Gleich mal vorweg:
Was für ein umwerfend gutes Konzert, was für durchschnittliche Fotos, was für bescheuerte Sitze und was für ein besonderes Erlebnis!
Gerade zurück in KNAUSi, ein wenig glücksbeseelt, erschöpft und auch, jetzt, gegen Mitternacht, müde ob des langen Tages. KNAUSi steht auf einem abseits vom Trubel gelegenen Hinterhof der Universität zu PORTSMOUTH, aber nur 700 Meter von der GUILDHALL, dem Ort des Geschehens, entfernt.
Das Konzert wird wie angekündigt von HAUNT THE WOODS eröffnet. Gleich im ersten Song macht der Sänger (Herr JONATHAN STAFFORD) klar, das er die Diva der sehr stark aufspielenden Band ist. Lange, sehr lange sogar keine so gute Vorgruppe von MARILLION gesehen und gehört! Eigentlich ja nur SYLVAN damals in Köln. Da reicht HAUNT THE WOODS allerdings auch nicht ran.
Nun denn:
Wenn die anderen Musiker von HAUNT THE WOODS schlau sind, werden sie die Diva bei nächster Gelegenheit feuern denn so bald diese Band mal richtig Erfolg hat, wird genau er die Band sprengen.
Diese spontane Abneigung hat nichts damit zu tun, das genau dieser Mann das KERNOWFORNIA Festival in LOOE in den Sand gesetzt hat. Obwohl, laut Ansage spielt die Band schon seit 14 Jahren zusammen. Das vorletzte Stück ist mit Abstand das Beste und in der Bandgeschichte eines der Ersten. Das sagt ja auch was aus…
Ungefähr eine Millionen Bühnenarbeiter räumen das Zeug von HAUNT THE WOODS weg und stimmen noch mal die bereits aufgebauten MARILLION Instrumente. Kein Wunder das die Tickets auf eher durchschnittlichen hinteren Sitzplätzen gut 72 Kracher pro Stück gekostet haben. So viele Leute wollen bezahlt werden. Und die Musiker natürlich auch!
Bereits mit der beginnenden Lightshow wird klar, womit MARILLION den heutige Abend beginnen wird. Hektische Suchscheinwerfer durchschneiden die Dunkelheit des großen Saals. Die nun einsetzenden ersten Takte liefern dann sofort den Beweis:
GAZA!
Was für ein grandioses Eröffnungsstück! Traut sich MARILLION also doch noch Stellung zu beziehen mit einem 14 Jahre alten Lied über das Verhältnis von Israelis und Palästinensern im GAZA Streifen?
Dieses ganz hervorragende Teil rottete ja nun auch lange genug nach dem verehrenden Terroranschlag der HAMAS am 7. Oktober 2023 im MARILLION Giftschrank herum und hat leider ganz und gar nichts an Aktualität eingebüßt.
Es gibt wohl kein weiteres Kriegslied auf der Welt das mehr Chaos und mehr Verzweiflung musikalisch zum Ausdruck bringt als GAZA von MARILLION.
Zu GAZA selbst kein Wort, keine Erklärung.
Nur ein kurzer Hinweis das genau vor der Veranstaltungshalle vor wenigen Stunden eine Demonstration statt gefunden habe für Dinge, gegen die die Band sich schon immer positioniert habe. Zu dieser Demo im noch zu schreibenden PORTSMOUTH Beitrag später mehr.
Nun, das Publikum in der nicht ganz ausverkauften GUILDHALL im Zentrum von PORTSMOUTH kann denn auch das komplexe Stück offenbar nicht so richtig einordnen.
Merkt man am eher verhaltenen Applaus.
Mit FANTASTIC PLACE und dem stärkeren YOU ARE GONE folgen zwei nette Weichspüler, kluge Wahl nach diesem perfekten musikalischen Auftaktchaos. Den ersten, für das Stück elementar wichtigen Ton von FANTASTIC PLACE versaut STEVE ROTHEY an der Gitarre so dermaßen, das die Band abbricht, in Gelächter ausbricht und den ansonsten ja nahezu unfehlbaren Bandkollegen fragt, was da denn nun los sei?
Unerklärlich. Aber diese kleine, mit großem Humor genommene Auftaktpanne setzt dann schon mal den Ton für den den ganzen ungewohnt lustigen Abend.
STEVE HOGARTH verschafft der Band eine kleine Pause mit seinen Ausführungen darüber, wieso das neue, von allen lang erwartete Album immer noch nicht fertig ist. Eigentlich habe man schon eine ganze Menge fertig. Eigentlich. Aber immer wenn die Band sich im Studio treffen würde käme jemand auf die Idee das Endteil eines neuen Stücks an deren Anfang zur setzen, den Mittelteil durch was neues zur ersetzten und/oder das Teil komplett zu verwerfen.
Ihr langjähriger Produzent MICHAEL HUNTER würde nur noch stöhnen. Aber immerhin habe man mit dem nun folgenden RIBBONS AND LACE schon mal ein Stück richtig, richtig fertig.
Wie schon in HAMBURG befürchtet, auch beim zweiten Hören wird das Teil einfach nicht besser! Wenn STEVE ROTHERY´s Gitarrensolo am Ende von nicht wäre, sähe es ganz übel für diese langweilige Ballade aus.
Wie schön das die Band offenbar auch ahnt das dieses neue Stück nicht das Beste ist und zum wachwerden ein sehr gut gespieltes HOTEL HOBIES hinter schmeißt. Einfach nur Klasse, klasse, klasse!
Das ebenfalls wunderbar gute AFRAID OF SUNLIGHT direkt im Anschluss, gute Kombi!
Mit ENLIGHTED dann wieder ein Weichspüler, nicht nur aus der Erinnerung kaum gespielt. Weder live, noch zu Hause. Aber mal so zwischendurch ganz nett. Ebenfalls alt, ebenfalls kaum gespielt, kommt BUILD IN BUSTED RADAR erstaunlich frisch und modern daher. Donnerknittel, etwa ein unterschätzter Klassiker?
In der Ansage zu BUILD IN BUSTED RADAR führt STEVE HOGARTH aus, das sich Frauen doch offenbar sexuell immer nur von den richtig bösen Kerlen angezogen fühlten. Er wisse nicht warum, aber das sei nun mal eben so. Na denn?
Irgendwann zwischen den Liedern ruft eine Frau etwas in den Raum, STEVE HOGARTH bittet sie an den Bühnenrand damit er sie besser verstehen könne. Die Dame textet den Sänger offenbar zu, weiter hinten versteht man dann natürlich gar nichts. Da die Frau ihn an beiden Händen fest hält reist er sich schließlich los und meint, das seine neue Haarfarbe ja wohl nicht relevant sei und er allgemein dafür bekannt sei, sich schützend vor Frauen zu stellen…
…dreht sich von der Frau weg und fragt zur Erheiterung aller im Saal, wessen „Bitch“ das denn sei?
Das wiederum haut STEVE ROTHERY förmlich aus den Socken, hurra, auch der Gitarrengott ist zu einer spontanen Gemütsreaktion fähig!
Großes Gelächter und die Beteuerung das er ja nur Spaß machen würde. Spaß auf Kosten anderer ist bekanntlich der Beste, allerdings hat die Frau mit ihrer völlig unnötigen Konzertunterbrechung auch eine kleine Lektion verdient?
Vielleicht, nur mal so als Vorschlag, sollte MARILLION auch eine ROW ZERO einführen? Da könnten sich ja die wenigen völlig dahinschmelzenden Frauen mittleren Alters einreihen und auf Privataudienz NACH Konzertabschluss hoffen?
CARE, in voller Länge gespielt ist schon jetzt ein lupenreiner MARILLON Evergreen, obwohl erst 2022 veröffentlicht. Diese unsagbar kluge Hymne auf all die Helfer während der CORONA Krise rührt einfach nur zu Tränen, na ja, wenigstens feuchte Augen. Ach, was dieser STEVE ROTHERY auf seinen Gitarren mal einfach so zwischendurch alles spielen kann? Herrlich!
THE CROW AND THE NIGHTINGALE , die Hommage an LEONARD COHEN, auf der gleichen Platte wie CARE erschienen, darf dann wieder als Einladung zur Erholung verstanden werden.
Die ewige Schönheit EASTER sowieso.
Aber dann!
Aber dann kracht es mal wieder so richtig mit dem kurzen, aber gnadenlosen WAVE!
Wahnsinn:
Gleich drei absolutes Chaos vermittelnde Stücke an einem einzigen MARILLION Abend! Geht doch! Immer mal Weichspüler zwischendurch, aber dann mal wieder ordentlich die Hütte anzünden!
MAD als Brücke zum Rausschmeißer THE GREAT ESACAPE. Nicht sicher das dieses zwar grandiose, aber doch auch verstörende Stück einen guten Konzertabschluss bildet.
Na ja, so ganz vorbei ist der Abend ja noch nicht.
Nur zwei kurze Stücke im Zugabenblock: THE RELEASE, altbacken poppig, aber nett und, natürlich, das alles krönende SUGAR MICE.
Und endlich mal singt das Publikum lauthals mit!
Endlich mal!
Eigentlich war man doch nur des englischen Publikums wegen auf die Insel gefahren um MARILLION in diesem Jahr nach HAMBURG noch mal live zu sehen und zu hören. Aber irgendwie war das Publikum wie auch in HAMBURG nicht in besonderer Sangeslaune?
Zu viele neue Fans?
Zu viel Laufkundschaft?
An der ganz hervorragend aufspielenden Band hat es jedenfalls nicht gelegen!
Von MARK KELLY (Keyboards) und IAN MOSLEY (Schlagzeug) war zwar nicht viel zu sehen, aber sehr gut zu hören. Auf den Percussion Selbstdarsteller ANDY GANGADEEN hat man mittlerweile wieder verzichtet. Der Sänger STEVE HOGARTH war Bestens drauf und scheint erst jetzt im höheren Alter seine Entertainer Qualitäten zu entdecken.
PETE TERWAVAS am Bass war gewohnt spielfreudig, hielt sich aber ebenfalls weitgehend im Hintergrund. Trotz vieler Instrumentenwechsel ließ sich STEVE ROTHERY wie üblich nicht aus der Ruhe bringen und versetzte mit seinem filegranen Gitarrenspiel bestimmt nicht nur den Schreiberling in Ekstase.
Nach recht genau zwei MARILLION Stunden ist denn leider auch dieser sehr kurzweilige Konzertabend vorbei. Tolles Konzert, jeden Liter des verdammten Diesels wert!
Noch ein paar mehr Worte zur Halle, Publikum und den Fotos:
Der Innenraum der GUILDHALL wurde gerade mit großem Aufwand (600.000 britische Pfund!) renoviert und fasst bestuhlt 2.000 Personen, ohne Sitzreihen 2.500. MARILLION Konzerte werden ja immer öfters bestuhlt, das ist für die Meisten Besucher sicher auch OK. Aber diese neuen Klappsitze in der GUILDHALL sind viel zu eng angeordnet, da wirken selbst die Sitzreihen in den übelsten RYANAIR Fliegern großzügig.
Sicher ist es jedermanns eigene Sache, wie viel Bier man vor und womöglich auch während eines Konzertes trinken mag. Aber durch den völlig ungeregelten Ausschank während eines Konzertes kommt zu großer Unruhe im Publikum weil andauernd Leute aufstehen um Nachschub zu holen und/oder weg zu bringen. Als eine Frau aus den vorderen Reihen bereits nach GAZA aufsteht um was zu holen oder weg zu bringen fragt denn auch STEVE HOGARTH laut ins Mikrofon, ob man denn wirklich jetzt schon auf die Toilette gehen müsste?
Ungehemmter Alkoholkonsum enthemmt bekanntlich viele Menschen, insbesondere Männer. Nur so kommt es in unmittelbarer Nähe des eigenen Sitzplatzes zu einem Konflikt zwischen zwei älteren Männern mitten in einem Stück, an dessen Ende ein fast leerer Bierbecher fliegt (und versehentlich den Schreiberling trifft) und der Becherwerfer wild gestikulierend seinen Hintermann anbrüllt.
Nun, selbstverständlich wirft der Schreiberling den nun leeren Becher dem Werfer zurück an den Kopf worauf dessen weibliche Begleitung ebenfalls aufspringt, den bereits stehenden, nennen wir ihn mal „Aggressor“, an die Hand nimmt und mit ihm fluchtartig den Saal verlässt.
Der ursprünglich attackierte sitzt hingegen die ganze Zeit mit versteinerter Miene als gehe ihn das alles nichts an. Etwa 15 Minuten später steht seine weibliche Begleitung ebenfalls mitten im Stück auf, nimmt auch ihn an die Hand und beide verlassen, nicht ganz so schnell wie die anderen, den Saal.
Tja, und was soll man nun dazu noch sagen?
Scheinbar überall auf der Welt, erst Recht hier während eines MARILLION Konzertes in der GUILDHALL zu PORTSMOUTH sind es die Frauen, die durch ihr umsichtiges, aber bestimmendes Handeln Schlimmeres zu verhindern wissen.
Frauen.
Die durchschnittlichen Fotos sind zum einen dem weit entfernen Sitzplatz geschuldet (sich mal wieder zu spät um Tickets gekümmert) und zum anderen einer offenbar teildefekten Kamera. Die ist neulich in LOOE zusammen mit ihren Träger sehr unsanft auf dem Straßenbelag aufgeschlagen und zickt seit dem rum.
Doch warum sollte es eigentlich einem blöden Fotoapparat anders ergehen als dessen Träger und Bediener?
Peter.







