Eigentlich wollte in diesem Jahr niemand in BALLEN auf der dänischen Insel SAMSÖ Station machen.
Schon zu oft dort gewesen.
Aber ein Inselerkundungstag so ganz ohne Fahrräder ist in LANGÖR viel zu mühsam. Außerdem gibt es weder Brot noch Brötchen an Bord und auch nicht an Land. Quasi zum Brötchen holen die gut 12 Seemeilen weiter nach Süden dackeln, am frühen Morgen mal wieder, denn Mittags soll der segelbare Wind schon wieder weg sein.
Die Abkürzung durch das östliche Fahrwasser hat es in sich. Recht wenige Tonnen markieren nur grob den Weg, viel freie trügerische Wasserfläche mit wenig Wasser darunter. Aufpassen, langsam unter Maschine fahren und immer wieder die Seekarte konsultieren. Danach dann nur das Vorsegel gesetzt, aus reiner Faulheit selbstverständlich und gemütlich nach Süden gesegelt.
Vier, fünf Boote haben BALLEN bereits verlassen und kommen STÖRTEBECKER entgegen. Einige Skipper sind offenbar Morgenmuffel, der mit Sicherheit gut sichtbare Gruß wird oft nicht erwidert.
Festmachen, im Hafensupermarkt von BALLEN endlich Frühstück besorgen und irgendwie mal in den Tag hinein kommen.
Hier am Hafen gibt es gleich zwei Anbieter von Leihfarrädern. Der eine ganz modern mit eBikes, Barcodes, Handyapp und Kreditkartenzahlung. Ganz ohne Menschen. High-Tec auf dem Lande. Der andere ganz einfach, Bio-Bikes, Telefonnummer, Briefkasten und Zahlenschloss. Man ruft an, vereinbart Währung und Preis mit einem echten Menschen, stopft das Geld später in den Briefkasten und bekommt sofort den Zahlencode für die Schlösser der Fahrräder.
Geniales System mit dem verstaubenden Namen „VERTRAUEN“.
OK, man muss halt selber strampeln, aber erst am nächsten Tag.
Tags darauf erreicht die kleine Fahrradreisegruppe mit gar nicht mal so müden Beinen die Inselhauptstadt TRANEBJERG. In der Tat war man hier noch nicht, doch hier liegen zwei Missionsziele:
Zum einen soll wasserfestes Schmierfett für STÖRTEBECKER beschafft werden, zum anderen soll heute mal auswärts gefrühstückt werden, jetzt, um die Mittagszeit.
Das Material ist schnell beim gut sortierten örtlichen Werkzeughandel ARNE DITLEVSEN beschafft. Die Wahl des Essensplatzes wird da schon schwieriger. An der Hauptstraße gibt es zwar eine Reihe von Cafés und einfachen Restaurants, aber nichts behagt der aktuell geräderten Reisegruppe.
In Sichtweite, aber noch mal ein paar hundert Meter zu laufen wird das MEDBORGERHUSET entdeckt. Selbst ohne Dänischkenntnisse versteht man MITBÜRGERHAUS. An der Tür steht jeder sei Willkommen. Frühstückszeit ist gerade vorbei, aber in wenigen Minuten gibt es Mittag. Der ordentliche Gastraum versprüht den Charme einer kleinen Kantine, in der offenen Küche arbeiten vier Frauen gehobenen Alters und legen letzte Hand an das Mittagessen. Ganz offensichtlich handelt es sich hier um eine soziale Einrichtung die zu sehr vernünftigen Preisen einfache Hausmannskost auf den Tisch stellt.
Stünde dort nicht ausdrücklich, das ein jeder Willkommen sei, würde man sich als Tourist wohl leicht unwohl fühlen. Besser noch mal nachfragen: Natürlich sind auch Touristen willkommen! Guten Appetit!
Die vermutlich älteste Frau (70+?) nimmt die Bestellungen entgegen und kassiert direkt ab. Bargeld, selbstverständlich. Warum sollte auch eine dänische soziale Einrichtung ein amerikanisches Kreditkartenunternehmen reicher machen?
Wir sitzen an einem Tisch draußen vor dem Holzhaus in der Sonne. Der kleine Speisesaal im Haus füllt sich zunehmend mit Menschen. Manche kommen alleine, mit dem Auto, dem Fahrrad oder zu Fuß. Andere kommen zu zweit. Darunter viele Senioren die alle miteinander ordentlich was zu schnacken haben.
Was für eine tolle Idee!
Statt alleine zu Hause selber kochen und die Wand anstarren, hierher unter Leute kommen, schnacken und was lecker gekochtes essen. Das hier ist ja keine Tafel für ganz arme Menschen. Der reguläre Preis für ein Mittagessen beträgt 85 DKR, rabattiert 65 DKR. So oder so, um und bei 10 € für frisch gekochte Hausmannskost. Heute gibt es Salat, Hähnchenschenkel, Kartoffeln und Soße. Nimm den Dänen ihre Soße und sie erklären Dir den Krieg.
Das Essen wird am Tisch serviert, das ist jetzt in der Tat etwas peinlich, sich so bedienen zu lassen. Leckere Sache das, nach wenigen Minuten kommt die Kassenfrau schon wieder und fragt, ob sie noch irgendwas nachlegen soll? Nachschlag im Restaurant. Nachschlag ist ja nicht so direkt ALL-YOU-CAN-EAT, aber kurz davor.
Nein, nein, sehr lecker, aber wirklich ausreichend.
Fast schon rührend, wie die Frauen sich um ihre Gäste kümmern, auch um uns Touristen.
Wir räumen selber ab und bringen das Geschirr rein, bleiben dann aber noch ein paar Minuten länger draußen in der Sonne vor dem MEDBORGERHUSET sitzen. Wir möchten uns noch mal für die Freundlichkeit und das Essen bedanken. Also noch mal rein zur Frau an der Kasse, die anderen sind gerade beim spülen und aufräumen. Da fällt eine kleine Spendenbox auf. Keine Ahnung, ob das die Trinkgeldbox für die hier arbeitenden Frauen ist oder ob das gesammelte Geld dem MEDBORGERHUSET zu Gute kommt?
Selbstverständlich kommt da ein angemessener kleiner Schein rein und, mit Händen und Füßen da dänische Danksagungen dem Schreibling völlig unbekannt sind, sich überschwänglich, aber grundehrlich bedankt. Beides erfreut die Kassenfrau sichtlich.
Eigentlich ist es so einfach als Gast in einem fremden Land seine Wertschätzung ohne jede Sprachkenntnisse den Eingeborenen gegenüber auszudrücken. Doch man macht es viel zu selten.
Ganz schön doof, denn ein solch schönes Erlebnis trägt einen gut gelaunt durch den Rest des Tages.
Die Beine machen auf der Rückfahrt nach BALLEN keine Probleme, erstaunlich. Aber die zwei sich sehr lange kennenden deutschen Hintern haben keine Lust auf weitere Fahrradkilometer und so werden die Drahtesel weit vor der vereinbarten Zeit an der Abholstelle wieder geparkt und mit dem Zahlenschloss abgeschlossen.
Wieder dieses wunderbare alte System: VERTRAUEN.
Wie wir das im Moment machen ist es wohl doch falsch:
Nur weil es einige echte Arschlöcher gibt die das VERTRAUEN anderer missbrauchen ziehen wir wie blöd Regeln und Systeme um uns herum hoch um uns vor diesen miesen Typen zu schützten…und behindern damit unser eigenes Leben in zunehmend nicht unerheblichem Maße.
Besser wäre es doch wohl, im VERTRAUEN miteinander umzugehen und die wenigen Arschlöcher unverzüglich drakonisch, ich meine wirklich drakonisch, für ihre miesen Taten zu bestrafen. Körperliche Unversehrtheit nicht garantierend.
Auf was für schräge Gedanken man kommt, dieser Tage in BALLEN, SAMSÖ, DÄNEMARK, EUROPA, ERDE?
Peter.
P.S.: Aus dem örtlichen bunten Touristenheft wird gelernt, das die Dänen zwei weitere Megabrücken über den GROßEN BELT mit SAMSÖ als Zwischenstation planen. Wohl schon länger, immer mal wieder zurück gestellt. Aber jetzt wird das Thema wohl wieder akut und eine örtliche Bürgerinitiative wirbt ganzseitig damit das SAMSÖ eine Insel bleiben solle. Man befürchtet nicht nur eine durch die Autobahn zweigeteilte Insel, sondern auch viel mehr Verkehr.
Die Eingeborenen von SAMSÖ werden vorher sehen, wie es FEHMARN ergeht. Gleiche Situation, gleiche Befürchtungen, gleicher unaufhaltsamer Fortschritt. Wohin auch immer man fortschreitet.





