Tag 13, Haesnes

13 ist nur dann eine Unglückszahl, wenn sie auf einen Freitag fällt. Dann verlässt traditionell kein verantwortungsbewusster Skipper den Hafen. Fällt die 13 hingegen auf einen anderen Wochentag, obliegt es der freien Entscheidung des Skippers, die Leinen zu lösen.

Wetter?

Ach, kein Problem! In diesem Jahr ist es auf der Ostsee wieder einfach da es wieder nur drei Wetterzustände gibt:

1) Sturm
2) (sehr viel) Starkwind
3) Flaute

Also fahren wir immer bei (2). Der Vorteil: Eine schnelle Reise, ganz so wie es James Onedin von seinem ersten Maat Mr. Bains an Bord der Charlotte Rhodes immer gefordert hat. Eine schnelle Reise! Ja, ja, ich weiß: Das war Fiktion. Aber geliebt habe ich diese Fernsehserie immer! Die Onedin Linie vergangener Tage.
Nun, die beiden sind Anfangs England – Portugal Linie gefahren, wir sind als Tramp in der Ostsee unterwegs. Schon ein Unterschied.

Nun also von Lohals (Nordwest Langeland) nach Haesnes (Nordost Falster). Gut 60 Seemeilen, irgendwas zwischen 20 und 25 Knoten Wind angesagt. Wenn man mit dem STORMVOGEL erst mal aus dem Hafen raus ist und die Segel (in einem solchen Fall im 2. Reff) ordentlich gesetzt sind, ist alles gut.

Obwohl viel Schiffsverkehr im Tiefwasserfahrweg des Großen Belts kommen wir ohne Kursänderung über den Verkehrsweg. Wohl auch, weil die Mannschaft ihre Liebe zum Plotter und deren AIS Informationen wieder entdeckt hat. Stolz verkündet sie kleinste Abstände und Zeitpunkt der nächsten Annäherung. Sehr gut!

Danach durch die südlichen Untiefen von Omö. Und während wir da so rumkurven fällt mir ein, warum wir nicht auf Kurslinie sind: Hier herrscht ganz gut Strom herrscht und so können wir nicht wie geplant durch die Flachs brettern. Kurs prüfen, Vorhalten, Aufpassen.

Ein Seemann schaut zwar nie zurück, doch tut er es doch, sieht er womöglich eine viel kleinere Yacht die ihn unter Vollzeug verfolgt. Und, was für ein Ärger: Eine, die näher kommt!

Nun, Vollzeug ist bekloppt. Ganz klar. Böen über 30 Knoten. Was soll denn das?

Da kurven wir doch lieber aufrecht segelnd mit dem 2. Reff im Groß und ausgebaumten Yankee. So geht diese Verfolgungsjagd ein paar Stunden. Für einen zweiten ist es ja immer einfacher: Braucht sich nur am ersten zu orientieren! Obwohl, er fährt auch anders. Eher vor dem Wind kreuzend – hatte unsere Navigationssoftware auch vorgeschlagen. Was für ein Aufwand! Baum raus und gut!

Schließlich passiert, was nicht zu vermeiden war. Der kleine Flitzer “Rosa-Lux” überholt, es gelingen ein paar coole Bilder und zum eigenen erstaunen sitzt in dem Rennboot keine ehrgeizige Altherrenmannschaft, sondern ein junger Kerl mit zwei kleinen Kindern. Na ja. Vielleicht hat ihm auch jemand eine schnelle Reise befohlen?

Wir erreichen das Fahrwasser von Stubbeköbing mit den beiden großen Brücken davor. 26 Meter Durchfahrtshöhe. Kein Problem. Ein Problem hingegen ist aber, das das östliche Fahrwasser der ersten Brücke im Storström gesperrt ist. Mit hübschen kleinen gelben Tonnen, die man bei der Welle dann erkennt, wenn man quasi davor steht.

Ja, ähm, wie kommen wir denn von hier aus in das Ausweichfahrwasser?

Elegant, äußerst elegant durch Auslassen der ersten Tonne ohne Änderung der Segelstellung.

Endlich, die Welle ist weg, der Wind immer mal wieder auch, weil die Wälder den Wind einfach stehlen und ihn in ein großes Rauschen übersetzten. Doch der Strom ist mit uns und so gleiten wir mit 7 Knoten im Fahrwasser. Der Himmel wird immer bedrohlicher. Die Bedrohung äußert sich in Form der Himmelsfarbe SCHWARZ. Tiefschwarz. Was soll das?

Eine heftige kurze Böe lässt uns das Groß einpacken, als wir später die traumhaft schöne Enge von Härbölle Pynt passieren, die die Inseln Mön und Falster trennt, ist es mit dem Segeln ganz vorbei. Im Engen Fahrwasser unter Maschine nach Süden, zunächst wie auf einem windstillen Binnensee, am südlichen Ende so heftig, was wir zwei, drei Brecher über Deck rollen sehen. Aber da führt kein Weg dran vorbei. Außer umkehren. Nachdem die Brecher in den Untiefen der Ansteuerung überstanden sind und wir auf direktem Kurs die letzten zwei Meilen Haesnes ansteuern können ist die Welt fast wieder in Ordnung. Wenn es Nachmittags um vier nicht schon dunkel werden würde, wenn es nicht nieseln würde, wenn es nicht kalt wäre.

Haesnes. Zwei Boote. Jetzt drei. Bei Westwind eine Oase der Ruhe. Fast stilles Wasser. Wie schön. Der Anleger gelingt im zweiten Anlauf, weil ich mich beim Zählen der Pfähle offenbar verzählt habe…nicht schlimm. Schon gar nicht nach so einer schnellen Reise.

Im Regenzeug einen kurzen Ortsrundgang. Den kleinen Kaufmann gibt es nicht mehr. Schade. Aber wovon soll der auch leben?

Und wie die Erinnerung doch einen täuschen kann: Mal eben nachgeprüft. Bereits bei unserem letzten Besuch von Haesnes 2008 (!) gab es den Kaufmann nicht mehr. Wie kann man so was vergessen? Ja, OK es liegt eine größere andere Reise zwischen diesen Besuchen und da kann man schon mal durcheinander kommen.

Die ehemaligen Fischerhäuser sind schön anzusehen, die zurecht gemachte Luxusvilla, vielleicht ist es auch ein mietbares Ferienhaus, auch. Zurück an Bord, die letzten Reste des in Lohals vorgekochten Hühnerfrikassee´s verspeist und mit der Zufriedenheit eines vollen Magens und dem einen oder anderen Anlegerbier eine schwere Entscheidung gefällt:

Morgen direkt weiter nach Stralsund. Denn Donnerstag gibt es keinen Wind mehr, also (3). Also ganz doof für 55 Seemeilen.

Doch wie motiviert man sich, wenn man trotz innerer Zufriedenheit unbedingt mindestens einen Landtag in Haesnes verbringen wollte?

Ganz einfach: Wir kommen wieder!

Bei besserem Wetter, mit leckerm Grillzeug, Wein und Bier!

In diesem Jahr noch!

Das ist ein Plan.

Peter.

Lohals, Tag 11 um und bei

Lohals.

Ganz im Nordosten von LANGELAND. Eigentlich ganz nah´, doch weiter weg von allem geht im zentralen Nordeuropa wohl kaum.

Insellage.

Zufall. Lag irgendwie mal wieder auf dem Weg. Mal wieder, weil wir im fantastischen Segelsommer 2005 mit unserem ersten Boot Hägar (“…das schreckliche”) und den Jungs schon mal hier waren. Ganz schön beschaulich. Die Ansteuerung nicht. Die betonnte Passage führt durch Untiefen von 40 cm Wasser. Bei Niedrigwasser auch weniger. Scarry, aber problemlos machbar.

Eigentlich wollten wir gar nicht los. Oder besser: Der Skipper wollte nicht los. Wettervorhersage: Zunächst kaum Wind, hier und da mal Regen. Doch die Mannschaft meinte so gegen 10:00 Uhr, also weit jenseits einer normalen Startzeit, warum noch länger in SONDERBURG bleiben? Selbst wenn wir Anfangs motoren müssten, weil Wind erst später am Tag einsetzten sollte:

Warum nicht los?
Ja, warum eigentlich nicht?

Mal kurz den Dampfer Seeklar gemacht und los. Erstaunlich: Segelwind ohne Ende, direkt am Anfang. Angenehm zu ertragen im dicken Rollkragenpullover der Marke RYMHART. Der wolkenverhangene Himmel erschreckt uns nicht: Vollzeug, von Anfang an!

Der STORMVOGEL schießt bei gutem Halbwind nur so durch das Wasser, 7, 8 Knoten Fahrt erfreuen Skipper und Mannschaft. Wenn bloß nicht so viel Schiffsverkehr auf der Flensburger Förde wäre. Müssen wir hier doch tatsächlich Ausschau gehen? Watn Schiet! Wer hat jetzt noch mal genau Vorfahrt?

Endlich offene See. Jetzt fast alleine. Die vielen dunklen Wolken bringen Wind, viel Wind. In Böen auch noch mehr. Aber keine Welle. Und vor allem keinen Regen!

Nach ein paar Stunden erreichen wir das Fahrwasser von MARSTAL. Kennen wir schon. Selbst in diesem Jahr vor kurzem schon einmal befahren. Allerdings unter Maschine.

Aber diesmal nicht. Diesmal unter Vollzeug den Ansteuerungskanal hochgebrettert, den verführerisch leeren Hafen an Backbord liegen lassend, die kurze Leeabschattung der großen Halle elegant mit Restfahrt passiert und dann weiter Ost im Fahrwasser an der Nordwest Seite von Langeland. Wenig Boote unterwegs. Wetter? Corona?

Etikettenschwindel. Nix Lohals. Rudköbing mit Bus.

Die Brückenpassage von RUDKÖBING wie immer tricky, aber auch hier unter Vollzeug. Wind und Strom sind mit uns. Glück wohl auch. Ein mitlaufender kleiner Dampfer macht freiwillig platz Platz damit wir einem Entgengenkommer unter Maschine im engen Fahrwasser ausweichen können. Wie freundlich!

Dann endlich wieder offenes Wasser zwischen FÜNEN und LANGELAND. Starker achterlicher Wind. Das seit langem wieder erstmalige setzten des Spinackerbaums dauert ungewöhnlich lange und muss zweimal erfolgen. Die Mannschaft weist weise lächelnd den Skipper darauf hin, das er vergessen hat, die Yankeeschoot in den Baum einzuscheeren. Wat? Kann ja wohl nicht wahr sein! So ein Schiet. Nochmal den Baum reinkurbeln, Schoot rein und wieder raus! Wie gut das bei dieser praktischen Übung keine Welle läuft und wir alle Zeit der Welt dafür haben.

Yachthafgenprommenande

Der STORMVOGEL fliegt nach Norden, eine wahre Freude. Jetzt, nach mehr als acht Stunden erreicht uns doch noch ganz leichter Nieselregen, die Regenklamotten bleiben trotzdem unter Deck. Zu wenig von oben und wir sind sowieso fast da.

An der Ansteuerungstonne bergen wir die Segel. Wir könnten bei dem Wind die knapp zwei Meilen der Passage auch durchsegeln, wollen aber unser Glück nicht unnötig herausfordern. Und die Mannschaft besteht seit geraumer Zeit auf immer mehr Vorlauf zum Klarmachen des Dampfers zum Einlaufen.

Wir gehen in den nördlichen alten Fischereihafen. Dort sollen die Liegeplätze größer sein als im jüngeren Yachthafen. Unser Dampfer ist einfach zu groß für die Ostsee. Verdammt eng, als wir durch den kurzen Kanal das innere Becken erreichen. Windig ist es ja sowieso. Zwei Yachties zeigen auf eine Ecke und meinen, da sei noch eine Box frei. Das Glück ist mit dem Mutigen, das Bugstrahlruder mit dem Skipper und so gelingt es auf Anhieb den Dampfer rückwärts in die Box zu bringen. Die Mannschaft ist ob des Knieschonendes Manövers zufrieden, der Skipper auch.

“Neuer” Yachthafen Lohals

Mittlerweile ist es kurz nach halb acht. Das Anlegerbier ist schneller offen, als der Regen einsetzten kann, da ertönt Gitarrenmusik über den kleinen Hafenplatz.

Musik. Neben Sex und Drugs ist Rock’n Roll ganz klar das Ding des Skippers. Schon immer.

Etwas ermattet ob des langen Segeltages pilgern Skipper und Mannschaft über den leeren Platz, ca. 50 Schritte zum Atrium des Hafenhaus zu LOHALS als Quelle der akustischen Überraschung.

“Fischereihafen” Lohals

Da steht ein einsamer Musiker.

Akustische Gitarre am Verstärker, Mikrofon. Kein Publikum.

Der in der Zwischenzeit einsetzende Nieselregen, die späte Stunde, der Wind, Corona. Alles keine ernsthafte Ausrede, diesem Herren älteren Semesters nicht in körperlicher Präsenz zu lauschen!

Da steht er also nun. Allein auf weiter Flur.

Kurzes, sogar sehr kurzes graues Haar. Brille, natürlich.

Cooles schwarzes Hemd, leger über der Hose getragen. Die Blue Jeans hat wohl auch schon mal bessere Tage gesehen, doch anstatt an den Vorderseiten der Knien aufgeschubbert zu sein, sind Schadstellen ganz klar an den Seiten eben jener Kniegelenke zu erkennen. Also entweder der Mann hat ganz abstruse Gymnastikübungen in Blue Jeans auf Lager, oder die Fabrik in Indien hat beim künstlichen Voraltern der Hose irgendwie Murks gemacht.

Der eigentliche Hingucker sind aber die Schuhe. Oder besser: Die Sandalen. Irgendwelche Keans Immitate. Oder doch original? Man müsste näher ran um das zu erkennen. Klettverschlüsse überall. Immerhin mit ohne Socken.

Barfuß in den Sandeln steckende im Rythmus der Musik wippenden nackte Füße eines älteren Mannes.

Worauf man so alles achtet? Jetzt bloß nicht zum Fußfetischesten werden!

Er steht im Atrium, wir sitzen Corona Respekt zollend draußen und trinken Bier vom Faß aus schnöden Plastikbechern. Ein paar Menschen kommen noch dazu. Wirklich nur ein paar. Wie schade für den Künstler! Doch wer hier am Ende der Welt auftritt, der weiß wohl worauf er sich einlässt. Hoffentlich, sonst wird er sich wohl in den den Schlaf weinen müssen.

Tags darauf, wir hängen wegen viel zu viel Wind und Regen weiter in Lohals fest, gastiert sogar eine richtige Band im Atrium des Hafenhauses.

Eintritt schon wieder frei. Trinkt Bier und die Musiker können bezahlt werden! Oh, da können wir helfen. Und wie!

Die Band in klassischer Besetzung. Gitarre und Gesang, Schlagzeug, Bass und eine weitere Gitarre. Der Typ an Mikrofon ist OK, aber seine Stimme ist doch recht dünn. Da konnte der gestern besser singen. Aber der hatte keine Band. Der am kleinen Schlagzeug werkelnde Kerl wirkt irgendwie abgedreht. Scheinbar völlig mühelos hat er sein Instrument im Griff, doch sein sehr oft verklärter Blick auf den Sänger lassen tiefste Dänische Niederungen männlicher Beziehungen erahnen. Vorurteile?
Die Dame am Bass zupft zunehmend souverän an den Saiten ihres Instruments und liefert wo nötig die zweite Stimme. Inmitten der durchaus grau mellierten Herren gehobenen Alters ist die nordische Blondine durchaus sehenswert. Jedenfalls für einfältige, männliche deutsche Skipper.
Jedoch, und das ist schwer zuzugeben, der Typ des Abends ist einmal mehr der Gitarrist. Ganz rechts stehend scheinen ihm Anfangs noch kalte Hände Schwierigkeiten zu bereiten. Doch der Abend wird lang und der nach nettem Onkel aussehende Typ hat es schlicht faustdick hinter den Ohren. Etwas zu laut abgemischt, des Sängers Stimme geht manchmal unter. Wirklich cool, wirklich gut. Leicht verschmitzt, wenn er ein Solo gut hin bekommen hat, danach immer auf den Herrn Sänger blickend, ob er wohl zufrieden sei? Elvis, Beatles, irgendwas rockiges dänisches. Gute Laune. Summer of 69, mit ordentlich Schwung.

Es ist ja wohl so:
Wenn man ohne jede Erwartung an einem toten Ende der Welt fest macht und dann zwei Nächte in Folge tolle Live Musik geboten bekommt, dann kann man mal durchaus zufrieden sein. Hochzufrieden sogar.

Da spielt es keine Rolle, das Böen von 39 Knoten durch den Hafen brettern!

Da spielt es keine Rolle, das der Mief im Boot dem eines U-Bootes gleicht, weil es bei dem Regen schlicht unmöglich ist, zu lüften, ohne zu fluten!

Da spielt es keine Rolle, das man am Ende der Welt fest hängt, auch wenn am Sonntag keine Musik erklingt!

Peter.

P.S.: Die machen noch den ganzen Juli am Wochenende Musik im Hafen von Lohals. Kannst Du gucken hier.

Tag Acht

Oder so. Könnte auch Neun sein. Hab´ vergessen, wie ich zählen wollte.

Ist ja auch egal. Bei Bestem Segelwetter haben wir uns im Fahrwasser gen Norden, nach Lyö aufgemacht. Die Insel bietet eine gegen fast alle Windrichtungen geschützte Ankerbucht, nur nach Ost ist sie ein wenig offen.

Noch in Martal. Mühsam aufgebaut, abends von den Flammen geraubt. Sonnenwende in DK.

Wir haben Ost. 15 Knoten stetig, manchmal 20. Der Dampfer stampft gemächlich am Anker, aber wir sind uns sicher, wir haben schon deutlich schlechter gelegen und das Wetter wird ruhiger werden.

Tags drauf dänische Süddsee pur. Sonne, baden, kühle Drinks. Ach ja, so könnte es immer sein!

Aeroskoeping

Dingi war schon in Marstal aufgeblasen, Außenborder lief so leidlich. Jetzt immer noch. Keine Selbstheilungskräfte zu erkennen. Obwohl mit altem, gut abgelagerten Benzin gefüttert. Das Teil ärgert mich so, das ich es wieder an Bord hole und zerlege, reinige und wieder zusammen schraube. Und siehe da, mit etwas Liebe und Pflege schnurrt das Teil schon beim ersten Seilzug.
Na ja, neben Liebe und Pflege war da auch noch ´ne neue Zündkerze und ein neue Benzinfilter im Spiel.

Segelfreunde kreuzen (im wahrsten Sinne des Wortes!) am Freitag Abend auf und wir verbringen einige Zeit miteinander. Nur das gemeinsame Grillen am nächsten Abend fällt aus. Gewitter. Sonntags wollen beide Boote nach Sonderburg, einer will kreuzen, der andere beugt sich zunächst dem Schicksal, schmeißt aber nach ein paar Meilen doch die Unterwassergenua an. Später, einiges später, fragt er sich selbst, was das wohl sollte? Vermutlich wollte er dem direkten Vergleich mit einem Regatta-Ass auf einer Regatta-Renn-Ziege aus dem Weg gehen…???

Nun denn. Die einen müssen wieder zur Arbeit, die anderen haben mit Dies&Das auch eine Beschäftigung. Eine muss mal kurz nach Hause – Artztermin. Die sind mittlerweile ja so kostbar, das man weite Anreisen in Kauf nimmt. Einer muss sich um den Kühlschrank kümmern. Auf Anker besonders aufgefallen: Geht einfach nicht mehr aus. Obwohl wir in Glückstadt einen Kältetechniker an Bord hatten, der Kühlmittel eingefüllt hat. Lief danach auch sehr gut. Ein paar Tage. Also vermutlich ein Leck im Kühlmittekreislauf. Jetzt tauschen wir in Sonderburg den Verdampfer, der alte scheint am Anschlussstück undicht zu sein. Jedenfalls sagt das so eine Schnüffelmaschine und das Leckspray. Löten kann man so was nicht. Sagt der dänische Kältetechniker. Na ja, für kaltes Bier, energiesparend gekühlt, kann man ja einiges unternehmen.

Lyö. Erstes Haus am Hafen.

Ja, und das was es denn auch schon.

Vielleicht sollte ich noch kurz über das Wetter meckern. Nach der grandiosen Auftaktwoche Regen und Sturm. Was soll das denn? Und Sturm steht weiter auf dem Plan. So ein Blödsinn!

Peter.

Tag FÜNF

Tag 5, nicht on the Road,

on the Boot (!!!)

Wer hätte das im Frührjahr 2019 gedacht?

Nun, wenn ich jetzt auch noch schreibe das Tag 4 ein extraordinärer, ein Weltspitzentag im Segeln war, dann vermuten wohl nicht wenige Leser, jetzt übertreibt ER aber. Doch nein, das tut ER nicht: Kann man hier auf unserem Tracker selbst überprüfen.

Offenkundig sind wir also mal wieder auf den STORMVOGEL gezogen und nahezu zeitgleich haben die Dänen verkündet, das Deutsche aus Schleswig-Holstein ungehindert einreisen dürfen. Das ist doch sehr freundlich von den Dänen, gell?

Obwohl natürlich auch diskriminierend…jedoch: Würde in diesen Tagen jemand von ganzem Herzen Freunde aus dem Landkreis Gütersloh zu sich nach Hause einladen?

Doch zurück auf den Anfang:
Die Passage der Elbe war kein Problem. Direkt nach dem Öffnen des Sperrwerks in GLÜCKSTADT gingen wir direkt auf dem großen Strom, auch wenn die Flut noch zwei Stunden aufläuft. Mit 2.200 Umdrehungen gute 5 Knoten gegen ordentlich Wind und Strom gelaufen. Das erschien uns ganz schlau, denn wenn der Strom später kentert und das Wasser gen Nordsee strömt, hat man ganz fix die bekannte “Wind gegen Strom” Situation auf der Elbe mit diesen völlig bescheuerten Wellen, die keiner will.

Glück vor der Schleuse in BRUNSBÜTTEL: 4 andere Sportboote und ein Binnenschiff wollen in den Kanal, das Wasser wird bereits kabbelig, schwups, nach 30 Minuten sind wir drin. Die ersten 40 Kanalkilometer abspulen und um 19:45 Uhr fest in GIESELAU Schleuse, dem einmaligen Paradies auf Erden.

Spätestens jetzt sollte erwähnt werden, das wir uns die Kanalpassage ganz PANAMA-Kanal like zwei Linehandler angeheuert haben. In Person sind das die, die wir letztes Jahr in SCHOTTLAND am Ufer des Loch Ness dem dort hausenden Seeungeheuer erfolglos zur Nahrungsaufnahme als Lebendfutter angeboten hatten. Nun, die beiden sind ein Jahr älter und kräftiger und sollten somit in der Lage sein, die leicht lädierte Mannschaft bei den Schleusenmanövern erfolgreich zu unterstützen. Sollten, KONJUNKTIV, denn mit dem Zuhören klappt es auch in diesem Alter nicht so ganz und so misslingt der erste Anleger dann doch etwas. Um es vorweg zu nehmen: Mit jedem der vier folgenden Manöver (Gieselau Schleuse, Zahlstelle Holtenau (35 €, !!!, einer muss ja die neue Schleuse in Brunsbüttel bezahlen!), Schleuse Holtenau, Laboe) wurde es besser. Klarer Fall von Übung macht den Meister!

Für einen Sonntag im Kanal wenig Sportboote. Um 07:15 Uhr Leinen los und 60 km abspulen. Manchmal durchaus langweilig. Und wieder Glück: Ein Tanker von der Förde kommend sollte geschleust werden, die Schleuse war aber Kanalseitig noch offen, wir waren zufällig da und durften mit. In der Südschleuse Holtenau sind 45 Minuten nach unserer Ankunft vielleicht 10 Freizeitfahrzeuge zu zählen – sonst nix. Kein großer Dampfer. Kein Arbeitsgerät. Nix.

Am frühen Nachmittag in LABOE bei wenig Wind fest gemacht. Wie sich das Publikum über die Jahre, die wir die Baltic Bay Marina nun schon kennen, doch geändert hat. Riesige, ich meine wirklich riesige Motorboote, Charterboote ohne Ende, alles etwas wuselig durch die vielen mit Kindern besetzten Dingis und heroischen Stand-Up Paddeling-Typen in den sowieso schon engen Boxengassen. Das Holz der Schwimmstege ist mittlerweile auch ganz schön herunter gekommen. Jedenfalls am Steg “D”. Das man dafür satte 35 € pro Nacht nehmen kann, ist doch klar!
Doch ganz so schlimm ist es wohl nicht. 29 € wären OK 😉

Montag gegen 08:30 Uhr los nach MARSTAL, Insel ÄRÖ. 29 Seemeilen nach NNO. Zu HÄGAR´s Zeiten eine Weltreise. Doch auch der STORMVOGEL will ordentlich gesegelt werden, soll er schnell laufen. Nach der ausgefallenen Segelsaison 2019 muss der Skipper erst mal wieder an allen Tampen ziehen und zerren, lose geben und sich wundern, wie er den Dampfer wohl    aufgetakelt hat. Wie gut das der STORMVOGEL die Strecke in 4,5h abgesegelt hat und ER in Ruhe nachjustieren kann…

…MARSTAL ist gar nicht mehr so einfach zu finden wie früher! Irgendwer hat nicht nur das Schwimmdock geklaut, sondern auch alle Kräne. Da sieht man von See nur noch den Kirchturm. Dafür liegt mitten in der Hafenweinfahrt ein großer Dampfer und löscht Sand. Jawohl: Sand: Den karren Traktoren mit großen Anhängern zum Südstrand. Ist wohl was wech gekommen?

Der Anleger mit Normalbesatzung (die Decksjungen wurden in Laboe an Land verbracht) an den Pfählen kein Problem, wählte der Skipper doch die Knieschonende Heckvariante, bei der ER selbst springen muss, während sich die Mannschaft mit den Vorleinen an den Pfählen verlustiert.

Nun sind wir also mal wieder da, wo wir immer mal wieder hin kommen:

Magisch, Magnetisch, MARSTAL!

Hängen hier noch ein paar Tage ab und vorholen uns dann auf Anker bei LYÖ.

Irgendwie muss ER ja den Mittelwert der horrenden Liegegebühren (Marstal: 28 €) senken!

Peter.

Zur Lage XXXVIII

Die drei Phasen des Eignerwahnsinns einer Aluminium Blauwasseryacht:

1) Happyness
2) Die Hölle
3) Happyness

Bisher haben wir ja immer Geld für unser Boot ausgegeben, weil wir damit irgendeine Verbesserung herbei führen wollten. Technisch, Optisch, Ausrüstung. Zuletzt mit dem großen Refit 2016/2017. Denn die verwendeten Baumaterialien erlauben ja immer wieder eine Aufarbeitung. Innen, Außen. Technik kann ordentlich gewartet werden, oder bei ernsthaften Defekt auch durch eine neue Komponente getauscht werden. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen! Ungeübte hielten den Stormvogel in der Sommersaison 2017 für einen Neubau.

Der Salon im Sommer 2015

Soweit alles klar?
Aye, Sir! Alles klar!

Phase 1: Happyness.
Es läuft! Keine technischen Probleme, an Deck alles im Lack, unter Deck pure Gemütlichkeit. Ganz so, wie es auf hoher See für den Normalsegler sein soll. Ab und zu muss man sich kneifen, so einen Dampfer sein Eigen nennen zu dürfen.

Soweit alles klar?
Aye, Sir! Alles klar!

Doch wie immer, wenn das schöne Wetter zu lange anhält, schleicht sich unbemerkt eine Schlechtwetterfront an und wenn man am wenigsten damit rechnet, schlägt das Eignerschicksal zu. Völlig unvorbereitet, überraschend bricht die Hölle los:

Phase 2: Die Hölle
Wie üblich, in kleinen Scheiben ins Vorderhirn dringend. Nach einem tollen Australienausflug 2019 wollten wir im Frühjahr in der Nord- und Ostsee wieder segeln gehen, doch das Boot war kaputt. Einfach so. Ohne zutun des Eigners oder eines Dritten. Kaputt an einer Stelle, die niemand für möglich gehalten hätte.

Der Salon im Sommer 2019

Die Erkenntnis, das der ganze Ballast aus dem Boot ausgebaut werden muss um den Schaden begutachten zu können bescherte nicht nur dem Eigner schlaflose Nächte. Was für ein Aufwand! Was für ein Dreck! Was für ein Mist!

Der Salon im Sommer 2019

In der Folge mussten gut 2,5 m² der Bordwand an Steuerbord saniert werden. 14 Monate Laufzeit, nicht Bauzeit. In jedem Fall Höllenzeit. Doch mit jedem kleinen Reparaturfortschritt reifte auch die Gewissheit, das das Boot sehr gut repariert werden kann. Wie immer: Wenn man etwas richtig macht, wird es richtig gut.

Ausgetauschte Bordwand im Frühjahr 2020

Soweit alles klar?
Aye, Sir! Schöner Mist!

Ausgetauschte Bordwand im Frühjahr 2020

Nach dem Schlechtwetter wird es wieder schön! Der STORMVOGEL schwimmt wieder, gestern haben wir sogar die Polster wieder eingebaut und wir nähern uns, ohne Streß, ohne Reue,

Phase 3: Happyness

Der Salon im Sommer 2020 – noch am einräumen…

Mit anderen Worten: Ende gut, Alles gut. Die Probefahrt steht zwar noch aus, aber unser Dampfer ist wieder in einem TipTop Zustand, alle technischen und schönen Dinge sind so, wie sie sein sollen und wir schauen mal, wohin der Probeschlag uns führen wird.

Später im Jahr dann an die deutsche Ostseeküste und die Westküste von Schweden. Irgendwie & Irgendwo die verrückten Norweger von der ODA treffen.

Das ist der Plan.

Soweit alles klar?
Aye, Sir! Alles klar!

Na dann mal los!

Peter.

STORMVOGEL im Sommer 2020

Zur Lage XXXVII

Nur, weil ich hier nichts schreibe, bleibt die Welt nicht einfach stehen.

Es ist sicher so, das die Welt einen gewissen Stillstand seit Corona erlebt, doch schaut man auf die Details stellt man fest, das einige Menschen weiter arbeiten können, sollen, müssen.

So auch die Mitarbeiter unserer Werft in Glückstadt. Eignerbesuche wollen sie nicht, aber arbeiten, das wollen sie. Und so geht es auf dem STORMVOGEL auch ohne uns jeden Tag ein Stück weiter. Höchste Zeit, mal wieder den Stand der Dinge zu berichten.

Zur Lage, bitte!

Im letzten Lagebericht habe ich über den Abschluss der Schweißarbeiten berichtet.

Nun wurde Außenbords die neue Platte gestrahlt, direkt danach grundiert und mit Antifouling beschichtet. Die Schweißnähte kann man zwar gut erkennen, sie werden aber wohl kaum das Boot langsamer machen.

Die Taschen für die Opferanoden wurden auch gestrahlt, damit wir so eine maximale elektrische Leitfähigkeit der Anoden zum Rumpf erreichen.

Nun sollte also der Bleiballast wieder eingebaut werden. Die Arbeit selbst ist ein Knochenjob, wiegt so ein Barren doch 32 Kilogramm. Aber vorher war noch mal echtes Nachdenken angesagt. Viele unterschiedliche Ansichten über das WIE:

  • Mit oder ohne Isolierung?
  • Je Abteilung eine Wanne zum Schutz des Aluminiums?
  • Vergießen?

Nach einigen Experimenten (u.a. mit Teichfolie) haben wir uns auf unseren ursprünglichen Plan zurück besonnen: Flache PVC Streifen als Unterlage, dann darauf jeden einzelnen Barren sauber eingestaut.

Die untersten, die am Kiel liegen, über Kopf eingebaut damit dahinter ein kleiner Hohlraum entsteht. Durch die PVC Streifen und die untersten, über Kopf eingebaute Barren haben wir nun sicher gestellt, das Feuchtigkeit, egal ob Kondensat oder Seewasser, das durch ein (Gott bewahre!) neues, kleines Leck eventuell eindringen könnte, immer in Richtung Kiel fließen kann.

Dort würde es sich dann sammeln und durch die neuen Peilrohre können wir später jederzeit prüfen, ob an dieser tiefsten Stelle im Rumpf Feuchtigkeit steht.

Auf den ersten Blick ist die (vermeintlich) fehlende Isolierung verwirrend, aber:

1) Die Werften in Holland bauen den Bleiballast auch direkt auf das Aluminium ein
2) Die Backbordseite im STORMVOGEL war völlig in Ordnung. Obwohl die Bleibarren direkt auf dem Aluminium lagen, obwohl wir dort auch ein wenig Seewasser gefunden hatten
3) Nur die Steuerbordseite, wo der Ballast mit einem Kunststoff vergossen war und darin immer wieder Feuchtigkeitsnester entstanden, war die Rumpfplatte zerstört

Also: Wir sind 100% sicher, das wir das richtige gemacht haben.

Nun sind alle Barren bis auf ca. 120 Kg (nachgewogen) wieder drin. Weil wir nichts verkleben oder verspachteln wollen, sind die Barren nun nach oben hin mit passgenauen Holzlagern verkeilt. Sieht alles recht ordentlich aus, oder?

Auf den Bildern kann man gut erkennen, das bereits die Löcher für Verschraubung der Deckel gebohrt sind. Die Deckel waren zum Zeitpunkt der Aufnahmen noch beim Pulverbeschichten.
Dann wird die Baustellenfläche einmal weiß übergemalt, die Kabel für Kompass und Schwenkkiel verlegt, bevor dann die Möbel wieder eingebaut werden können.

Das schlimmste ist als überstanden. Also, genau betrachtet, sind wir eigentlich fast fertig 😉

Schauen wir mal, ob & wann wir zu Wasser gehen (können).

Peter.

CORONIA Selbstversuch

CORONIA weit und breit, keine Impfung, kein Gegenmittel in Sicht.

Weltweit läuft die Forschung nach einem Heilmittel auf Hochtouren, internationale Spitzenkräfte sind zuversichtlich, in den kommenden 12 Monaten eine Lösung zu finden. Doch Abseits der hoch bezahlten Schulmedizin, Abseits der High-Tech Labore in Europa, den USA und China gibt, es eine verwegene Gemeinschaft von verschwiegenen Kleingruppen von Selbsthilfeforschern die immer dann tätig werden, wenn die Not am Größten ist.

Durch Zufall fiel uns das geheime Tagebuch von Dr. Peter und Schwester Heidi in die Hände, aus dem wir hier weltexklusiv zitieren dürfen:

Freitag, der Dreizehnte:

Es wird Zeit. Wenn wir noch rechtzeitig unseren Forschungsstandort in Südfrankreich erreichen wollen, müssen wir unverzüglich aufbrechen! Im Idealfall können wir uns dort am Mittelmeer internieren lassen und unsere lang geplante dreiwöchige Forschungsreihe in aller Ruhe durchführen. Schwester Heidi hat bereits alles Notwendige zusammen gepackt. Aus Sicherheitsgründen reisen wir unbeobachtet und isoliert mit dem eigenen Auto, nur kein Aufsehen erregen!

Samstag, der Vierzehnte:

Die französische Grenze ohne Kontrolle überquert. Was für ein Glück! Hätten die Grenzpolizisten das Auto kontrolliert und unsere umfangreiche medizinische Ausrüstung gefunden, wären wir doch arg in Erklärungsnot gekommen. Insbesondere der kohlebetriebene mobile Hochofen hätte wohl Verdacht erregt. Am Abend ARBOIS im französischen JURA erreicht. Abgeschieden auf einem Campingplatz übernachtet, die Stadt bewusst gemieden.

Einsame Zwischenstation in ARBOIS

Die späte Nachmittagssonne verleitet mich dazu, vielleicht schon jetzt die anstrebte Selbstversuchsreihe zu beginnen. Doch Schwester Heidi interveniert energisch: “Aber Dr. Peter! Sie gefährden noch die ganze Versuchsreihe! Sie selbst haben immer wieder betont, wie wichtig optimale Umgebungstemperaturen und salzhaltige Seeluft für einen Erfolg unserer Mission sein. Nein, nein. Halten Sie durch!”

Sonntag, der Fünfzehnte:

Ziel nicht erreicht. Falsche Route durch die Berge gewählt. Wie deprimierend. Müssen an der ARDECHE übernachten. Vor uns ein Wohnmobil aus ITALIEN. Die Insassen sind nicht zu sehen, wir hören aber auch kein Röcheln oder Husten aus dem Fahrzeug. Schwester Heidi ist davon überzeugt, dass jemand an Bord ist. Bloß Abstand halten, damit die Ausgangsvoraussetzungen der geplanten Versuchsreihe nicht kurz vor Beginn verfälscht werden.

Montag, der Sechzehnte, am frühen Abend:

Endlich! Das Mittelmeer in der Nähe von SETE erreicht! Das Sicherheitspersonal unserer Forschungseinrichtung direkt am Strand empfängt uns mit leicht betretener Miene. Später am Abend wird der französische Präsident zu seinem Volk sprechen. Es steht zu befürchten, dass sämtliche nicht staatlichen Einrichtungen geschlossen werden sollen. Nach gewohnt kurzer, messerscharfer Analyse entscheide ich mich dafür, unverzüglich die lange geplante Versuchsreihe zu beginnen! Schwester Heidi ist, wie so häufig in letzter Zeit, dagegen und warnt vor unvorhersehbaren Risiken. Was wenn etwas schief geht und wir am nächsten Tag abreisen müssen? Doch ich sehe mich zweifellos in einer Reihe mit Robert Koch, mit Louis Pasteur!

Montag, der Sechzehnte, am späteren Abend:

In Windeseile habe ich unser mobiles Labor vorbereitet: Den kohlebetriebenen mobilen Hochofen, die nicht elektrische Beleuchtung, die sichere Sitzgelegenheiten und natürlich die geheimen Versuchssubstanzen ausgepackt und aufgebaut.

Mobiles Labor in unserer Forschungseinrichtung am Mittelmeer

Im Schutze der sich nun überall ausbreitenden Dunkelheit die ersten Versuchssubstanzen geöffnet und mir oral zugeführt. Doch in der uns umgebene unglaubliche Stille habe ich das markante Öffnungsgeräusch der in einem metallischen Zylinder aufbewahrten Substanz nicht bedacht. Schwester Heidi schreckt alarmiert hoch: “Dr. Peter, sind Sie sicher dass sie diese schwere Bürde nach dem Anreisestress jetzt schon auf sich nehmen wollen?”

Montag, der Sechzehnte, noch später am Abend:

Vor einiger Zeit habe ich bereits noch eine zweite Probe aus einem anderen metallischen Zylinder der gleichen Substanz zu mir genommen. Danach einige kleine Schlucke einer besonders ekligen Substanz mit größter Willensanstrengung zu mir genommen. Um den widerlichen Geschmack erträglicher zu machen, hat Schwester Heidi der Substanz ein markantes Lakritz Aroma beigemischt, warnt aber bei jedem Schluck vor weiterer Aufnahme.
In Anbetracht der hastig durchgeführten, nervenaufreibenden und kräftezehrenden Versuchsreihe musste ich eine kurze Pause einlegen. Schwester Heidi serviert zu totem Tier vom kohlebetriebenen mobilen Hochofen frische Grünwaren aus lokalem Anbau. Doch keine Zeit zum wirklichen Genuss. Der Versuch muss unbedingt weiter geführt werden!

Montag, der Sechzehnte, an der Grenze zu Dienstag, dem Siebzehnten:

Endlich konnte ich wie geplant auf die Dritte Substanz der Versuchsreihe umstellen. Die jetzt verwendete dünnflüssige, rote Substanz stammt zwar aus lokaler Produktion, wurde aber von mir sorgfältig ausgewählt und auf etwaige Wechselwirkungen mit den anderen beiden Substanzen untersucht.
Trotz der späten Stunde besteht Schwester Heidi auf Reinigung der aller Versuchsgeräte. Das stellt mich vor ungeahnten Herausforderungen, scheinen doch die mir selbst verabreichten Substanzen Einfluss auf die Erdrotation und Erdanziehungskraft zu nehmen! Nur unter größten Mühen erreiche ich die Reinigungsstation am anderen Ende unseres Forschungsstandortes und erledige heroisch die gestellt Aufgabe.

Gut getarneter Hochsicherheitszaun (rechts im Bild) unserer Forschungseinrichtung

Dienstag, der Siebzehnte in tiefer Nacht:

Schwester Heidi notiert eifrig in ihr Versuchsprotokoll: “Dr. Peter ist nicht mehr Herr seiner selbst! Versucht, sich nur noch sitzend fortzubewegen. Offenbar beeinflussen die verabreichten Substanzen sämtliche Muskeln, sogar der Sprechmuskel scheint betroffen zu sein. Das war so nicht absehbar! Vermutlich befördern die lauen Nachttemperaturen sowie die stark salzhaltige Seeluft die Wirkung der Substanzen. Aber ich habe ihn ja gewarnt!”
Ich fühle mich gut – so gut wie schon lange nicht mehr! Doch plötzlich und unvermittelt überfällt mich mit einem Schlage eine ungeahnte heftige Müdigkeit. Vermutlich wirkt nun die zweite, markant nach Lakritze schmeckende Substanz.

Dienstag, der Siebzehnte, am frühen Morgen, noch dunkel:

Oh, mein Kopf! Oh, mein Kopf! Schwester Heidi! Sie müssen mir helfen! Doch ich brauche gar nicht laut nach ihr zu rufen. Zu meiner Verwunderung liegt Schwester Heidi gleich neben mir im Versuchsbett. Oh je, habe ich in der Nacht eventuell die Kontrolle und jeden Anstand verloren? Schwester Heidi, völlig schläfrig, gibt mir kryptische, kaum verständliche Tipps, wie ich den Notfallkoffer mit Betäubungsmitteln in fester Form in unserem mobilen Versuchslabor finden könnte. Unter Einnahme einer weiteren Substanz, die nichts, aber auch gar nichts mit den in der Nacht zu mir genommenen Substanzen gemein hat, nehme ich die festen, schmerzbetäubenden Mittel einsam zu mir. Schwester Heidi besteht darauf, das zu dieser frühen Stunde ihre Arbeitszeit noch nicht begonnen habe, kann aber auch nicht plausibel erklären, wieso sie neben mir im Bett liegt.

Dienstag, der Siebzehnte, Sonnenaufgang:

Die horizontale Ruhelage ist trotz der Schmerzmittel unbefriedigend. Schwester Heidi keine wirkliche Hilfe. Ich kleide mich an, umwickle mich gegen die Morgenkälte mit einer dieser sterilen Versuchsdecken und setzte mich in die frühe Morgensonne. Schon besser. Aus dem mobilen Labor meldet sich Schwester Heidi: “Ich hab´ es Ihnen ja gesagt, Dr. Peter! Ich hab´ es Ihnen ja gesagt! Passen Sie auf! Nun müssen Sie eben mit den Folgen leben! Machen Sie mich nicht dafür verantwortlich!”
Mein Gehirn, zu sehr von Schmerzen und Schmerzmitteln gelähmt, produziert keine adäquate Antwort. So ist es ja immer mit heroischen Selbstversuchern. Einsam, schmerzhaft einsam muss um jede neue Erkenntnis gekämpft werden. Kann ich einen klaren Gedanken fassen, beschäftigt mich die drängende Frage, welche der drei Substanzen diese verheerende Wirkung verursacht haben könnte? Lag es an der Reihenfolge? Oder war es schlicht die Menge? Wieso ist Schwester Heidi entgegen strikter Weisung nicht energischer eingeschritten? Warum hat Schwester Heidi nicht auf die Einnahme der klaren, völlig geschmacklosen vierten mitgeführten Hilfssubstanz bestanden? Fragen, die einer Antwort bedürfen!

Dienstag, der Siebzehnte, am frühen Vormittag:

Nach dem Schwester Heidi kommentarlos das Bett geräumt hat, versuche ich erneut die horizontale Lagerung meines Körpers. Doch ich finde keine Ruhe. Schwester Heidi tuschelt und kichert mit den Nachbarn. Worüber? Warum?
So langsam wirken die Schmerzmittel und in mir reift der Gedanke, dass feste Nahrung eventuell zur weiteren Verbesserung meiner körperlichen Situation beitragen könnte. Schwester Heidi organisiert einige Stücke von diesem landesspezifisch endlos lang gezogenem Weißbrot und bereitet das Frühstück…noch während der nunmehr überlebensnotwendigen Nahrungsaufnahme erscheint das Sicherheitspersonal unserer Forschungseinrichtung und verkündet, das eben jene am Mittag des gleichen Tages geschlossen werden müsse. Der Präsident persönlich habe dies so verfügt.
Welches Drama! Welche Enttäuschung! Was hat bloß der französische Präsident gegen ein hoch motiviertes deutsches Eigenversucher-Forscherteam? Statt uns nun nach erfolgtem erstem Versuch ein, zwei Tage der Ruhe zu gönnen um dann erneut einen Versuch mit anderen Substanzen unternehmen zu können, zwingt uns der Präsident zu Abreise! Vermutlich gibt es eine undichte Stelle beim Sicherheitspersonal unserer Forschungseinrichtung. Wie sonst sollte der Präsident von unserem Versuch erfahren haben und unter dem Vorwand der CORONIA sämtliche private Forschungseinrichtungen unverzüglich schließen?

Unabdingbare Versuchszutat: Salzhaltige Seeluft

Dienstag, der Siebzehnte, mittags:

Nun denn. Wir beugen uns der angedrohten Gewalt und machen uns auf den Weg nach Norden. Umständlich und in Zeitlupe packen wir die Ausrüstung unseres mobilen Labors zusammen. Der kohlebetriebene mobile Hochhofen ist in einem verehrenden Zustand. Mittags endlich, sind wir reisefertig. Wir kommen gut durch die leeren Straßen, doch ob der späten Abreise erreichen wir am Abend nur einen Schlafplatz an der Rhone, immerhin nördlich von Lyon. Schwester Heidi zeigt sich beeindruckt von meiner körperlichen Leistungsfähigkeit und meinem deutlich erklärten Verzicht auf die Einnahme weiterer Substanzen.

Mittwoch, der Achtzehnte:

Die Nacht an der Rhone verlief völlig ruhig, einsam und vor allem Erholsam! Schwester Heidi notiert in ihr Labortagebuch: “Dr. Peter macht jetzt wieder einen völlig stabilen Eindruck. Der Selbstversuch am Mittelmeer scheint keine bleibenden Schäden hinterlassen zu haben.”
Die Situation im Land der Franzosen ist beängstigend. Mein umfangreiches Wissen als professioneller Selbstversucher habe ich aus vielen Endzeitfilmen zusammen getragen. Jetzt sind wir mit unserem fahrenden Labor selbst Teil einer solchen Situation. Leere Straßen, keine Einwohner zu sehen. Kaum, teilweise sogar gar kein Autoverkehr. Wenn die vielen Polizisten, die an jedem Kreisverkehr aufs Neue prüfen, in welche Richtung wir tatsächlich fahren, wüssten, welch bahnbrechende Erkenntnis ich am Mittelmeer gewinnen konnte! Ich behalte mein Wissen selbstverständlich für mich und habe auch Schwester Heidi auf strikte Verschwiegenheit verpflichtet, so lange wir im Ausland sind.
Den Abend verbringen wir auf einem Sportplatz in der Nähe der deutschen Grenze. Der Grenzübertritt muss gut geplant und in Ruhe durchgeführt werden, gilt es doch bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse sicher in die Heimat zu bringen!

Donnerstag, der Neunzehnte, am frühen Morgen:

Nahrungsbeschaffung bei einer lokalen Bäckerei. Schwester Heidi verspürt eine ablehnende Haltung gegenüber uns fremden. Oder ahnen die Mitarbeiterinnen hinter dem Tresen, welche Geheimnisse Schwester Heidi vor ihnen verbirgt?
Die Grenze: Ein Stau, ein Stau! Die Deutschen machen die Grenzen dicht! Eine Katastrophe! Ein Anruf beim deutschen medizinischen Geheimdienst DMG schafft Klarheit. Wir dürfen passieren. Schwester Heidi ist beruhigt. Deutschland! Nun sind wir sicher.

Donnerstag, der Neunzehnte, am Tage:

Merkwürdig. Wieso sind auf deutschen Straßen so viel mehr Fahrzeuge unterwegs? Ist die CORONIA hier bereits überwunden? Sind unsere mühsam erworbenen Erkenntnisse unseres Mittelmeerversuches bereits überholt, gar wertlos?
Wir wollen nur noch ankommen. Schwester Heidi steht elektronisch in permanenten Kontakt zu anderen Wissenschaftlern und Laboren – doch niemand weiß genaueres.

Donnerstag, der Neunzehnte, am Abend:

Wir erreichen erschöpft nach der langen Fahrt unser geheimes Labor in der Nähe der deutschen Nordseeküste und werten noch in der Nacht unsere Versuchsergebnisse aus. Gut 3.000 Autokilometer in 7 Kalendertagen. Drei Substanzen in verschiedenen Dosen im Selbstversuch eingenommen, eine starke, kaum kontrollierbare Reaktion mit sehr überraschenden Nebenwirkungen unter besonderen mediterranen Bedingungen erzielt.

Zeitsprung. Dienstag, der Vierundzwanzigste, Epilog:

Wir zögern immer noch, unsere genauen Versuchsergebnisse in den Fachmedien (Bild, Autor-Motor-Sport, RTL II) zu veröffentlichen. Eigentlich müsste ich unter der strengen Aufsicht von Schwester Heidi noch sieben weitere Tage in Selbstquarantäne verbringen, doch bisher bin ich völlig frei von Symptomen. Daher gehen wir bereits jetzt mit ersten Erkenntnissen in die Öffentlichkeit. Die Sorge, andere könnten uns zuvor kommen und unsere Mühen überflüssig werden zu lassen, treibt uns an. Schwester Heidi hat, in einer Art wissenschaftlichen Höchstleistung die ihres Gleichen sucht, sämtliche Daten meiner Tabellen, Notizen und Skizzen in nur fünf Wörter kondensiert:

ALKOHOL IST AUCH KEINE LÖSUNG

Ach, Schwester Heidi, seien Sie doch nicht so! Immerhin lagen wir schon mal im gleichen Laborbett…ach, Schwester Heidi!

Es war ein Versuch wert! Die CORONIA muss mit allen Mitteln bekämpft werden. Und schließlich: Bin ich nicht völlig frei von den bekannten Symptomen? Ist das etwa kein Erfolg?

Was sagen Sie jetzt, Schwester Heidi?

mit freundlichen Grüßen, Doktor Peter.

Coronoid

CORONOID spricht man CORO-NO-ID. Das Wort gibt es schon lange im medizinischen Bereich. Allerdings eher im Zusammenhang mit müden Knochen und nicht, wie ich es meine, im Zusammenhang mit weichen Birnen.

Die CORONIA (CORO-NIA) grassiert. Egal wie man zu den ergriffenen Maßnahmen steht, es ist eine Drama. Ein Drama, wie unser wunderbares Europa in Einzelstaaten zerfällt, wie sogar unser Deutschland in Bundesländer, Städte und Gemeinden zerbröselt. Jetzt erst.
Also früher, da waren sie schlauer. Da haben sie direkt mal eine Burg mit hoher Mauer gebaut und keiner kam rein oder raus. Da gab es wenigstens eine reelle Chance auf Eindämmung. Ist aber vermutlich auch regelmäßig schief gegangen, weil die Zugbrücke viel zu spät hochgekurbelt wurde.

Hinterher sind immer alle schlauer und mittendrin gibt es auch ein paar Schlauköpfe, die gegen die Vorherrschende Meinung der Vereinzelung schwimmen. Doch jetzt, am Anfang stehend, stellen sich naturgemäß eine Menge Fragen. Antworten und Erklärungen sind Mangelware. Statt dessen werden Statistiken, Fallzahlen und Exponentiell verlaufende Kurven gebetsmühlenartig täglich, ja sogar stündlich herunter gebetet. Weil es so schön einfach ist und kaum einer einen eigenen Gedanken fassen will.

Wir schließen Grenzen, nach dem die Verbreitung des Virus doch sowieso schon längst außer Kontrolle ist. Wir wollen die Ausbreitung verlangsamen um unser Gesundheitssystem nicht an seine obere Leistungsgrenze zu bringen. Dabei war es da doch schon länger. Von Effizienz und Profitstreben getrieben. Wir verhängen Ausgangsperren, weil europaweite Torfköppe nicht kapieren, das Körpernähe die einzige Ausbreitungsmöglichkeit für diese neue Lungenkrankheit ist. Es könnte so einfach sein.

In unserem wunderbaren Europa leben 740 Millionen Menschen. Nur mit großen Mühen ist es gelungen, das wir uns seit 75 Jahren nicht mehr gegenseitig die Köppe einschlagen. Was für ein grandioser Erfolg! Und dann kommt so ein mieser Virus um die Ecke und zerlegt in zwei, drei Wochen wirklich alles. Den Anstand zuerst. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir uns mit gegenseitigen Schuldzuweisungen aufhalten. Italien bezichtigt Deutschland, Deutschland Österreich, Polen meint, es könne eine Insel sein. Wenn man genügend recherchieren würde, könnte man die Liste beliebig fortsetzen.

Wie wäre es mal mit etwas Größe?

Europa hat komplett versagt, also können wir Europäer jetzt nur zusammen stehen und uns gegenseitig helfen. Jetzt geht es mal nicht um Flüchtlinge, sondern um die eigenen Leute. Dumm nur, das unsere Anführer “eigene Leute” mittlerweile auf die kleinste Ebene herunter gebrochen haben und uns damit vom Nachbarn entfremden.

740 Millionen Menschen. Was für ein Potential! Eigentlich. Mit einer guten, einer extraordinär guten Führung hätten wir der Welt zeigen können, wie Demokratie souverän in Krisenzeiten Probleme löst. Putin, Xi Jinping ihr hättet stauen sollen, was das alte Europa so auf die Beine hätte stellen können. Und deren Völker hätten verstanden, das sie im falschen System leben. Doch nun verfallen wir in Kleinstaaterei, in panisch auf die Schlange starren statt die Ärmel hoch zu krempeln und 740 Millionen Menschen in die Kriesenbewältigung einzuspannen.

Wie wäre es mal mit etwas Größe?

Die Chinesen bauen Krankenhäuser in einer Woche?

Top, die Wette gilt.

In Europa brauchen wir zwei, aber dafür sind sie schöner!

Wir haben viel zu wenig Beatmungsgeräte?

Top, die Wette gilt!

In Europa bauen wir alles, wirklich alles!

Wir haben zu wenig Schutzmasken?

Top, die Wette gilt!

740 Millionen Europäer basteln in Heimarbeit je 13,6 Stück, gibt 10 Milliarden Masken in 2 Wochen!

Wir haben Engpässe in einzelnen Regionen?

Top, die Wette gilt!

In Europa haben wir schon länger offene Grenzen und wir helfen uns gegenseitig wirklich gerne!

Doch statt zu führen, statt anzuleiten wird jetzt erst mal die Wirtschaft gerettet. Im reichen Deutschland zuerst. Mit unglaublichen Summen. Mit unglaublich filigranen Regelungen, mit Bürokratiemonstern und Zuständigkeitsirsinn. All inclusive.

Wie wäre es mal mit etwas Größe?

Pro Kopf (!) und Monat 2.000 €, sofort aufs Konto.

Macht 160 Milliarden pro Kriesenmonat. Reicht locker für Miete, Essen und Kleinkram. Wer sparsam ist, spart für die nächste Reise 😉

Wer bescheißt, geht 10 Jahre in den Knast – verjährt nicht.

Italien, Griechenland, ihr habt nicht genug Geld? Kein Problem. Wir geben gerne, wie die anderen reichen Länder auch.

Oh, werde ich CORONOID?

Nein, ich bin längst CORONOID!

Peter.

GENESIS 2020

Wink mit dem Zaunpfahl?

Zufall?

Vorsehung?

Gottes Wille?

Wie kann es angehen, das einen Tag vor meinem Geburtstag angekündigt wird, GENESIS wäre Ende 2020 auf einer kleinen Tour durch GROß BRITANIEN zu sehen?

GENESIS 1981 (von links) Mike Rutherford, Chester Thompsen, Phil Collins

Ja, da muss man sich doch wohl selbst beschenken?

Also nur mal so:

Peter und GENESIS:

  • Erste selbst gekaufte Langspielplatte im Leben (“THE LAMB LIES DOWN ON BROADWAY“)
  • Erstes Konzert im Leben (Sporthalle Köln, 17.10.1981)
  • Gefolgt von Konzerten in Bremen, Hannover, Hamburg über die Jahre
  • Alle regulären Studio-Veröffentlichungen sowie Live-Alben im Schrank
  • Natürlich auch die letzte Studioplatte “CALLING ALL STATIONS” von 1997, die merkwürdiger Weise seit Jahren tot geschwiegen wird. Und das nur, weil Phil Collins darauf nicht zu hören ist? GENESIS war immer mehr, als eine Phil Collins Begleitcombo.
GENESIS 1981 (von links) Daryl Stuermer, Mike Rutherford

Also ja, man sollte sich in solchen Fällen selbst beschenken. Schließlich kokettieren die Herren permanent mit dem Alter und der Gebrechlichkeit, die das fortgeschrittene Lebensalter  somit bringt. Sollten einfach zwischen den Konzerten mal segeln gehen! Den eigenen Zustand gilt es ebenfalls zu bewerten.

Ja, selbst beschenken.

GENESIS 1981: Tony Banks

Zu doof, das die Herren es immer noch nicht gebacken bekommen, sich mit den anderen beiden zu vertragen. Denn bei der jetzt angekündigten Tour treten nur Tony Banks (Keyboards), Mike Rutherford (Bass) und Phil Collins (Gesang) an. Unterstützt von Daryl Stuermer (Gitarre) und Nico Collins (Schlagzeug). Nicht, wie sonst üblich mit Chester Thompsen am Schlagzeug, sondern mit dem jugendlichen Sohn. So läuft es halt. Eigenes Blut wiegt schwerer als Jahrzehnte der Unterstützung, als ein ewiges Schattendasein im Lichte des Über-Musikers Phils Collins. Wie Chester sich wohl fühlen mag?

GENESIS 1981

Doch die beiden anderen, das sind Peter Gabriel und Steve Hackett, der sich seit Jahren mit den Frühwerken von GENESIS live abrackert und viele, viele Menschen damit glücklich macht.

Und wie viele Millionen, ja, Millionen Fans hätte GENESIS beglücken können, wenn sie eine echte Farewell, eine echte ReUnion, eine echte Über-Den-Eigenen-Schatten-Springen Nummer aufgesetzt hätten. Mit der Kerntruppe Gabriel, Collins, Rutherford, Banks und Hackett.
Darum herum die Freunde der Vergangenheit, Stuermer und Thompson und vielleicht, für ein einziges Stück nur, Ray Wilson als Gastsänger?

GENESIS 1981

Ein Zeichen des Happenings, ein Zeichen des “wir alten Männer können auch anders” wäre das gewesen.

Aber gut, das sollte nun nicht sein und wenn es jetzt nicht passiert, dann wird es auch nicht mehr passieren. Zu alt und Grumpy Old Man werden bekanntlich nur noch grumpiger…

GENESIS 1981

Selbst Beschenken. Mitnehmen, was geht.

Um Karten bemüht. Egal in welcher Stadt. Angeblich sollte es Karten für 90 Pfund geben, die, die dann aber tatsächlich verfügbar waren sollten heute Morgen (regulär!) 181,25 Britische Pfund kosten. Pro Stück. Plus Versand. Plus Reise. Plus Hotel. Das war noch günstig. “Exklusive Dinnerkarten” waren für über 700 (!!!) Pfund im Angebot.

Wirklich selbst beschenken?

Wirklich jeden Scheiß mit machen, egal was es kostet, egal wie blöd das Gefühl dabei ist?

GENESIS 1981

Ach nö, lieber nicht. Lieber jetzt nicht.

Mit Chance kommen die Drei von der Insel ja doch in 2021 auf Festlandtour. Wenn ihnen ihr Heimspiel gefallen hat. Und dann gibt es vielleicht Karten zu angemessenen Preisen, wenn schon nicht das große Happening geboten wird.

GENESIS 1981

Zum Trost, für heute: WHEN IN ROME in erhöhter Lautstärke durchs Haus erschallen lassen, auf dem Dachboden den alten Fotoordner aus 1981 heraus suchen und ein paar Bilder vom ersten Konzert des Lebens scannen.

Erinnerungen. Das ist alles, was bleibt.

Peter.

P.S.: Alle Bilder mit einer MINOLTA XD7, ISO400 Negativfilm, KIRON 1,8f 28-85mm am 17. Oktober 1981 in der Sporthalle Köln aufgenommen.

Zur Lage XXXVI

Aha, es geht weiter!

Sogar heiter weiter!

Endlich, werden die wenigen sagen, die unser Reparaturprojekt aufmerksam verfolgen und sich seit Oktober 2019 fragen, wieso es keine Neuigkeiten gibt.

Nun, es gab schlicht nichts zu berichten. Jedenfalls nichts, was irgendwie auf ein Projektende hätte hinweisen können.

Nun aber! Es ist weiter gegangen. Aber Vorsicht, zum Ende hin wird es recht technisch.

Das Deutsche Schweißerteam (“Anlauf 1”) hatte nach in Augenscheinname im Oktober 2019 einen guten Job gemacht. An Land sah´ alles gut aus, die Schweißnähte schön geschliffen, die neue Bordwand, wie neu!
Doch der erste Schwimmtest offenbarte in der neuen Schweißnaht (ca. 4 umlaufende Meter) 8 (ACHT!) Leckagen. Das war dann doch sehr ernüchternd. Für alle. Nun ja, kann wohl passieren. Also nachbessern. In Summe drei mal. Doch jeder erneute Schwimmtest verlief negativ. In der Sekunde, in der der Rumpf vom Wasser umgeben war, diffundierte das Hafenwasser durch die neuen Schweißnähte, immer an verschiedenen Stellen. Das schlägt aufs Gemüt.

OK, wenn etwas nach vier Versuchen nicht gut wird, steht zu befürchten, das es nie gut wird. Und trotz der langen beruflichen Abstinenz kommt dann wieder der Projektleiter in mir durch und zwingt mich zum Handeln.

Kurz vor Weihnachten ein für alle Parteien unangenehmes Gespräch geführt. Ich wollte das Projekt mit dem Deutschen Schweißerteam abbrechen, die Kollegen wollten nachbessern bis es dicht ist. Wenn es sein müsste, auch noch zehn mal…also eigentlich, bis der Arzt kommt.
…solche Trial & Error Versuche sorgen in der Regel nicht für Vertrauen und Vertrauen ist bei der Reparatur des Unterwasserschiffes einer Hochseeyacht wohl der Punkt, auf den es wirklich ankommt.

Trennung, mit Geldverlust und Frust bei allen Parteien.

Schiete sacht Fiete.

Was auch jetzt noch wirklich bedrückt: Das Deutsche Schweißerteam bestand aus Profis, die tagtäglich Aluminium im Boots- und Schiffbau verarbeiten. Wenn die einfach nur doof wären, gäbe es das Unternehmen nicht. Wieso war ihre Arbeit nicht von Erfolg gekrönt?

Also Teamwechsel und nicht, wie im Fußball üblich, Trainerwechsel. Wäre ja auch noch schöner. Einfach den Skipper austauschen…

Das neue Schweißerteam kommt aus den Niederlanden (“Anlauf 2”) und besichtigte STORMVOGEL Anfang Januar 2020. Kurz ein paar Maße nehmen, ein paar Schablonen herstellen und ja klar, das bekommen wir ordentlich repariert, überhaupt kein Problem!
Nun sind wir ja ehrliche Menschen und haben die erfolglosen Versuche natürlich auch bekannt gemacht. Tja, was sollen die Niederländer sagen: Keine Ahnung was schief gegangen ist, aber wir bekommen das hin!
So viel Selbstvertrauen steckt an und so war es auch nicht ganz so schlimm, bis Anfang März warten zu müssen. Erst dann war Zeit für die Reparatur im fernen Deutschland.

Und schon alleine der Zeitbedarf könnte unterschiedlicher nicht sein: Die Niederländer stecken Montags Morgen noch in ihrem Land im Stau fest und kommen erst gegen 13:00 Uhr in Glückstadt an. Gearbeitet bis 17:30 Uhr. Dienstags von 07:00 bis 17:00 Uhr. Mittwoch, 13:00 Uhr Schwimmtest. Erfolgreich. Zwei Stunden warten. Immer noch trocken. Heimfahrt.

Sicherheitshalber das Boot über Nacht im Kran und Wasser gelassen. 24 Stundentest. Absolut trocken.

Das wäre also geschafft!

Anodentasche, Bordwand, 2. Anlauf

Jetzt geht es an den Zusammenbau und das wird sicher eine andere Geschichte. Stand heute planen wir Anfang Mai segelfertig zu sein. Wird auch Zeit, denn unser Verein TRANS-OCEAN e.V. hat zum Sommertreffen nach Fehmarn geladen. Mit Boot, natürlich.

Soweit die organisatorische Entwicklung der Vergangenheit. Hier jetzt noch ein paar technische Details:

Alte, ausgebaute Anodentasche

a) Anodentasche
Die in 2019 neu eingesetzte Anodentasche wurde wieder heraus getrennt und nochmals erneuert. Grund: Das deutsche Team hat die Tasche kreisrund vorgefertigt und konnte diese nur von außen schweißen. Das, so die Niederländer, sei unzulässig: Unterwasser müssten alle Schweißnähte grundsätzlich beidseitig ausgeführt werden. Nun hatten die Deutschen das ja nur gemacht, weil man von innen an den unteren Kreisbogen der Anodentasche nicht heran kam…der Denkfehler: Statt mühsam die Rundung beidseitig zu schweißen, stellt man eine neue Anodentasche her, setzt die auf eine quadratische Platte, trennt großzügig die Bordwand heraus und ersetzt die Bordwand mit der neuen Tasche samt Rahmen. Dadurch kommt man auch in engsten Verhältnissen von beiden Seiten heran.

Neue Andodentasche, 1. Anlauf mit dem Team aus Deutschland, Bordwand vom 1. Anlauf wieder raus
Neue Anodentasche, 2. Anlauf mit dem Team aus den Niederlanden
Schweißnaht Bordwand, innen, 1. Anlauf

b) Bordwand
Die in 2019 neu eingesetzte Platte wurde wieder komplett heraus getrennt und die Reste der alten Bordwand direkt mit. Bis zum Kiel hinunter. Die Idee: Wie beim Neubau möglichst wenig Schweißnähte.

2. Anlauf: Neue Bordwand bis zum Kiel hinunter, Strömungskeil demontiert

Es war wohl generell problematisch, im Kielbereich 2cm der alten Bordwand stehen zu lassen und daran die neue anschweißen zu wollen. Beim Aluminiumschweißen kommt es wohl extrem auf Temperaturen und Wärmeableitung an. Und wenn dann zwei Zentimeter neben einer alten Schweißnaht eine neue entsteht, beschädigt man durch die Hitze auch ganz einfach die alte Naht.
Von außen wurde die neue Platte nur punktuell angeheftet, um dann zunächst von innen mit einer sauberen Vollnaht verschweißt zu werden. Dann wird von außen zwischen alter und neuer Platte und in das volle Material der inneren Schweißnaht ein “V” hinein gefräst. Damit vergrößert man die Fläche, auf die nun die äußere Schweißnaht aufgebracht wird. Man will dabei erreichen, das die Kanten der alten und neuen Platte mit der inneren Schweißnaht verschmilzt.

Schweißnaht Bordwand, innen, 2. Anlauf
Schweißnaht Bordwand, innen, 2. Anlauf, Anodentasche (links), Bordwand (rechts)

Klar: Das Risiko besteht darin, das die innere Schweißnaht an einigen Stellen nicht genug Material aufweist und beim “V”-fräsen von außen Mikro-Löcher entstehen, die dann die äußere Schweißnaht auch nicht mehr ordentlich abdichten kann. Wohl eine Übungs- und Erfahrungssache. Doch der Schweißer aus den Niederlanden ist ganze 26 Jahre alt…

Anströmkeil (vor dem Schwenkkiel, Unterkante Rumpf)
Strömungskeil an Steuerbord, vor 1. Anlauf, nach Sandstrahlen. Dunkler Fleck weist auf Wasser von innen hin.

c) Kielkasten / Anströmung
Das Team aus den Niederlanden war sicher: Die beiden Anströmkeile vor dem Kielkasten müssen auch erneuerst werden. Die sorgen eigentlich nur dafür, das es einen schönen Langkiel gibt und kein senkrecht nach unten heraus ragender Kielkasten irgendwo hängen bleiben könnte. Die Anströmkeile mussten sowieso entfernt werden, weil wir ja nun die neue Bordwand direkt an den Kielbalken anschweißen wollten.

Demontierter Strömungskeil an Steuerbord, Vorderkante Kielkasten. Neue Bordwand (2. Anlauf) bereits eingesetzt. Backbord ist in diesem Bild noch nicht demontiert / erneuert.

Bei der Demontage fiel dann auf, das die Schweißnähte aus der Bauzeit an dieser Stelle durchaus erneuert werden sollten. Also im vorderen Bereich aufdoppeln und komplett neu verkapseln. Dann die Bordwand, dann die neuen Anströmkeile. Auf beiden Seiten, auch wenn Backbord kein Problem zu erkennen war. Sicher ist sicher und wenn man schon mal dabei ist…

Demontierter Strömungskeil

Durch die Geschichte mit dem Anströmkeil haben wir dann auch direkt noch eine neue Theorie, warum wir überhaupt Seewasser im Ballast hatten:
Als wir 2013 auf den TUAMOTOS auf ein Innenriff gelaufen sind, könnte in diesem Bereich an einer Schweißnaht ein Haarriss entstanden sein, durch den über die Folgejahre das Seewasser in den Ballast eingedrungen ist.
Hört sich gut an, doch die Gegenprobe ist schwach: Wenn durch den Haarriss Seewasser eingedrungen wäre, hätte es in den Winterlagern 2016-2019 ja dort auch sichtbar wieder austreten müssen. Ist aber niemanden aufgefallen und es hätte spätestens beim Antifoulingmalen wohl auffallen müssen.

Das war es also erst mal.

Gut zu wissen, das unser Boot wieder schwimmen kann.

Peter.

…neues von Familie, Segeln und Fotos