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1979, Turbo-Lader, Corona und Pink Floyd

Anfang der achtziger des vergangenen Jahrhunderts.

Köln.

Als zweiter Spross einer kinderreichen Familie mit wenig Geld jeden Sommer mit der Kinderlandverschickung einer Wohlfahrtsorganisation für drei Wochen irgendwo in Deutschland in die Sommerferien fernab der Familie geschickt. War eigentlich immer gut, glaube ich. Und obwohl die Betreuer durchaus schon Erwachsene waren, waren sie doch junge Erwachsene. Und immer cool, sofern es das Wort schon in meinem Wortschatz gab. Tolle Typen. Locker, aber auch absolut bestimmend, wenn die Horde heranwachsender nahezu unvermeidlich über die Strenge schlug.

Turbo-Lader der Hauptmaschine des STORMVOGELS, eines NANNI N4.85 Vierzylinder-Diesels mit 3 Litern Hubraum

Im letzten erlebten Jahr dieser Kinderlandverschickung, diesmal Plön, immerhin schon im stolzen Alter von 14 Jahren, ergab es sich, das ich noch für eine kurze Zeit nach den Sommerferien Kontakt zu der Betreuergruppe von Plön hatte. Keine Ahnung warum, eigentlich? Zwei von den im Sommer heranwachsende Kinder betreuenden Männern waren in Wirklichkeit echte Autofreaks und machten den Betreuerjob für Ferienkinder wohl nur, weil sie das Geld gut brauchen konnten. Vielleicht nicht nur, vielleicht hatten sie auch ein wenig Freude daran? Auch keine Ahnung.

Ihre echte Leidenschaft hing aber unzweifelhaft am Tuning ihrer Autos, FORD CAPRIs im besonderen. Schon damals, jetzt natürlich erst recht, ein bemerkenswertes Auto. Doch anders als heute bestand das Tuning damals nicht darin mit sauberen Fingern irgendwelche doofen Aufkleber oder Spoiler an einem sowieso schon perfektem Auto anzubringen oder elektronisch irgendwelche Chips zu frisieren, sondern ganz schnöde darin, dem für Normalbürger erschwinglichen Motor eines FORD CAPRI´s ein paar (mehr, viel mehr!) PS mehr zu entlocken. Ganz so wie es zuvor wohl jeder mit seiner Mofa gemacht hatte (Ich sage da nur: Ritzel, Vergaser, Auspuff…).

Im fortschreitenden Alter also vorzugsweise Autos mit einem Turbo-Lader ausrüsten!

Mit meinen zarten 14 Jahren hatte ich natürlich keine Vorstellung davon, was so ein Turbo-Lader eigentlich so sein könnte. Ich wusste nur, das Teil musste einfach cool sein. Absolut. Wenn solch coole Typen so ein Teil cool fanden und das irgendwie mit einigem Aufwand und reichlich schmutzigen Händen in ihre Autos einbauten, musste so ein Turbo-Lader einfach cool sein! (genug des cool…)

Die Werkstatt der beiden befand sich in einem dunklem Hinterhof in der Kölner Südstadt, zu Fuß von der Wohnung meiner Eltern gut erreichbar. Von der Straße aus durch eine enge Toreinfahrt in einen kleinen Hof, umgeben von den fünf- oder sechsstöckigen Wohnhäusern der Nachkriegszeit mit von der Großstadt verschmutzten verputzten grauen Fassaden. Direkt über der kleinen Werkstatt mit Hebebühne, Werkbank und dem obligatorischen Schrauber-Sofa befand sich praktischer Weise eine Wohnung die durch ein ebenso dunkles Treppenhaus erreichbar war. Ab und zu gab es da Bier, laute Musik und viele junge Menschen die so völlig anders waren als meine Eltern, Verwandten oder gar Lehrer. Zigaretten ohne Ende für die, die es mochten. Ich mochte keine.

220 PS durch Turbo-Lader blieben in klarer Erinnerung. Das Wort auch. Initial dauerhaft positiv besetzt. Die wahre Zeit und die wahren Verhältnisse liegen mittlerweile eher im dunklen. Ob ich diesen Turbo-Lader aber überhaupt jemals gesehen habe, weiß ich nicht mehr.

CAP SAN DIEGO, Buenos Aires, Argentinien, 1980

Ein Jahr später war es dann vorbei mit der jährlichen Kinderlandverschickung. Für die Sommerferien heuerte ich in Hamburg auf der CAP SAN DIEGO an, bereiste erstmals Südamerika und entschied mich dafür, Seemann zu werden.
Der Schiffsmotor der heute als seetaugliches Museumsschiff in Hamburg liegenden CAP SAN DIEGO hat in der Tat auch einen Turbo-Lader. Habe ich während meiner Zeit an Bord aber in acht Wochen nicht einmal gesehen. Die dazugehörige Schiffsmaschine übrigens auch nicht. Aber sie war wohl da – jedenfalls hörte man was und der ganze Dampfer vibrierte, wenn der Schiffsmotor lief.

CHRYSLER 300cc, 240 PS, Turbo-Lader

Ungefähr dreißig Jahre später, die Zeit als Seemann schon fast vergessen, zerlegte sich unvermittelt der Turbo-Lader in meinem zu dieser Zeit befahrenen Dienstwagen, einem (Achtung, jetzt kommt es!) coolen CHRYSLER 300cc. Sehr unangenehm: Der Turbo-Lader verlor irgendwo sehr wenig Öl und das tropfte dann munter auf den heißen Abgaskrümmer und verseuchte so den Fahrgastraum mit Öldämpfen. Keine Chance auf Reparatur des Turbo-Laders. Nur auf vorzeitigem Vergiftungstot des Fahrers. Ein neuer Turbo-Lader für 2.000 Euro oder so löste das Problem, ohne das ich das Teil je gesehen hatte.

STORMVOGEL in VIGO (Spanien) während der Motor-Transpalntation: Alter Motor raus, neuer rein…

Fünfundreißig Jahre später, jetzt als in Begleitung zur See fahrender Mann, aber nicht Seemann, lasse ich in unsere Segelyacht STORMVOGEL in aller Eile einen brandneuen Motor mit Turbo-Lader im schönen VIGO (SPANIEN) einbauen. Entgegen dem Rat eines weisen und von mir sehr geachteten Mannes…

Siebenundreißig Jahre später lasse ich eben diesen erst zwei Jahre alten Turbo-Lader in PHUKET (THAILAND) für viel Geld vorsorglich durch einen neuen ersetzten…und packe den alten in eine Aluminiumkiste. Zur späteren Verwendung.

STORMVOGEL vor Anker in Thailand

Erneuter Zeit- und Ortssprung: Elmshorn, März 2021.

Tiefstes aller Corona-Löcher Ever.

Eine paar Milliarden Kleinprojekte bereits erledigt. Unmittelbarer Beschäftigungsleerlauf droht. So was endet schnell in sehr langen und sehr langweiligen Tagen!

Turbo-Lader. Im Vordergrund der Anschluss an den Abgaskanal, hinten links im Bild der Anschluss für den Luftansaugkanal des Motors (rund)

Da steht ja immer noch die Aluminiumkiste mit dem Anlasser und dem jungen Turbo-Lader vom STORMVOGEL  in der Garage. Könnte man ja mal aufmachen, die Kiste zumindest. Und sehen, was man mit dem Inhalt anfangen kann. Ob man überhaupt was damit anfangen kann?

Zunächst ein paar kleine Turbo-Lader Lektionen via YOUTUBE. Nur, damit man ins Thema kommt, natürlich. Obwohl YOUTUBE mit der vielen Werbung langsam wirklich nervt, oder?

So lernt man in Sekunden den Begriff Waste-Gate – was für schönes Wort! Im englischen viel schöner als eine deutsche Müllklappe. Ach, ihr schön klingenden Fremdsprachen, wie ich euch vermisse! Wie ich die Menschen vermisse, die sie sprechen!

Turbo-Lader: Rechts, sehr verrußt und vergammelt das Waste-Gate, ganz rechts der Hebel für das Gestänge zur Druckdose

Nun, das Waste-Gate des STORMVOGEL Turbo-Laders sieht bei Lichte betrachtet doch recht mitgenommen aus. Nach Jahren des vor-sich-hin-gammelns in einer dunklen Aluminiumkiste.

Diagnose: Klarer Fall von Unterlast im damaligen Wirkbetrieb zwischen SPANIEN und THAILAND.

Da predigen doch alle Experten für Bootsmotoren, dass wir Skipper unsere Motoren auch mal eine Zeit lang ordentlich stressen sollten. Mindestens eine Stunde am Tag! Damit die Brüllaffen richtig heiß werden und die ganzen Ablagerungen im Abgaskanal endlich mal wie geplant auch wirklich verbrannt werden. Immer nur Marschumdrehungen (+/- 2.000 U/min) sei absolut tödlich. Dabei lieben unsere Bootsmotoren doch offensichtlich diesen Drehzahlbereich so sehr und schnurren dabei wie die Kätzchen, denkt sich so der im allgemeinen allwissende Skipper.

Nun, die Bilder dieses ersten STORMVOGEL Turbo-Laders sprechen wohl eine eindeutige Sprache?

Erst nach gründlicher Reinigung mit allen Arten von Drahtbürsten und einer mehre Tage andauernden WD40 Kur ließ sich das Waste-Gate wieder bewegen. So ein Turbo-Lader ist ja schon eine tolle Erfindung:

In jedem Verbrennungsmotor wird ein Kraftstoff (also Diesel oder Benzin) verbrannt. Damit überhaupt etwas verbrennen kann, ist bekanntlich Sauerstoff notwendig. Der ist Bestandteil der einfachen Luft, die wir auch so ohne darüber nachzudenken vor uns hin atmen.
Wenn man es schafft, mehr Luft (also auch mehr Sauerstoff) in die Brennkammern (also die Zylinder) zu bekommen, kann man auch munter mehr Kraftstoff explodieren lassen und dadurch bei gleicher Größe der Brennkammern (also dem Hubraum) mehr, sogar viel mehr Leistung (gemessen in PS, KW) aus der Maschine heraus holen.

Bei den Autos war das insofern interessant, als das die KFZ-Steuer nach Hubraum ermittelt wurde, nicht nach der tatsächlichen Leistung.

Daher kam man anfangs auf die Idee, einfach einen Kompressor anstelle der normalen Luftansaugung einzusetzen und dadurch mehr Luft (also Ladeluft) in den Brennraum zu pressen. Das Problem dabei: So ein Kompressor braucht auch wieder Energie. Vorzugsweise aus der Batterie. Wie blöd.

Doch eigentlich gibt es genug ungenutzte Energie im Abgasstrom eines Verbrennungsmotors. Mit einem dicken Lappen um die Hand gewickelt mag man mal versuchen, den Auspuff eines Autos bei laufendem Motor zu zu halten. Das gelingt nicht. Die Abgase wollen mit Wucht in die Umwelt, nach draußen. Ein Teil des allseits diskutierten Klimaproblems.
Also sitzt ein kleines Schaufelrad im Abgaskanal und dreht sich wie wild durch die ohnehin vorhandenen Abgase des Motors. Auf der gleichen Achse wie das Schaufelrad im Abgaskanal sitzt auf der anderen Seite ein weiteres Schaufelrad im Luftansaugkanal und schaufelt durch die Drehung im Abgaskanal so mehr Luft in den Brennraum, als der Verbrennungsmotor ohne dieses Schaufelrad ansaugen würde. 
Je höher die Drehzahl des Motors, desto mehr Abgase, desto höher die Drehzahl des Turbo-Laders, desto mehr Luft (Sauerstoff!) im Brennraum, desto mehr Treibstoff kann verbrannt werden und um so größer wird die Leistung. Einfach grandios!

Doch irgendwann wird es zu viel und der Motor kann die viele Luft so gar nicht mehr gebrauchen.

Und erst dann schlägt die Stunde des Waste-Gates:
Entsteht zu viel Ladedruck, wird das Waste-Gate ein Stück geöffnet, der Abgasstrom entweicht und der Turbo-Lader dreht langsamer. Sehr schön, weil so gewollt. Weniger schön ist, das im unteren Drehzahlbereich der Turbo-Lader eigentlich zu wenig Luft ran schafft. Daher gibt es immer noch Motoren, die mit Kompressoren betrieben werden um auch im unteren Drehzahlbereich ordentlich Wums zu erzeugen. Aber nicht so der Motor an Bord des STORMVOGELS.

Turbo-Lader: Gereinigt und gangbar gemacht: Links das Waste-Gate

Wenn man jetzt noch verinnerlicht, das die Abgastemperaturen in denen das eine Schaufelrad dreht bei um und bei 1.000 °C liegen, wird wohl ein jeder einem Turbo-Lader ordentlich Respekt zollen müssen. Ganz pfiffige sind dann noch darauf gekommen, das kalte Luft ein geringes Volumen hat. Wenn man also noch einen Ladeluftkühler einbaut, bekommt man bei gleichem Volumen noch mehr Sauerstoff in die Brennkammer und somit noch mehr Leistung. Tolle Wurst. Und jetzt bauen sie langweilige elektrische Motoren in die Autos ein, ganz ohne Turbo-Lader, Ladeluftkühler oder Explosionen. Wie traurig.

Nun, die Instandsetzung des ersten STORMVOGEL Turbo-Laders ist mittlerweile abgeschlossen. Schön in WD40 eingelegt und in einen großen Baumwolllappen hat er seinen Platz in der Aluminiumkiste wieder eingenommen und wird frohen Mutes als jederzeit einsatzbereites Ersatzteil wieder an Bord gehen, sollte es noch mal auf Große Fahrt gehen.

Turbo-Lader: Der Lack ist zwar ab, aber als Ersatzteil nach Reinigung und gangbar machen bestimmt noch gut als Ersatzteil zu gebrauchen. Unten links die Druckdose mit dem Überdruckschlauch (ganz links) aus dem Ladeluftkanal

In der Überschrift zu diesem Beitrag kommt das in diesen Monaten unvermeidliche “C” Wort vor. Wieso denn bloß? Das ist einfach zu erklären: Diesen Beitrag gäbe es ohne Corona gar nicht! So einfach ist das. Der Turbo-Lader hätte weiterhin in seiner Alukiste in der Garage vor sich hin vegetiert, wir wären längst wieder auf Reisen und die kleine Geschichte aus Köln wäre nie aus der Erinnerungskiste im Kopf gekrochen.

Mit Sicherheit lief damals in Köln in der Wohnung über der Werkstatt im dort befindlichen TECHNICS High-End Tapedeck ein Band von PINK FLOYD. Mit Sicherheit Laut. Mit absoluter Sicherheit sehr laut.

So wie hier und jetzt.

PINK FLOYD gibt es zwar nicht mehr, weil das Ego von (älteren?) Männern leider viel zu oft wirklich gute Dinge zerstört, aber das derzeit letzte für die Nachwelt erhaltene Konzert von DAVID GILMOUR in POMPEJI 2017 kommt der Sache doch schon recht nahe.

Was für ein Glück.

Peter.

P.S.: Das in zwei aufeinander folgenden Beiträgen am Ende von Glück die Rede ist, liegt daran, das sie ursprünglich am gleichen Tag entstanden. Der eine war kurz und einfach, dieser hier hat dann halt länger gedauert…

CORONIA Selbstversuch

CORONIA weit und breit, keine Impfung, kein Gegenmittel in Sicht.

Weltweit läuft die Forschung nach einem Heilmittel auf Hochtouren, internationale Spitzenkräfte sind zuversichtlich, in den kommenden 12 Monaten eine Lösung zu finden. Doch Abseits der hoch bezahlten Schulmedizin, Abseits der High-Tech Labore in Europa, den USA und China gibt, es eine verwegene Gemeinschaft von verschwiegenen Kleingruppen von Selbsthilfeforschern die immer dann tätig werden, wenn die Not am Größten ist.

Durch Zufall fiel uns das geheime Tagebuch von Dr. Peter und Schwester Heidi in die Hände, aus dem wir hier weltexklusiv zitieren dürfen:

Freitag, der Dreizehnte:

Es wird Zeit. Wenn wir noch rechtzeitig unseren Forschungsstandort in Südfrankreich erreichen wollen, müssen wir unverzüglich aufbrechen! Im Idealfall können wir uns dort am Mittelmeer internieren lassen und unsere lang geplante dreiwöchige Forschungsreihe in aller Ruhe durchführen. Schwester Heidi hat bereits alles Notwendige zusammen gepackt. Aus Sicherheitsgründen reisen wir unbeobachtet und isoliert mit dem eigenen Auto, nur kein Aufsehen erregen!

Samstag, der Vierzehnte:

Die französische Grenze ohne Kontrolle überquert. Was für ein Glück! Hätten die Grenzpolizisten das Auto kontrolliert und unsere umfangreiche medizinische Ausrüstung gefunden, wären wir doch arg in Erklärungsnot gekommen. Insbesondere der kohlebetriebene mobile Hochofen hätte wohl Verdacht erregt. Am Abend ARBOIS im französischen JURA erreicht. Abgeschieden auf einem Campingplatz übernachtet, die Stadt bewusst gemieden.

Einsame Zwischenstation in ARBOIS

Die späte Nachmittagssonne verleitet mich dazu, vielleicht schon jetzt die anstrebte Selbstversuchsreihe zu beginnen. Doch Schwester Heidi interveniert energisch: “Aber Dr. Peter! Sie gefährden noch die ganze Versuchsreihe! Sie selbst haben immer wieder betont, wie wichtig optimale Umgebungstemperaturen und salzhaltige Seeluft für einen Erfolg unserer Mission sein. Nein, nein. Halten Sie durch!”

Sonntag, der Fünfzehnte:

Ziel nicht erreicht. Falsche Route durch die Berge gewählt. Wie deprimierend. Müssen an der ARDECHE übernachten. Vor uns ein Wohnmobil aus ITALIEN. Die Insassen sind nicht zu sehen, wir hören aber auch kein Röcheln oder Husten aus dem Fahrzeug. Schwester Heidi ist davon überzeugt, dass jemand an Bord ist. Bloß Abstand halten, damit die Ausgangsvoraussetzungen der geplanten Versuchsreihe nicht kurz vor Beginn verfälscht werden.

Montag, der Sechzehnte, am frühen Abend:

Endlich! Das Mittelmeer in der Nähe von SETE erreicht! Das Sicherheitspersonal unserer Forschungseinrichtung direkt am Strand empfängt uns mit leicht betretener Miene. Später am Abend wird der französische Präsident zu seinem Volk sprechen. Es steht zu befürchten, dass sämtliche nicht staatlichen Einrichtungen geschlossen werden sollen. Nach gewohnt kurzer, messerscharfer Analyse entscheide ich mich dafür, unverzüglich die lange geplante Versuchsreihe zu beginnen! Schwester Heidi ist, wie so häufig in letzter Zeit, dagegen und warnt vor unvorhersehbaren Risiken. Was wenn etwas schief geht und wir am nächsten Tag abreisen müssen? Doch ich sehe mich zweifellos in einer Reihe mit Robert Koch, mit Louis Pasteur!

Montag, der Sechzehnte, am späteren Abend:

In Windeseile habe ich unser mobiles Labor vorbereitet: Den kohlebetriebenen mobilen Hochofen, die nicht elektrische Beleuchtung, die sichere Sitzgelegenheiten und natürlich die geheimen Versuchssubstanzen ausgepackt und aufgebaut.

Mobiles Labor in unserer Forschungseinrichtung am Mittelmeer

Im Schutze der sich nun überall ausbreitenden Dunkelheit die ersten Versuchssubstanzen geöffnet und mir oral zugeführt. Doch in der uns umgebene unglaubliche Stille habe ich das markante Öffnungsgeräusch der in einem metallischen Zylinder aufbewahrten Substanz nicht bedacht. Schwester Heidi schreckt alarmiert hoch: “Dr. Peter, sind Sie sicher dass sie diese schwere Bürde nach dem Anreisestress jetzt schon auf sich nehmen wollen?”

Montag, der Sechzehnte, noch später am Abend:

Vor einiger Zeit habe ich bereits noch eine zweite Probe aus einem anderen metallischen Zylinder der gleichen Substanz zu mir genommen. Danach einige kleine Schlucke einer besonders ekligen Substanz mit größter Willensanstrengung zu mir genommen. Um den widerlichen Geschmack erträglicher zu machen, hat Schwester Heidi der Substanz ein markantes Lakritz Aroma beigemischt, warnt aber bei jedem Schluck vor weiterer Aufnahme.
In Anbetracht der hastig durchgeführten, nervenaufreibenden und kräftezehrenden Versuchsreihe musste ich eine kurze Pause einlegen. Schwester Heidi serviert zu totem Tier vom kohlebetriebenen mobilen Hochofen frische Grünwaren aus lokalem Anbau. Doch keine Zeit zum wirklichen Genuss. Der Versuch muss unbedingt weiter geführt werden!

Montag, der Sechzehnte, an der Grenze zu Dienstag, dem Siebzehnten:

Endlich konnte ich wie geplant auf die Dritte Substanz der Versuchsreihe umstellen. Die jetzt verwendete dünnflüssige, rote Substanz stammt zwar aus lokaler Produktion, wurde aber von mir sorgfältig ausgewählt und auf etwaige Wechselwirkungen mit den anderen beiden Substanzen untersucht.
Trotz der späten Stunde besteht Schwester Heidi auf Reinigung der aller Versuchsgeräte. Das stellt mich vor ungeahnten Herausforderungen, scheinen doch die mir selbst verabreichten Substanzen Einfluss auf die Erdrotation und Erdanziehungskraft zu nehmen! Nur unter größten Mühen erreiche ich die Reinigungsstation am anderen Ende unseres Forschungsstandortes und erledige heroisch die gestellt Aufgabe.

Gut getarneter Hochsicherheitszaun (rechts im Bild) unserer Forschungseinrichtung

Dienstag, der Siebzehnte in tiefer Nacht:

Schwester Heidi notiert eifrig in ihr Versuchsprotokoll: “Dr. Peter ist nicht mehr Herr seiner selbst! Versucht, sich nur noch sitzend fortzubewegen. Offenbar beeinflussen die verabreichten Substanzen sämtliche Muskeln, sogar der Sprechmuskel scheint betroffen zu sein. Das war so nicht absehbar! Vermutlich befördern die lauen Nachttemperaturen sowie die stark salzhaltige Seeluft die Wirkung der Substanzen. Aber ich habe ihn ja gewarnt!”
Ich fühle mich gut – so gut wie schon lange nicht mehr! Doch plötzlich und unvermittelt überfällt mich mit einem Schlage eine ungeahnte heftige Müdigkeit. Vermutlich wirkt nun die zweite, markant nach Lakritze schmeckende Substanz.

Dienstag, der Siebzehnte, am frühen Morgen, noch dunkel:

Oh, mein Kopf! Oh, mein Kopf! Schwester Heidi! Sie müssen mir helfen! Doch ich brauche gar nicht laut nach ihr zu rufen. Zu meiner Verwunderung liegt Schwester Heidi gleich neben mir im Versuchsbett. Oh je, habe ich in der Nacht eventuell die Kontrolle und jeden Anstand verloren? Schwester Heidi, völlig schläfrig, gibt mir kryptische, kaum verständliche Tipps, wie ich den Notfallkoffer mit Betäubungsmitteln in fester Form in unserem mobilen Versuchslabor finden könnte. Unter Einnahme einer weiteren Substanz, die nichts, aber auch gar nichts mit den in der Nacht zu mir genommenen Substanzen gemein hat, nehme ich die festen, schmerzbetäubenden Mittel einsam zu mir. Schwester Heidi besteht darauf, das zu dieser frühen Stunde ihre Arbeitszeit noch nicht begonnen habe, kann aber auch nicht plausibel erklären, wieso sie neben mir im Bett liegt.

Dienstag, der Siebzehnte, Sonnenaufgang:

Die horizontale Ruhelage ist trotz der Schmerzmittel unbefriedigend. Schwester Heidi keine wirkliche Hilfe. Ich kleide mich an, umwickle mich gegen die Morgenkälte mit einer dieser sterilen Versuchsdecken und setzte mich in die frühe Morgensonne. Schon besser. Aus dem mobilen Labor meldet sich Schwester Heidi: “Ich hab´ es Ihnen ja gesagt, Dr. Peter! Ich hab´ es Ihnen ja gesagt! Passen Sie auf! Nun müssen Sie eben mit den Folgen leben! Machen Sie mich nicht dafür verantwortlich!”
Mein Gehirn, zu sehr von Schmerzen und Schmerzmitteln gelähmt, produziert keine adäquate Antwort. So ist es ja immer mit heroischen Selbstversuchern. Einsam, schmerzhaft einsam muss um jede neue Erkenntnis gekämpft werden. Kann ich einen klaren Gedanken fassen, beschäftigt mich die drängende Frage, welche der drei Substanzen diese verheerende Wirkung verursacht haben könnte? Lag es an der Reihenfolge? Oder war es schlicht die Menge? Wieso ist Schwester Heidi entgegen strikter Weisung nicht energischer eingeschritten? Warum hat Schwester Heidi nicht auf die Einnahme der klaren, völlig geschmacklosen vierten mitgeführten Hilfssubstanz bestanden? Fragen, die einer Antwort bedürfen!

Dienstag, der Siebzehnte, am frühen Vormittag:

Nach dem Schwester Heidi kommentarlos das Bett geräumt hat, versuche ich erneut die horizontale Lagerung meines Körpers. Doch ich finde keine Ruhe. Schwester Heidi tuschelt und kichert mit den Nachbarn. Worüber? Warum?
So langsam wirken die Schmerzmittel und in mir reift der Gedanke, dass feste Nahrung eventuell zur weiteren Verbesserung meiner körperlichen Situation beitragen könnte. Schwester Heidi organisiert einige Stücke von diesem landesspezifisch endlos lang gezogenem Weißbrot und bereitet das Frühstück…noch während der nunmehr überlebensnotwendigen Nahrungsaufnahme erscheint das Sicherheitspersonal unserer Forschungseinrichtung und verkündet, das eben jene am Mittag des gleichen Tages geschlossen werden müsse. Der Präsident persönlich habe dies so verfügt.
Welches Drama! Welche Enttäuschung! Was hat bloß der französische Präsident gegen ein hoch motiviertes deutsches Eigenversucher-Forscherteam? Statt uns nun nach erfolgtem erstem Versuch ein, zwei Tage der Ruhe zu gönnen um dann erneut einen Versuch mit anderen Substanzen unternehmen zu können, zwingt uns der Präsident zu Abreise! Vermutlich gibt es eine undichte Stelle beim Sicherheitspersonal unserer Forschungseinrichtung. Wie sonst sollte der Präsident von unserem Versuch erfahren haben und unter dem Vorwand der CORONIA sämtliche private Forschungseinrichtungen unverzüglich schließen?

Unabdingbare Versuchszutat: Salzhaltige Seeluft

Dienstag, der Siebzehnte, mittags:

Nun denn. Wir beugen uns der angedrohten Gewalt und machen uns auf den Weg nach Norden. Umständlich und in Zeitlupe packen wir die Ausrüstung unseres mobilen Labors zusammen. Der kohlebetriebene mobile Hochhofen ist in einem verehrenden Zustand. Mittags endlich, sind wir reisefertig. Wir kommen gut durch die leeren Straßen, doch ob der späten Abreise erreichen wir am Abend nur einen Schlafplatz an der Rhone, immerhin nördlich von Lyon. Schwester Heidi zeigt sich beeindruckt von meiner körperlichen Leistungsfähigkeit und meinem deutlich erklärten Verzicht auf die Einnahme weiterer Substanzen.

Mittwoch, der Achtzehnte:

Die Nacht an der Rhone verlief völlig ruhig, einsam und vor allem Erholsam! Schwester Heidi notiert in ihr Labortagebuch: “Dr. Peter macht jetzt wieder einen völlig stabilen Eindruck. Der Selbstversuch am Mittelmeer scheint keine bleibenden Schäden hinterlassen zu haben.”
Die Situation im Land der Franzosen ist beängstigend. Mein umfangreiches Wissen als professioneller Selbstversucher habe ich aus vielen Endzeitfilmen zusammen getragen. Jetzt sind wir mit unserem fahrenden Labor selbst Teil einer solchen Situation. Leere Straßen, keine Einwohner zu sehen. Kaum, teilweise sogar gar kein Autoverkehr. Wenn die vielen Polizisten, die an jedem Kreisverkehr aufs Neue prüfen, in welche Richtung wir tatsächlich fahren, wüssten, welch bahnbrechende Erkenntnis ich am Mittelmeer gewinnen konnte! Ich behalte mein Wissen selbstverständlich für mich und habe auch Schwester Heidi auf strikte Verschwiegenheit verpflichtet, so lange wir im Ausland sind.
Den Abend verbringen wir auf einem Sportplatz in der Nähe der deutschen Grenze. Der Grenzübertritt muss gut geplant und in Ruhe durchgeführt werden, gilt es doch bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse sicher in die Heimat zu bringen!

Donnerstag, der Neunzehnte, am frühen Morgen:

Nahrungsbeschaffung bei einer lokalen Bäckerei. Schwester Heidi verspürt eine ablehnende Haltung gegenüber uns fremden. Oder ahnen die Mitarbeiterinnen hinter dem Tresen, welche Geheimnisse Schwester Heidi vor ihnen verbirgt?
Die Grenze: Ein Stau, ein Stau! Die Deutschen machen die Grenzen dicht! Eine Katastrophe! Ein Anruf beim deutschen medizinischen Geheimdienst DMG schafft Klarheit. Wir dürfen passieren. Schwester Heidi ist beruhigt. Deutschland! Nun sind wir sicher.

Donnerstag, der Neunzehnte, am Tage:

Merkwürdig. Wieso sind auf deutschen Straßen so viel mehr Fahrzeuge unterwegs? Ist die CORONIA hier bereits überwunden? Sind unsere mühsam erworbenen Erkenntnisse unseres Mittelmeerversuches bereits überholt, gar wertlos?
Wir wollen nur noch ankommen. Schwester Heidi steht elektronisch in permanenten Kontakt zu anderen Wissenschaftlern und Laboren – doch niemand weiß genaueres.

Donnerstag, der Neunzehnte, am Abend:

Wir erreichen erschöpft nach der langen Fahrt unser geheimes Labor in der Nähe der deutschen Nordseeküste und werten noch in der Nacht unsere Versuchsergebnisse aus. Gut 3.000 Autokilometer in 7 Kalendertagen. Drei Substanzen in verschiedenen Dosen im Selbstversuch eingenommen, eine starke, kaum kontrollierbare Reaktion mit sehr überraschenden Nebenwirkungen unter besonderen mediterranen Bedingungen erzielt.

Zeitsprung. Dienstag, der Vierundzwanzigste, Epilog:

Wir zögern immer noch, unsere genauen Versuchsergebnisse in den Fachmedien (Bild, Autor-Motor-Sport, RTL II) zu veröffentlichen. Eigentlich müsste ich unter der strengen Aufsicht von Schwester Heidi noch sieben weitere Tage in Selbstquarantäne verbringen, doch bisher bin ich völlig frei von Symptomen. Daher gehen wir bereits jetzt mit ersten Erkenntnissen in die Öffentlichkeit. Die Sorge, andere könnten uns zuvor kommen und unsere Mühen überflüssig werden zu lassen, treibt uns an. Schwester Heidi hat, in einer Art wissenschaftlichen Höchstleistung die ihres Gleichen sucht, sämtliche Daten meiner Tabellen, Notizen und Skizzen in nur fünf Wörter kondensiert:

ALKOHOL IST AUCH KEINE LÖSUNG

Ach, Schwester Heidi, seien Sie doch nicht so! Immerhin lagen wir schon mal im gleichen Laborbett…ach, Schwester Heidi!

Es war ein Versuch wert! Die CORONIA muss mit allen Mitteln bekämpft werden. Und schließlich: Bin ich nicht völlig frei von den bekannten Symptomen? Ist das etwa kein Erfolg?

Was sagen Sie jetzt, Schwester Heidi?

mit freundlichen Grüßen, Doktor Peter.