SA2223: Los Antigous, Gobernador Gregores

Die Ortsnamen in einem fremden Land klingen in den Ohren von reisenden manchmal besonders exotisch oder ungewöhnlich anders.

Die Namen unserer beiden Stationen auf dem Weg nach Süden LOS ANTIGOUS und GOBERNADOR GREGORES sind gute Beispiele dafür.

LOS ANTIGOUS liegt etwas abseits der direkten Strecke am riesigen LAGO BUENOS AIRES, aber irgendwo stand geschrieben, dass es dort ein mildes Klima gebe und große Kirschplantagen.

Wasser in der Wüste Patagoniens

Was dem einen sein Bier sind der anderen ihre Kirschen.

Die Landschaft hat sich merklich verändert. Wo kein Wasser ist gibt es nur Wüste und Steppe. Karge Hügel, kleine Berge, raue Felsen. Und nur ganz selten Anzeichen menschlicher Behausungen. Hier wächst einfach nichts, daher wohl auch keine Viehzucht auf den riesigen, völlig ungenutzten Flächen.

Prachtstraße in LOS ANTIGOUS

Auf dem Campingplatz von LOS ANTIGOUS ist tagsüber nicht viel los, doch in der Nacht turnen zehn oder zwanzig Schüler wie die wilden herum und feiern eine Open Air Party. Offensichtlich gibt es hier dem Gelände auch so was wie ein Schullandheim? Wo waren die denn tagsüber? Können wir nicht wissen, denn wir waren ja auch unterwegs.
Eigentlich mit dem festen Vorsatz, irgendwo das WM Spiel Deutschland – Spanien im Fernsehen zu sehen. Doch wir sind viel zu früh´ los gegangen und haben irgendwann keine Lust mehr, in der nachmittags sehr ruhigen Stadt bis zum Spielbeginn herum zu strolchen.
Schließlich müssen wir auch noch enttäuscht feststellen, dass es noch gar keine Kirschen gibt! Die Beifahrerin fühlt sich betrogen, schließlich hat der Fahrer (wie im Übrigen durchaus üblich) sein Bier gefunden.
Wir sehen zwar die Kirschbaumplantagen, zum Windschutz hübsch eingerahmt von riesigen Pappeln, aber die Früchte sind höchstens mal grün bis hellrot. Vielleicht in zwei, drei Wochen könnte man davon naschen? Jetzt sicher nicht.
Einmal mehr staunen wir, wie viel Mühe man sich gibt, um solch abgelegene Orte für uns Touristen aufzuhübschen.

Sag ich doch – ShineOn You Crazy Diamond!

Zurück am Auto wird sich um das anstehende Fußballspiel gekümmert. Das erste, was man diesbezüglich festhalten muss:

SCHEISS FIFA!

War es bisher so, dass man „aus rechtlichen Gründen“ im Ausland kein deutsches Fußballfernsehen empfangen durfte, haben die Geldgeier das nun sogar auf die Radioübertragung ausgeweitet. Das mit dem Fernsehbild könnte man ja vielleicht noch gerade so verstehen, denn das kann man ja auch ohne (deutschen) Ton für irgendwelche Zwecke verwenden.
Aber eine deutsche Radioübertragung wird ja wohl nur für deutschsprechende Menschen, also in der Regel Deutsche von Nutzen sein. Und wenn die im Ausland sind bleiben sie deutsche. Und deren deutsche Rundfunkgebühren laufen ja auch weiter.

Gibt es für wirklich reisende überhaupt ein „Ausland“?

Plantage in LOS ANTIGOUS

Muss der Fahrer, nun in seiner Eigenschaft als ehemaliger Computerheini, mal wieder mit technisch hohem Aufwand diesen Nonsens aushebeln. Wir lauschen andächtig der launigen Radioübertragung. So eine Spielverfolgung im Radio ist sowieso viel intensiver als im Fernsehen. Aber unsere gedrückten Daumen helfen nur bedingt. Unsere mit vielen anderen ablenkenden Aufgaben belastete Mannschaft gelingt nur ein Unentschieden.

Lieber DFB: Vielleicht erst mal wirklich was leisten und dann erst die Klappe aufreißen?

Dunkle Wolken über Gobernador Gregores

Auf dem weiteren Weg machen wir in der Kreisstadt PERITO MORENO Station, denn wir müssen schon noch das Werkzeugproblem lösen. Ohne kräftigen 18er Steckschlüssel können wir eigentlich nicht weiterfahren. Eine weitere Reifenpanne können wir nicht ausschließen und wenn wir keinen 18er dabeihaben, wird auch kein anderer einen haben. Zu exotisch ist diese Größe für Radmuttern und ein Reifenwechsel auf der Landstraße wird unmöglich.
Nach sieben (!) Geschäften und anderthalb Stunden geben wir auf. Keiner von den Läden im Ort hat ein vernünftiges Werkzeugsortiment. Ein Laden ist so vollgestopft mit Ware, dass die Mitarbeiter hinter dem Tresen sich kaum noch bewegen können. Eigentlich sind sie davon überzeugt, dass sie eine Lösung für unser Problem hätten – aber in ihrem selbst angerichteten Chaos finden sie nichts und entschuldigen sich auch noch dafür.

Also legen wir die 420 Kilometer zur nächsten Übernachtungsstation ohne passendes Werkzeug, dafür aber mit einem schlechten Gefühl zurück. Eine weitere Reifenpanne ist im Moment statistisch wohl er unwahrscheinlich?

Hoffentlich gutes Werkzeug

Kaum erreichen wir GOBERNADOR GREGORES entdecken wir am Ortseingang eine FERRETERIA. Das Problem muss hier gelöst werden! Schließlich liegen auf der nächsten Etappe 70 Kilometer Piste vor uns.
Und wir haben Glück! Glück, dass der Inhaber ein Mann in unserem Alter und entsprechend Lebenserfahren ist. Unser Amateurwerkzeug, dessen Ersatz oder Reparatur sollen wir mal einfach so vergessen.
Stattdessen hätte er eine schicke neue 18er Nuss, eine massive Verlängerung und einen Hebel (statt Ratsche) die in Kombination der Aufgabe auch wirklich gewachsen sind. Obwohl das Auto auf der anderen Straßenseite steht, darf der Fahrer alles mal kurz mitnehmen und ausprobieren. Das nennt man Vertrauen in unbekannte Laufkundschaft.
Als nächstes entschuldigt sich der wissende Inhaber vielmals für den Preis des Hebels, aber der sei eben echte BAHCO Markenware und entsprechend teuer. Dem Fahrer ist es wirklich egal, bucht er doch diese Kosten ebenso wie die Reifenkosten unter „eigene Blödheit“ ab und ist nun wirklich erleichtert, dieses Problem doch noch gut gelöst zu haben. Die Beifahrerin schweigt ob des hohen Preises stille und freut sich über die aufgebesserte Fahrerstimmung.
Schon bemerkenswert, dass man, obwohl an Land und mit dem Auto unterwegs in dieser Weltregion nicht mehr „alles“ einfach so bekommt.

Campingplatz von Gobernador Gregores

Der städtische Campingplatz in GOBERNADOR GREGORES ist sehr, sehr klein und vielleicht auf 15 Zelte ausgelegt. Auf dem kleinen Parkplatz könnten vielleicht vier, fünf Wohnmobile eng gedrängt stehen. Wir sind zunächst alleine und kommen so früh´ an, dass wir noch einen kleinen Stadtrundgang unternehmen können. Ordentlich Wind hatten wir schon auf der Fahrt hierher, aber jetzt haben wir einen echten Sturm! Absoluter Wahnsinn, wie der Wind durch die Straßen fegt! Bedrohliche Wolken am Himmel, aber da fallen höchstens einzelne Regentropfen heraus. Kein Regen.

Als wir zurück kommen sind noch zwei Eingeborene Männer mit einem Kleinwagen angekommen. Jeder hat sein eigenes Zelt dabei, die sie eng an eine vor dem Wind schützende Mauer aufgebaut haben. Auf einem der offenen Grillplätze versuchen sie sich was zu kochen, aber eigentlich fliegt alles nur durch die Luft. Wir erfahren, dass sie die ganze RUTA 40 von Nord nach Süd befahren. Verstehen aber nicht, warum?

Überhaupt, es sind viele Eingeborene Touristen unterwegs. Mit Motorrädern, auch ganz einfachen, Fahrrädern und kleinen Autos. Immer mit Zelten, teilweise mit festen Matratzen die sie kunstvoll aufrollen um sie aufs Motorrad oder ins Auto zu bekommen. Da kommen wir uns mit unseren festen kuscheligen Betten in unserer rollenden weißen Ware schon etwas protzig vor.
Campingplätze findet man in ARGENTINIEN wirklich überall. Manchmal ist man über die Verhältnisse in den Sanitäranlagen enttäuscht, manchmal über einen gefühlt zu hohem Preis. Eigentlich lächerlich, liegt die bisherige Preisspanne nur bei 8 bis 15 Euro.

Gobernador Gregores

Doch am Ende ist immer alles gut und man hat das Gefühl, Teil dieser argentinischen Campergemeinschaft zu werden. Auf den Campingplätzen ergibt sich immer eine kleine Begegnung oder ein kleiner Schnack mit den Eingeboren.  Manchmal trifft man sogar die gleichen Leute ein paar Tage später wieder. Europäer oder gar Deutsche treffen wir auf den Campingplätzen kaum.
Viele der Reisenden haben sich für ihre Tour eigene Aufkleber gemacht, die sie an strategisch wichtigen Knotenpunkten gut sichtbar platzieren. Nach dem Motto „I was here!“ Vermutlich wird dann auch immer ein „Beweisfoto“ davon gemacht? Auf jeden Fall eine gute Idee für zukünftige Touren.

Es wird zunehmend kälter. In der Nacht manchmal nur 5°C, tagsüber nur noch so um die 20°C. Die kurze Hose und die barfuß getragenen Gummilatschen des Fahrers sind noch in Betrieb, wenn auch oft grenzwertig. Die wie immer viel vernünftige Beifahrerin ist längst auf lange Hose und Socken umgestiegen.

Was wird sie wohl erst anziehen, wenn es richtig kalt wird?

Peter.

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