Dritter Todestag Peter Samuelsen

„Wirklich Tod ist man nur wenn sich keiner mehr an einen erinnert“

In Erinnerung an meinen ehemaligen langjährigen Geschäftspartner Peter Samuelsen, der vor genau drei Jahren, am 22. September 2023 gestorben ist.

Es gab so viel, das man von Peter Samuelsen lernen konnte. 

Zum Beispiel Bewerber- und Mitarbeitergespräche:

Obwohl unser junges Unternehmen schneller wuchs als es uns im Grunde lieb war schafften wir durch die im wesentlichen richtige Auswahl von neuen Mitarbeitern ein zwar schnelles, aber grundsolides organisches Wachstum durch die engagierte Zusammenarbeit von grundverschiedenen Menschen in den jeweiligen Projektteams.

Bewerberinterviews wurden in den ersten Jahren grundsätzlich von zwei Vorständen geführt. Schließlich besteht das Kapital eines Softwareunternehmens ausschließlich aus der klugen Zusammensetzung der Belegschaft. Während Peter Samuelsen besonderen Wert auf gute Noten in den Schul- und Abschlusszeugnissen eines Bewerbers, einer Bewerberin legte, lag unsere Gemeinsamkeit darin Menschen mit echter Leidenschaft für die kommerzielle Softwareentwicklung zu erkennen. 

Sicher, ein wenig Überheblichkeit steckte schon in dem Ansatz wirklich qualifizierte Bewerber in einem nur einstündigen Interview erkennen zu wollen. Aber wenn man, so wie wir beide, selbst jahrelang Software entwickelt hatte, dann konnte man wohl fundiert abschätzen, wen man da vor sich hatte. 

Und was waren das Anfangs für hochwertige Kaliber! 

Erstklassige Abschlüsse, aber auch Studienabbrecher und manchmal wilde Quereinsteiger mit unglaublichen Talent. Sehr viele neue Mitarbeiter der ersten Jahre blieben jahrelang, wenn nicht jahrzehntelang im Unternehmen. 
Allerdings passierte es anfangs auch, das neue Mitarbeiter manchmal nicht so gut wie gedacht waren, aber niemand das Problem ansprach weil der/die neue „nett“ war. So verstrich die Probezeit und es wurde arbeitsrechtlich ungleich schwieriger, sich von diesen Menschen wieder zu trennen. 

Nach ein paar Jahren galt folgend Faustformel: 
Ob jemand richtig, richtig gut in der Softwareentwicklung ist kann man eigentlich schon nach wenigen Wochen fest stellen. Wenn sich dieses Gefühl nicht einstellt, wird die interne Ampel bereits auf Gelb gestellt. Wenn der Teamleiter/die Teamleiterin nach drei Monaten immer noch unsicher ist, läuft es sehr oft auf eine Trennung in der Probezeit hinaus. Lieber einen leeren Stuhl als einen, auf dem einer/eine sitzt, der/die das Projekt durch Unvermögen zurück wirft. 

Ganz schön hart. 

Aber nur darum geht es in unserer Gesellschaft: Leistung.

Es war wesentlich angenehmer, Bewerberinterviews zu führen als Trennungsgespräche. Denn oft wollte oder konnte die betreffende Person natürlich nicht einsehen, warum wir eine Trennung wünschten. Von Peter Samuelsen konnte man sehr gut lernen, wie man solche schwierigen Gespräche führte ohne sein Gegenüber bloß zustellen. 

Denn Peter Samuelsen war in der Regel jederzeit beherrscht, kontrolliert und kühl kalkulierend. 

Das Jahr 2004:

Das Unternehmen war mittlerweile so groß geworden, das zwei Stockwerke im abseits gelegenen Bürogebäude im Hamburger Stadtteil Barmbek benötigt wurden. Während Peter Samuelsen mit seinem Team und der Produktentwicklung im vierten Stock saß, war mein Büro und mein Serviceteam im ersten Stock angesiedelt.

Nur durch diese räumliche Distanz ist zu erklären das ich von dem Konflikt, den Peter Samuelsen mit unserem dritten Gründungspartner führte, zunächst absolut nichts mit bekam. Völlig im Hamsterrad der aktuellen Projekte laufend ahnte ich nicht, das unser gemeinsames junges Unternehmen vor seiner ersten echten Zerreißprobe stand. 

Viel später wurde mir klar, das es sicherlich einige sachliche Gründe für den Konflikt mit dem dritten Gründungspartner gab, der seit Anbeginn für den Produktvertrieb und das Marketing zuständig war. Aber der vordergründig beruflich bedingte ungewohnte emotionale Ausbruch von Peter Samuelsen war in Wahrheit wohl auch privat begründet: Seine viele Jahrzehnte währende Ehe ging ungewollt in die Brüche. In der Folge wurde vermutlich in einer Art Kompensationsdrang unser dritter Gründungspartner aus dem Unternehmen gedrängt. 

Sicherlich, nach vier Jahren hätte die Erfolgsbilanz des von den beiden verantworteten Produktbereiches besser ausfallen können, doch für mich bestand zu diesem Zeitpunkt kein unmittelbarer Handlungszwang. Für Peter Samuelsen war hingegen klar, das es Zeit war für eine grundlegende Neustrukturierung. Im privaten, wie auch im geschäftlichen.

Und wenn Peter Samuelsen in solchen komplexen Situationen die Initiative für eine Veränderung ergriff, dann umfassend. Keine halben Sachen.

Nicht nur Peter Samuelsen war zu diesem Zeitpunkt unzufrieden mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Produktbereiches. Auch unser Risikokapitalgeber, der uns ja erst die sichere Unternehmensgründung ermöglichte, war unzufrieden: Statt Geld zu verdienen und (aus seiner Sicht) nutzlos anzuhäufen, sollten wir das vom Servicebereich  verdiente Geld lieber nehmen und in Marketing und Vertrieb für das Produkt stecken. Seine Logik: Mehr Erfolg durch mehr Marketing und Vertrieb. 

Peter Samuelsen war sicher, das MEHR nicht MEHR helfen würde.

Das neue Produkt war zwar fertig entwickelt und auch gut, allein, kaum ein Unternehmen wollte eine Nutzungslizenz für diese neue, bahnbrechende Technologie kaufen. Das war für den Investor natürlich ein Problem, denn schließlich war dies ja genau die Gründungsgeschichte unseres Unternehmens: 

Softwarelizenzen wie geschnitten Brot verkaufen, ein schneller Börsengang und die Verzehnfachung seines Einsatzes.

Nun, selbstverständlich wurde ja bereits im erheblichen Umfang Quersubventioniert, doch es wurden auch signifikante liquide Mittel aufgebaut um unvorhersehbare Umsatz- und Gewinneinbrüche überbrücken zu können. Unser kleiner Tanker sollte auf Sicht gesteuert werden. Drei, besser sechs Monate schlechtes Wetter wollten wir  unbedingt überstehen können. 

In dieser für Peter Samuelsen unglaublich komplexen Gemengelage plant und organisiert er den mutigen Befreiungsschlag: 

Das dritte Gründungsmitglied verlässt das Unternehmen mit einer bis aufs Messer verhandelten Abfindungssumme in damals unbeschreiblicher Höhe, auch der Risikokapitalgeber steigt aus und erhält im Gegenzug seinen Einsatz bis auf den letzten Cent zurück. Die Trennung von seiner Frau wird vollzogen. 

Das zur Unternehmensgründung vom Risikokapitalgeber erhaltene Startkapital war ein Betrag im unteren siebenstelligen Bereich. Unser junges Unternehmen hätte zwar diesen Betrag sofort aus eigener Kasse zurück zahlen können, doch Peter Samuelsen wählte einen anderen Weg: Die Hälfte des notwendigen Betrages wurde finanziert, denn „…wenn Du kein Geld hast, leiht Dir auch keiner was“, weiß Peter Samuelsen schon damals.
Die Bank verlangte von uns beiden eine persönliche Bürgschaft zur Absicherung des Darlehns. Dieser Vorgang war denn auch der Grund, warum unser Eigenheim seit dieser Zeit meiner lebenslangen Begleitung gehört 😉

Nach mehr als einem Jahrzehnt schon fast spaßig:
Durch die Neustrukturierung des Unternehmens werden die Unternehmensanteile neu verteilt. Peter Samuelsen bot mir, aus seiner Sicht großzügig, exakt den gleichen Aktienanteil an, den er auch für sich selbst beanspruchte. Ich weiß noch wie entgeistert ich ihn angesehen habe und sagte: „Das ist ja wohl selbstverständlich, eine Aktie weniger und ich bin weg.“

Mit seiner sehr guten Menschenkenntnis ahnte Peter Samuelsen wohl eine solche Reaktion voraus. Oder es lag schlicht an seinem ausgeprägten kaufmännischen Kalkül: Der von mir verantwortete Servicebereich stand grob für zwei Drittel von allem: Umsatz, Gewinn, Personal, Reputation. 

In dieser Zeit waren wir vermutlich ein nur sehr schwer zu schlagendes Management Team. Für die Unternehmensentwicklung extrem wichtige Servicegroßkunden wurden gemeinsam akquiriert, die legendäre 5-5-5 Vertriebsaktion für den schwächelnden Produktbereich wurde am grünen Tisch gemeinsam erdacht und brachte endlich den Durchbruch auch in diesem Bereich. 

Der immer noch über den Aufsichtsrat freundlich mit unserem Unternehmen verbundene Risikokapitalgeber meinte nur trocken: 

„Kaum sind wir von Bord, läuft das Geschäft!“

Da war schon was dran: 
Wir konnten nun völlig frei entscheiden und wir mussten uns vor niemanden mehr rechtfertigen.

Das ist es wohl, was einen freien Unternehmer ausmacht. Ohne Peter Samuelsen hätte ich diese wichtige, lebensverändernde Erfahrung wohl nie gemacht. Er selbst begann seine Rolle als Vorstandsvorsitzender eines jungen, aufstrebenden und erfolgreichen Softwareunternehmens mit Top-Kunden zu genießen. 

Also denn, einmal mehr erhebe ich mein Glas in Andenken an Peter Samuelsen.

Aktuell zwischen zwei Reisen steckend, etwas im selbstgemachten Freizeitstress untergehend, wie immer das Maximum wollend.

Die wahre Aufgabe eines Menschen ist es zu leben, nicht nur zu existieren. 
Ich werde meine Tage nicht dazu verschwenden, sie zu verlängern. 
Ich werde meine Zeit nutzen!


Jack London, 1876-1916.


Cheers!

Peter.

P.S.:
Die 5-5-5 Vertriebsaktion: 
5 Lizenzen für die 5 ersten Kunden zu je 5 Euro. 

P.S: In dieser lose fortgeführten Reihe kann man hier die Beiträge „Peter Samuelsen gestorben“, „Erster Todestag Peter Samuelsen“ und „Zweiter Todestag Peter Samuelsen“ nachlesen.

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