Tag 60-64, DAS ENDE

Das Problem mit Rückreisen ist ja immer, das man weiß, dass das Ende naht.

So auch dieses mal. Stramm nach Süden, wenn es das Wetter zulässt.

Der Schlag von Samsö nach Middelfahrt gelingt zwar bis zur Ansteuerung des Kleinen Belts unter Segeln, doch es ist nasskalt, trübe und trostlos.

Rückreisewetter.

Je näher wir dem Festland kommen, um so weniger wird der Wind. Welle ist schon lange keine mehr vorhanden. Dafür jede Menge Segelboote um uns herum und auch wieder Schiffsverkehr, der beachtet werden will.

Eigentlich wollen wir den alten Stadthafen von Middelfart ausprobieren, nach dem wir 2017 bereits länger in der Marina herum lungerten. Doch die kurze Inspektion ergibt: Ganz schön klein hier, jede Menge Holzkutter an denen geschraubt und gemalt wird und Abends wird es bestimmt rappel voll mit Charterbooten sein. Unser Bedarf ist gedeckt! Also einmal ganz rum um die Halbinsel und wieder in die Marina Middelfart, die so elendig weit ab vom Schuss liegt.

Alles so trostlos, wie wir es in Erinnerung haben. Kein guter Ort, um ein paar Tage auf besseren Wind zu warten, aber was soll das Jammern? Ein langer Spaziergang in die überraschend schöne und aktive Innenstadt von Middelfart, ein paar Einkäufe und natürlich ein paar Bootjobs.

Zwei Tage später, am Tag 63 geht es weiter nach Süden. Eigentlich haben wir gar keine Lust mehr auf Häfen und streben daher an, nach Lyö auf Anker zu gehen. Der Südwestwind ist Anfangs sehr gut segelbar, bis zu engen Passage von Bägö überhaupt keine Welle. Danach wird es erst mal unangenehm.

Logisch:
Wenn es tagelang ordentlich aus Süd weht, steht erst mal eine alte Wellte in den kleinen Belt. Aber der Stormvogel läuft und erst als wir kurz vor Lyö stehen und die Nordansteuerung nehmen wollen, wird es wirklich doof. Zum einen lässt der Wind nach und dreht weiter zu Ost, zum anderen ist die Welle mittlerweile völlig chaotisch und es setzt Nordstrom.

Mit anderen Worten: Es läuft gar nicht mehr.

Brüllaffe im Keller an, Vorsegel weg und die letzten paar Meilen bis zum Ankerplatz unter Diesel. Was solls?

Herrlich, diese Ruhe! Herrliche diese unkomplizierte Art des Übernachtens. Wenn der Ort stimmt. Wo könnte er mehr stimmen, als auf Lyö? Das sehen schätzungsweise 15 andere Boote an diesem Abend auch so. Kein Problem, die Bucht hat Platz für 100.

Mit der Erinnerung der doofen Welle vom Vortag und der Windvorhersage, die einen Mittags einschlafenden Wind prophezeit, entscheidet sich der Skipper am Folgetag, durch das Marstal Fahrwasser nach Süden zu gehen. Das eröffnet die Gelegenheit auf einen Abbruch in Marstal, verspricht ruhigeres Fahrwasser und ist nur knapp 8 Seemeilen länger.

Früh´ am Morgen geht es los, trüb, aber tolle leichte Ostbriese, die uns für zwei, drei Stunden gute Fahrt beschert. Die Mannschaft will lieber direkt nach Wendtorf durchfahren, jetzt tickt doch irgendwo die Uhr und die Luft ist raus. Einziges Gegenmittel wäre wohl ein echter Sommertag, doch der ist nicht in Sicht. Es ist gefühlt trübster Herbst.

So passieren wir ohne Halt unter Groß und Maschine Marstal, eine Reihe von Booten läuft gerade aus und verstreut sich auf alle möglichen Südkurse. Nur wenige nehmen Kurs auf die Kieler Förde. Wir versuchen erst gar nicht zu segeln. Der Wind steht jetzt auf Süd-Süd-West mit 8 Knoten. Klar, echte Segler würden jetzt aufwendig kreuzen und den Tag auf See genießen. Auch im Regen.
Doch wir fahren einen Holländer mit großen Dieseltanks und top-fitter Maschine. Also stellen wir den Brüllaffen erst ab, als wir bei nun völliger Windstille in Wendtorf fest machen.

Hier endet nach 64 guten Tagen unsere Ostseereise 2020.

Der Dampfer bleibt in der ewigen Baurunine der sogenannten “Marina Wendtorf” für zwei Wochen, dann bringen wir ihn in einer grandiosen Kanalfahrt in nur einem Tag bis nach Glückstadt. Grandios, weil wir bei beiden Schleusen keine Wartezeit hatten und die 12 Seemeilen auf der Elbe in knapp 1,5 Stunden bei auflaufend Wasser zurück legen konnten. Wir rechnen fest damit, das wir das Sperrwerk in Glückstadt noch passieren können. Doch bei Ankunft werden gerade die Tore geschlossen, gut 45 Minuten vor der offiziellen Zeit. Angeblich wegen aktuellem Wetter…oder war nicht Sonntag Abend?

Ende gut, alles gut.

War eine gute Zeit.

Viele alte Segelfreunde getroffen, kaum neue gemacht.

Viel Zeit zusammen verbracht und die Lust am Segeln nicht verloren.

Peter.

P.S. 1
Zitat von der Website www.marina-wendtorf.de:

“Die Marina Wendtorf ist seit 2015 ein moderner familienfreundlicher Hafen mit neuen, gut ausgerüsteten Echtholzstegen und einer neuen modernen Sanitärausstattung.”

Was für ein Schmarrn!

Der Hafen verkommt immer weiter, der Eigentümer und Betreiber Ship Shape Deutschland GmbH verschachert immer mehr Land an die Ferienhausbude Planethaus und bringt die Anlage um einen entscheidenden Vorteil: Das Parken von Autos direkt am Steg. Keine Ahnung, wie die sich das vorstellen, wenn da erst mal überall Ferienhäuser stehen. Und die Autos der Bewohner.

“neue, gut ausgerüstete Echtholzstege” – kein Kommentar.

“modernen Sanitärausstattung” – Klar, die von Amateuren selbst umgebauten Container auf dem schmuddeligen Industrieponton sind neuer als das mittlerweile abgerissene Sanitärgebäude. Abgerissen, weil man den Platz wohl auch verkauft hat.

Es ist noch nicht einmal problemlos möglich, seine Hafengebühren zu bezahlen. Die so genannten Hafenmeister sind kaum da, der Automat funktioniert nur manchmal. Und das ist wirklich bezeichnend. Denn es ist ein aus Dänemark und Schweden bekannter BEAS Automat, die wirklich überall tadellos funktionieren. Nur die Kiste in Wendtorf kann weder Karten noch Scheine. Da hilft auch das Schild nichts, das der Automat manchmal nicht funktioniere und man bitte warten möge, bis das Hafenbüro mal besetzt ist.


Wäre mal eine Geschichte für einen ambitionierten Lokaljournalisten: Was geht da eigentlich seit über 10 Jahren wirklich ab?

P.S.2
Die Charmeoffensive des Nord-Ostsee-Kanals (NOK) geht offenbar weit über die neuerdings kostenlose Benutzung hinaus. Wartete man “früher” gerne mal in Kiel 4 bis 6 Stunden auf eine Sportbootschleusung, geht es jetzt “sofort”: In Kiel wartet bereits ein Boot, als wir ankommen. Kaum sind wir zu zweit, wird die große Kammer aufgemacht und wir Zwerge verlieren uns in der riesigen Schleuesenkammer.
In Brunsbüttel sind wir gar alleine. Die Schleuse wartet sogar schon auf uns, Null Minuten Wartezeit.

Nicht, das wir das darüber beschweren würden.

Tag 57-59, Samsö

Gut 60 Seemeilen nach Südwest, nach Samsö.

Früher Vogel fängt den Wurm, früher Segler fängt den Wind.

Unter Vollzeug über die Untiefen, am Windpark von Grena vorbei, doch Geschwindigkeit schreibt man anders. Wer 60 Seemeilen abspulen will, muss Geschwindigkeit machen. Erst Recht, wenn die Wettervorhersage für den späteren Nachmittag von einem Flautenloch um Samsö spricht.

Also beschäftigt sich der Skipper mehr als üblich mit dem Segeltrim und leichten Kursänderungen bis er irgendwann zufrieden ist. Die Mannschaft macht derweil Frühstück und als auch das erledigt ist, widmen wir uns unserer neuesten Beschäftigung auf See:

PODCAST hören!

Ganz was modernes. Man nehme:

1) Ein Mobiltelefon
2) Einen Bluetooth Lautsprecher mit dickem Akku
3) Die App “ARD Audiothek
4) Eine Internetverbindung (an Land, im Hafen)
5) Man lade **VOR** Auslaufen ein paar, oder ein paar mehr Podcasts herunter. Als da wären: ARD Radiotatort, Fernseh-Krimis, Fernseh-Talkshows oder, absoluter Favorit in diesen Tagen: “Wischmeyers Stundenhotel” (mehr dazu gleich…)

Und wenn dann die Zeit ist, schmeißt man das Teil an und lauscht, geht Ausguck und trimmt mal nach, wenn einem danach ist.

Wischmeyers Stundenhotel wird vom Radiosender Bremen 2 produziert. Gehobener Nonsens mit manchmal denkwürdigen Gedanken, vorgetragen von Tina Voß und Dietmar Wischmeyer. Letzteren kennt man aus der heute-show, schließlich ist er der Kumpel von Oliver Welke aus den längst vergangenen Tagen des legendären ffn Frühstyxradios Ende des letzten Jahrtausends.

Nun, jeden Monat eine Folge, eine gute Stunde lang. Wenn man den Podcast für sich neu entdeckt, hat man gut zu tun, sich alle Folgen anzuhören.

Wir nähern uns Samsö, der Wind frischt auf und wir rasen geradezu auf das enge Fahrwasser der Nordansteuerung von Samsö zu. Der Gedanke ans Reffen kommt auf, aber es läuft doch gerade so gut! Von wegen Flautenloch! Kommt wohl erst später am Tag?

Und dann wird es wirklich spuuky:

Erst, unmittelbar vor der Enge von Vejrö und Nordby ist der Wind innerhalb von jetzt auf gleich vollkommen weg. Einfach weg. Unheimlich! Eben noch über 7 Knoten Fahrt, jetzt flattern die Segel.

Das ist aber nicht nur unheimlich, sondern auch doof. Schließlich müssen wir hier recht genau auf Kurs bleiben. Also kurzer Streßeinsatz: Maschine an, Vorsegel weg, Groß fest setzten und mal weiter auf der Kurslinie tuckern. Vielleicht kommt der Wind ja gleich wieder? Tür auf und Tür zu?

Nun, er kommt nicht wieder, doch mit einem mal machen wir “boiling water”, kochendes Wasser, voraus aus. Untrügliches Zeichen von massiver Strömung. Die Meerenge ist hier keine Seemeile lang, doch irgendwie will das Wasser nach Norden, wir nach Süden und selbst mit erhöhter Drehzahl kommen wir zunächst nicht über 4 Knoten, noch mehr Drehzahl bringt dann die 5 vor dem Komma. Mehr wollen wir in dieser Situation nicht.

Und dann, fast unmerklich, ist die Strömung weg, spiegelglatte See und, natürlich, immer noch kein Wind. Da ist es also wirklich, das angesagte Flautenloch von Samsö! Auch egal, in gut 4 Seemeilen liegt der Hafen von Ballen. Also packen wir schon mal in Ruhe das Groß weg, bringen Fender und Festmacherleinen aus und haben beim Einlaufen in den Hafen auch keine Lust mehr. 60 Seemeilen sind halt 60 Seemeilen.

Um die Uhrzeit ist der Hafen natürlich voll, der Skipper entschiedet sich für eine einsame Mooringboje und geht wieder mit dem Heck an die Pier. Komisch. Wieso liegt hier keiner? Die vielen Längsseitslieger  in Ballen haben längst Päckchen gebildet und hier sind noch vier, fünf gute Plätze frei. Natürlich klappt das Manöver bei der Windstille auf Anhieb. Kaum sind wir fest, entdeckt der Skipper in der Holzpier eine eingelassene LED-Tafel. Die leuchtet Rot. Also im Schatten des Stormvogels leuchtet sie rot. Die Sonne steht tief im Westen und die LED´s sind natürlich völlig machtlos gegen die Sonnenstrahlen, die bei Auftreffen auf die LED´s trotz schlapper 150 Millionen zurückgelegter Kilometer einfach heller sind. 

Nun, üblicherweise ist die Farbe Rot auf einem Liegeplatz keine gute Farbe. Keine oder Grün wäre besser. Aber Rot? Das erklärt erst mal, wieso hier keiner liegt. Ob der erhöhten Pier klettert der Skipper wie ein Bergsteiger an Land und will den Hafenmeister suchen. Doch weit muss er nicht pilgern, denn er fragt den Skipper eines längsseits liegenden Motorbootes und der hat die Telefonnummer des Hafenmeisters.

Der Anruf ergibt, das wir das, wo wir jetzt liegen, nicht liegen sollten. Denn das sind Plätze, die man über das Internet im voraus buchen kann. Die ultimative digitalisierung des Yachthafens!

Mit anderen Worten: In Ballen auf Samsö kann man jetzt für seinen Dampfer vorab virtuell ein Handtuch auslegen lassen.

Wir sollen beim Boot warten, er kommt gleich mal vorbei…tut er auch tatsächlich und meint, wir können bleiben. Doch wenn jemand in der Nacht den Platz buche, müssen wir da Morgen weg.

In Ermangelung von Wind wissen wir, das wir am Folgetag nicht weiter gehen werden und so beschließt, viel später am Abend, nach dem obligatorischen Bade im Meere, nach Einkaufen, Duschen und Abendessen, der Skipper sich dieses famose Liegeplatz-Buchungssystem mal genauer anzusehen.

In der Zwischenzeit liegt im übrigen eine Rennziege aus Hetlingen direkt neben uns und daneben ein prominenter Großdampfer aus Bremen. Alle auf Rot.

Das Liegeplatz-Buchungssystem ist ein einziges IT Desaster! Wer auch immer dafür verantwortlich zeichnet, wer auch immer seine Finger (Hirn war wohl nicht dabei) bei der Entwicklung beteiligte, wer auch nur in der Nähe bei der Entstehung dieser “Lösung” war, dem gehört die Tastatur für immer weg genommen!

Geht schon los mit dem famosen Namen:

www.cpay.dk

CPAY – C hört sich in Englisch wohl so ähnlich an wie Sea, Seapay, ach wie toll.

Nun gut. Das ist noch Geschmackssache.

Ein paar dänische Häfen machen da mit. So auch Ballen. Man bucht darüber nicht einen speziellen Platz, sondern nur “einen Platz”. Dafür werden im Hafen einfach mal 10 Plätze blockiert, also elektrisch auf Rot gesetzt und wenn dann einer bucht, wird über die immer noch rote LED Tafel der Bootsname eingeblendet. Wenn man also ankommt, muss man erst mal suchen fahren, und wenn die Sonne tief steht, auch für Schatten vor der Tafel sorgen. Und wenn keiner gebucht hat, bleiben die Plätze eben auf rot. Und leer.

Der Buchungsprozess ist, na ja, OK. Doch im Laufe der einzelnen Schritte bekommt man 4 (VIER!) Codes, die alle wichtig seien. Ein PIN Code, einen Zugangscode für die Dusche, eine Kunden und eine Rechnungsnummer. Per Kreditkarte zu bezahlen.

Und nun kommt die nächste Hürde bei der Verknüpfung der virtuellen mit der realen Welt: Irgendwie muss ja nun an den Dampfer ein Aufkleber als Bestätigung dafür, das bezahlt wurde. Sonst weckt einen womöglich noch der Hafenmeister, denn der ist noch analog und weiß bei seiner Stegkontrolle leider nicht, wer online gebucht und bezahlt hat. Also **GENAU** nach Anweisung den PIN am Hafenautomaten eingegeben, doch die doofe Blechkiste meint, sie kenne die Nummer nicht. Tagsüber ist kein Hafenmeister zu sehen. Irgendwann probiert der Skipper einfach alle Nummern durch und siehe da, nicht der verlangte PIN Code ist der, der zum ersehnten Aufkleber führt, sondern die Ziffernfolge, die für die Dusche zuständig ist. OK, da hat der, der die Anleitung geschrieben hat, wohl gepennt und den Prozess nicht wirklich durchprobiert. Klassiker.

Jetzt müsste ich noch schreiben, wie man Strom über dieses System bucht. Denn die Steckdosen sind individualisiert und ebenfalls online zu buchen. Oder am Hafenautomaten. Aber nur da (am Hafenautomaten) kann man die Steckdose einigermaßen vernünftig auswählen…wenn man sich vorher gemerkt hat, welche frei ist.

Was für ein Scheiß!

Wenn man so eingestimmt nach einem langen Seetag sich zur Ruhe begibt, kann der nächste Morgen ja auch nicht besser werden.

Der Morgen beginnt um 06.00 Uhr. Mit einem unglaublichen Getöse und mit noch viel mehr laut ausgesprochenen, ganz offenkundig überflüssigen Sätzen eines mitteilungsbedürftigen Skippers einer Rennziege aus Hetlingen. Die legt im Morgengrauen neben uns ab. Klar, wenn so eine tolle Regattamannschaft bei Windstille am frühen Morgen ablegt, müssen alle Besatzungen der umliegenden Boote auch wach werden, um Respekt zu zollen. Schon klar. Was für ein Selbstbewusstsein. Was für eine Überheblichkeit. Was für ein unsympathisches auftreten!

Schade nur, das der Regen erst eine Stunde später einsetzt.

Aber wenn man denkt, jetzt sind sie weg, dann liegt man falsch. Denn an “unserer” Mooringboje war nicht nur die Rennziege aus Hetlingen fest, sondern auch noch der prominente 18 Meter Dampfer aus Bremen. Auch nur so eine verkappte Kojencharterkiste mit Gastskipper. Der hat sich gleich an zwei Mooringbojen fest gemacht und mit seinen Vorleinen die anderen Boote quasi gefesselt. Wenn man raus will, muss man erst mal die Leine des Bremer Dampfers weg nehmen…und wieder an die Boje bekommen.

OK, ich gebe zu, dieser Krampf mit insbesondere deutschen “Großyachtseglern” geht mir vielleicht mehr als nötig auf den Keks. Doch wie um das ganze noch zu toppen, feiern in der nächsten Nacht drei tolle dänische Kerle eine riesige lautstarke Orgie auf “ihrer” 54er HANSE. Mit völlig überdrehten Inseldamen, die sie offenbar irgendwo aufgerissen haben. Gegen drei Uhr siegt endlich (!) der Alkohol und Stille macht sich breit.

Um 6:00 Uhr legen wir in aller Ruhe ab.

Peter.

P.S.: Das Problem mit einem 48 Fuß Eignerdampfer in der Südwestlichen Ostsee ist doch, das man alleine ist. Boote in ähnlicher Größe sind zu 90% Charterdampfer mit (vielleicht) einem wissenden Skipper und einer Reihe von Landratten. Und die wollen in der einen Woche, die sie sich den Dampfer leisten können, maximalen “Spaß”. Kann man nachvollziehen, muss man aber wohl nicht gut finden.
Mit einem kleineren Boot läge man wohl eher da, wo gleichgesinnte sind.

P.S.2: Mehr Bilder gibt es tatsächlich nicht. Wir haben zwar am freien Tag eine Fahrradtour gemacht, doch die fand während einem ausgeprägten Landregen statt und der Skipper fand kein lohnenswertes Motiv. Die Mannschaft hingegen fand einen Laden auf dem Lande (…nachdem der Skipper mühevoll den Ort gefunden hat. Ohne Plotter!) mit wunderschönen Anziehsachen. Sagte die Mannschaft und ruinierte die nicht vorhandene Bordkasse.

P.S.3: Und vor lauter Mecker fast das wirklich schöne vergessen: An beiden Abenden, in der Abendsonne, tummeln sich 5, 10, 15 jugendliche am Hafen und springen voller Herzenslust ins Hafenbecken. In der Gruppe auf Kommando, einzeln mit Salto und so lange des der Hafenmeister nicht mit bekommt, auch von wackelig aufgetürmten Sitzbänken. Arschbombe bevorzugt. Begeistert schauen wir den jungen Menschen zu, Lebensfreude pur. Erst beim zweiten Hinsehen fällt ein lachendes Mädchen in Burkini auf das genau wie alle anderen lacht, johlt und springt. Und als ihr Bruder Abdul uns kurz auf deutsch anspricht nur um direkt neben uns vom Festmachpoller sich wieder ins Hafenbecken zu stürzen, wird uns mal wieder klar, wie einfach die Welt sein könnte. Und wie einfach sie hier & jetzt gerade ist. Jedenfalls für diese Horde jungendlicher Wasserspringer! Und uns Zuschauer.



Tag 54 bis 56: Drei auf einen Streich

Die drei sind Marstrand, Vrängö und Anholt, letzteres sicher ein kleiner Frevel.

Doch der Reihe nach:

Der Gast steigt planmäßig in Marstrand aus und wird mit dem Bus nach Göteborg, mit der Fähre nach Kiel und mit der Bahn nach Elmshorn reisen. Der Mannschaft ist der Trennungsschmerz anzumerken und auch der Skipper sorgt sich ein wenig, ob der Gast denn wirklich diese komplizierte Reiseroute meistern wird. Doch, wie immer, hilft Rationalität: Der Gast ist nicht nur einfach Kind. Wird er ja auch ewig bleiben. Nein, er ist mittlerweile selbst ein erfahrener Reisender, der hat schon ganz andere Wege in der Welt zurück gelegt.

Abschied, ein wenig Wehmut, doch wir werden uns ja schon bald wieder sehen.

Es ist bereits Nachsaison in Marstrand, doch der Liegeplatz ist super-teuer im Vergleich zu einem Ankerplatz. (Toller Vergleich, oder?) Der Unterschied liegt jedoch nicht nur einfach im Preis. Die Nutzung der Waschmaschinen im Hafenhaus ist mittlerweile im Liegegeld enthalten und so waschen wir tapfer 4 (in Worten VIER) Ladungen und trocknen sie auch gleich. Schon erscheint einem das Liegegeld sehr angemessen, geradezu attraktiv! Doch wir würden nicht soweit gehen, das man nach Marstrand gehen sollte, um seine Wäsche zu waschen.

Eine kurze Abkühlung an der nahe gelegenen Badestelle, eine leckere Pizza am Hafen in neuer alter Zweisamkeit und die Entscheidung, am kommenden Tag nach Vrängö, südlich von Göteborg zu gehen.

Einmal mehr vollständig unter Maschine.

Auf dem Weg dorthin scouten wir zwar noch die eine oder andere alternative Ankerbucht, doch an einem Sommerwochenende in der Nähe von Göteborg braucht man wohl nicht ernsthaft nach Ruhe und Abgeschiedenheit zu suchen. Jeder Schwede hat mindestens ein Boot. Und wenn die Sonne scheint, ist er damit unterwegs. Logisch.

Eigentlich wollen wir in den netten kleinen Hafen von Vrängö, doch gleich gegenüber der Hafeneinfahrt liegen ein paar Boote bei nahezu völlig glattem Wasser auf Anker. Ein Blick in die Seekarte verrät, das man hier ganz gut aufpassen muss: Ein Felsen mit 1 Meter Wasser darüber, ein anderer mit 1,5 Meter. Gut, das sich Felsen in der Regel nicht bewegen und man diese Untiefen mit langsamer Fahrt und Sicherheitsabstand gut umschiffen kann.

Wir ankern etwas zu nah an einem Tagesausflügler auf 6 Meter Wasser (57° 34,8’N 11° 45,4’E) vor den unbewohnten Felseninseln Lockholmen, Mavholmen und Mavholmeskar. Der Tagesausflüger geht am späten Nachmittag Anker auf und so liegen wir ohne eigenes Zutun perfekt.

Keine Quallen in Sicht und der Skipper stürzt sich erst mal tapfer in die Fluten.

Benötigt er doch ein wenig Abkühlung, denn er muss sich endlich mal entscheiden:
Wir wollen stramm nach Süden. Aber hier oben im Kattegatt ist auf Tage hinaus kein Segelwind angesagt. Einfach gar kein Wind. Erst südlich von Anholt wird es wieder wehen. Nun könnte man Stur hier liegen bleiben und warten…oder unter Maschine die 55 Seemeilen nach Anholt abspulen und direkt am folgenden Tag unter Segeln gut nach Samsö kommen.

Keine leichte Kiste. Selbst wenn man die naheliegenden Termine mit einem kurzen Landabstecher per Mietwagen erledigen könnte, Mitte September wäre unsere Segelsaion sowieso vorbei, da die Mannschaft zur Reparatur muss und zwei, drei Wochen ausfällt.

Außer in den Schären sind wir in dieser Saison nicht besonders viel motort und so entscheidet sich der Skipper am späteren Abend für die klassische Form des Niederländischen Segelns: Motorsegeln.

Die Mannschaft ist´s zufrieden. Hauptsache Süd!

Sehr früh los, gegen 6:00 Uhr. Herrlich. Diese Stille! Einmalige Stimmung am frühen Morgen, nur der Wind fehlt. Die letzten Felsen an der schwedischen Südwestküste, dann bis zum Horizont nur noch Wasser. Jede Menge blaues Wasser. Auch mal wieder gut zu sehen.

Wir setzten und trimmen das Groß und machen später dadurch gut 0,5 bis 1,0 Knoten mehr Fahrt. Durch den seit Tagen fehlenden Wind gibt es auch absolut keine Welle. Wie ungewöhnlich auf dem offenen Meer. Die Schifffahrtswege passieren wir ohne Ausweichmanöver.

Irgendwann am Nachmittag kommen wir auf Anholt an. Das Wochenende ist vorbei, die dänischen Ferien auch. Ergebnis: Der Hafen ist nur zu einem drittel belegt und fest in deutscher Hand. Schnell den Dampfer aufgeklart, noch ein paar Sachen einkaufen (…der Laden am Hafen ist noch geöffnet!) und dann geschwind an den einmaligen Strand in das einmalige Wasser! Wenigstens für eine Stunde oder so. Mitnehmen, was geht.

Die Mannschaft bleibt unternehmungslustig und wir pilgern später zum Sundowner in die Orakel Bar am Hafen. Noch einen Sonnenuntergang ansehen. Hatten ja in diesem Jahr erst 1.000 oder so. Der Skipper, experimentierfreudig wie er nun mal ist, möchte standesgemäß einen roten Cocktail im tiefroten Abendrot genießen und beauftragt die Mannschaft, eine Bloody Mary am Tresen zu beschaffen.

Ein Fehler, wie sich kurze Zeit später heraus stellt.

Denn offenbar hat die Mannschaft den Barmixer bestochen und ihn dazu veranlasst, beim Mixen auf jeglichen Wodka zu verzichten und so sitzt der Skipper leicht betrübt im Abendrot mit seinem vereisten Tomatensaft, während die Mannschaft frohlockend an ihrem leckeren kalten Bier nippt.

Es gibt halt wirklich nichts ehrlicheres als ein einfaches, kaltes, frisch gezapftes Bier.

Peter.

Tag 52&53: Lyr

Die Insel Lyr (oder Lyrön) befindet sich gut 20 Seemeilen südlich von uns. Wie schon fast üblich packen wir die Segel gar nicht erst aus, sondern laufen unter Maschine im Schärenfahrwasser vorbei an Felsen, passieren offene Seebereiche und kleine Orte.

Wie wir später auf einer Hinweistafel lernen, liegt Lyr inmitten des Naturschutzgebietes Stigfjorden. Doch die meisten Uferzonen sind vom Naturschutzgebiet ausgenommen. Jetzt kurven wir schon ein paar Tage durch die Felsen und gewöhnen uns an deren Anblick, doch als wir das Nord-Süd laufende Hauptfahrwasser verlassen und nach Osten in den Stigfjord einlaufen, wirken die Felsen noch viel mehr nach Mond. Einige auch nach Mars, denn sie sind rötlich. Viel weniger Bootsverkehr hier.

Dank Seekarte und Plotter die Ankerbucht auf Anhieb gefunden, zwei Eingeborene liegen an Mooringbojen. Wir erkunden in einer kurzen Schleife zunächst die Wassertiefen und ankern dann auf 5 Meter Wasser (58° 04,2’N 11° 32,1′ E) ganz komfortabel zwischen den Felsen. Optisch ist die Bucht nach Osten ganz gut offen, was vielleicht schlecht bei Oststurm wäre. Doch wir haben seit Tagen schönes Wetter mit wenig Wind und auch die Vorhersage sieht perfekt aus.

Die Überragende Nachricht des Tages: Die Gegend ist völlig frei von Quallen. Die Badesaison ist eröffnet!

Ebenso wichtig: Vor Abreise aus Fiskebäckskil waren wir Morgens noch kurz in einem “Tempo” einkaufen. Spaßig, diese Namensspielchen. Einem Ankerleben in Saus & Braus steht nichts mehr im Wege!

Der Gast an Bord kommt mit dem Außenborder vom Dingi nicht so richtig klar und paddelt lieber. Auch OK, spart schließlich Benzin und schon die Umwelt. Irgendwo muss man ja anfangen. Während die einen schwimmen, die anderen scouten, wo man wohl ein kleines Campfire anzünden könnte, ist der Skipper schwer mit Büroarbeit beschäftigt. Also früher, da lag man irgendwo auf Anker, hatte kein Handy (oder später wenigstens keinen Handyempfang) und war schlicht unerreichbar.

Doch 2020 ist das anders.

Wirklich kein Schnack:
In Dänemark und Schweden haben wir zu jeder Zeit, an jedem Ort vollen 4G Empfang. Seit der EU Roomingverordnung kaufen wir keine lokalen SIM Karten mehr, sondern reisen mit ALDITALK (also EPLUS) und als Rückfallposition mit PENNY MOBIL (also TELEKOM). Doch die braucht man wirklich nicht, denn die EPLUS Roomingpartner sind in beiden Ländern exzellent.
Also keine Ausreden und übernommene Verpflichtungen werden klaglos erfüllt. Auch vom Skipper.

Nun, zurück nach Lyr.

Der Gast verkündet, wann er abreisen möchte (Genug ist Genug!) und der Skipper rechnet und plant. Auch noch Reisebüro! Doch am Ende ist es auch die Mannschaft, die mal genauer wissen möchte, wann & wie wir wieder zurück nach Hause kommen. Wichtige Termine warten. Oder besser: Wir warten seit Monaten auf Termine, die wir auf keinen Fall verschieben wollen. Klar, es geht um Arzttermine. Routine, Routine.

Am Tage streifen wir über die Insel und sind erstaunt, wie erschlossen sie ist. Vom Wasser aus sah´ sie nahezu unbewohnt aus, doch wir finden eine Straße die zu einer mittelgroßen Fähre führt. Daran ab und zu einen Bauernhof und, natürlich, Ferienhäuser. Aber nur wenige Menschen sehen wir. Dabei sind doch in Schweden noch Sommerferien.

Die Fähre ist drahtgebunden und fährt auch bei Bedarf. Dazu muss man nur klingeln 😉

Es ist heiß, an der Fähre gibt es leider kein Bier und zurück sind es bestimmt drei Kilometer. Dann trotten wir mal los…gehen schwimmen, tanken frische Kräfte auf dem Kühlschrank und bereiten uns auf den Abend vor: Grillen & Lagerfeuer auf der kleinen Insel Bockholmama an der Ostseite des Fahrwassers. Während ANICO ein HighSpeed Dingi sein Eigen nennt, tuckern wir mit unserer Schnecke schon mal los. Der Skipper fragt sich, ob denn auch Dingis tiefgangbehindert sein können. Drei Personen, Grillzeug, Drinks und vor allem jede Menge Wasser im Boot. Das läuft ja auch nicht raus, wenn das Schlauchboot so tief im Wasser liegt. Nun, der Strand ist nahe und dort werden wir das Wasser garantiert los.

Irgend jemand hat eine Feuerstelle eingerichtet, ein Messer und, man glaubt es kaum, eine Spiritusflasche zurück gelassen. Wir sammeln Treibholz und drapieren unsere karge Beute in der Feuerstelle. Feuer = Wichtig. Mücken mögen kein Feuer. Oder wenigstens keinen Qualm.

Unser mobiler Grill muss erst mal jede Menge Gemüse über sich ergehen lassen. Vegetarier bestehen auf fleischfreie Zubereitung. Wenn wir auch noch einen Veganer dabei hätten, würde es wirklich schwierig! Erst als die Gemüseberge alle sind kommt das auf den Grill, weswegen Grills überhaupt erfunden wurden: Totes Tier. Jede Menge totes Tier.

Das Feuer entzündet, jetzt doch etwas unsicher, ob wir innerhalb oder außerhalb des Naturschutzgebietes sind. Später stellt sich heraus: Ganz klar außerhalb der Sperrzone. Alles richtig gemacht.

Mit dem letzten Tageslicht zurück zum Boot.

Was für ein besonderer Abend! Sehr schön und irgendwie so eine Art krönender Abschluss.

Morgen den Gast zum Bus in Marstrand bringen, dann weiter nach Vrängö, Anholt und Samsö, durch den kleinen Belt in die Kieler Förde.

Das ist der Plan…

das ist der RÜCKREISEplan.

Schauen wir mal, was das Wetter dazu sagt.

Peter.

Tag 51, Fiskebäckski

Jetzt wird es romanisch, äh, ramontisch, ach nee, romatisch!

Nach Fiskebäckski gehen wir nur, weil wir dort die Mannschaft von ANICO treffen wollen. Die beiden haben wir auf der großen Reise 2013 auf der Pazifikinsel NIUE kennen gelernt. ANICO ist mittlerweile eine andere, die beiden erkennen wir aber bestimmt wieder. Schließlich haben wir uns seit dem ab und zu mal an Land getroffen.

Fiskebäckski liegt etwas nördlich der großen Insel Orust auf der Insel Skaftö am Ende eines tief in Nord-Süd Richtung einschneidenden Fjords. Der Skipper der ANICO kennt den Ort von früher (15 Jahre?) und möchte mal erkunden, wie es da wohl jetzt aussieht.

Für uns, die wir Fiskebäckski zum ersten mal besuchen, wirkt der Ort wie jeder andere Ort am Wasser in Schweden auch: Rote Bootshäuser säumen das Ufer, an jeder freien Stelle steht auf den Felsen ein Haus mit Blick auf das Wasser. Je neuer die Häuser, um so gewöhnlicher.

Wiedersehen feiern in Coronazeiten und vor lauter Gerede fast vergessen, den Ort wenigstens einmal kurz zu Fuß zu durchstreifen. Das wäre, wie sich wenig später heraus stellt, schade gewesen. Denn auf dem höchsten Felsen der Insel steht eine alte schwarze Windmühle. Von dort aus hat man einen grandiosen Blick nach Westen.

Blick nach Westen…
… Abend…
…Freunde…
…Sonnenuntergang!

Ich sag doch, jetzt wird es ramontisch!

Nun, weil die Marina auch nicht gerade billig ist und uns außer Geld verplempern auch sonst kein Grund einfällt, hier länger bleiben, beschließen wir später am Abend, die Sonne ist da schon längst ins Wasser gefallen, mit beiden Booten am nächsten Tag eine neue Ankerbucht weiter im Süden auszuprobieren. Somit wird dieser Ort, ganz spontan, der nördliche Wendepunkt unserer diesjährigen Sommerreise.

Keine 100 Kilometer von Norwegen entfernt.

Peter.

Tag 50: Gullholmen

Obwohl ODA längst in Süd-Norwegen angekommen ist, beeinflusst Per zunächst unseren kleinen Schweden-Ausflug.

Gullholmen sei ein muss, wenn man schon mal in der Gegend ist. Der Ort läge auf einer kleinen Insel und die zahlreichen Häuser seien so dicht aneinander gebaut, das man kaum dazwischen laufen könne. Nun, das hört sich interessant an. Der dazugehörige Hafen ist auf der Seekarte einziges WirrWarr an Zu- und Abfahrten. Nach dem Ankern in freier Wildbahn also mal wieder eine kleine Herausforderung für den Skipper bei Ankunft.

Die 12 Seemeilen nach Norden spulen wir unter Maschine ab. Segelwind wäre vielleicht so gerade eben, doch wird das Fahrwasser durch die Felsen so eingeengt, das der Skipper auf die großen weißen Dinger lieber verzichtet. Die Eingeborenen hingegen segeln überwiegend…oder Motorsegeln bei genauerer Betrachtung 😉

An der ohne Ortskenntnisse kaum zu erkennenden Hafeneinfahrt fahren wir fast vorbei. Als wir das bemerken, haben wir vor lauter Schiffsverkehr Schwierigkeiten, auf die andere Fahrwasserseite zu kommen. Doch wenn man sich einfach mal quer zum Fahrwasser legt wird den anderen Booten schnell klar, wo man hin möchte und es tun sich Lücken auf in den Ameisenkolonnen ähnelnden endlosen Schiffsverkehr.

Genau so viel Verkehr ist im kleinen Hafenbecken. Rein, Raus, Liegeplatz wechseln und dann noch wir. Ein junger Mann (offenbar eine Art Hafenmeister) fragt, ob wir über Nacht bleiben wollen…dann wäre da hinten neben dem gelben Boot ein Platz für uns. Da kommen wir aber erst mal gar nicht hin, weil ein anderer Dampfer seinen Liegeplatz wechseln möchte. Als geklärt ist, das der Deutsche Gast ist, kommen wir um dieses schwimmende Hindernis herum. Zu freundlich, diese Schweden!

Stehen wir nun unmittelbar vor dem zugewiesenen Liegeplatz, erkennen wir, das ein Boot, drei Plätze weiter, dorthin vorholen will. Hallo? Hafenmeister hat gesagt…ach ja, dann vorhole ich eben nicht, bitte sehr, Dein Platz. Zu freundlich, diese Schweden!

Rückwärts quetscht sich der Stormvogel endlich an seinen Platz, die Nummer mit dem Grundgeschirr kennen wir ja schon. Doch es dauert seine Zeit, bis man die Vorleine zwischen den ganzen Fendern nach vorne gezottelt hat. Wie schon öfters mal überragt das Vorschiff des Stormvogels die umliegenden Boote um ein weites. Alle drei Personen an Bord haben unmittelbar das Gefühl, in einem Bienenstock gelandet zu sein. Liegt das nur am Kontrast der einsamen Ruhe des Ankerplatzes die Tage zuvor oder steppt hier wirklich der Bär?

Schnell ist die Umgebung abgechekt: Supermarkt in unmittelbarer Nähe, Duschen und WC sowie ein Hotelrestaurant, in dem man Take Away Pizza bekommen kann. Schon mal gut.

Ob der frühen Stunde am frühen Nachmittag machen sich Mannschaft und Skipper auf zur Inselerkundung, der Gast beliebt in Ruhe gelassen zu werden. Klar, so alleine auf einem Luxusdampfer zurück bleibend, lässig mit Sonnebrille im Cockpit sitzend und die zahlreichen Komplimente (“I like your boat”, “What a beautiful boat”) entgegen nehmend.

Die Brücke zur kleinen Insel wird gerade saniert und ist eine betretbare Baustelle. Wirkt wirklich alles sehr beengt, klein und lieblich. Wir fragen uns, was die Leute damals wohl geritten hat, ihre Häuschen so dicht aufeinander zu bauen. Vermutlich Armut. Doch heute sind die hübsch zurecht gemachten Häuschen allesamt Feriendomizile. Jedes Haus, das irgendwie einen Blick auf das beidseitig verfügbare Wasser hat, verfügt auch irgendwie über eine Terrasse, auf der man sitzen könnte, würde man ein solches Haus bewohnen.

Beide Inseln sind Autofrei. Klar, ein paar Servicevehikel kurven hier rum, um z.B. das Gepäck der Feriengäste zu befördern, die hier zahlreich mit der Fähre ankommen oder abfahren.

Auf dem Weg zur Badestelle an der Westseite kommen wir an einem großen Kinderspielplatz, einem Picknickbereich sowie einem Fussballplatz vorbei. Alles im satten Grün. Doch Wiese und Rasen hören schnell auf und die Felsen dominieren wieder. Eine kleine kurze Kraxelei und wir erreichen die Badestelle: Eine Leiter, die hinunter ins Meer führt. Die Temperaturen verlangen nach einem Bade im Meere, die zahlreichen Feuerquallen wohl auch, allein die Furcht der kleinen Reisegruppe vor diesen Dingern überwiegt und wir verlassen diese Mondlandschaft.

Doch nun wird es gespenstisch: Rasch und unbemerkt breitet sich mitten am Nachmittag Seenebel aus und hüllt alles und jeden in ein ein kühles Wattepäckchen. Erst als wir wieder den Hafen erreichen wird uns klar, wie schwierig die Situation werden kann, wenn man noch im Fahrwasser mit dem Boot unterwegs ist: Zahlreiche Boote legen an und warten auf den Abzug des Nebels. Scheint hier wohl gar nicht so selten vorzukommen. Der Skipper möchte nicht darüber nachdenken, ohne Sicht unterwegs zu sein.

Nun, der Inselrundgang hat ein paar Eindrücke und Bilder gebracht, doch die Entscheidung steht fest. Am nächsten Morgen schnell weiter.

Bienenstöcke waren noch nie unser Ding. Zu geschäftig hier.

Peter.

Tag 48&49, Danholmen

Die Überfahrt von Skagen in die Schwedischen Westschären ist perfekt.

Halbwind, kaum Welle, Sonnenschein!

Den vor der Schwedischen Küste nordlaufenden Strom kennen wir zwar schon, sind aber doch wieder von dessen Heftigkeit überrascht. Neben dem Vorhalten des Boots erkennt man die Strömung sehr gut an den Fischerbojen, die heftig umspült werden.

Die anzusteuernde Ankerbucht bei Danholmen haben wir aus einem Buch von Per (ODA): HAVENGUDIEN 5 (ISBN 978-82-92284-97-1). Es gelingt, trotz einiger zu passierenden Felsen und Inseln, den Ankerplatz komplett unter Segeln anzusteuern, wenn auch am Ende der Wind einschläft.

So fällt nach 37 Seemeilen auf 9 Meter endlich mal wieder der Anker in Position 56° 06,9’N 11°25,5’E. Ein paar mehr Boote sind auch hier, aber die Bucht ist groß. Es gibt die klassischen Felslieger (Bug an Fels mit Leine, Heckanker), 7 Boote hängen an drei Mooringbojen und ein paar Ankerlieger wie wir.

Alle an Bord wollen sofort schwimmen gehen – doch im Wasser sehen wir jeden Menge Feuerquallen. Das wird erst mal nichts. Dann pumpen wir doch schon mal das Dingi auf und machen den Außenborder klar. Vielleicht kann man ja in der Nähe der Felsklötze schwimmen gehen?

Nein, kann man nicht. Die spätere Erkundungstour bringt jede Menge Feuerquallen, Seetang und Algen in Felsnähe. Also hier fällt Schwimmen leider aus.

Mit dem Dingi setzten wir zum größten Felsen über und erklettern ihn kühn. Nur so können wir uns mal einen Überblick verschaffen, wo wir hier wohl gelandet sind. Ein paar gute Fotos gelingen, der Gast wird temporär auf einer Mini-Felsinsel ausgesetzt…und vertraut offenbar dabei darauf, das die Eltern wieder kommen.

Schließlich liegt der Stormvogel im Sonnenuntergang und zeigt sein schönstes Ankerantlitz.

War eine gute Idee, nach Schweden rüber zu segeln.

War eine gute Idee, nördlich vom schon bekannten Marstrand den Landfall zu planen.

War eine gute Idee, segeln zu gehen.

Peter.

Tag 45 bis 47, Skagen

ODA mit Elisabeth und Per liegen in Skagen und wollen da nicht weg. El Dorado für Norweger, in jeder Hinsicht.

STORMVOGEL mit Heidi und Peter und neuerdings Gast liegen auf Laesö.

Beide Mannschaften wollen sich treffen. 28 Seemeilen liegen dazwischen. Aber auch eine kurze steile Gegenanwelle und ein Westwind, der mal scharlt und auf auch gerne aus Nordwest weht.

Aber die Sonne scheint. Blauer Himmel. Die gestern Abend erst zurück gekommene Mannschaft ist nach dem langen Landurlaub hoch motiviert, der Gast auch und der Skipper kennt bald jedes Sandkorn von Vesterö und umzu.

Also nix wie los!

Wie so häufig läuft es Anfangs nicht so rund, wie der Skipper es gerne hätte. Groß und Yankee im zweiten Reff, die Welle stoppt alle paar Minuten den Dampfer auf. Es läuft nicht rund!

Liegt vielleicht auch daran, das der Skipper sehr hoch an den Wind will, aber ohne Schwenkkiel. 2,7 Meter Tiefgang bei 3,5 Meter Wasser hört sich irgendwie nicht charmant an. Der Skipper will hoch an den Wind, weil der Wind später zeitweise auf Nordwest gehen soll. Dann kommt er gegen an und die letzten Meilen werden zur Qual, wenn wir vorher nicht die Höhe zum Abfallen geholt haben.

Wir passieren ein Monströses Arbeitsschiff, vermutlich Rohrverleger, kurz vor Fredrikshavn, danach kaum Schiffsverkehr. Aber mit einem male läuft der Dampfer, wie er soll. Endlich! Bei Annäherung Skagen durchfahren wir ein riesiges Ankerfeld von Berufsschiffen aller Art. Ein Riesen Dockschiff (könnte auch ein Raumschiff sein), ein AIDA Kreuzfahrer (eher Geisterschiff), ein Gastanker (eine schwimmende Bombe) und so weiter. Lungern hier alle rum und warten auf Arbeit. Die Bucht ist geradezu genial für Dickschiffe. Und für Segler, die da kreuz und quer durch wollen. Den Windschatten dieser schwimmenden Bauklötze indes gilt es natürlich zu vermeiden.

Der Hafen von Skagen wird gerade umgebaut und erweitert. Der Skipper muss tatsächlich langsam fahren um sich im Gewirr von Hafenbecken und Kanälen nicht zu verfahren. Das richtige Dock gefunden, sehen wir im Dschungel von im Päckchen liegenden Yachten eine norwegische Flagge winken.

Klarer Fall von das müssen sie sein – doch ODA sehen wir noch nicht. Im Hafen liegt man entweder längsseits oder vor Heckanker an Schwimmpontons. Die machen das Becken ganz schön eng doch zum Glück können wir über Steuerbord wenden und dann gegen den Wind rückwärts an ODA andocken. Die haben ihre Bordwand mit ihrem Leben verteidigt, damit wir und nur wir ihr Päckchenpartner werden. Sagen sie…

Wiedersehen auf Corna: Keine Umarmung. Kein in den Arm nehmen. Keine Küsschen unter Männern…unter Seemännern!

Lang ist es her, der Witz ist, das wir alle es gar nicht genau auf Anhieb wissen. Waren die beiden zuletzt bei uns oder wir bei denen? Der Skipper plädiert für letzteres und behauptet diese seine unsichere Meinung auch stark. Besser eine starke Behauptung als ein schwacher Beweis.

Nun, wir wissen die Zeit ist endlich und wir wissen, diese gemeinsame Zeit ist endlicher. So verbringen wir bei Tageslicht jede Minute mit einander und haben eine richtig gute Zeit, auch wenn es am Tage nach unserer Ankunft regnet und die Mannschaft mit dem Skipper in der Frühe eine neue Druckwasserpumpe einbauen will (mehr zu dieser desolaten Geschichte in einem noch zu schreibenden Lagebericht).

Der Skipper lässt sich vom wissenden Norweger in die mögliche Vielfalt in der Welt des gemeinen Aquavits einführen, die Mannschaft zählt derweil die notwendigen Scheine, um uns beide auszulösen. Wie immer ist “teuer” eine Frage der Perspektive. So geschult (und ggf. auch benebelt) strolcht der Skipper am Nachmittag durch die Innenstadt und durchsucht alle Läden mit Alkohol nach “Aalborg Grill”. Absoluter Favorit des Tages mit einer leichten Vanille im Abgang. Das Problem ist nur, das die Dame, die den Stoff in nur leicht gekühlten Flaschen in dem Frühstückscafe am Hafen heran schaffte meinte, der sei eher für die Ladies. Hallo? GRILL? Also in meiner Sprache ist das OK. Sehr OK sogar.

Nun denn: Ein Satz mit X, das war wohl nix! In ganz Skagen kein “Aalborg Grill”. Nochmal Hallo? Aalborg liegt doch gleich um die Ecke? Ein freundlicher Verkäufer bemühte sogar den Computer um nach 10 Minuten der Recherche mitzuteilen, genau der sei ausverkauft.
Somit ist der Skipper also im Moment nicht auf der Jagd nach Ersatzteilen, sondern nach “Aalborg Grill”. Wird schon noch…

Wer von Laesö nach Skagen kommt, der kommt aus der dänischen Wildnis in eine Welt-Industriestadt. In einen Hafen der Megatrwaler. Ich denke, ich habe schon so einige Fischdampfer gesehen, aber diese riesigen Dampfer in der Werft sind mir neu. Alle frisch in Farbe und einige mit irgendwie eleganten Linien. Fast schon Yachten.

Doch sie alle sind nur die Dampfer der Räuber der Meere. Und das hier müssen die Super-Gangster sein. Wer solch große Dampfer zur See schickt, der muss mit dem großen Geld rechnen. Kann man das Geschäftsmodell gut finden? Riesige Mengen Fisch mit riesigen Maschinen aus dem Meer klauen und damit riesiges Geld verdienen? Ohne einen Finger dafür zu krümmen, das der Fisch (weltweit) eine Zukunft hat?

Nö, kann man nicht. Da ist die mieseste Hühnerfarm ehrlicher.

Sagt der, der Fisch in jeder Form und allen Mengen gerne isst.

Nun denn, die Dampfer sind trotzdem ein Hingucker und entsprechend fokussiert sind auch die Bilder dieses Beitrags.

Den Gang zur nördlichsten Spitze Dänemarks verweigern wir uns kollektiv. Die kleine Fahrradtour zum Kap endet auf einem großen Parkplatz in den Dünen zwischen Nord- und Ostsee und inmitten von Menschenmassen. Doch die sind nichts gegen die Horde von menschlichen Ameisen, die sich im seichten Wasser der Sandbank sichtbar um den letzten Zipfel Dänemarks bemüht. Was für ein absurder Wahnsinn. Erst Recht in diesen Zeiten.

OK, lausige Qualität der kleinen Kamera mit maximalen Tele…

Norwegen verschärft in unseren gemeinsamen Skagentagen seine Risikohinweise für seine Einwohner in Bezug auf Dänemark und lockert Schweden nicht. Also wird das auch nichts mit mehr Aquavit, sondern die Trennung rückt näher. ODA geht NonStop in den Oslofjord und STORMVOGEL geht im exzellenten Segelwind in die Schwedischen Westschären nördlich von Marstrand. Da waren wir noch nie.

Neuland entdecken.

Darum geht es doch beim zur Seefahren, oder?

Peter.

Tag 37 bis 44, Laesö

Also irgendwie haut das mit dem Zählen der Tage nicht hin. Ist ja auch logisch, die 10 Finger sind ja schon alle, wenn man beim elften Tag ankommt. Keine zwei Wochen taugen die Finger zum Zählen. Vielleicht Arbeitstage? Nun, nach reiflicher Überlegung und Hinzuziehens des einzigen amtlichen Dokumentes an Bord, dem Logbuch, komme ich zu dem Schluss, dass ich hier und jetzt über den Zeitraum Tag 37 bis 44 zu berichten habe.

Irgendwo davor habe ich mich verzählt. Ganz offenkundig, denn ausgelassen habe ich nichts. Also jedenfalls nicht, das ich wüsste.

Laesö heißt die Insel, die wir nach Anholt ansteuern wollen. Denn eigentlich wollen wir uns hier im Norden des Kattegatts irgendwo mit unseren Freunden von der ODA aus Norwegen treffen. Vor vielen Tagen, sagen wir mal Tag 1 minus 60 war auch mal angedacht, das wir ganz nach Südnorwegen hoch kommen könnten, doch irgendwie ist es immer später im Jahr geworden und der Skipper kann sich dafür nicht mehr erwärmen.
ODA ist schon in Südnorwegen und wartet auf ein Wetterfenster, um nach Süden zu kommen…

Wir verlassen Anholt zwei Tage früher als nötig, doch der Wind steht mit SW 15kn gut und so was lässt man sich als Segler nicht entgehen. Wie immer Frühstart, viele Boote gehen mit uns raus. Auch der Norweger mit seinem Supertanker.

Laesö liegt im Norden und ist viel mehr von Untiefen umgeben als Anholt. Von Süden kommend, muss man sich gut davon klar halten und einen Umweg von gut 8 Seemeilen laufen, um zum westlichen Hafen mit Namen Vesterö zu kommen. Da hilft auch unser geringer Tiefgang nichts. Einen Meter, 50 Zentimeter oder auch mal 20. Das ist wirklich wenig Wasser mitten im Meer.

Direkt nach Verlassen des Hafens geht der Norweger in den Zweikampf mit dem STORMVOGEL. Kommt von achtern mächtig auf – beeindruckende Segel. Na ja, bei dem riesigen Mast muss ja auch was riesiges dran hängen. Eine kurze Zeitlang denken wir, er hat uns gleich, so schnell wie er da ankommt. Aber dann, auf einmal, bleibt der Abstand relativ konstant. Komisch, lief da etwa noch die Unterwassergenua mit? Am Wind kann es nicht liegen…

So laufen wir auf nahezu identischem Kurs gen Nord-Westen. Als der Wind weiter nach Süd dreht, gehen wir etwas mehr nach Westen, um dann, wenn er voll aus Süd weht, mit Nordkurs platt vor dem Wind laufen zu können. Downwind. Das können wir gut. Groß auf die eine Seite, Yankee am Baum auf die andere.

Der Norweger steht viel weiter östlich und eigentlich haben wir ihn schon fast vergessen. Doch mit einem male kommt er fix auf uns zu. Hat wohl bemerkt, das es flach ist, da wo er jetzt ist? Bei den Kursen ist es jetzt gar nicht so klar, wer von wo kommt und wer eigentlich wen überholt…und vor allem wer wem wie ausweichen müsste. Erst mal Kurs halten und näher kommen lassen.

Das denkt der Skipper auch noch, als der Norweger schließlich gut 50 Meter vor dem Bug des STORMVOGELS vorbei geht und nun ganz offenbar Kurs auf Fredrikshavn gesetzt hat. Soll uns auch Recht sein. Hauptsache er ist wech…

Der Wind hat zugenommen, das merkt man beim Vor-Dem-Wind-Segeln nie so richtig, höchstens an der Geschwindigkeit. Daher planen wir die Halse an der Nord-West Untiefentonne genau. Yankee, weg, Baum weg. Bullenstander vom Groß weg. Die Tonne zieht in 100 Metern an Steuerbord vorbei, Groß ganz dicht holen, Kurs um 90° nach Steuerbord ändern, hübsch langsam, Baum kommt, Groß auch. Hui, da ist der Wind nun auch gefühlt, wie das kachelt!

Da bleibt das Yankee lieber drin und die Fock kommt mal wieder zum Einsatz. Mit perfektem Halbwind bretten wir mit über 7 Knoten auf den Hafen zu. Zur Abwechselung mal auf der Backbord-Backe.

Die letzten paar hundert Meter gehen wir unter Maschine im Fahrwasser, die Mannschaft bereitet Leinen und Fender vor und der Skipper hofft, das die Fähre nicht dann ausläuft, wenn wir in der Hafeneinfahrt stehen. Tut sie nicht,  wir sind drin und schon wieder heult der Wind in den zahreichen Masten. Sommermusik.

Besonders groß ist der Hafen nicht, doch wir kennen ihn und wissen um die Methode des Festmachens. Grundgeschirr: Bug oder Heck ganz normal am Ponton, die andere Seite dann mit einer am Grund befestigten Leine vom Ponton weg halten. An diese Leine kommt man aber nur, wenn man ihr Ende am Ponton aufnimmt, längs am Boot damit vorbei läuft und dann ordentlich stramm das am Grund befestigte Ende zieht.
Die Kunst dabei ist, schnell zu sein. Denn natürlich vertreibt das Boot im Hafen und man schlägt schneller quer, als es einem recht sein kann. Einfacher ist es natürlich, wenn Rechts und Links schon ein Dampfer liegt, dann wird man von denen gehalten, bis man seine eigene Grundleine fest hat.

Nun, der Hafen ist halb gefüllt und wir müssen sehen, wo wir bleiben. Der Skipper hat seine Wahl getroffen, da ruft ein Deutscher, das “da hinten” noch ein guter Platz frei sei. Mal ansehen fahren. Na ja, sieht besser aus. Die Mannschaft ruft: Da liegen drei Dingis drin…vermutlich von den daneben liegenden Motorbooten. Also wieder da hin zurück, wo der Skipper ursprünglich wollte. Schön frei von allem, gegen den Wind ganz außen am mittleren Ponton. Rückwärts ran. Die Mannschaft tüddelt etwas zu lange (5 Sekunden?) mit der Grundleine herum, der Skipper übernimmt und läuft damit zum Bug, derweil die Mannschaft die Heckleinen fest bekommt. Etwas hektisch, hat aber trotz spontanem Rollentausch gut geklappt.

Wir sind mal wieder fest und wollen auch volle sieben Tage bleiben. Geplant, geplant. Nicht weil die Insel so schön ist (ist sie), sondern weil die Mannschaft einen lange geplanten Landgang antreten möchte und mit Fähre und Mietwagen in heimische Gefilde entschwinden wird. Der Skipper schaltet unmittelbar nach dem Anleger auf Werbewoche um und zeigt sich von seiner Besten Seite. Möchte er doch sicher stellen, das die Mannschaft auch wirklich zurück kommt!

Die Abreise der Mannschaft mit der ersten Fähre am Morgen ist merkwürdig. Abschiede sind immer merkwürdig. Abschiede von Menschen, die sich sehr nahe stehen, sowieso. Vielleicht liegt diese besondere Stimmung aber auch nur am frühen Morgen (6:00 Uhr) und an dem Umstand, das vielleicht nur 10 Passagiere und ein paar Autos zum Festland fahren. Nun, da ist die Mannschaft also erst mal weg…

Es ist absolut kein Problem, die Tage in Versterö zu verbringen. Wandern an der Nordostküste durch Heide und Wald, am Strand in der Sonne liegen an der Nordwest Küste. Durchaus auch mal das Wasser betreten. Einkaufen gehen und, natürlich, ein paar Bootjobs erledigen.
Der Tagestarif für Boote ist üppig. Doch es gibt auch eine 10er Karte mit Fährticket. Rechnet sich erst ab 8 Tagen. Und, ganz besonders in diesem Jahr: Liegt man zwei bezahlte Tage in Versterö, bekommt man einen kostenlosen Tag auf Österby, dem Hafen im Osten der Insel. Das Ding ist nur: Um da hin zu kommen muss man 14 Seemeilen abspulen. Denn auch nach Norden erstreckt sich eine gut 4 Seemeilen lange Sandbank, die man umfahren muss. Na ja, wir heben mal die Quittungen auf und sehen, ob wir später in den Genuss dieser Corona-Rabatt Aktion kommen können.

Die Norweger der ODA liegen mittlerweile in Skagen und haben keine Lust, noch weiter nach Süden zu kommen. Zum einen gefällt ihnen der Trubel dort, zum anderen müssen sie ja auch, genau wie wir, den Rückmarsch im Auge behalten. Ferner sind die beiden verunsichert, ob es wirklich schlau ist, sich in Coronazeiten zu treffen. Erst Recht mit Leuten, die gerade auf Landurlaub in Berlin waren.
Nun, an Bord des Stormvogels sehen wir das so: Wir halten uns an die offiziellen Regeln der Länder, in denen wir gerade sind und an unseren (hoffentlich noch) gesunden Menschenverstand. Aber darüber hinaus wollen wir nicht gehen. Keine vorsorgliche Einschränkung, keine vorsorgliche Kontaktvermeidung. Dann hätten wir zu Hause bleiben müssen. Nach per eMail geführter Diskussion sehen die Norweger das auch so und wir beschließen uns in Skagen zu treffen.

Wie geplant und erhofft, kommt die Mannschaft am Montag Abend wieder, eine Fähre früher als gedacht und bringt auch gleich noch einen Passagier mit. Der trägt eine vom Skipper bestellte Druckwasserpumpe und könnte somit als Bote durchgehen, würde er wieder abreisen. Doch der jüngste Sohn wird uns begleiten, eine Zeit lang.

Weil es Mittwochs stürmen und regnen soll, beschließen wir mit viel Wind, aber Sonne bereits am Dienstag nach Skagen zu gehen.

Na, wenn was mal was wird!

Peter.

Tag 30, Anholt

Dieses Geheule der Masten im Wind in einen Yachthafen geht einem irgendwann unglaublich auf den Keks. Wer das verneint, muss taub sein. Oder permanent betrunken. Oder unglaublich abgestumpft.

Die Wettervorhersage verspricht einen leichten Wechsel von Nord-West (NW) auf West (W) bei abnehmenden Wind, aber ob das wirklich so kommt? Daher laufen wir aus und gehen unter Maschine außerhalb des Fahrwassers gut 10 Seemeilen nach Nordwest zum Ausgang des Öresunds. Erst hier setzten wir Segel, Vollzeug, und stellen den Brüllaffen im Keller ab. Am Wind, gemäßigt, direkter Kurs. Läuft gut, aber noch jede Menge Meilen vor uns. 40 oder so?

Die Mannschaft macht Frühstück. Das hat sich so in den letzten Wochen eingependelt. Nach dem Aufstehen einen Kaffee, das Ablegemanöver besprechen, die Navigation klar machen und natürlich das Deck Seeklar. Dann ein Blick in den Maschinenraum. Rational völlig überflüssig, dieser tägliche Blick nach dem Brüllaffen. Der kann da ja nicht weg. Aber diesen Kuddel, diese Umarmung, diese Anerkenntnis von täglichen Respekt über die Leistung, die der Brüllaffe in völliger Dunkelheit und Einsamkeit da erbringen muss, hilft. Maschinen wollen geliebt werden. Dann funktionieren sie. Ignoriert man sie, sind sie beleidigt und verweigern ihren Dienst. Meist ohne Ankündigung. Woher ich solche Weisheiten habe? Von Robbie, den australischen Motorbootfahrer und wohl Besten Maschinenflüsterer weltweit (Entschuldige Wolfgang!). Auch nach vielen Jahren halte ich seine Ratschläge in Ehren. Und folge ihnen unbedingt, ohne Zweifel.

Nun, wir segeln also so dahin, irgendwann wird es dem Skipper langweilig. Der Mannschaft wird nie langweilig. Wir haben ca. 1.000 Bücher (mehr oder weniger) an Bord und nach getaner Versorgungsarbeit wird gelesen, was das Zeug hält. Der Skipper bildet sich ein, das Boot fahren zu müssen. Schiffsverkehr, Segeltrimm, Navigation. Da kommt keine Lust nach Buch auf. Aber Musik. Musik geht immer!

Bald haben wir den Radarturm von Anholt am Horizont, dann schält sich langsam der kleine Westhügel vom Horizont, man erkennt ganz im Osten den dortigen Leuchtturm. Nach gut 4 Stunden überholen wir endlich eine 11 Meter Yacht, an der wir ewig dran sind. Segelt verdammt gut, das Teil. Andere Boote kommen in Sicht, die meisten aus Richtung Grena. Die Mannschaft wird unruhig. Bekommen wir noch einen Platz in dem in der Regel im Sommer übervollen Hafen? Der Skipper ist sicher: Klar, irgendwas geht immer.

Nun, wir tricksen. Wir umfahren nicht die weiträumigen Flachs, wir gehen mit direktem Zielkurs auf die Hafeneinfahrt darüber. Als wir das Groß bergen sehen wir mal kurz 2,60 Meter auf dem Lot. Na ja, das ist wirklich wenig. Aber unter uns. Stehen könnte man immer noch nicht. Alle anderen gehen weit umzu und so laufen wir alleine in den Hafen ein. Sieht nicht wirklich voll aus. Die Mannschaft ist erleichtert.
Der Skipper auch, hat man doch mittlerweile Schilder angebracht, welche Bootslänge wo hin soll. Da, wo wir hin sollen ist Platz, eine Heckboje schwimmt da auch noch rum und los gehts. Wie immer bisher, mit dem Heck an Land. So wird die Heckboje zur Bugboje. Das Manöver klappt exzellent und in einer Art Großzügigkeit lasse ich den herbei geeilten Helfer die Luv-Heckleine um den Poller legen. Hätte ich auch selbst hin bekommen. Aber, na ja. Bei allem Vorsatz zum selber können muss man ja die Helfer nicht vor dem Kopf stoßen.

Wir sind fest und das erste Anlegerbier ist schon im Hals, da kommt eine 55 Fuß Halberg Rassy aus Norwegen. Auch zwei Personen an Bord. Sondiert die Lage, will neben uns. Viel Platz und gleich noch zwei Bojen frei. Doch schon beim ersten Anlauf wird klar, das die beiden neu im Geschäft sind. Der Skipper peilt zwar eine Boje an, seine Mannschaft soll den Riesendampfer mit dem Bootshaken dran fest halten. Nun, wer außer dem unheimlichen Hulk hält schon geschätzet 25 Tonnen mit der Hand fest? Im zweiten Anlauf werden mehrere male die Bojen überfahren und ich rufe den Norweger, hoch oben über allem sitzend und nichts ahnenden, an und teile ihm meine Sorge um seinen Propeller mit. Er gibt zu verstehen, das er dieses Mooringsystem nicht kenne und ich rufe zurück: Kein Problem: Platz genug, Zeit genug, kann nix passieren.
Anlauf drei und vier misslingen auch. Kommt ein Dingi vorbei, fädelt die Leinen in die Bojen ein und spielt auch noch Bugsierschlepper, um den Dampfer in Position zu halten. Die Heckleinen gehen an Land und eigentlich ist alles klar. Doch dann fällt dem Skipper auf, das sie so nicht an Land kommen können: In den riesigen Davits am Heck hängt ein riesiges Dingi, voll Wasser gelaufen im übrigen. Also helfen wir auch noch beim zu Wasser lassen des Dingis und nun endlich ist auch dieser Supertanker fest.

Der Norweger berichtet, er sei früh´ am Morgen aus Kopenhagen aufgebrochen und habe uns lange auf AIS verfolgt. Wollte uns überholen, hätte es wohl auch fast geschafft, wenn er über die Flachs hätte gehen können. Kopenhagen – Anholt in one go. Not bad, not bad!

Und weil wir Deutschen ja so gerne in Misserfolgen baden, Dinge schlechter machen als sie eigentlich sind, endlos klagen auf dem höchsten aller Nivaus bespreche ich in aller Ruhe mit meiner Mannschaft, was aus meiner Sicht bei dem Norweger alles schief gegangen ist und weise eindringlich darauf hin, das meine Mannschaft im ersten Anlauf die Leine selbst an die Boje bekommen hat und wir völlig ohne Probleme, 30 Minuten zuvor, das Boot fest bekommen haben. Wir können das. Wenn wir uns konzentrieren, mitdenken und aufpassen.

Der Abend ist malerisch schön, jedenfalls wenn der Wind auf der Hafenmeile ein wenig von den Gebäuden abgedeckt wird.

Der folgende Tag besteht aus Schrauben, Schrauben und nochmals Schrauben. Kann man im aktuellen Lagebericht nachlesen. Ferner bietet die Außenwelt Starkwind, Regenschauer und Nieselregen. Erst am frühen Abend klart es etwas auf, die Schrauberei hat ein Ende und flanieren wieder am Fähranleger. Schon schön hier, auch wenn es sich schwer nach Herbst anfühlt.

Die Vorhersage für den folgenden Tag verspricht optimalen Wind für den Schlag nach Laesö. Wieder viel Wind, aber was soll das?

Es ist in Wirklichkeit doch so: Der viele Wind macht dem Stormvogel nichts aus. Entsprechend gerefft und getrimmt läuft er beruhigend stabil. Nur die Hafenmanöver in den engen Boxengassen und Fahrwassern machen bei viel Wind Streß.

Aber da kann das Boot nix dafür.

Das gehört ja auch nicht hier hin.

Peter.

P.S.: Keine Bilder. War irgendwie nix mit fotografieren. Noch nicht mal ein Liegeplatzbild. Wie doof. Entschuldigung.

…neues von Familie, Segeln und Fotos