Tag 1-3, PILL, ANCONA und ADRIA

Der Lärm ist ohrenbetäubend.

Die Kulisse in der jetzt anbrechenden Nacht gespenstisch. Es riecht nach Diesel, verbrannten Öl und Hafen. Die riesigen Scheinwerfertürme um uns herum versuchen die allgegenwärtige Dunkelheit zu erhellen. Wir auf der Erde mitten im Getümmel, weit darüber zieht der Vollmond in aller Seelenruhe am Nachthimmel auf und spendet zusätzliches Licht für das merkwürdige Geschehen um uns herum.
Den grellweiße Strahl des Leuchtturms hoch über der Stadt hingegen bemerkt man nur, wenn man länger in seine Richtung sieht, so selten erscheint er. Nutzlos für uns an Land, früher hilfreich für die Leute auf See.

Abgaswolke in Blau

Wir befinden uns in einer wahren Orgie der Pferdestärken. Die noch verbliebenen 50, 60 oder gar 70 LKW´s warten mittlerweile sehr ungeduldig darauf, endlich auf die Fähre EUROPA PALACE der MINOAN LINES verladen zu werden. Die mächtigen Dieselmotoren der großen Sattelschlepper laufen seit Stunden warm. Geschätzt gut 20.000 PS dröhnen um uns herum, doch fast gewöhnt man sich daran. Unsere 150 PS nicht mit gerechnet, die sind abgestellt.

EUROPA PALACE läuft endlich in Hafen von ANCONA ein

Gegen 2200, drei Stunden nach der geplanten Abfahrt, setzt unerwartet ein wahres akustisches Inferno ein. Zunächst vernimmt man nur eines der mächtigen LKW Signalhörner, doch dann stimmen fast alle anderen LKW´s mit ein und es wird laut. Richtig laut. So beeindruckend laut, das ein Fahrer eines deutschen Wohnmobils ernsthaft überlegt, ob man wohl ein so gewaltiges Schallsignal auch im eigenen Fahrzeug einbauen könnte. Oder dürfte. Das Auto ist schließlich in Deutschland registriert und da ist nicht alles, was möglich ist, auch erlaubt.

Arbeiter auf Laderampe einer RoRo Fähre (anderer Dampfer)

Die verwegen aussehenden LKW Fahrer sind mächtig sauer.

Erst einmal hat die Fähre schon bei Ankunft drei Stunden Verspätung und dann klappt das Beladen im Hafen von ANCONA ganz offensichtlich auch nicht. Des öfteren passiert minutenlang kein Fahrzeug die breite Laderampe. Das kann so nicht gewollt sein. Das sehen natürlich auch die Kapitäne der Landstraße und werden immer ungehaltener. Kommt ein Loadmaster auch nur in die Nähe der aufgebrachten Meute muss er sich wüste Beschimpfungen anhören. Selbstverständlich verstehen wir kein Wort, doch Lautstärke, Wiederholungen und Grimassen sprechen mehr als 1.000 verstandene Worte. Handgreiflichkeiten bleiben aus. Zum Glück.

Aus PALERMO, so so…

Einige ganz verärgerte LKW Fahrer halten sich nun nicht mehr an die Anweisungen der Loadmaster und fahren einfach drauf los. Nutzen jede Lücke um zur Laderampe der EUROPA PALACE zu kommen. Durchaus beeindruckend, wie diese Fahrer ihre Trucks in der umgebenden Enge beherrschen. Doch wir erwarten bei der Aktion nun richtigen Ärger. Diese versuchte Eigenmächtigkeit kann nicht ohne Folgen bleiben. Darf nicht ohne Folgen bleiben! Zur Verblüffung der anwesenden Deutschen kommen die Fahrer mit ihrer Unverfrorenheit durch! Man lässt sie tatsächlich passieren, obwohl sie gar nicht an der durch die Loadmaster vorgegeben Reihe sind. Das bekommen auch andere Fahrer mit und nun bricht das absolute Chaos vor und auf der Laderampe der EUROPA PALACE aus. Alle wollen sich nun selbst verladen. Eine Zeitlang geht gar nichts mehr, doch dann klariert sich die Situation und es wird gemächlich weiter geladen.

Markthalle von ANCONA

Gegen 2230 gehen wir fest davon aus, das wir im Hafen übernachten müssen weil wir nicht mehr mitkommen werden – wenn beim Beladen einer RoRo Fähre der stärkere gewinnt, bleibt die Vernunft wie so oft auf der Strecke und am Ende fehlt der Platz. Nur wer ordentlich staut bekommt alles mit.

Völlig unerwartet kommt durch die Dunkelheit ein Loadmaster daher geschlendert und meint, wir sollten jetzt auch mal auf das Schiff fahren. Das lassen wir uns nicht zwei mal sagen und sind geschätzt eine Minute später mit unserem Auto bereits im großen Bauch des Schiffes. Über eine Rampe fahren wir ein Deck höher und vernehmen schon vom weiten das Geschrei der Einweiser. Fast könnte man denken, es handele sich bei dem Job der Einweiser um ein Aggressionsabbau-Programm für ganz schwierige Fälle, so aggressiv, so gehetzt, so ungeniert laut brüllen sie ihre Kommandos. Statt den eintreffenden Fahrern sittsam erst mal klar zu machen, wo sie ihr Auto eigentlich abstellen sollen bellen sie im unangenehmsten aller Töne schwer verständliche Rangierkommandos (vermutlich: left, right, back, forward) und erwarten schnellste Umsetzung durch den völlig entgeisterten Fahrer.

Kirche in Ancona

Schon klar.

Die Einweiser stehen unter höchstem Druck denn sie und nur sie werden die Ursache für die enormen Verspätungen der EUROPA PALACE sein. Das Zusammenspiel der Loadmaster vor der Laderampe und den Einweisern auf den Ladedecks muss perfekt laufen, sonst gibt es Verzögerungen durch Lücken, wo keine sein sollten oder durch unnötige, aber zeitaufwändige Rangiermannöver weil da wo man hin soll gar nicht so viel Platz ist.
Schicken unten die Loadmaster ein gerade unpassendes Fahrzeug hoch, kämpfen die Einweiser oben auf engstem Raum gegen Windmühlen und die normative Kraft einer faktischen Bordwand aus Stahl.

FINCANTIERI Werft in Ancona

Nun haben wir ja dieses im Grundsatz funktionierende chaotische Lade/Löschsystem schon des öfteren bewundert. Steht es doch im krassen Gegensatz zu den durchorganisierten nordeuropäischen Verfahren zum Be-/und Entladen von Fähren in Deutschland, Dänemark, Schweden oder Norwegen.

Doch diesmal zeigt das Chaos endlich mal sein wahres Gesicht. Es funktioniert nicht.

Gegen 2330 beziehen wir unsere bescheidene Innenkabine, kurz vor Mitternacht legt der Dampfer endlich ab.

FINCANTIERI Werft in Ancona

Was wir nicht wollen, aber wohl auch nicht ändern können: Mitten in der Nacht in PATRAS ankommen. Das ist immer doof. In Dunkelheit auf unbekannten Terrain einen halbwegs guten Platz für die Nacht zu finden. Schauen wir mal.

Am Nachmittag zuvor haben wir ungeplant zu Fuß die Altstadt von ANCONA erkundet. Das Auto stand sicher und videoüberwacht auf dem Parkplatz vor dem Büro der Fährgesellschaften. Erstaunlicher Weise gibt es einen kurzweiligen Fußweg durch das Hafengebiet in die Altstadt. Die Idee zu diesem Ausflug hatte die Frau im Ticketoffice. Sicher nicht das erste mal, das eine Fähre drei oder vier Stunden Verspätung hat und die Wohnmobilgäste vor Langeweile zu platzen drohen.

Camperstop in OFFAGNA

Von weitem sehen die alten (historischen) Gebäude super gepflegt aus, doch je näher wir kommen um so deutlicher erkennen wir den Verfall. Als wir ganz oben bei dem alles überragenden DOM VON ANCONA angekommen sind haben wir einen guten Blick über die Altstadt, aber einen wirklich grandiosen Ausblick auf die FINCANTIERI Werft direkt zu Füßen des Berges. Muss man mögen, so eine extrem detailreiche Industriekulisse. Mag zumindest einer der anwesenden reisenden sehr!

Auf dem Friedhof von OFFAGNA

Die Nacht zuvor haben wir wieder im nahe gelegenen Bergdorf OFFAGNA übernachtet. Mit dem klaren Vorsatz, sich in der ortsansässigen Pizzeria erneut den Bauch voll zuschlagen. Es folgt ein Satz mit X: Das war wohl nix! Der Laden ist umgezogen. Es dauert eine kleine Weile bis wir mittels Übersetzung verstehen, das sie leider nicht innerhalb von OFFAGNA umgezogen sind, sondern ans Meer in einen direkten Vorort von ANCONA. Tolle Wurst. Die Ausweichlokalität macht keine Pizza, Vorspeise war OK, Hauptgang für´n Hintern. Es bleibt beim X, kann man machen nix!
Doch der Ort bleibt natürlich schön und somit jederzeit einen Abstecher wert. Wer braucht in Italien schon Pizza?

Auch bei der ersten Station dieser Herbstreise blieben wir auf der Fährte der letzten Griechenland-Tour. PILL in Österreich. 950 Kilometer von ELMSHORN entfernt. Nach gut 11 Stunden problemlos über die Ostdeutschen Autobahnen erreicht. Während wir im letzten Jahr wegen CORONA auf österreichische Spezialitäten verzichten mussten, konnten wir nun im KLAUSEN zu PILL Kartoffelknödel, Schweinebraten und Sauerkraut genießen. Und KAISER Bier. Wie köstlich!

Und wie immer, wenn man eine Sache ein zweites Mal macht und denkt, man kennt schon alles: Beim zweiten mal hat man die Hälfte der akribischen Vorbereitung der ersten Reise längst vergessen (z.B.: neben der digitalen Streckenmaut braucht man ein zweites Mautticket für den Brenner) oder die Welt hat sich unerwartet weiter gedreht: Im letzten Jahr galt es unbedingt zu vermeiden, in Österreich zu tanken. Schon gar nicht in Italien! Diesmal sind Tankstellen in Österreich, natürlich abseits der Autobahn, erste Wahl: 1,399 € für einen Liter Diesel in der Nähe von PILL. 100 Liter des 120 Liter fassenden Autotanks haben wir für die Anreise verbraucht, so macht das Tanken zwar nicht unbedingt Freude, doch es verschafft eine gewisse Befriedigung nicht für 1,759 € (Österreich Autobahn) oder 1,589 € (Deutschland, Landstraße) getankt zu haben.

In der Altstadt von OFFAGNA

Doch das ist alles Vergangenheit.

Jetzt sitzen wir in der prallen Sonne auf Deck 9 der zwanzig Jahre alten EUROPA PALACE, schlürfen unseren Vormittagskaffee und lassen den Blick über das tiefblaue Wasser der ADRIA schweifen. Der Dampfer wurde bei HDW 2001 in KIEL gebaut und wenn man hin sieht, erkennt man überall das Alter.

Das mit der Sonne, das ist ja in Wahrheit der eigentliche Sinn dieser Reise.

Die in der Regel mit der Sonne verbundene Wärme im übrigen auch.

Peter.

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