Wie schafft man es bloß als alternder Rockmusiker nach bereits schon vier Deutschlandkonzerten so eine verdammt gute Laune zur Schau zu stellen?
Die Antwort: LIEBE!
Wer wie MARILLION gestern Abend auf dem 45Hertz Festivalgelände in HAMBURG so frenetisch, so energetisch und vor allem so liebevoll Open Air vom zahlreich erschienenen Publikum empfangen wird, der kann auch nur gut gelaunt sein!
Sicher, wenn man als Rockstar auf von der Bühne auf diese große Menschenmenge blickt freut man sich irgendwo im Hinterkopf auch über das Geld, das man an diesem Abend wohl verdienen wird. Knapp über 100 Euro für eine Eintrittskarte ist schon mal ein Wort und tatsächlich auch der einzige Wermutstropfen. Hoffentlich bleibt bei den gut gealterten Herren ordentlich was hängen denn dieser große Erfolg kommt doch reichlich spät in der Karriere.
So viele zu bezahlende Bühnentechniker hat man wohl noch nie auf einer MARILLION Bühne gesehen?
Das Wetter, nicht unerheblich für Freiluftkonzerte, ist einfach nur fantastisch, auf den Tag genau abgepasst. Was für Glückspilze an diesem Tag, die Band, das Publikum!
Fünf schwedische Fans berichten von ihrer langen Autofahrt, 9 Stunden waren sie heute unterwegs nur um hier dabei zu sein. Zumindest einer ist ein Hardcore MARILLION Fan, denn er ist ebenfalls lebenslang mit dieser Musik verheiratet. Er war letztes Jahr in PADUA dabei und hat auch Karten für POMPEJI in ein paar Tagen.
Ein paar Niederländer sind natürlich mit dabei, textsicher, wie immer. Ein deutscher will wissen, ob das ROYAL ALBERT HALL Poloshirt auch wirklich verdient wurde (…ob man wirklich dabei war)? Logisch! Ist das überhaupt erlaubt, Fan T-Shirts von Konzerten zu tragen, die man gar nicht besucht hat? Der Fragende ist beeindruckt, liebt er doch den wirklich gut gemachten Konzertfilm auf BLURAY. Ja, da kann man schon mal vor Neid erblassen, gell?
Der Fragende ist tatsächlich zum ersten Mal auf einem MARILLION Konzert obwohl er die Band auch schon sehr lange kennt.
Es wird mit Sicherheit das Beste Konzert seines Lebens!
Denn es war ein verdammt gutes Konzert!
Sehr wenige Ansagepausen, ein wirklich kraftvoller Auftritt aller Bandmitglieder und vor allem eine überragende Setlist! Da hat aber jemand mal richtig gut nachgedacht, bei der Zusammenstellung der exakt ab 19:45 Uhr einzelnen vorgetragenen Lieder:
1) SPLINTERING HEART
Die Eröffnung vom Album HOLIDAYS IN EDEN (1991) funktioniert astrein weil das Stück eine große Dynamik besitzt und damit direkt unmissverständlich klar macht, wohin diese ungewöhnliche musikalische Reise heute gehen wird. Der kritische Beobachter ist allerdings bass erstaunt, wie vereinzelt die Bandmitglieder die Bühne betreten während das Stück schon läuft. Offenbar kommt mehr als 50% der gehörten Musik vom Band?
2) THE CROW AND THE NIGHTINGALE
Diese Hommage an LEONARD COHEN befindet sich auf dem aktuellen Album AN HOUR BEFORE ITS DARK (2022) und kommt deutlich ruhiger als die Eröffnung daher. Nicht des Schreiblings unbedingter Favorit, ganz OK um mal endlich Fotos zu machen.
3) EASTER
Absolut unverstaubter Klassiker vom Album SEASONS END (1989). Leider ist das deutsche Publikum wie immer nicht so textsicher wie die Kollegen in ENGLAND oder den NIEDERLANDEN. Das trifft auch bei anderen Stücken an diesem Abend zu, ein Grund mehr, trotz der KERNOWFORNIA Absage MARILLION im September in PORTSMOUTH (UK) zu sehen.
4) YOU ARE GONE
Vom Album MARBELS (2004). Einer der wenigen MARILLION Popsongs der wirklich gut abgeht. Mit erstklassiger Gitarrenarbeit von STEVE ROTHERY. Vom Schlagzeuger IAN MOSLEY sieht man den ganzen Abend über mal wieder fast gar nichts, außer einem nacktem Schienbein und weißen Socken. Kurze Hose oder was? Aber der Mann ist unüberhörbar da!
Nach dem überraschenden Tot des Gastmusikers LOUIS JARDIM an den Perkussion (also den Schlag- und Effektinstrumenten) hat man in diesem Jahr ANDY GANGADEEN um Liveunterstützung gebeten. Denkt man ein wenig darüber nach kommt auf den Gedanken, das MARILLION selbst bemerkt hat, das das Schlagzeug live durchaus Unterstützung benötigt. Machen andere ja auch.
5) LIVING IN F.E.A.R.
Das Album F.E.A.R. wurde 2016 veröffentlicht. Die Abkürzung steht für FUCK EVERYONE AND RUN, das Stück LIVING IN FEAR hat aber ein ganz anderes Thema. Denn es geht nicht um ein Leben in Angst sondern um das friedliche miteinander, um eine waffenlose Welt und vor allem um die enorme Zeitverschwendung in der menschlichen Geschichte, ausgelöst durch Angst.
Die MAGINOT LINIE, die GROßE CHINESISCHE MAUER oder eben auch die BERLINER MAUER: „…WHAT A WASTE OF TIME…YEAH, YEAH…“
Geniales Songfinale, eigentlich unbedingt durch das Publikum fortzusetzen, aber leider nicht hier und heute. Siehe oben.
6) RIBBONS AND LACE
Ein brandneues Stück vom gerade derzeit in der Entstehung befindlichen neuen Album. Man habe zwar schon einige Lieder fertig, aber RIBBONS AND LACE sei am einfachsten zu spiele, daher diese Kostprobe.
Nun, bei MARILLION ist es ja oft so das man sich in die Musik ein wenig einhören muss. Auf Anhieb war das Stück jedenfalls kein Kracher. Mit Chance soll das neue Album dann Anfang 2027 erscheinen, offenbar hat niemand Grund zur Eile.
7) SOUNDS THAT CANT BE MADE
Bärenstarkes Titelstück vom gleichnamigen Album aus 2012. Das ist doch mal wieder so ein richtiger MARILLION Kracher! Wenn STEVE HOGARTH im zweiten Teil seinen Gesang einstellt und MARK KELLY endlich mal wieder ein echtes Keyboardsolo anstimmt das meisterlich gekonnt von STEVE ROTHERY mit der Gitarre übernommen wird und damit für die gebannten Zuhörer die geniale Melodie auf einen Gänsehauthöhepunkt treibt, dann mögen diese Momente für die Ewigkeit erhalten bleiben!
Nicht jeder versteht, das man die Melodie auch nach dem letzten Ton der Band ganz einfach lauthals weiter weiter singen kann…“da, dada dada dada…“
8) SEASONS END
1989 auf dem Album mit eben jenem Namen erschienen, wie auch schon das zuvor gespielte EASTER. Eigentlich müsste man das Album mal wieder komplett auflegen, denn 7 von den 9 Stücken darauf sind richtig klasse. Allerdings gibt es mit HOOKS IN YOU darauf auch die schlimmste MARILLION Musik. Geschenkt, man hatte damals halt noch einen Plattenvertrag bei EMI und die wollten vermutlich unbedingt eine radiotaugliche Single, glaubt der Schreiberling.
9) CARE
Das tolle an so einem Quer durch das Beet Abend ist ja nicht nur die musikalische Zeitreise, sondern auch das livehaftige Erlebnis der musikalischen Weiterentwicklung einer Band. CARE ist das letzte Stück auf dem aktuellen Album AN HOUR BEFORE ITS DARK aus 2022 und handelt sehr ernsthaft und klug von der CORONA Krise. Mit dem Text setzt STEVE HOGARTH allen Pflegern, Krankenschwestern und Ärzten ein eindrucksvolles Denkmal für ihren oft übermenschlichen Einsatz während der Pandemie. PETE TREWAVAS macht am Bass einen sehr aufgeräumten Eindruck und spielt gewohnt Kraftvoll insbesondere im ersten Teil sein Instrument. Wüsste man nicht um ein offenbar in den Griff bekommendes Problem mit dem Herzen würde man denken, der Kerl ist immer so ruhig. Cool war PETE TERWAVAS schon immer, doch irgendwie wirkt seine Bühnenpräsenz etwas ruhiger als in der Vergangenheit. Kräfte einteilen?
CARE ist musikalisch extraordinär! Beim ersten Gitarrensolo von STEVE ROTHERY in diesem Stück gibt es endlich mal Szenenapplaus für diesen Ausnahmekünstler. Was für ein Ohrenfest, doch noch nicht der absolute Höhepunkt des Abends.
10) MAN OF A THOUSAND FACES
Ganz OK das Stück, dessen Ende sich ganz hervorragend zum Abschluss des Hauptauftrittes eignet. 1997 auf THIS STRANGE ENGINE erschienen. Ach, auch das Album müsste man sich wieder mal in voller Lautstärke reinziehen. Sicherlich wäre das Titelstück eine bessere Wahl gewesen doch Bands wie MARILLION müssen natürlich auf die Lauflängen eines jeden einzelne Stücks achten, sonst ist so ein Konzert mit vier Nummern auch schon wieder vorbei.
Erste Zugabe:
11) HOTEL HOBBIES
Kracher, Kracher, Kracher!!! 1987 auf CLUTCHING AT STRAWS (noch mit dem alten Sänger) erschienen. Gut, das STEVE HOGARTH scheinbar endgültig aufgegeben hat den Text dazu zu singen und dieses superschnelle, vielleicht sogar das schnellste aller MARILLION Lieder instrumental daher kommt.
Und überhaupt nicht, wie sonst ab und zu mal, verstolpert! Astrein! Spitzenklasse! Die Musiker haben die von diesem Stück geforderte Höchstgeschwindigkeit noch absolut drauf! Wie wäre es im übrigen mal mit einer Maxi-Version von HOTEL HOBBIES?
12 und 13) WARM WET CIRCLES / THAT TIME OF THE NIGHT
Man bleibt beim gleichen Album und beruhigt sich mal wieder ein wenig. Ganz nett. Kein Kracher. Nicht schlecht, wenn einem nach 39 Jahren noch einzelne Textzeilen einfallen, oder?
14) AFRAID OF SUNLIGHT
Titelstück des gleichnamigen Albums von 1995. Für immer und ewig ins musikalische Gedächtnis gebrannt, damals auf den den endlosen Bahnfahrten zwischen DÜSSELDORF und ELMSHORN. Kabelgebundener Kopfhöher am SONY WALKMAN Kassettenspieler. Nur an solchen Erinnerungen merkt man wie alt die Musik ist. Und man selber. Aber nur, wenn man so wie jetzt darüber nachdenkt. Wenn man lauthals mitsingt bleibt man für immer jung!
Zweite Zugabe:
15) SUGAR MICE
Das wohl romantischste MARILLION Lied, ebenfalls vom CLUTCHING AT STRAWS (1987) Album, der wunderbare Text wurde ebenfalls vom ersten MARILLION Sänger geschrieben. STEVE HOGARTH hat das Lied sicher schon 100fach gesungen, doch heute scheint er am Ende kleinen Texthänger zu haben, denn die wichtigste Zeile „…if you want my address its number one at the end of bar…“ geht unter. Geschenkt. STEVE ROTHERY spielt sein Solo fehlerfrei, mehr geht nicht.
16 und 17) GOOD BYE TO ALL THAT (daraus WAVE und MAD)
Zum endgültigen Abschluss dieses grandiosen Konzerts werden drei Stücke von BRAVE (1994) gespielt. Und wenn der Schreiberling ob der grandiosen Geschwindigkeit von HOTEL HOBBIES aus dem Häuschen war, bringt ihn das von der Band aus dem Erinnerungskeller wieder hervorgeholte WAVE schon wieder auf Höchsttouren! WAVE, das in Musik gegossene Apokalyptische Chaos mit gefühlt fünf parallelen Rhythmen wirkt, möglicherweise, beim erstmaligen hören leicht verstörend?
WAVE gehört wie MAD zu dem Titel GOOD BYE TO ALL THAT und dieser Haupttitel ist denn schon mal auch ein Hinweis auf das Thema von BRAVE…
18) THE GREAT ESCAPE
…und der letzte Titel des Abends ist auch der vorletzte Titel auf BRAVE (1994): Die große Flucht. Im zu BRAVE gehörigen Film springt eine junge Frau von einer riesigen Brücke, vermutlich in den Tot, The Great Escape.
Vermutlich war der Plattenfirma dieses Ende zu traurig und man schob das völlig unpassende MADE AGAIN noch ans tatsächliche Albumende. Hier, auf dem 45Hertz Festivalgelände am 8. Juli 2026 um exakt 21:55 Uhr ist dieses Lied ein zutiefst befriedigender und perfekter Schlusspunkt eines hervorragenden Konzertes. Man muss ja auch nicht immer auf jede Textzeile achten. Die Stimmung, in der MARILLION ihr hoch erfreutes Publikum in die Nacht entlässt ist genau die, die man braucht um beruhigt mit der Gewissheit ins Bett zu gehen einen ganz besonderen Konzertabend erlebt zu haben.
Manchmal kommt einfach alles positive zusammen:
Die An- und Abreise zum Konzert mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie aus dem Lehrbuch, das Wetter famos, die Einlasskontrolle lässig, die Bierpreise OK, das Publikum zwar nicht Textsicher aber entspannt mit nur sehr wenigen Dränglern.
MARILLION ist Bestform und in allerbester Laune.
Sogar STEVE ROTHERY hatte öfters mal ein breites Lächeln auf dem Gesicht.
Egal wie, wir werden auf jedem Fall wie geplant beim britischen Tourauftakt in PORTSMOUTH am 12. September2026 dabei sein. MARILLION sind bis dahin noch besser eingespielt, ihr britische Publikum braucht bekanntlich keinen Anlauf.
Mitnehmen was geht. Einmal mehr.
Peter.









