Tod durch ein langes Leben

Es mag sehr alt gewordene Menschen geben, die am Ende ihres Lebens glücklich und zufrieden einfach einschlafen und nie wieder aufwachen.

Die glücklich und zufrieden einfach gestorben sind.

Vermutlich hat kaum jemand Angst vor dem eigenen Tod, aber viele, wenn nicht alle, haben sehr große Angst vor dem eigenen Sterben. Also die Zeit von den letzten halbwegs unbeschwerten Lebenstagen bis zum Tod. Schwerkranke hoffen und quälen sich oft jahrelang, andere sind von heute auf morgen einfach nicht mehr da und überspringen ungewollt geschickt den Sterbeprozess.

Irgendwo dazwischen liegt der Normalfall:
Jenseits eines Alters von 90 Jahren werden die letzten Lebensjahre scheinbar eher als Last empfunden. Sterben erst einmal um einen herum die eigenen Freunde, Verwandte, der lebenslange Partner oder gar eigene Kinder fühlt man sich wohl schnell überflüssig und verliert jede Lebensfreude.

Da hilft auch die anfangs ablenkende tägliche „Bares für Rares“ Sendung im Fernsehen nicht weiter.

Das einen in diesen dunklen Momenten finstere Freitodgedanken in den noch klaren Kopf kommen ist nachvollziehbar. Nur sehr wenige schaffen es die hohen Hürden für ein solches endgültige Vorhaben aus eigener Kraft zu überwinden. Viele hoffen auf andere. Auf Hilfe.

Allein, damit überfordert man jeden angesprochenen. Einem zwar sehr alten, aber dem Alter entsprechend gesunden Menschen bei klarem Verstand aus dem Leben zu helfen ist hoffentlich für jeden eine emotional unlösbare Aufgabe. Die Erwartung zur Sterbehilfe geradezu vermessen.

Und so fühlt man sich als alter Mensch am Ende wohl völlig verlassen? Ganz offenbar fehlte in vielen Jahren zuvor die mentale Kraft, die eigene Lebenssituation so zu verändern das man sich bis zum Ende auf den nächsten Tag zumindest halbwegs freuen kann.

Dies auch und zu vorderst als dringende Ermahnung an einen selbst Weichen zu stellen!

Allein, die Frage wann zur Hölle eigentlich der richtige Zeitpunkt ist sein Leben noch mal grundsätzlich so zu ändern das die letzten Lebensjahre, Lebensmonate Lebenstage und schließlich Lebensstunden vernünftig erlebt werden können, die kann keiner beantworten. Wann beginnen die letzten Lebensjahre? Hoffentlich nie?

Nun, der eigene Vater hat diese Frage für sich gar nicht erst gestellt und ist heute altersbedingt mit 92 Jahren in dem Bewusstsein gestorben, das sein Leben für ihn keinen Sinn mehr machte. Er war schon viel länger bereit für den Tod, doch der wollte ihn nicht.

Als er vor kurzem wegen einer einfachen Infektion kurz im Krankenhaus war wollte er vom behandelnden Arzt wissen, wie er sterben könne? Der Arzt meinte, das sei nicht sein Geschäft, aber er könne ja mal einfach alle Tabletten absetzten und sehen, was dann passiert.
Diesen Rat befolgte er unverzüglich, doch er lebte einfach weiter. Also stellte er auch die Nahrungsaufnahme ein. Diese aus Sicht eines jüngeren völlig absurde Selbstmordmethode scheint bei alten Leuten so was wie ein kleiner Trend („Sterbefasten“) zu werden, die NZZ berichtete schon öfters darüber, erst kürzlich HIER!

Zufällig hatte ich den Artikel vor unserem letzten Besuch am Wochenende in Köln gelesen und Vater vor den zu erwartenden Qualen gewarnt. Doch er hatte seinen Entschluss gefasst, da halfen auch die köstlichen mitgebrachten Rouladen nicht mehr.

Die körperlichen Schmerzen in Folge der ausbleibenden Medikation und der fehlenden Nahrungsaufnahme konnten nur noch mit palliativer Hilfe gelindert werden. Wir haben in unserem schönen Land in der Tat viele gute Hilfsangebote, manchmal ist es nur schwierig im richtigen Moment selbst darauf zu kommen. In einer solch schwierigen Situation sofort echte praktische Unterstützung zu bekommen ohne erst lange Formulare und Anträge auszufüllen ist schon etwas ganz besonderes.

Das Leid des Sterbenden zu lindern steht bei den Palliativärzten im absoluten Vordergrund, den Papierkram kann man auch nach dem Tod erledigen.

Und so konnten die allerletzten Lebenstage und Stunden für alle erträglich durchlebt werden.

Das ist wichtig, denn wir, die wir weiter leben, müssen genau mit diesem frisch erworbenen Wissen um das Sterben so umgehen das wir für unser eigenes Ende besser vorsorgen.

Der Wunsch nach dem glücklich und friedlich zu Hause einschlafen bleibt schlicht ein Wunsch dessen Erfüllung einem 6er im Lotto gleich käme. So brutal einfach ist das.

Darauf hoffen ist keine Lösung.

Sterben ist scheiße.

Egal wie.

Peter.

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