Die erste richtige Reise, mit dem neuen alten Boot.
Seit vier Tagen sind wir schon unterwegs. Obwohl der Dampfer dank hervorragendem Autopiloten im wesentlichen alleine fährt kommt man rein zu gar nichts. Kaum Fotos gemacht, nicht eine Zeile Text für den Blog geschrieben. Auch diese wenigen Zeilen entstehen kurz vor 2100 nur recht mühevoll. Todmüde. Immerhin satt und geduscht. Minimalstandards müssen unbedingt eingehalten werden.
Aufbruch am vergangen Samstag bei bestem Wetter aus dem neuen Heimathafen der Segelyacht STÖRTEBECKER, der W.Y.K. an der Krückaumündung bei ELMSHORN. Draußen auf der ELBE läuft gerade die NEDDERELV Regatta mit über 20 Booten, toll anzusehen, schwierig den Racern aus dem Weg zu gehen. Anfangs versuchen wir noch mit dem ablaufenden Wasser wie die Rennfahrer gegen den frischen Westwind anzukreuzen, doch machen wir deutlich zu wenig Meilen auf das Tageziel BRUNSBÜTTEL gut.
Irre, wie der starke Wind das entgegen gesetzt Ablaufende Wasser aufhält. Bei GLÜCKSTADT wird das Gekreuze aufgegeben und die Unterwassergenua gesetzt. Für eine Stunde oder so OK, doch dann baut der Wind eine immer steiler werdende Elbwelle auf die das Boot öfters mal überspült. Klare Erkenntnis: Bei der Windvorhersage hätte man mal lieber im Hafen bleiben sollen. Wind gegen Strom auf der Unterelbe, gerade mal 5 Knoten Fahrt über Grund, normal wären 7 oder 8. Für Sonntag ist Windstille (mit entsprechend harmloser ELBE) vorher gesagt. Geduld!
Gut 45 Minuten auf der relativ ruhigen Warteposition vor der alten Schleuse auf die Schleusung in den Kanal gewartet, um 1930 dann fest im Kanalhafen und um 2020 beim Türken ein leckeres Abendessen, standesgemäß verflüssigt mit einigen kleinen grünen Flaschen um diesen durchwachsenen ersten Tag schnell zu vergessen.

Sonntag früher Start, denn der NORD-OSTSEE-KANAL (NOK) soll in einem Rutsch passiert werden. 99 Kilometer bei einer Fahrt von ca. 11 Kilometern pro Stunde. Nicht das da Langeweile aufkommt!
Mittlerweile kostet die Passage auch für kleine Boote satte 18 €. High-Tech: Am Besten man bezahlt online und hinterlegt beim Kauf seine MMSI Nummer, dann kann die Kanalbehörde bei Durchfahrt automatisch prüfen, ob man bezahlt hat. Sonst wird man, dem hören sagen nach, auch mal unhöflich in den Schleusen nach dem Bezahlcode gefragt.
In einer Kanalweiche stellt sich die Frage, ob man wartende große Schiffe wohl überholen darf, wenn Platz ist? OK, aus Erfahrung: Zwischen wartendem Dampfer und den Dalben vorbei schleichen gibt großen Ärger mit dem Kanallotsen. Aber wie wäre es auf der anderen Seite? Nun, schlaue Internetseiten meine, das könne man ruhig machen wenn es der Verkehr erlaubt. Die NOK Behörde meint aber irgendwo bei INSTAGRAM, nein, absolutes Überholverbot. Sagt die GOOGLE KI. Nach sehr kurzem Aufstoppen geht es auch zum Glück schon weiter, Problem (anders) gelöst.
Vor der Schleuse in KIEL HOLTENAU werden wir Ohrenzeuge einer völlig unnötig sarkastischen Konversation über UKW Funk. Ein ankommendes Sportboot will über Funk wissen, wann es geschleust werden kann. Grätscht aber bei seinem Anruf mitten in ein Gespräch zwischen einem Kanallotse und dem Schleusenwärter und wird somit professionell ignoriert.
Das lässt der funkende Sportbootfahrer natürlich nicht auf sich sitzen und quakt noch was von „…danke für den professionellen Service…“ wortreich in den Äther. Das Ganze noch mal, als er die Schleuse mit seinem durchaus hässlichen Dampfer verlässt.
In was für Zeiten leben wir eigentlich? Jeder will gesehen werden, jeder will als erstes bedient werden. Schließlich haben wir ja bezahlt! Jeder will jederzeit was sagen. Dabei sind wir Sportboote im NOK, objektiv betrachtet, eher so was wie lästige Schmeißfliegen für die Berufsschifffahrt und müssen froh´ sein das wir diese hervorragende Abkürzung überhaupt benutzten dürfen.
Wir halten, wie es sich wohl auch gehört, Funkruhe vor den Schleusen und warten stumm und tapfer auf das weiße Blinklicht, das die Einfahrt erlaubt. Nur wenn es gar nicht anders geht mit der Wartezeit, dann wird mal höflich gefragt.
Die Liegeplatzsuche in der BALTIC BAY MARINA in LABOE gestaltet sich schwierig. Alle, wirklich alle freien Plätze stehen auf Rot. Kann ja gar nicht sein. Ein Telefonanruf beim Hafenmeister bringt zunächst einen (roten) Liegeplatz, später die Erkenntnis das auch dieser Hafen auf eine Buchungssystemapp umgestellt hat. Mit BOATPARK könne man ganz einfach und flexibel seinen Liegeplatz online buchen. Tolle Wurst, zwei weitere Parasiten drängen sich in die Geschäftsbeziehung zwischen Kunde und Verkäufer: Kreditkartendienstleister und APP Anbieter. Logisch, das alles immer teurer wird.
Die Weiterreise am Montag findet mangels Wind nicht statt. Gar nicht mal so schlecht, denn so ein paar Boatjobs wie Deckwaschen, Festmacherleinen sortieren und Landstrom reparieren wollen auch mal erledigt werden.
Während der Achterbahnfahrt auf der ELBE am Samstag ist der Ankerkasten unbemerkt voll gelaufen und hat alle drei Stecker des Landstromanschlusses geflutet. Ist erst aufgefallen als in LABOE Strom gelegt werden sollte. Die Ursache ist schnell gefunden: Kleine Äste und Blätter haben den Abfluss tief unten im Ankerkasten verstopft. Die waren entweder schon immer da drin oder haben sich im Winterlager dort eingefunden. Also alles ausräumen, Ankerkasten sauber machen, Stecker demontieren, trocknen, mit WD40 behandeln und wieder zusammen bauen. Einfach.
Der angesagte Segelwind für Dienstag entspricht exakt der Wirklichkeit und sorgt für eine hervorragende, schnelle Passage nach MARSTAL auf der dänischen Insel ÄRÖ. STÖRTEBECKER läuft unter Vollzeug anfangs bei sehr leichten Wind gute 4 Knoten, später um und bei 7 Knoten. Das ist Rumpfgeschwindigkeit, schneller geht es nicht. Schade, denn wir werden von gleich drei größeren Booten überholt. Immerhin liefern die noch schneller Fahrer gute Bilder 😉
Der Gästebereich in MARSTAL ist vielleicht zu einem Drittel belegt, fast durchweg deutsche Boote mit Charter- und/oder Ausbildungscrews an Bord. Nicht jeder Ausbilder versteht hier sein Handwerk.
Der Hafen wird, zumindest für die eingeborenen Dauerlieger, modernisiert: Schwimmstege aus Beton sind verlegt. Ein Bagger auf einem Schwimmponton liegt aber auch noch rum, vielleicht werden ja auch die 100 Jahre alten festen Holzstege für die Gäste erneuert? Schließlich zahlt man beim Eisernen Hafenmeister 30 € die Nacht. All Inclusive. Sämtliche kleinen PIN Code Teile bei den Duschen sind außer Betrieb, keine Münzautomaten in den Duschen. Die Dänen sind ihrer Zeit voraus und haben offenbar gemerkt das diese ganzen Zusatzteile auch nur jede Menge Geld im Unterhalt kosten und sich niemals rechnen können.
Aber das hier nun gar kein grantiger Hafenmeister zur Unzeit deutlich hörbar auf den Bugkorb klopft ist schon traurig. An diesem besonderem maritimen Ort. Laut Aushang schon seit 2023 nicht mehr.
Irgendwie absurd:
Wir schaffen Arbeitsplätze an besonderen Orten ab um andere Leute, die noch Arbeit haben, dort zu beherbergen.
Peter.
P.S: Der Plan ist gemacht. ANHOLT als Ziel, in fünf weiteren Etappen mit Chance ohne weiteren Hafentag erreichbar. Schauen wir mal.





