Drei Schläge, ein kurzer und zwei lange.
Es gelten neue Regeln beim Segeln:
Es MUSS gesegelt werden, wenn der Wind günstig ist. Günstig meint nur die richtige Windrichtung, Windstärke für mindestens 4 Knoten Fahrt erwünscht.
Und so treibt uns der aktuelle Wind unabhängig von persönlichen Gelüsten schnell nach Norden.
Von MARSTAL nach LYÖ könnte zwar schon als Hausstrecke durchgehen, aber das Achterfahrwasser in der dänischen Südsee erfordert auch bei der (gefühlt) hundertsten Durchfahrt volle Aufmerksamkeit. Oberflächlich viel Wasser, aber außerhalb der Fahrrinne viel zu flach für ein echtes Segelboot und entsprechend schwierig.
Im Fahrwasser nur mit dem gut zu kontrollierenden Vorsegel, danach dann Vollzeug. STÖRTEBECKER läuft extrem gut bei 15 Knoten Wind. Eine wahre Freude, wenn, wie auf dieser Etappe die miese Ostseewelle außen vor bleibt.
Vor LYÖ soll geankert werden. STÖRTEBECKER hat alles dafür an Bord. Unser Voreigner war vermutlich ein Ausrüstungsfetischist. Gut ausgerüstet zu sein, das ist die halbe Miete für ein Leben auf dem Wasser.
Auf 5 Meter Wasser wird der kostbare Edelstahl 7,5kg Anker mit 5 Meter Kettenvorläufer von Hand geworfen. Die ca. 30 Meter lange Ankerleine liegt in langen Duchten an Deck klar zum ausrauschen. Obwohl gute Wasserqualität ist das Teil schnell außer Sicht.
Vom Wind eintreiben lassen, dann, wenn die Ankerleine voraus zeigt mit Maschine gefühlvoll rückwärts eindampfen und Anker hält. Das ist das schöne an LYÖ. Vermutlich hält hier jeder Anker, ob kostbarer Edelstahl oder rostiges Moniereisen.
Das hat ja mal gut geklappt. Etwas problematischer ist da die Frage der Ankerwache. Der kleine 6 Zoll RAYMARINE Plotter kennt zwar den Alarm, meldet auch, aber nur Stumm auf dem Bildschirm. Tolle Wurst.
OK, dann eben mit OPENCPN auf dem DELL 7212 TABLET unter LINUX. Technisch ganz anderes Thema, an anderer Stelle demnächst mal mehr. Nur so viel: Dieser Ankeralarm hat mehrfach Fehlalarm ausgelöst, weil, wie immer eigentlich, viel zu kleinen Schwoikreis vorgegeben.
Am Abend ein Gewitter mit 30+kn Böen, Morgens 20kn und etwas kabbeliges Wasser. Anker auf dank aufmerksamer Steuerfrau kein Problem.
Tagesziel ist eigentlich das 40 Seemeilen entfernte MIDDELFART. Aber mit der Option, noch mal 20 Meilen weiter nach JUELSMIDNE zu gehen. Muss entschieden werden, wenn wir in das Fahrwasser von FREDERICIA einlaufen.
Zunächst läuft es ganz gut, auch wenn der Himmel grau und Regenverhangen ist. Doch mit der Zeit baut sich im kleinen Belt eine miese Hecksee auf die den Aufenthalt an Bord dann doch etwas unkomfortabel macht. Kurzerhand wird die Route geändert. Statt östlich bei ASSENS die Insel ARÖ zu passieren wird das kleinere westliche Fahrwasser passiert. Das führt wie erhofft zu etwas mehr Komfort.
Wenn der Motor nicht im Leerlauf bei 1.000 u/min laufen müsste.
Die RAYMARINE Steuerelektronik hat sich über „schwache Batterie“ beschwert, wenn der Autopilot bei einer größeren Grundsee mal ordentlich schnell Ruder legen musste. Kann im Prinzip ja gar nicht sein, auch nach der einen Nacht auf Anker ohne Landstrom nicht. Aber, „kann ja gar nicht sein“ und die Grausamkeit der normativ faktischen Perspektive, ohne Autopilot da zu stehen veranlassen den Skipper eine satte Motorstunde zur Stromerzeugung zu spendieren.
So durchsegelt STÖRTEBECKER den ARÖ Sund mit laufenden Motor und lässt endlich die lästige Ostseewelle hinter sich.
Doch Schwups, tara, gibt es ein neues Hindernis auf dem Weg zum unbeschwerten Segeln: Gegenstrom auf Sollkurs, weiter Östlich viel weniger. Dann kommen auch noch Regenböen dazu und das immer enger werdende Fahrwasser. Volle Aufmerksamkeit, verpackt in Ölzeug, im Versuch dem Unbill der Natur zu trotzen.
Die Mannschaft, wer auch sonst, drängt zur Weiterfahrt. OK, ohne Not verdient der super langweile Yachthafen von MIDDELFART wirklich keine weitere Aufmerksamkeit. Also weiter durch das nun flußähnliche Revier. Um weiter zu kommen auch mal kurz mit Maschine, aber im wesentlichen unter Segeln.
Nördlich von FREDERICIA dann aller Bestes Talsperrensegeln in Höchstgeschwindigkeit. Für ´ne Stunde oder so. Dann setzt wieder die achterliche See ein und der Skipper verschwendet überflüssige Gedanken an schon längst geleerte kleine metallische Zylinder, wäre er einfach in MIDDELFART geblieben.
Das Ding an JUELSMINDE ist ja das man von Süden kommend immer um das große und flache Außenriff herum muss. Was für ein Umweg! Aber STÖRTEBECKER läuft und spult munter seine Meilen ab. Was sollte ein eben zu einem solchen Zweck gebautes Boot auch anderes tun?
Festmachen in Ölzeug, ohne Regen. 10 Minuten später eine ordentliche Sturmböe mit viel Wasser von oben. Perfektes Timing reklamiert der Skipper, die Mannschaft glaubt kein Wort.
Die beiden SchikkyMikky Restaurants im Hafen laden gerade angekommene Segler nicht unbedingt zum Essen ein, also muss die Mannschaft trotz der späten Stunde auch noch ein warmes Abendessen auf den Tisch bringen. Bummelig 60 Seemeilen (noch nicht mal 120 km!) am Tag sind schon eine Nummer.
Doch am nächsten Tag soll es noch etwas mehr werden: Irgendwas mit 62 Seemeilen braucht man, so errechnet der Computer, wenn man nach GRENAA möchte.
OK, siehe oben:
Es wird gesegelt, wenn der Wind günstig steht!
Für das Wochenende ist kein oder, je nach Uhrzeit des Wetterberichtes, sehr wenig Segelwind angesagt.
Also: Weiter!
Auf dem nun zunächst eher östlichen Kurs scheppert und klappert so ziemlich alles an Bord von STÖRTEBECKER. Die Besatzung nicht, die hat sich fest in irgendwelche Ecken verkeilt und bewegt sich so wenig wie möglich.
Gesegelt wird in OPA OSTSEE MANIER: Nur mit dem Vorsegel. 20+kn und schwere Schauerböen sollen nicht zu mehr Arbeit als nötig an Bord führen! Auch an diesem Tag wird die ursprünglich gewählte Route während der Reise angepasst. Statt östlich um SAMSÖ herum zu gehen wird die noch nie von uns befahrene Westroute gewählt. Auch diese Entscheidung stellt sich als richtig heraus, wird die See doch schnell ruhiger und man kann endlich mal frühstücken.
Wie immer, wenn Lässigkeit an Bord das Kommando übernimmt, passieren Dinge, die besser nicht passieren sollten. Nach dem Frühstück und der letzten Regenböe soll das Groß gesetzt werden um mehr Fahrt zu machen. Besser, das machen wir unter Maschine im Wind, also Vorsegel kurz einrollen.
Das macht des STÖRTEBECKERS Besatzung aber so unglaublich schlampig (ohne Gegendruck der Schot) so das das Vorsegel unklar kommt. Kaum ist das Groß gesetzt und der Sollkurs wieder aufgenommen wird das Maleur bemerkt und es dauert seine Zeit, bis das Vorsegel wieder klar gemacht werden kann. Zum Glück, wirklich nur durch Glück ist die Welle völlig harmlos und wir können zu zweit auf dem Vordeck arbeiten um den Kuddelmuddel zu bereinigen. Das durch das Schlagen des Vorsegels im Wind auch noch ein Schäkel des Seezauns aufgibt verwundert zwar nicht, zeigt aber welche bescheuerten Folgen Nachlässigkeit im Manöver haben kann.
Nun denn, unter Vollzeug weiter bis zur nächsten, gut sichtbar anrollenden Regenböe. Perfekt, auf die Sekunde in den Wind geschossen, Großsegel geborgen und die vielleicht 10 Minuten Schockwelle in aller Ruhe abgewettert. Gut gemacht!
Danach wieder unter Maschine mit ordentlich aufgerollten Vorsegel in den Wind, Groß wieder gesetzt und unter Vollzeug auf Sollkurs. Elende Schufterei!
Für nicht mal eine Stunde.
Als nächstes eine sehr, sehr überraschende Windstille in der AARHUS Bucht, die zwischen Inseln und Festland für einen unerwarteten Maschineneinsatz sorgt. Ganz spezielles Revier hier in der Ostsee. An dieser Stelle haben wir schon die merkwürdigsten Dinge erlebt. Doch hat man kaum die Ostseite von EBELTOFT erreicht läuft der Dampfer unter Vollzeug wie auf Schienen gen Norden.
Grandios.
Dem Skipper ist es mittlerweile sogar gelungen, das schöne neue Groß völlig faltenfrei zu setzen. Ganz schön viele Strippen wollen das eigentlich verhindern, doch menschliches Intelligenz, und sei sie noch so beschränkt, gewinnt immer! Ha!
OK, die 18 Seemeilen nach GRENAA ziehen sich und der Wind bläst längst nicht so zuverlässig wie gewünscht, aber im Grundsatz läuft es.
Wenn man die drei Segeltage reflektiert kommt man zuerst auf die Anstrengung und Entbehrung. Aber dann kommt man schnell auf das grandiose Naturerlebnis, den unmittelbaren Kontakt zur Wirklichkeit des Lebens, der Auswirkung des eigenen Handelns auf die allernächste nächste Zukunft.
Irgendwas nach 1930 fest in GRENAA. Endlich. Erschöpft. Erleichtert.
Zu Hause auf dem Sofa wäre es gemütlicher.
Aber nicht mal im Ansatz befriedigender.
Peter.







