die mächtigen Dieselmotoren der großen Sattelschlepper laufen seit Stunden warm. Geschätzt gut 20.000 PS dröhnen um uns herum, doch fast gewöhnt man sich daran. Unsere 150 PS nicht mit gerechnet, die sind abgestellt.

EUROPA PALACE läuft endlich in Hafen von ANCONA ein

Gegen 2200, drei Stunden nach der geplanten Abfahrt, setzt unerwartet ein wahres akustisches Inferno ein. Zunächst vernimmt man nur eines der mächtigen LKW Signalhörner, doch dann stimmen fast alle anderen LKW´s mit ein und es wird laut. Richtig laut. So beeindruckend laut, das ein Fahrer eines deutschen Wohnmobils ernsthaft überlegt, ob man wohl ein so gewaltiges Schallsignal auch im eigenen Fahrzeug einbauen könnte. Oder dürfte. Das Auto ist schließlich in Deutschland registriert und da ist nicht alles, was möglich ist, auch erlaubt.

Arbeiter auf Laderampe einer RoRo Fähre (anderer Dampfer)

Die verwegen aussehenden LKW Fahrer sind mächtig sauer.

Erst einmal hat die Fähre schon bei Ankunft drei Stunden Verspätung und dann klappt das Beladen im Hafen von ANCONA ganz offensichtlich auch nicht. Des öfteren passiert minutenlang kein Fahrzeug die breite Laderampe. Das kann so nicht gewollt sein. Das sehen natürlich auch die Kapitäne der Landstraße und werden immer ungehaltener. Kommt ein Loadmaster auch nur in die Nähe der aufgebrachten Meute muss er sich wüste Beschimpfungen anhören. Selbstverständlich verstehen wir kein Wort, doch Lautstärke, Wiederholungen und Grimassen sprechen mehr als 1.000 verstandene Worte. Handgreiflichkeiten bleiben aus. Zum Glück.

Aus PALERMO, so so…

Einige ganz verärgerte LKW Fahrer halten sich nun nicht mehr an die Anweisungen der Loadmaster und fahren einfach drauf los. Nutzen jede Lücke um zur Laderampe der EUROPA PALACE zu kommen. Durchaus beeindruckend, wie diese Fahrer ihre Trucks in der umgebenden Enge beherrschen. Doch wir erwarten bei der Aktion nun richtigen Ärger. Diese versuchte Eigenmächtigkeit kann nicht ohne Folgen bleiben. Darf nicht ohne Folgen bleiben! Zur Verblüffung der anwesenden Deutschen kommen die Fahrer mit ihrer Unverfrorenheit durch! Man lässt sie tatsächlich passieren, obwohl sie gar nicht an der durch die Loadmaster vorgegeben Reihe sind. Das bekommen auch andere Fahrer mit und nun bricht das absolute Chaos vor und auf der Laderampe der EUROPA PALACE aus. Alle wollen sich nun selbst verladen. Eine Zeitlang geht gar nichts mehr, doch dann klariert sich die Situation und es wird gemächlich weiter geladen.

Markthalle von ANCONA

Gegen 2230 gehen wir fest davon aus, das wir im Hafen übernachten müssen weil wir nicht mehr mitkommen werden – wenn beim Beladen einer RoRo Fähre der stärkere gewinnt, bleibt die Vernunft wie so oft auf der Strecke und am Ende fehlt der Platz. Nur wer ordentlich staut bekommt alles mit.

Völlig unerwartet kommt durch die Dunkelheit ein Loadmaster daher geschlendert und meint, wir sollten jetzt auch mal auf das Schiff fahren. Das lassen wir uns nicht zwei mal sagen und sind geschätzt eine Minute später mit unserem Auto bereits im großen Bauch des Schiffes. Über eine Rampe fahren wir ein Deck höher und vernehmen schon vom weiten das Geschrei der Einweiser. Fast könnte man denken, es handele sich bei dem Job der Einweiser um ein Aggressionsabbau-Programm für ganz schwierige Fälle, so aggressiv, so gehetzt, so ungeniert laut brüllen sie ihre Kommandos. Statt den eintreffenden Fahrern sittsam erst mal klar zu machen, wo sie ihr Auto eigentlich abstellen sollen bellen sie im unangenehmsten aller Töne schwer verständliche Rangierkommandos (vermutlich: left, right, back, forward) und erwarten schnellste Umsetzung durch den völlig entgeisterten Fahrer.

Kirche in Ancona

Schon klar.

Die Einweiser stehen unter höchstem Druck denn sie und nur sie werden die Ursache für die enormen Verspätungen der EUROPA PALACE sein. Das Zusammenspiel der Loadmaster vor der Laderampe und den Einweisern auf den Ladedecks muss perfekt laufen, sonst gibt es Verzögerungen durch Lücken, wo keine sein sollten oder durch unnötige, aber zeitaufwändige Rangiermannöver weil da wo man hin soll gar nicht so viel Platz ist.
Schicken unten die Loadmaster ein gerade unpassendes Fahrzeug hoch, kämpfen die Einweiser oben auf engstem Raum gegen Windmühlen und die normative Kraft einer faktischen Bordwand aus Stahl.

FINCANTIERI Werft in Ancona

Nun haben wir ja dieses im Grundsatz funktionierende chaotische Lade/Löschsystem schon des öfteren bewundert. Steht es doch im krassen Gegensatz zu den durchorganisierten nordeuropäischen Verfahren zum Be-/und Entladen von Fähren in Deutschland, Dänemark, Schweden oder Norwegen.

Doch diesmal zeigt das Chaos endlich mal sein wahres Gesicht. Es funktioniert nicht.

Gegen 2330 beziehen wir unsere bescheidene Innenkabine, kurz vor Mitternacht legt der Dampfer endlich ab.

FINCANTIERI Werft in Ancona

Was wir nicht wollen, aber wohl auch nicht ändern können: Mitten in der Nacht in PATRAS ankommen. Das ist immer doof. In Dunkelheit auf unbekannten Terrain einen halbwegs guten Platz für die Nacht zu finden. Schauen wir mal.

Am Nachmittag zuvor haben wir ungeplant zu Fuß die Altstadt von ANCONA erkundet. Das Auto stand sicher und videoüberwacht auf dem Parkplatz vor dem Büro der Fährgesellschaften. Erstaunlicher Weise gibt es einen kurzweiligen Fußweg durch das Hafengebiet in die Altstadt. Die Idee zu diesem Ausflug hatte die Frau im Ticketoffice. Sicher nicht das erste mal, das eine Fähre drei oder vier Stunden Verspätung hat und die Wohnmobilgäste vor Langeweile zu platzen drohen.

Camperstop in OFFAGNA

Von weitem sehen die alten (historischen) Gebäude super gepflegt aus, doch je näher wir kommen um so deutlicher erkennen wir den Verfall. Als wir ganz oben bei dem alles überragenden DOM VON ANCONA angekommen sind haben wir einen guten Blick über die Altstadt, aber einen wirklich grandiosen Ausblick auf die FINCANTIERI Werft direkt zu Füßen des Berges. Muss man mögen, so eine extrem detailreiche Industriekulisse. Mag zumindest einer der anwesenden reisenden sehr!

Auf dem Friedhof von OFFAGNA

Die Nacht zuvor haben wir wieder im nahe gelegenen Bergdorf OFFAGNA übernachtet. Mit dem klaren Vorsatz, sich in der ortsansässigen Pizzeria erneut den Bauch voll zuschlagen. Es folgt ein Satz mit X: Das war wohl nix! Der Laden ist umgezogen. Es dauert eine kleine Weile bis wir mittels Übersetzung verstehen, das sie leider nicht innerhalb von OFFAGNA umgezogen sind, sondern ans Meer in einen direkten Vorort von ANCONA. Tolle Wurst. Die Ausweichlokalität macht keine Pizza, Vorspeise war OK, Hauptgang für´n Hintern. Es bleibt beim X, kann man machen nix!
Doch der Ort bleibt natürlich schön und somit jederzeit einen Abstecher wert. Wer braucht in Italien schon Pizza?

Auch bei der ersten Station dieser Herbstreise blieben wir auf der Fährte der letzten Griechenland-Tour. PILL in Österreich. 950 Kilometer von ELMSHORN entfernt. Nach gut 11 Stunden problemlos über die Ostdeutschen Autobahnen erreicht. Während wir im letzten Jahr wegen CORONA auf österreichische Spezialitäten verzichten mussten, konnten wir nun im KLAUSEN zu PILL Kartoffelknödel, Schweinebraten und Sauerkraut genießen. Und KAISER Bier. Wie köstlich!

Und wie immer, wenn man eine Sache ein zweites Mal macht und denkt, man kennt schon alles: Beim zweiten mal hat man die Hälfte der akribischen Vorbereitung der ersten Reise längst vergessen (z.B.: neben der digitalen Streckenmaut braucht man ein zweites Mautticket für den Brenner) oder die Welt hat sich unerwartet weiter gedreht: Im letzten Jahr galt es unbedingt zu vermeiden, in Österreich zu tanken. Schon gar nicht in Italien! Diesmal sind Tankstellen in Österreich, natürlich abseits der Autobahn, erste Wahl: 1,399 € für einen Liter Diesel in der Nähe von PILL. 100 Liter des 120 Liter fassenden Autotanks haben wir für die Anreise verbraucht, so macht das Tanken zwar nicht unbedingt Freude, doch es verschafft eine gewisse Befriedigung nicht für 1,759 € (Österreich Autobahn) oder 1,589 € (Deutschland, Landstraße) getankt zu haben.

In der Altstadt von OFFAGNA

Doch das ist alles Vergangenheit.

Jetzt sitzen wir in der prallen Sonne auf Deck 9 der zwanzig Jahre alten EUROPA PALACE, schlürfen unseren Vormittagskaffee und lassen den Blick über das tiefblaue Wasser der ADRIA schweifen. Der Dampfer wurde bei HDW 2001 in KIEL gebaut und wenn man hin sieht, erkennt man überall das Alter.

Das mit der Sonne, das ist ja in Wahrheit der eigentliche Sinn dieser Reise.

Die in der Regel mit der Sonne verbundene Wärme im übrigen auch.

Peter.

Werden Computer schlauer?

Pure Rhetorik. Natürlich sind Computer immer noch doof und werden es auch bleiben.

Allerdings, und daher dieser Beitrag, habe ich meinen alten Rechner nun doch aufs Altenteil via eBay Auktion á la 1 € Startgebot ohne Mindestgebot geschickt und mir einen neuen zugelegt.

Leb´wohl, Du treuer alter Rechenknecht! Hast immerhin noch 251 € gebracht…

Das Thema hat mich seit Monaten ja echt beschäftigt. Soll ich, soll ich nicht?

Eigentlich habe ich alles gescheut: Budget, Arbeit, Risiko. Und mich dann doch überwunden… 😉

Des Peters neuer Rechenknecht ist also ein DELL 7424 Rugged Extreme. Wie auch schon der DELL e6420xfr ein echter Ziegelstein.

Neuer DELL 7424

Doch der Weg dahin war nicht ganz so einfach wie vor sieben Jahren. Hatte ich den DELL e6420xfr noch bei DELL Deutschland bestellt und bezahlt, schied dieser Weg für den DELL 7424 aus zwei Gründen aus:

1) Lieferzeit größer 40 Tage

2) Neupreis größer 5.000 €

Dank dem weltweiten Internet kann man bekanntlich auch als Privatmensch weltweit beschaffen, sprich kaufen.

Neuer DELL 7424

eBAY ist immer ein guter Startpunkt für so ein Vorhaben. Aber Achtung: Es gibt einen Unterschied zwischen eBAY.de und eBAY.com – also besser die internationale Seite benutzen. Liebäugelte ich zunächst mit einem guten gebrauchten DELL 7424 aus den USA, fand ich später bei der Recherche bei eBAY einen Anbieter, der so genannte „DELL Refurbished“ Modelle anbot. Laut Beschreibung sollte es sich dabei um neu von DELL ausgelieferte Rechner handeln, die innerhalb der in den USA gültigen Rückgabefrist von 28 Tagen an DELL zurück gegeben wurden. Der Kunde also (warum auch immer) vom Kauf zurück getreten ist. DELL überprüft die Rechner dann, setzt sie wieder in den Auslieferungszustand zurück und klebt einen grünen Aufkleber darauf.
Der amerikanische eBAY Anbieter stellt aber keine Fotos des jeweils angebotenen Modells ins Netz, sondern nur ein Bild mit einem schnöden DELL Karton. Wochenlang war mein Eindruck: Bei dem kauft man ganz klar die berühmte die Katze im Sack. Also hohes Risiko ?

Neuer DELL 7424, CD/DVD Laufwerk und ein Slot für eine M.2 SSD

Doch irgendwann habe dann das kleingedruckte mit dem „DELL Refurbished“ gelesen und als dann ein passendes Modell angeboten wurde, musste ich mich mal endlich entscheiden.

Mittlerweile bietet eBAY einen Worldwide Delivery Service an. D.h. der eBAY Anbieter schickt die gekaufte Ware nicht direkt zum Kunden, sondern zu einem speziellen eBAY Dienstleister, der auf weltweiten Versand spezialisiert ist. Neben Logistik kümmern die sich auch um die komplette Zollabwicklung. Daher bezahlt man als Käufer bei eBAY nicht nur das gekaufte Produkt und die Versandkosten, sondern auch direkt die Einfuhrumsatzsteuer.

Hört sich kompliziert an, ist es aber nicht:
Man bezahlt wie gewohnt bei eBAY und bekommt irgendwann das Paket frei Haus. Und hier der Hammer: Mein neuer DELL 7424 war innerhalb von 7 (in Worten SIEBEN) Kalendertagen aus den USA hier. Unglaublich, oder?

Neuer DELL 7424, USB-C und USB-A 3.0

Natürlich haben Computer aus den USA eine amerikanische Tastatur. Das wusste ich vorher und habe daher zeitgleich über eBAY bei einem Anbieter aus dem Vereinigen Königreich eine deutsche Tastatur für den DELL 7424 bestellt. Leider nahm dieser Anbieter nicht am Worldwide Delivery Service teil, sondern schickte das kleine Päckchen einfach so auf die Reise. Nach gut 20 Tagen lag es dann beim Postamt Elmshorn und musste gegen Zahlung der Einfuhrumsatzsteuer ausgelöst werden. 20 Tage innerhalb Europa, durch BREXIT mit Zollproblem. 7 Tage USA. Normal ist das ja wohl nicht.

Nun denn.

Der Rechner fühlt sich an wie brandneu. Also wirklich neu, neu. Der Einbau der deutschen Tastatur war gut machbar, wenn auch meine Hände eindeutig nichts für so kleine Flachband-Folienkabel sind. Aber mit Geduld und Ruhe gelingt bekanntlich ja vieles. Einmal mehr sei hier auf die extrem gute DELL Dokumentation verwiesen.

Neuer DELL 7424, mitgeliefertes Caddy mit 512 GB M.2 SSD

Somit hatte ich also für die Hälfte des deutschen Preises und in weniger als einem viertel der deutschen Lieferzeit einen nagelneuen DELL 7424 auf dem Schreibtisch. Blieb noch die Übertragung der Garantie. Denn natürlich gibt es auch bei DELL Refurbished drei Jahre Garantie. Doch offiziell war der Rechner ja noch in den USA.
Also auf der DELL Website den Übernahmeantrag gestellt und zwei Tage später dann die Nachricht: Alles klar, der Rechner hat jetzt drei Jahre RETURN TO DEPOT Garantie in Deutschland. Astrein, will ich meinen! Einen Vor-Ort Service hätte ich sowieso nicht gekauft. Und der alte DELL e6420xfr hatte ja in den ersten drei Jahren wirklich gar nichts.

Wenn man einen Rechner bei DELL neu kauft, kann man ihn in der Regel bis ins kleinste Detail selbst konfigurieren und erhält so also genau die Ausstattung, die man haben möchte. Das geht bei den eBAY Angeboten natürlich nicht.

Also sucht man ein eBAY Angebot, das der Wunschkonfiguration recht nahe kommt.

Neuer DELL 7424, noch mit amerikanischer Tastatur

Eine 512 GB Festplatte ist natürlich indiskutabel, wenn man im alten Blechaffen 8 TB stecken hatte. Die 16-fache Speicherkapazität. Doch leider ist das Thema Festplattenkapazität bei einem DELL 7424 (noch) ein echtes Problem – meine bisherigen Erkenntnisse kommen in einem gesonderten Beitrag, denn die sind deutlich umfangreicher als man so denkt.

Eine INTEL i7 8th Gen CPU ist zwar nicht die frischeste, reicht aber immerhin noch für das nun verfügbare WINDOWS 11. Obwohl ich versuchen werde, möglichst lange auf WINDOWS 10 zu bleiben. 16 GB Arbeitspeicher finde ich schon mal OK, das eingebaute CD/DVD Laufwerk mag antiquiert wirken, doch das spielt noch eine Rolle im Festplatten-Komplex.
Eingebautes GPS, Fingerabdrucksensor und Smartcard Reader. USB3 Ports, USB-C, Display Port. Einfach mal wieder Stand der Technik unter den Fingern.

Und ein Outdoor-Touchscreen-Display, das wirklich sensationell ist. Unglaublich hell und einfach nur brillant.

Noch eine Ankündigung:
In einem weiteren Beitrag werde ich mich dem zunächst gescheuten Thema „Arbeit“ widmen. Denn wenn man sieben Jahre mit einem Rechner arbeitet, hat man eine Reihe von Softwarepaketen installiert, die bei einem Umzug auf einen neuen Rechner natürlich mit kommen müssen. Bei ordnungsgemäß gekaufter und bezahlter Software gar nicht so einfach. Doch auch das ist eine andere Geschichte.

Peter.

Segeln, im Allgemeinen

Da sitzen wir neulich im Auto und fahren über Land zu Segelfreunden. Etwas weiter entfernt, im ehemaligen Zonenrandgebiet.

Im Radio läuft die Sendung Marktplatz vom Sender Deutschlandfunk. Wenn wir nicht ordnungsgemäß im Auto angeschnallt wären, würden wir glatt vom Stuhl fallen, denn das heutige Thema des Marktplatzes ist der neue Freizeittrend:

SEGELN (!)

Ja, Segeln ist schön! Oder doch nicht (immer)?

Neben zwei bekannten üblichen Verdächtigen (Yacht Redakteur Andreas Fritsch und Hinnerk Weiler (segelradio.de)) auch (zumindest uns) zwei unbekanntere Experten (Christian Zaloudek (Sarres Schockemöhle Yachting) und Marie Schneider (marietim.ch)) nehmen an dem ungewöhnlichen Radiogespräch teil.

Durchaus unterhaltsam!

Doch man wäre ja nicht ein jederzeit selbstbestimmter Seglender, würde man die dort geäußerten Expertenmeinungen einfach so teilen. Die wahren Highlights der Sendung sind aber nicht die in der Regel völlig emotionslosen Antworten der Experten, sondern die vielen Zuhörerfragen.

Ja, segeln ist schön! Aber segeln wir schon oder treiben wir noch?

Herr Zaloudek beantwortet alle Fragen zur Ausbildung und eventuell notwendigen Qualifikationen sehr ruhig und sachlich. Der Redakteur der Sendung, Herr Philip Banse ist bemüht, den möglichen Einstieg in diese im allgemeinen eher unbekannte Wasserwelt zu erläutern. Und so reitet die Runde zu Anfang munter auf allen möglichen Segelscheinen herum. Vermutlich, weil es es so schön einfach, weil formal ist? Das lieben wir in Deutschland.

Doch in Wahrheit spielen die ganzen Scheine und Prüfungen in der Praxis wohl eher eine deutlich nach gelagerte Rolle.

Meine ich. Oder auch wir.

Ja, segeln ist schön! Aber erst mal muss man aus dem Hafen heraus kommen.

Ob man als Einzelperson, als Paar oder gar als Familie wirklich zur See fahren möchte, findet man wohl am Besten heraus, wenn man mal mitsegelt. Und zwar nicht nur bei Schönwetter. Der unterschwellige Vergleich zu Wohnmobilreisen allerdings ist fast schon fatal.

Mit dem WoMo fährt man rechts raus, schalte die Warnblinkanlage ein und bleibt einfach stehen. Keinem passiert was.

Der Dampfer, auf See jedenfalls, fährt einfach immer weiter.

In diesem Jahr fielen auf dem Ostsee viele Boote ins Auge, deren Deck zugestellt war mit Fahrrädern, Stand-Up-Paddeling Boards und Krimskrams aller Art. Und natürlich Seehunde, ohne Ende. Nicht nur kleine, nein, auch riesige Tiere werden da zur See gefahren. Vermutlich gegen ihren Willen. Haben Hunde einen Willen? Auf jeden Fall gegen ihre Natur.

Frau Schneider spielt die feminine Karte und verallgemeinert unzulässig, das die Männer an Bord ihre besseren Hälften dominieren wollen. Das glaube wir im Leben nicht. Wenn in einer Beziehung die Frau wirklich das Ruder übernehmen will, dann macht sie das in der Regel auch. Da kann Mann machen nix. An Land und auf See.

Eher schon die Überlegung, das viele Seefrauen gar nicht wirklich zur See fahren wollen und dem Mann einen Wunsch erfüllen. Jedenfalls so lange es noch irgendwo Schmetterlinge gibt. Haben die sich verflogen, landet Mann schnell beim Einhandsegeln. Oder gibt auf.

Ja, segeln ist schön! Aber nicht für alle. Einer segelt, einer dampft.

Einzig schade, das die gesendete extreme Sachlichkeit nicht mal im Ansatz versuchte, den Reiz des Segelns zu ergründen. Dieses unvermittelt aus dem Alltag heraus gerissen werden und etwas völlig anderes, etwas völlig ungewohntes vollbringen zu wollen. Als Paar. Als Familie mit Kindern ganz besonders.
Das diese Sendung ganz offenbar nicht abschrecken sollte, geschenkt. Bei den zu erwartenden Kosten haben die Experten offenbar ein falsches Jahrzehnt erwischt. Auch geschenkt. Denn was ist schon umsonst?

Nun denn, dieser schön kurzweilige Beitrag ist wohl noch bis 2038 (steht da wirklich) online verfügbar. Aber aus irgendeinem Grund nicht in der ARD AUDIOTHEK, sondern nur hier direkt beim DLF. Muss man bestimmt nicht verstehen.
Geübte Surfer schaffen es bestimmt, die MP3-Datei herunter zu laden und standesgemäß auf See zu hören.

Peter.





T93-100, LYÖ,FAABORG,MARSTAL und LABOE

Die zweite Impfwoche zu Hause ging genauso schnell vorbei wie die erste, allerdings war es schon erstaunlich, wie auch bei mir die zweite Dosis ihre (besser: eine) Wirkung zeigte. Dank guter Pflege ging es dem eingebildeten Kranken auch schnell wieder besser. Schließlich musste ja zum Beispiel noch der Rasen gemäht werden.

REGINA MARIS, viel in der Ostsee unterwegs

Bemerkenswert an der für den Landurlaub notwendigen An- und Abreise ELMSHORN <-> GROSSENBRODE ist die Tatsache, das man in SCHLESWIG HOLSTEIN für 116 Kilometer Luftlinie an einem ganz normalen Werktag 3 Stunden Fahrzeit benötigt. Mit der Bahn. Mit dem Auto wäre es vermutlich nur unwesentlich schneller, vielleicht 2,5 Stunden. Wir müssen nur überall alle Verkehrsmittel so schlecht machen, dann wird das Fahrrad auch auf Langstrecke zur echten Alternative.

Lastensegler OBAN vor LYÖ

Zurück an Bord des STORMVOGELS:
Einkaufen und Boot klarmachen. Essen gehen am Abend fällt aus: Keines der örtlichen Restaurants (oder teilweise eher Essensplätze) hat Platz für uns. Zwei haben Ruhetag. Die Ruhe muss man erst mal haben.
Am nächsten Tag mit wenig angesagtem Wind gut 60 Seemeilen nach LYÖ. Immerhin 20 Seemeilen davon konnten wir segeln, doch wie immer, wenn die Fahrt unter 4 Knoten fällt, geben wir in der Regel das Segeln auf und schmeißen die Unterwassergenua an. Was für ein merkwürdiger Tag auf See! Diesig, milchiges Wasser, kaum Wind und um&bei Fehmarn viel Bootsverkehr.

Immerhin: Viele Seiten im Buch geschafft.

REGINA MARIS und LUCIANA vor LYÖ

Am frühen Abend erreichen wir den Ankerplatz von LYÖ und treffen dort wie geplant unsere Segelfreunde auf der ANICO. Und werden gemeinsam Zeugen eines kleinen Traditionssegler-Stelldicheins im Hafen von LYÖ. Anderorts läuft die KIELER WOCHE und irgendwo müssen die großen Dampfer wohl bleiben, wenn sie auf der KIELER FÖRDE nicht gebraucht werden.
Auf einem dieser alten, aber wunderschönen Dampfer ist offenbar eine spielfreudige Blaskapelle an Bord. An diesem Abend und am nächsten Morgen gibt es ein richtiges Hafenkonzert, das durch den leichten Wind in hervorragender Qualität zu uns auf den naheliegenden Ankerplatz herübergetragen wird. Unseren Applaus gegen die Windrichtung werden die Musiker leider wohl eher nicht gehört haben.

CATHERINA und LUCIANA vor LYÖ

Tags darauf eine ordentliche LYÖ Fahrradtour, wie es sich auf dieser Insel nun mal gehört. Abends gemeinsames Grillen am Strand mit einem katastrophalen Fehler: Wer Abends am Strand grillen will, sollte bekanntlich die Haut mit langen Hosen und Hemden so weit als möglich bedecken und mit jeder Menge Autan eingesprüht sein.

Ignoranten werden unweigerlich zum Opfer!

(Merke: Das war und ist schon immer so, nicht nur bei eventuell noch nicht erfolgten Corona-Impfungen)

Denn wie überall auf der Welt kommen die fliegenden blutsaugenden Monster in der Dämmerung aus ihren Verstecken und verlangen nach frischem Menschenblut. Nun, die Mücken von LYÖ werden an diesem Abend bei einem Festmahl am Strand ihre wahre Freude gehabt haben.

Der Skipper des STORMVOGELS hingegen ärgert sich so was von einen Wolf! Wie doof kann man denn bloß sein? Sämtliche Mückenabwehrmittel sind an Bord reichlich vorhanden. Wie es sich für einen Langfahrer auch gehört. Doch kaum lockt eine laue Sommernacht mit Freunden am Strand einer Insel in der (dänischen) Südsee ist es mit der Umsicht offenbar vorbei.

So ein Mist.

LUCIANA vor Buganker im Hafen von LYÖ

Obwohl nachhaltig! Der Skipper hat noch tagelang was von der unfreiwilligen Blutspende…

Die Freunde müssen Sonntags in Kiel sein und brechen Freitagmittag Richtung Süden auf, wir haben keine Lust auf den für Samstag angesagten Regen auf Anker und vorholen uns lieber in das 6 Seemeilen entfernte FAABORG. Da waren wir noch nie.

Kunst am Hafen von FAABORG

Der dortige Gasthafen im „Alten Hafen“ bietet um diese Jahreszeit viel Platz, auch bei Ankunft an einem Freitag. Die großzügige Einkaufsstrasse ist an diesem Abend noch recht belebt und die Mannschaft schmiedet (natürlich) große Pläne für den Samstagvormittag.

Die mittlerweile obligatorischen Wohnmobile am Yachthafen von FAABORG

Und wie immer mit Wetterberichten. Der ganz viele Regen bleibt aus, in der Nacht kommt zwar was runter und der Himmel hängt tagsüber bedrohlich dunkel und tief über uns, aber in Wahrheit…

…ist die Luft sowieso raus und das unfreundliche Wetter wohl nur vorgeschoben. Klar, wenn man jetzt astreines Spätsommerwetter hätte, dann würden die letzten Tage an Bord wohl noch mal sehr reizvoll werden. Aber wenn man in der Woche die echten Sonnenstunden an zwei Händen abzählen kann, dann soll es wohl nicht mehr so sein.

In der Altstadt von FAABORG

Also Rückzug.

Sonntags durch das innere Fahrwasser zwischen den Inseln der dänischen Süddsee: AVERNAKÖ, DREJÖ und ÄRÖ. Unter Segeln. Immerhin. Aber auch anstrengend in diesem Flachwassergebiet. Als einmal 1,60 Meter unterm Kiel angezeigt werden ist der Skipper doch sehr irritiert. Mitten im Fahrwasser. Scheint wohl zu versanden?

In MARSTAL angekommen gehen wir noch nicht mal mehr in den Ort. Sonntag, später Nachmittag, so das Vorurteil, wird es da ganz schön tot sein.

Für Montag ist noch guter Segelwind für LABOE angesagt. Wir brechen um 0900 in MARSTAL auf und machen um 1330 in LABOE fest. Keine schlechte Segelleistung. Die Welle war auch OK. Die Sonne fehlte natürlich. Und die 20°C Lufttemperatur oder mehr auch.

Nun lassen wir hier in LABOE also unseren OSTSEE 2021 Törn nach 100 Bordtagen zu Ende gehen.

Immerhin, aber Sang- und Klanglos.

Peter.

P.S.: Wer sich für Traditionssegler interessiert: Hier die hochauflösenden Galeriebilder – Details durch hineinzommen…

STORMVOGEL im Hafen von FAABORG

T92, Grossenbrode

In der Tat machen wir uns auch nach vielen Segeljahren vor jedem Törn „Gedanken“. Um nicht zu sagen „einen Plan“.

Wie wird das Wetter?

Route?

Ausweichhäfen?

Besonderheiten?

Proviant?

Wenn wir von Starkwind ausgehen müssen, stellt sich die Frage: Segeln wir in eine Wetterbesserung oder werden die Bedingungen eher schlechter? Der letzte Starkwindtörn von ANHOLT nach HELSINGÖR war zwar anfangs anstrengend und doof, aber wir wussten ja: Mit jeder Stunde wird es besser und leichter. Das motiviert ungemein!

Nun denn.

Bei der jetzt anstehenden 55 Seemeilenpassage von HESNAES nach GROSSENBRODE ist es leider genau umgekehrt. Geschützt von der Landmasse von FALSTER werden wir auf Südkurs bis GEDSER ganz gute Bedingungen haben, doch dann geht es gen West-Süd-West und der Wind wird auffrischen und auf Nordwest gehen. Ein weiser Segler meinte neulich: Wieso schaust Du überhaupt noch auf die angesagte Windgeschwindigkeit? Starke Böen sind doch eigentlich nur das Problem (?).

Stimmt.

Die Wettervorhersage von WINDY und vom DMI stimmen für den Nachmittag überein: Böen um und bei 34 Knoten. Bedeckt, Regenschauern.

So binden wir schon bei Abfahrt in aller Ruhe das zweite Reff ins Groß und gehen mit beiden Vorsegeln auf die Reise. Wie erwartet Bilderbuch-Talsperren-Downwind-Schnellsegeln mit ausgebaumten YANKEE. Bei GEDSER Riff shiften wir das YANKEE, nehmen den Baum weg und kürzen etwas ab. Die Untiefentonne bleibt heute mal an Backbord liegen. Nächstes Highlight ist das ungehinderte Passieren der Fahrrinne der Fähre, die gerade vor GEDSER dreht um nach ROSTOCK zu gehen.

Der Wind ist nun ohne Landabdeckung in der vollen Stärke von 25+ Knoten da, die Welle auch.

Das Verkehrstrennungsgebiet der KADETTRINNE liegt klar östlich von uns, daher gelten hier die normalen Ausweichregeln der Seeschifffahrtsstrassenordnung. Wir kommen für den West gehenden überholenden Verkehr unter Segeln diagonal von Steuerbord.
Dann hoffen wir mal, das die beiden fast parallel fahrenden Containerjäger uns auch sehen. Der eine läuft mit 14 Knoten, der andere mit 13,x Knoten. Elefantenrennen auf See.

Die eigene Mannschaft beobachtet auf dem Plotter die AIS Signale der beiden Dampfer ganz genau. Entscheidend ist der Wert CPA – „Closest Point of Approach“.
Eigentlich könnte unser Plotter anzeigen, ob die angezeigten 800 Meter Passierabstand VOR oder HINTER dem Dampfer liegen. Also ob wir ihn am Bug oder Heck passieren. Heck wäre ja zu schön, weil absolut sicher. Alle Daten dafür sind vorhanden, aber die Software gibt das leider nicht her. So eine permanente Vektorberechnung braucht wohl zu viel Rechenkraft.
In so engen Revieren wie hier zwischen FALSTER und FEHMARN ist CPA sowieso nur mit Vorsicht zu genießen. Denn die großen Dampfer müssen dem Fahrweg folgen und ändern entsprechend oft den Kurs. Was eben noch klar gehen würde, kann einen Moment später schon sehr eng werden.
Also beobachten wir die beiden Situationen sehr genau, elektronisch und optisch. Es ist trocken und die Sicht gut. Schließlich passieren wir beide Dampfer ein paar hundert Meter vor deren Bug. Bei beiden vermuten wir, das sie ihren Kurs um ein paar Grad nach Steuerbord geändert haben, um genug Abstand zu uns zu halten.

Ostverkehr haben wir gerade nicht, freie Fahrt.

Es sind nur sehr wenige Boote unterwegs. Auf dem AIS können wir vor uns einen anderen Segler auf gleichem Kurs ausmachen, der ein paar wilde Manöver fährt um den dicken Pötten nicht zu nahe zu kommen.

Der Wind frischt weiter auf und wir können mittlerweile gar nicht mehr so genau unterscheiden, ob wir in einer Böe stecken oder ob der viele Wind jetzt zum Dauerzustand wird. Mittlerweile ist das Groß weit offen, das Yankee dritten Reff und die Fock im zweiten Reff.

Knapp 5 Seemeilen vor der Ostspitze von FEHMARN (STABERHUK) wird die Welle sehr unangenehm. Regelrechte Brecher laufen voraus an Steuerbord auf. Ganz selten steigt mal eine am Bug ein, ansonsten nur jede Menge Spray über Deck und manchmal auch im Cockpit. Kein Wunder bei dem Wind. Wir lassen den STORMVOGEL auf maximal-Geschwindigkeit laufen, denn wir gehen davon aus, das die Welle hinter der Landabdeckung stirbt und die knappe Stunde kann man die Waschmaschine wohl gerade so ertragen.
Über FEHRMARN ziehen raabenschwarze Regenwolken und entladen sich kurz vor uns, die LÜBECKER Bucht ist zeitweise nicht mehr zu erkennen. So unangenehm die Situation jetzt auch ist: Unser Boot tanzt zuverlässig wie ein Korken auf den Wellen. Im Deckshaus ist es fast still und absolut gemütlich, kein Wunder das die Mannschaft sich auf der Bank verkeilt hat. Aber so ist unsere Arbeitsteilung an Bord ja häufig. Skipper draußen im tosenden Wind, Mannschaft lesend unter Deck.

OK. Wir ertragen ja viel.

Zu viel Wind.
OK, wenn es sein muss.

Mistige Welle gegenan.
OK, wenn es nicht anders geht.

Aber heftiger (kalter) Regen noch dazu, das geht ja wohl gar nicht!

Dafür fahren wir nicht zur See.

Und irgendwie klappt es tatsächlich mit dem trocken bleiben! Kein Ölzeug auf der ganzen Reise.

Auf der Südseite von FEHMARN ist die bösartige Welle wie erwartet weg. In solchen Reiseabschnitten hat der Skipper oft den Eindruck, das noch mal zwei, drei besonders heftige Brecher um die Ecke kommen, bis es dann schlagartig ruhiger wird. Dennoch sind wir erstaunt, wie hoch und kurz die Welle trotz Landabdeckung noch ist. Was für eine unglaubliche Energie dafür nötig ist?
Jetzt haben wir aber eher das Problem, das wir mehr Höhe laufen müssen, wollen wir die Ansteuerung von GROSSENBRODE ohne Kreuz erreichen. Auf den letzten Meilen locker eine Meile nach Süd versetzt. Auf was man auf dem (!) OSTSEE alles aufpassen muss?

An der Ansteuerungstonne von GROSSENBRODE bergen wir die Segel. Immer noch viel Wind und die Gefahr einer schweren Regenschauer, aber durch den Landschutz überhaupt keine Welle mehr. Die Anspannung legt sich etwas, jetzt nur noch einen passablen Anleger hin legen und gut ist.

Wir gehen erstmals in den Hafen der KLEMENS YACHTWERFT. Da haben wir uns für die kommende Woche einen Liegeplatz organisiert, denn wir „müssen“ mal wieder eine Woche nach Hause. Impfen und Familie.

Der Anleger ist super einfach, denn man hat uns den einzigen Liegeplatz mit beidseitigen Schwimmstegen zugewiesen. Fest montierte Fender rundum. In diese Luxusbox kann man vermutlich auch bei 50 Knoten Wind einlaufen.

Später stellt sich beim Hafenmeister heraus, das gar nicht so klar ist, ob die Box die Woche frei ist. Können wir auch nicht ändern. Wir lassen den Bootschlüssel im Büro und versprechen telefonisch Hilfe zu leisten, falls die Werftcrew den Dampfer vorholen muss. 

Es ist nicht so, das dieser Törn richtig scheiße war.

Aber brauchen tun wir so was wirklich nicht.

Peter.

P.S.: Bilder gibt es natürlich nicht. Titelbild aus dem Archiv, gemacht von einem sehr guten Segler, der in seinem Blog im Mai schrieb, das er bei angesagtem Sturm nie wieder segeln würde…kuckst Du hier!

P.S.2: Macht sowieso mal wieder Sinn, im Blog von MAUNIE OF ARDWALL nachzusehen, denn die Sommertour von Dianne und Graham durch Schottland lieferte sensationell tolle Bilder! Und Geschichten sowieso!

T89-91, Hesnaes

Da sind wir also endlich wieder in HESNAES, diesmal mit mehr Zeit, gutem Wetter und vollem Kühlschrank.

Aber im weiteren Gegensatz zum Vorjahr sind wir nicht alleine. OK, ein paar andere Boote wird man sicher in jedem Hafen in dieser Ecke der Ostsee erwarten müssen. Neuerdings auch ein paar Wohnmobile, und sei der Stellplatz am Hafen dafür auch noch so abweisend.

Aber so viele Menschen haben wir hier in HESNAES niemals, also wirklich noch nie, erlebt.

Alte Fischfabrik und Waschhaus (ganz links) im Hafen von HESNAES

Auf den ersten Blick wirkt der sehr kleine Hafen wie immer. Alles so, wie es sein soll. Erst bei der kurzen Pilgerreise zum Waschhaus fällt auf, das auf der Wiese bestimmt zwanzig oder mehr Autos stehen und das ehemalige Fischfabrikgebäude in pastellrot seine großen schwarzen Tore geöffnet hat. Was ist denn da wohl jetzt drin?

Im Eingangsbereich ein paar Tische mit abgegriffenen Büchern darauf. Aha, wohl wieder so ein typisch dänischer Garagenflohmarkt? Nur langsam gewöhnen sich die Augen nach dem prallen Sonnenschein draußen an die relative Dunkelheit in der linken Halle der ehemaligen Fischfabrik zu HESNAES. Und wir erkennen: Nix Gragenflohmarkt!

Das ist jetzt eine Bäckerei!

Sparsames Hinweisschild auf das neue Café im Hafen von HESNAES

Im hinteren Teil sind die Öfen und Arbeitstische samt Roll-Regalwagen mit Brot darauf zu erkennen, etwa in der Mitte der Halle steht eine große Theke die den Publikumsbereich vom Arbeitsbereich trennt. Links sind ein paar einfache Kisten aufgebaut, in denen allerlei Backkram (Zutaten, einfache Küchengeräte) zum Kauf angeboten werden. Auf der rechten Seite stehen große Kühlschränke mit Softdrinks. Und Weißwein, Sekt und lokalem FALSTER Bier.

In der rechten Halle sind Esstische und ein Tresen aufgebaut, aber dort sitzen keine Menschen. Die Gäste habe es sich vor den beiden Hallen in der Sonne gemütlich gemacht und vernaschen super entspannt aussehend alles, was hier so angeboten wird.

Hafen von HESNAES / Falster

Nun, heute werden wir hier nichts probieren. Aber Morgen! Bestimmt.

Was folgt sind drei Nachmittage im Café von HESNAES.

Die Leute kommen aus der Umgebung tatsächlich hier her, um Kaffee zu trinken oder einfach nur vorzügliches Brot zum mitnehmen zu kaufen. Wer hätte das gedacht? Ein einfach gehaltenes Lokal bringt am Ende der (dänischen) Welt zu FALSTER das Leben in fast ein verlassenes Dorf zurück? Mehr braucht es scheinbar nicht.

Steilküste von HESNAES, im Hintergrund der Hafen

Gehen wir erst mal wandern.
Die Nordtour. Wie mittlerweile üblich finden wir den Anfang des Rundweges nicht und laufen daher am Wasser zum Fuße der brüchigen Steilküste über allerhand Steine und Seegras. Mühsam. Tritt man in Seegras, scheucht man Millionen von Ostseefliegen auf. Ab und zu hängt von der Oberkante der Steilküste eine alte Festmacherleine herunter, die ganz verwegene wohl für einen Aufstieg verwenden könnten. Doch nicht wir.

Keine Ahnung, wer da aufsteigen möchte…

Irgendwann finden wir einen Aufstieg ganz ohne Leine und landen prompt auf den zuvor gesuchten Wanderweg. Von hier oben ist die Kulisse doch etwas eindrucksvoller, als der von Seglern gewohnte Blick von der Wasseroberfläche. Herrlich gerade gewachsene, riesige Buchen stehen an der Kante. Bei genauerer Überlegung sind sie dem Tode geweiht, denn anders als in HERR DER RINGE können sie ja nicht wandern sondern nur geduldig darauf warten, das die Erdkante abbricht und sie in den Abgrund gerissen werden. Was für ein bestimmtes Schicksal!

Steilküste bei HESNAES
Abbruchkante der Steilküste bei HESNAES

Wir finden zwei kleine Ferienhäuser mit Seeblick auf Lichtungen im Wald. So schön der Anblick auch ist, so bitter ist wohl der Gedanke, das die Bewohner hier wohl niemals schwimmen gehen können. Kein Weg führt nach unten zum Wasser. Und selbst wenn, die Küste und das braune Wasser davor sieht hier nicht besonders badefreundlich aus.

Kleines Haus im Wald von HESNAES / FALSTER auf Lichtung
Kleines Haus im Wald von HESNAES / FALSTER: Blick aufs Meer, die Tage das Baumes sind wohl gezählt…

Der Rundweg wäre noch viel länger, wir gehen jedoch ins Landesinnere auf großen Forstwegen zurück zum Hafen von HESNAES. Was für ein riesiger Wald. Die Reifenspuren von großem Arbeitsgerät und die vielen Holzstapel lassen auf eine intensive Waldbewirtschaftung schließen. Doch wir hören nichts. Absolut nichts. Keine Maschinen, aber auch keine Vögel. Kein rascheln um Gehölz. Schon etwas merkwürdig?

Ganz schön viel gefällts Holz in der Nähe von HESNAES
Wald bei HESNAES

Zurück im Hafen wird im Café das FALSTER Bier, Kaffee und Kuchen getestet. Köstlich, alles samt.

Irgendwann stehen mehr Wohnmobile neben dem Café als Boote im Hafen liegen. Den Betreibern wird es egal sein, woher ihre Kunden kommen.

Anderntags machen wir uns auf den Südweg, der letzten Endes wohl bis GEDSER führen würde, würde man ihn denn vollständig abwandern. Daran ist natürlich nicht zu denken. Schließlich sind wir offizielle Segler, die sich nur mal ordentlich die Beine vertreten wollen.
Auf diesem Weg trifft man sogar Menschen! Das mag daran liegen, das hier noch ein weiteres, viel länger existierendes Lokal mit Namen POMLE NAKKE mitten im Wald, nahe der Steilküste gibt. Treue Gesellen, wie wir nun mal sind, kehren wir aber dort nicht ein, sondern freuen uns wieder auf „unser“ HESNAES Café bei unserer Rückkehr.

Hinweisschild auf das Café POMLE NAKKE

Auch am dritten Tag sind wir unterwegs. Trotz der gut geplanten und auch durchgeführten Bunkeraktion in RÖDVIG hat sich unerwartet Mangel an Traubensaft ergeben. Das Wetter ist zunächst lausig, also mit dem Bus nach Stubbekøbing.
Der fährt fast jede Stunde einmal. So weit so gut. Nur kann man keine Fahrscheine kaufen. Dafür bräuchte man mal wieder eine HANDY APP mit einem besonderen Zahlungsmittel und so bleibt nur die an den Busfahrer gerichtete Bitte, uns auch ohne Fahrschein mit zu nehmen. Geht klar. Besser zwei nicht zahlende Fahrgäste in dem großen Bus als gar keine Fahrgäste.

Trostloses Stubbekøbing

Sollte eine Fernsehproduktionsgesellschaft eine Kulisse für einen Endzeitfilm suchen, in Stubbekøbing würde sie wohl fündig werden. Natürlich, der Ort kann nichts für das trübe Nieselregenwetter, aber so sterbend haben wir noch keine dänische Stadt gesehen. In der „Innenstadt“ steht mindestens jeder zweite Laden leer. Viele auch schon länger. Außer einer Döner und einer Pizzabude gibt es kein Lokal. Der einzige Bäcker hat zwei Tische mit vier Stühlen im Regen stehen. Kaum ein Mensch auf der Straße. Wir besinnen uns auf den Anlass der heutigen Mission, besorgen den Traubensaft aus einem der beiden Discounter und sind in weniger als einer Stunde wieder mit dem Bus auf dem Rückweg nach HESNAES. Wieder erbettelt, denn auch in Stubbekøbing gibt es keine Automaten, an denen man einen Fahrschein käuflich erwerben könnte.

Trostloses Stubbekøbing

So oder so. Wir werden weiterreisen. Das Wetter scheint am nächsten Tag eine Weiterreise in den Großraum FEHMARN zu ermöglichen.

Mit Wind, mit Starkwind zwar, aber besser Starkwind als kein Wind.

So denken wir jedenfalls am Vorabend eines ungewollt anstrengenden Segeltages.

Peter.

Am Hafen von HESNAES
Wald in der Nähe von HESNAES

T87,88, Rödvig, Hesnaes

Bei bestem Segelwetter verlassen wir Morgens den Museumshafen von HELSINGÖR und versuchen zunächst, mit dem großen WINGAKER ordentlich Fahrt zu machen. Aber irgendwie will dieses monströse Teil heute nicht richtig zum stehen kommen und so passiert mal wieder das, was man bei Strecke machen (immerhin 53 Seemeilen togo) eigentlich vermeiden möchte: Wir verlieren Zeit!

Also fix auf weiße Segel gewechselt und dann läuft es überraschend auch ganz vernünftig. Vorbei an KOPENHAGEN mit (gezählt) 20 riesigen Baukränen. Was die wohl vor haben? Auf Höhe DRAGÖR wird der Wind so wenig, das der Skipper an Abbruch denkt. Denn bis RÖDVIG ist es noch ein gutes Stück (über 20 Seemeilen). Mit „ohne Wind“ ganz schön doof. Die Mannschaft braucht man eigentlich auch nicht mehr um ihre Meinung zu fragen. Deren Antwort ist ja immer „weiter!“.

So motoren wir das letzte Drittel tapfer um STEVNS KLINT herum und rechnen am Wochenende um diese späte Uhrzeit mit einem vollen Hafen. Pustekuchen. Nicht leer, aber beileibe auch nicht voll. Wir bekommen sogar unseren Luxusplatz im Fischerreihafen, den wir im letzten Jahr belegt hatten.

Einziger Grund in diesem Jahr für RÖDVIG ist bunkern. Der Supermarkt liegt zwar gut 800 Meter vom Dampfer entfernt, aber ein wenig laufen ist bestimmt nicht verkehrt. Wer nach HESNAES will, muss verproviantiert sein! Denn da gibt es nichts. Gar nichts. Jedenfalls in den letzten Jahren nicht.

So kaufen wir Leckerreien was das Zeug hält und schleppen uns auf dem Rückweg einen Wolf.

Essen kochen, essen, abwaschen, duschen, schlafen gehen. Leben an Bord halt. Nix besonderes.

Direkt am nächsten Morgen weiter. Mittlerweile dreht der zunehmende Wind langsam auf OST und wir Segeln, sobald die Messgeräte 8 Knoten Wind anzeigen. Bis MÖN können wir uns dann auch nicht beschweren, doch dann geht es auf Westkurs, vor den Wind. Das können wir auch! Baum ans YANKEE und „weiter geht die gute Fahrt!“.

Denkste.

3, auch mal 4 Knoten Fahrt sind Mist! Dümpel, Dümpel, Dümpel. Da hilft nur abwarten. Muss irgendwas mit „zu nah“ unter Küste sein. Strom und Wind. Oder so.

Nach ´ner halben Stunde (gefühlt EINE!) ist der Spuk vorbei und der STORMVOGEL nimmt wieder Fahrt auf. Je weiter der Tag voran schreitet, um so mehr Boote sehen wir. War gestern auch schon so. Klar. Wochenende und viel näher an Deutschland.

Als wir am späten Nachmittag HESNAES nach nur 36 Seemeilen erreichen, sind wir überrascht. Bestimmt 10 Boote im Hafen und merkwürdig viele Menschen auf der Pier.

Was ist denn hier los?

Das, liebe Leser, verraten wir erst im nächsten Beitrag!

Peter.

T86, Helsingör

Nun wollen wir aber endlich mal wieder Strecke machen.

In drei Tagen soll es von ANHOLT nach HELSINGÖR nach RÖDVIG und schließlich nach HESNAES (hurra, hurra, hurra!) gehen.

Am Freitagmorgen, immerhin kein dreizehnter, ist der Skipper trotz der Ereignisses des Vorabends mit sich noch nicht wirklich im reinen. Aufbrechen oder nicht? Der Wind ist etwas herunter gekommen, so um und bei 22 Knoten, doch es heult immer noch abschreckend aus den Masten und draußen ist viel weißes Wasser zu sehen. Die Böen sind weiterhin sehr gemein, doch auf der Suche nach dem ewig positiven: Es ist trocken und soll es auch bleiben.

Im Museeumshafen von HELSINGÖR

So viel ist sicher: Wenn man nicht heute geht, dann kann man Segeln in den kommenden Tagen wohl wieder komplett vergessen. Samstag schon wieder Flaute, Sonntag vermutlich auch.

Und wie immer, wenn der Skipper wankt. Die Mannschaft stützt und strahlt extreme Zuversicht aus. Was wäre der Skipper wohl ohne diese seine Mannschaft? Vermutlich ein großes Nichts, ein großer Niemand.

Generalstabsmässig wird der Ableger geplant. Wir wollen das in Lee liegende Nachbarboot auf keinen Fall touchieren. Mit einer langen Luvleine sichern wir des STORMVOGELS Heck von der Pier damit wir den Bug näher an die unter Wasser liegende Mooringboje bekommen. Wie immer bei Starkwind richtig fest, um nicht zu sagen „ganz fest“ gemacht: Bojenhaken mit Leine und zusätzlich eine Leine auf Slip. Bei dieser Konstruktion ist es allerdings schwierig, den Bojenhaken wieder heraus zu bekommen. So auch diesmal. Aber mit Maschine und der langen Luvleine kommen wir an die Mooringboje und den Haken schließlich frei. Es folgt das neu gelernte Wild-West-Mannöver á la ORION: Alle Leinen fliegend los und Vollgas!

Im Museeumshafen von HELSINGÖR

Klappt super.

Die ANHOLT Fähre ist gerade weg und im inneren Hafenbecken ist genug Platz für zwei Ehrenrunden, damit die Mannschaft Leinen und Fender weg stauen kann. Das Groß ist vorbereitet, um im Dritten Reff gesetzt zu werden. Doch wir haben beschlossen, es erst draußen in der kochenden See zu setzen, wo wir freien Seeraum haben. Das können wir.

Durch die heftige Grundsee der Hafeneinfahrt. Klappt besser als gedacht. Doch danach steigen ein paar Wellen an Deck ein. Das große Flach um ANHOLT lädt die kurzen Wellen natürlich geradezu dazu sein, sich zu brechen.

Wir setzten das Groß schnell im dritten Reff und dann die Fock.

Und weiter geht die gute Fahrt! (Running Gag auf dem Radiosender SWR3)

Es kachelt, der (!) Ostsee kocht und der Skipper ist vorsätzlich betäubt. Mit STUGERON, bereits seit zu Bett gehen am Vorabend. Zum Glück wirkt es. Sicher, wohl fühlt man sich bei dem Geschaukel und Gerappel nie, aber es ist erträglich.

Die X55 aus CHILE ist auch los. Anfangs länger unter Maschine, kommt sie nur unter Vorsegel gut an uns ran. Rennboot. Dann sind die Flachs passiert und es trennen sich unsere Kurse. Schnell sind wir alleine und wir bleiben alleine auf diesem windigen Meer, bis wir die dänische Küste erkennen. Dort sind nur ein paar Boote auf dem Wasser. Eigentlich kein Segelwetter.

Im Museeumshafen von HELSINGÖR

Wir laufen zwar in den Yachthafen von HELSOINGÖR ein, doch bereits im Vorhafen wird klar, das wir hier nix vernünftiges finden werden. Bei dem Wetter will niemand Nord. Also staut es sich hier wie immer. Aber wir haben ja im letzten Jahr den Museumshafen, gleich südlich der Burg, ausgekundschaftet. Da sollen eigentlich nur Boote größer 50 Fuß rein, 48 Fuß sind ja fast 50. Wir gehen im leeren Hafen längsseits an einen Schwimmponton und liegen wie in Abrahams Schoß.

Wirklich klasse.

Die Burg in nächster Nähe, das Museum, die alten Dampfer. Und, wie erhofft, erwünscht und auch ein wenig geplant: Sehr gute, längstjährige Freunde aus Bremen an Bord: Die beiden sind in der Nähe in einem Ferienhaus und wir haben die Route durch den Sund tatsächlich nur gewählt, damit wir wenigstens einen gemeinsamen Abend zusammen verbringen können.

Keine Ahnung, ob STUGERON zu den bewusstsein erweiternden Drogen gehört, in Verbindung mit allseits bekannten flüssigen Stoffen jedenfalls haut es auch einen großen Kerl glatt um. Der Skipper geht leider früher zu Bett, als die Gäste den STORMVOGEL verlassen.

Vermutlich unhöflich, aber unumgänglich.

Peter

T85, Anholt, Nachtrag

Der letzte Abend auf ANHOLT entwickelt sich irgendwie zu etwas ganz besonderem.

Der Skipper beschließt sicherheitshalber noch mal einige dieser kleinen metallischen Zylinder zu kaufen und pilgert daher zum nach wie vor hoch geschätzten SPAR KONGE am Hafen. Mit etwas Wehmut tätigt er seinen letzten Einkauf auf der Insel und verabschiedet sich von der stämmigen Besitzerin. Sie (er)kennt uns. Die Mannschaft hat sogar schon einen Kaffee bekommen – on the house.
Wir sind davon überzeugt: Wenn sich erst mal die Besitzerin eines Supermarkts an einen unter tausenden Sommertouristen erinnert, dann hat man es geschafft!

Dann gehört man dazu!

Dann ist man ohne Zweifel ein ANHOLTER!

Rettungshubschrauber auf ANHOLT. ohne Einsatz

Aber nicht nur das.
Selbst der Hafenmeister nickt uns auf der Straße (an)erkennend zu. Die dem Skipper in der Silhouette optisch ähnelnden alten Männer, die am Nachmittag auf den Holzbänken vor SPAR KONGE sitzend aus ihren eigenen kleinen runden metallischen Zylindern schlürfen kennen den dicken Deutschen auch schon. So oft, wie der hier schon an den Nachmittagen saß. Und so sitzt er also ein letztes mal mit sorgsam in Plastik eingeschweißten kleinen metallischen Zylindern zur linken und einer letzten Dose ELEFANT in der Rechten am Hafen von ANHOLT und denkt, wie gut man es wohl haben kann?

Wie Sau gut?

Megayacht aus Stuttgart mit unsschreibbaren Namen vor SPAR KONGE, ANHOLT

Zurück an Bord gibt es eine kleine Standpauke. Wo der Skipper sich denn wohl herum getrieben habe? Klassiker: „…ich geh´ mal eben ein paar Bier holen…“ und dann einfach nicht zurück kommen. Doch die Wehmut erklärend rettet sich der Skipper vor schlimmeren und der Rauch verzieht sich schnell.

Endlich kommt der Skipper dazu, die Nationalflagge der in Luv liegenden X55 Yacht zu recherchieren. Vermutet hat er bisher irgendwas mit Osteuropa. Mazedonien, Serbien oder was auch immer.
Und dann geschieht etwas, was man doch wirklich nur als Wink des Schicksals verstehen kann.
Der geneigte Leser erinnert sich: Ein paar Abende zuvor haben wir gespannt den Patagonischen Reiseberichten von Michael gelauscht. Und damit dem sowieso schon vorhandenen Floh im Kopf neue Nahrung gegeben.

Rettungshubschrauber auf ANHOLT. ohne Einsatz

Nun, die Flagge der X55 ist zweifellos die Nationalflagge von CHILE.

Horizontal weiß/rot gestreift, links ein blaues Quadrat mit einem weißen Stern darin.

Klar. Das gibt es doch nicht! Ganz schön spucky, oder?
Eine X55 aus CHILE ist auf ANHOLT so ziemlich das unwahrscheinlichste, das man hier erwarten kann. Als die Mannschaft der X55 am letzten Abend das Boot verlässt, fängt der Skipper des STORMVOGELS die drei fremden Menschen auf der Pier ab und bittet um ein Wort bei über 20 Knoten Wind. Und erzählt, das ein guter Segelfreund, vor Jahren im Pazifik kennen gelernt, die letzten Abende von Patagonien und der Chilenischen Marine geradezu geschwärmt hat. Und dann treffen wir einen Tag später auf eine Yacht aus CHILE und verpennen es beinahe, die Mannschaft anzusprechen.

Miguel, so der Name des Skippers der X55 erklärt: Das Boot hat er 2019 in Dänemark gekauft und wollte 2020 anfangen, das Boot nach CHILE zu segeln. Ein Satz mit X, das war wohl nix. Corona. In diesem Jahr klappt es beruflich nicht bei ihm, aber immerhin will er am Wochenende bei einer Regatta bei AARHUS teilnehmen. Daher will er so wie wir auch am nächsten Tag los. Er meint, er kenne die „Kanäle“ (also die großen Fjorde in Südchile, am Ende der Welt) sehr gut und wenn wir wirklich da unten ankommen würden, sollen wir uns auf jeden Fall bei ihm melden. Wir tauschen Visitenkarten mit Kontaktdaten…

Rettungshubschrauber auf ANHOLT. ohne Einsatz . Der Pilot muss es drauf haben. Landet zwischen Fähre, Fährtterminal und Rettungsschuppen. Cool.

…und wie um dieses besondere Ereignis noch zu toppen:
Miguel ist Winzer. Er würde gerne seinen Wein auch nach Deutschland verkaufen. Wenn ich da wohl einen Importeur kennen würde?

Leider, leider kenne ich niemanden, der im internationalen Weinhandel tätig ist.

Obwohl. Einen Großkonsumenten wüsste ich da schon…

Peter.

T82-85, ANHOLT

Das Geheule in der Takelage geht langsam auf die Nerven!

Der ganze Dampfer hängt mit guter Steuerbord-Schlagseite im Wasser und schaukelt fast so, als ob wir auf See wären. Wer weiß denn schon wirklich, wie viele Tonnen die Heckbojen von ANHOLT halten? Sind daran 19 Tonnendampfer OK, gerade noch OK oder gar nicht OK und somit völlig bescheuert? Wir haben gleich zwei Hilfsleinen an Backbord ausgebracht, damit der seitliche Druck auf die Heckboje ja nicht zu groß wird.

Fähre ANHOLT, fährt fast immer…

Heckboje. Bei uns ja nicht. Wir liegen mal wieder falsch herum in der Box und die Heckboje ist an unserem Bug.

Völlig egal bei dem Wind. Dienstag haben wir neben den 30 Knoten Nordwest auch noch schwere Schauerböen. Die zerren an allem, was den STORMVOGEL über Wasser ausmacht. In der Takelage klappert und rappelt es nur so. Erst mal alle Fallen vom Mast so weit weg gebunden, das mal Ruhe ist.

Auslaufen ANHOLT bei 30 Knoten West

Aber dieses nervtötende Geheule geht davon natürlich auch nicht weg.

Es ist nicht einfach nur beeindruckend, welche Kraft dieser Wind hat. Diese unbändige Kraft lässt erschauern. Eine Regenbö mit 35 Knoten ist, egal ob auf See oder im Hafen, die normative Kraft des unvermeidlich faktischen: Zu viel Segelfläche auf See oder schlecht angebunden im Hafen führt zu jeder Menge Ärger. Wir oder der Wind.

Brandung in ANHOLT

Wie kann es eigentlich sein, das nach einem vier Tage Sturm ein Tag Flaute herrscht, nur damit es dann wieder ein paar Tage stürmt?

Sind wir hier etwa am Kap Horn gelandet?
Hallo?
Ostsee?
Sommer?

Kein schönes (Segel)Wetter in Sicht. Schon klar. Woanders werden im Moment ganze Ortschaften von einer Regenflut weg gespült oder Tornados (Hallo? Tornados!) decken in Deutschland die Dächer ab. Da werden wir auf unserer Luxus-Lieblings-Lust Insel ANHOLT wohl ein paar stürmische Tage mehr abwettern können?

Auslaufen ANHOLT bei West, 25 Knoten

Immerhin schwimmt unser Gefährt ja. Dafür ist es gebaut. Immer schön über Wasser bleiben. Oberstes Gebot auf See. Außer für U-Boote vielleicht.

Die Überfahrt von VRANGÖ nach ANHOLT war im wahrsten Sinne des Wortes zum Kotzen. Nix mit Segeln. Kein Wind, aber dafür elendigen alten Schwell von den stürmischen Vortagen. Nach nur einer Stunde auf See muss der Skipper sich erst mal hin legen und den Magen beruhigen. Das Hirn ist leider noch voll da und fragt nagend, was das denn wohl für ein Skipper sein soll? Wegen eigentlich nix wirklich seekrank? Wie extrem beruhigend, das die Mannschaft, tapfer wie immer, ordentliche Wache geht.
Später geht es dann des Skippers Magen besser und er fängt tatsächlich auch an zu lesen. Natürlich nur eines jener Bücher, das die Mannschaft schon vor Tagen ausgelesen hat und ein paar Buchstaben übrig lies.

Auslaufen ANHOLT bei 30 Knoten, West

Zwei Highlights in 8 Stunden:
Das überqueren der Nord-Süd verlaufenden Schiffsarttrasse. Glück gehabt, die aus großen Dampfern bestehende endlose Perlenkette hat heute so große Lücken, das wir ohne Kursänderungen passieren können.
Und wir müssen sicherheitshalber kurz vor ANHOLT vom Steuerbord-Dieseltank auf den Backbord-Dieseltank umschalten. So wirklich ganz genau weiß man ja nie, wie viel Diesel noch im Tank ist. Und die äußerst unerfreuliche Erfahrung eines leeren Dieseltanks bei einem Einlaufmanöver hatten wir ja auch schon. Es ist halt wirklich so: ERFAHREN kommt von ER FÄHRT. Das Umstellen der Dieseltanks ist nur deshalb etwas besonderes, weil man es so selten macht. Dabei muss man nur kurz die Dieseleitung entlüften. Kein Problem. Nur Aufregung, die es nicht gäbe, wenn man es gewohnt wäre.
Der Anleger in ANHOLT bei immer noch sehr wenig Wind reine Routine. Der Hafen vielleicht nur zu einem viertel belegt. Erschreckend, wie schnell so eine Saison vorbei ist. 80% Deutsche. Geschätzt.
Am Abend rechnen wir noch stark damit am nächsten Morgen weiter gehen zu können, diesmal aber mit Wind. Daher legen wir keinen Strom, packen das Segel nicht ordentlich weg und bleiben reisebereit.

Lieblingsmotiv auf ANHOLT

Doch schon in der Nacht fängt es richtig an zu blasen und in der Takelage fängt es an zu klappern. Gegen 0800 dann schwere Regenböen die schlicht durch ihre Anwesenheit klar machen, heute besser nicht auf See zu gehen. Jedenfalls uns bangbüchsigenen.

Sportlicher Trimaran

Ein mittelgroßer eingeborener Schoner sieht das anders. Die ORION aus AARHUS ist eigentlich ein schöner Dampfer, hat aber mit Sicherheit schon bessere Tage gesehen. Es muss unglaublich schwierig auf aufwendig sein, solche alten Schiffe ordentlich in Schuss zu halten.
ORION liegt ganz außen mit dem Heck zur Pier, 30 Knoten voll auf die Backbordseite. Direkt daneben, an Steuerbord eine neue X55 aus Chile. An Bord der ORION 7 Personen, fünf irren mehr oder weniger planlos über Deck. Ein grauhaariger alter Mann scheint der Skipper zu sein und ein in knallrotem Ostfriesennerz steckender junger Kerl muss so was wie der Bootsmann sein. Immerhin gibt es einen.
Irgendwie kommt ORION nicht los. Schon klar. Mit dem starken Seitenwind wird man die X55 auf jeden Fall touchieren. Da könnten auch die vielen Fender an beiden Booten versagen. Des STORMVOGELS Skipper würde versuchen, mit der Ankerwisch den Bug in den Wind und so längsseits zur Pier zu kommen. Genug Platz wäre ja. Das macht er ständig. Sich bei problematischen Situationen anderer fragen, wie er das selbst lösen würde ohne es selbst lösen zu müssen. Aber natürlich sagt er nichts. Schon gar nicht zu Skippern von schönen, aber herunter gekommenen Segelschiffen (Schiffen! Nix Boote!).
Was genau der Grauhaarige im Schilde führt, kann des STORMVOGELS Skipper von Bord aus nicht nachvollziehen. Pullover an und als Zaungast auf die Pier. Eigentlich widerlich, diese Pontontouristen. Aber geschickt getarnt, denn er bietet ein paar STORMVOGEL Fender als Reserve der X55 an.
Mit einem kleinen Beiboot bringt die ORION Besatzung eine weitere Bugleine an einer weiter windwärts liegenden Boje aus. Diesmal auf Slip, die eigentliche Festmacherleine ist an einer näheren Boje fest geknotet.

Ferienahaus auf ANHOLT

Immer noch keine Ahnung, wie der Skipper der ORION hier raus kommen will.

Achtern, an der Pier ist mittlerweile auch eine Leine auf Slip. Der Steuerstand der ORION ist mittschiffs. Mit einem Male gibt der Grauhaarige Vollgas. Eine kleine schwarze Abgaswolke legt sich um das Schiff, die auf Slip liegende Bugleine wird ohne Probleme gelöst, die Heckleine kommt unter Spannung aber dann auch frei und die sehr lange an der näheren Boje fest geknotete Leine wird aus der Hand gefiert. Doch das Vollgas der Maschine und der Wind sorgen dafür, das die Leine viel schneller zu Ende ist, als gewollt, ausrauscht und ins Wasser fällt.
Entgegen der Überlegung des STORMVOGELS Skipper legt der Grauhaarige bei dem Manöver aber nicht Backbord Ruder, also in den Wind, sondern Steuerbord. Mit dem Wind.

Genial!

Mit dem Wind ablaufen und dadurch Mitschiffs und Heck von der X55 weg drehen.

Natürlich schießt die ORION viel zu schnell in die nahe liegende erste Boxengasse, doch in letzter Minute geht der Grauhaarige auf Backbord und dreht mit Vollgas das schwere Schiff in den Wind. Denn nun gilt es sofort wieder Ruhe in dieses Wildwest Manöver rein zu bringen und die verlorene Leine zu bergen.

Das ist der Job des Bootsmanns.

Fast schon Brandungssegeln

Zusammen mit einem Passagier (o.ä.) steigt er in das kleine feste Beiboot und versucht, gegen den Wind zur der Boje zu rudern. Ein Ding der Unmöglichkeit! Der Wind heult, auf der Pier muss man selbst als übergewichtiger Skipper aufpassen, nicht umgeweht zu werden.
Die Riemen fliegen immer wieder aus den Dollen. Kein Wunder bei der vielen Kraft, die der junge Bootsman in die Riemen legt. Sie treiben ab, erwischen aber noch eine andere Boje und machen dort erst mal fest.

Während dessen die ORION versucht, ihre Position im Innenhafen von ANHOLT gegen den Wind zu halten. Das klappt aber irgendwann nicht mehr und sie muss eine große Runde durch den Vorhafen drehen.

Auslaufen ANHOLT bei West, 25 Knoten POLARIS und LOTTE

Derweil der junge Bootsmann im kleinen festen Beiboot mit einem Tampen die Riemen auf die Dollen benzelt, damit sie unter Krafteinwirkung nicht immer raus fliegen. Wirklich clever.

Und dann rudert dieser tolle junge Mann was das Zeug hält! Gegen 30 Knoten Wind. Gegen eine miese Hafenwelle, die nicht wenig Wasser in das kleine feste Beiboot befördert. Und tatsächlich, nach vielleicht fünf Minuten für 200 Meter erreichen sie die Boje mit der fest geknoteten langen Leine, binden sie ab, bergen sie und rudern zur nun nahe liegenden ORION zurück.

Der junge Bootsmann, in seinem knallroten Ostfriesennerz klettert an Bord und sackt sichtlich erschöpft kurz zusammen, nur um dann sofort das Deck klar zu machen für die große Schaukelei draußen vor dem Hafen von ANHOLT.

Des STORMVOGELS Skipper dackelt beeindruckt und beseelt auf der vom Sturm umtosten Pier zurück zu seinem Boot. Der Grauhaarige hat es echt drauf und ein Schweine Glück, das er so einen famosen Bootsmann an Bord hat. Hoffentlich weiß er das!

ORION ist weg. Das nervtötende Geheule an Bord des STORMVOGELS bleibt.

Also viel Zeit an Land verbringen. Wie wir die Landschaft auf der kleinen Insel lieben!

Brandung auf ANHOLT

Zwei Tage später.

Auch wir denken, zur Not könnte man heute los. Aber so gegen 0900 entscheidet sich der Skipper im Hafen von ANHOLT zu bleiben. Was soll das? Wir haben Zeit, wir brauchen keine Schlechtwetterbestätigung und wir sind am Ende vielleicht einfach auch nur faule Leute. Faule Seeleute.

Ein Dampfer aus der Schweiz macht den Anfang und liefert spektakuläre Bilder beim Verlassen des Hafens. Keine Ahnung, was die Mannschaft im Schilde führt, denn sie motort gegen 25 oder mehr Knoten Wind und eine zwei Meter Welle. Zwei Stunden später kommen sie wieder zurück. Durchaus gute Seemannschaft, wenn man erkennt, das es nicht geht.

Gerade, als die Schweizer wieder einlaufen gehen noch drei andere Dampfer raus, aber auf viel freundlicheren Kursen gen Süden.

Könnte, hätte, sollte man vielleicht auch machen sollen.

Aber wozu eigentlich?

Peter.

…neues von Familie, Segeln und Fotos