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Mars 2020 – gelandet

Name: Peter Wiedekamm

Planet: Mars

Ort: Krater Jezero

Eine Zeitlang war mir nicht zum schreiben zumute. Und wenn man nix zu sagen hat, einfach mal die Fresse halten. Ach, wie still wäre es in der Welt? Kaum wechselt man den Planeten, kann man das am eigenen Leibe spüren. Hier auf dem Mars sabbelt wirklich keiner. Und das obwohl ich hier auf engstem Raum eingepfercht mit 11 Millionen anderen Namen auf meinen kleinen Siliziumchip hoch über dem NASA Rover Perseverance throne und sprachlos die fantastische Aussicht genießen kann. Ja, ja, ich weiß: Als körperloser Name haben ich ja sowieso kein Sprechorgan, aber es gab da tatsächlich nichts zu sagen.

Die Landung war anstrengend und eine Zeitlang fürchtete ich um mein bescheidenes Dasein. Während der Reise war es saukalt, dann war es für kurze Zeit irre heiß, die wenige Minuten währende Brausefahrt schwebend am Fallschirm war vom Gefühl her klasse, auch wenn ich noch nichts sehen konnte. Doch der Touchdown war echt ruppig, da müssen die Damen und Herren von der NASA bitte noch mal nachlegen.

Die technische Funkverbindung zur Erde steht zwar, ist aber völlig überlastet mit der Übermittlung von Bildern, Videos und Tonaufnahmen unserer Umgebung. Da bleibt keine Kapazität zum Gedankenaustausch mit meinem irdischen Körper über.

Doch auch im Universum gilt die alte Universal-Regel, das Liebe jede Distanz überwinden kann. Jede. Eigenliebe sogar schneller.

Und so konnte ich von meinem irdischen Körper erfahren, das er tatsächlich wie geplant meine Landung im NASA Livestream auf Youtube im Original verfolgt hat. Vermutlich hat er sich bei einem coolen Drink wie üblich völlig ungepflegt auf dem Sofa herum gelümmelt und bar jeder Gefahr mein Abenteuer auf 75 Zoll UHD verfolgt. Völlig erstaunt war er wohl, wie viele Frauen bei der NASA arbeiten und das nicht etwa am Empfang, sondern in den Projektteams als Ingenieure. Noch während der Liveübertragung hat er natürlich über diese seine wichtige Beobachtung mit seiner lebenslangen Begleiterin gesprochen und sich prompt einen Sexismus-Rüffel eingefangen…und fortan einfach den Mund gehalten. War aber offenbar eine tolle Show – perfekte Öffentlichkeitsarbeit für eine technische Meisterleistung der ganz besonderen Art.

Die Landeberichterstattung wurde standesgemäß mit  einer sehr gelungenen Darbietung von David Bowies “Life on Mars” abgeschlossen. Da Herr Bowie leider, leider schon gestorben ist, musste diesen Job ein anderer übernehmen. Die Wahl fiel auf den jungen Musiker Yungblud – gut gemacht! Da hatte einer in den siebzigern des vergangenen Jahrhunderts eine coole Idee, erlangte nicht nur deshalb Weltruhm und stirbt dann einfach viel zu früh. Sollte mich nicht wundern, wenn die Hymne der ersten Marskolonie von David Bowie stammen würde. Sollte sie jedenfalls!

So wird er ewig weiter leben.

Ganz so wie ich hier oben auf dem Mars auf meinem kleinen fahrbaren Mikrochip.

Na ja.

Jedenfalls so lange kein Meteorit auf meinem Fahrzeug einschlägt, mein Chip der Strahlung widersteht und kein Löschbefehl von der Erde kommt.

Das sind ja Aussichten!

Peter´s Name. Derzeit Mars.

Mars 2020

Und kannst Du nicht vollständig in die Ferne schweifen, so lasse wenigstens einen Teil von Dir neue Welten entdecken!

Doch welcher Teil eines Menschen ist entbehrlich?

Was ist alles ein Teil eines Menschen?

Nun, mein Name ist unzweifelhaft ein Teil von mir.

Den eigenen Namen auf Reisen zu schicken ist sicher einfacher los zu lösenden als eine Hand, Arm, Bein oder gar Kopf.

Sicher leichter in einem Reisegefährt, gleich welcher Art, zu verstauen.

Sicher mit viel Schall und Rauch, wie alle Namen.

Die Weltbevölkerung wird auf 7.800.000.000 Menschen geschätzt. Also gibt es wohl 7,8 Milliarden Namen. Denke, jeder Mensch wird einen Namen haben? Sicher wird es Menschen geben, die ihren Namen mit anderen teilen müssen. Weil die Eltern bei der Namensgebung nicht nachgedacht haben. Weil die Ahnen gleiche Berufe hatten. Weil es echt schwer ist, unter 7,8 Milliarden Namen einen einmaligen Namen zu haben.

Soweit ich weiß, gibt es nur einen Peter Wiedekamm. In Dänemark, bei den Ahnen meiner Frau Heidi gibt es wohl einen Per Wiedekamm. Aber Per ist nicht Peter. Fehlen ja mindestens zwei Buchstaben. Schon schwieriger ist es mit Heidi. Da gibt es schon mal zwei. Die eine ist meine lebenslange Begleiterin, die andere, ebenfalls in Dänemark ist jünger. Aber was zählt schon das Alter?

Nun, bleiben wir bei reisenden.

Bleiben wir bei reisenden Namen.

Bleiben wir bei meinem reisenden Namen!

Quelle: NASA – Microchips mit allen Namen (die drei Quadrate zwischen den beiden Schrauben)

Eingepfercht auf drei kleinen Microchips, zusammen mit 10.932.295 (-1) anderen Namen. Fast 11 Millionen andere Menschen. Ob ich davon einige kenne? 113.630 (-1) kommen oder wohnen aus/in Deutschland. Jetzt haben unser aller Namen 415.678.951 Kilometer seit unserem Start von der Erde zurück gelegt. Insgesamt müssen alle 11 Millionen Namen 480 Millionen Kilometer bis zum Ziel zurück legen. Das ist insofern interessant, als das der Mars eigentlich “nur” zwischen 55 und 70 Millionen Kilometer von der Erde entfernt ist. Doch so ein einfaches Raumschiff kann nicht einfach so gerade aus fliegen. Na toll: Da steht nix im Weg und trotzem muss man Umwege fliegen! Das wird hier von der ESA in einem alten Beitrag für eine andere Mission ganz gut erklärt. Da unsere Namen mit derzeit über 80.000 Kilometer pro Stunde fliegen, sind wir bald da.

Quelle: NASA – Kein Segelboot, kein Wohnmobil. Diesmal per Marsrover Perseverance (zu deutsch: Beharrlichkeit)

Wenn alles klar geht, landen wir am 18. Februar 2021.

Auf dem Mars!

Die NASA hat mir gestern freundlicher Weise meinen Mars Bording Pass geschickt. Muss ja alles seine Ordnung haben. Was für ein Chaos, wenn ohne Mars Bording Pass 11 Millionen Menschennamen auf dem Mars landen wollten?

Quelle: NASA – Mein MARS 2020 BordingPass



Also mache ich mich mal bereit und stelle schon mal eine Flasche kalt.

Wie aufregend!

Peter.

P.S.:
Schon klar. Das Titelbild ist ein Fake. Nix Mars. Blutmond von Deutschland aus am 27. Juli 2018 um 22:57 fotografiert. Hübsch rot…

P.S.2:
Die nächste Reise zum Mars wird schon vorbereitet. Wer will, kann hier seinen Namen mitfliegen lassen!