MAROKKO 2022 MT74, Sahara Wind

Wir erinnern uns:

Die Reisegruppe war auf dem Weg nach OUARZAZATE, ungefähr noch 40 Kilometer waren im kleinen Wohnmobil mit dem Namen KNAUSi zurück zu legen. Einer Fata Morgana gleich sah´ der Fahrer vor seinem geistigen Auge bereits einen dieser kleinen metallischen Zylinder, gut im Bordeigenen Kühlschrank durchgekühlt, den er nach Ankunft auf dem örtlichen Campingplatz unverzüglich fachmännisch öffnen würde.

Doch mit einem Male, das Wohnmobil durchfuhr gerade ein Wäldchen mit kleinen satt grünen Bäumchen, offenbar gab es hier in der Gegend viel Wasser, bremste das rechte Bein des Fahrers mehr aus Reflex denn aus gesteuertem Bewusstsein das Wohnmobil scharf ab. Schließlich stand da unübersehbar ein Mann auf der Straße und bedeutete eindeutig mit seinen Armen, man möge bitte stoppen.

Abrupt verschwindet die Fata Morgana vor den nun sehr hellwachen Augen des Fahrers und er registriert am rechten Straßenrand einen PKW, dessen Motorhaube geöffnet ist. Messerscharfe Kombination: Autopanne, der Fahrer braucht Hilfe. Zweite Erkenntnis: Für einen bisher noch nicht in MAROKKO getroffenen Straßenräuber sieht dieser Mann viel zu gut angezogen aus.

Obwohl ja in unserer eigenen Welt gerade die Bestangezogenen oft die größten Gauner sind.

Blinker an und kurz hinter dem PKW das Wohnmobil vollends zum Stehen gebracht.

Der Mann auf der Straße trägt einen leuchtend blauen Kaftan, darunter eine Seidenhose. Schließlich ist Feiertag. Großer markanter Kopf, keine Haare darauf. Freundliches, aber ernstes Gesicht. Er spricht uns auf Englisch an.

Ob wir ihm bitte helfen könnten. Das Auto sei kaputt. Wir würden doch bestimmt nach OUARZAZATE fahren? Er müsse da hin und ein Abschleppauto organisieren. OK, die nächst größere Stadt ist in der Tat OUARZAZATE und seine Vermutung, dass wir da hin fahren, liegt auf der Hand. Aber eigentlich wollen wir keine Anhalter mitnehmen.

Was ist denn mit dem Auto, fragt der, der den Zündschlüssel bewacht.

Überhitzung! Irgendwo verliert das Auto Kühlwasser und er will so nicht weiterfahren, weil er Angst hat den Motor ganz kaputt zu machen. Der Motor sei wichtig. Reifen könne man einfach wechseln, aber ein kaputter Motor, das bedeute echten Ärger. Das leuchtet ein.

Ja, OK, Wir nehmen Dich mit.

OK, danke! Ich mache noch schnell die Motorhaube zu, sagt der Mann auf der Straße, tat es und kam zurück zu unserem Wohnmobil. Die Beifahrerin setzt sich geschwind auf den Notsitz hinter den Fahrer und der Mann setzt sich wie selbstverständlich auf den Beifahrersitz. Die Seitenscheibe auf der Fahrerseite des kaputten Autos ist noch offen. Kein Problem, so erklärt der Mann. Das sei Berbergebiet und keiner würde das Auto auch nur anrühren. Außerdem käme heute noch ein Abschleppauto, das den Wagen in die Werkstatt nach OUARZAZATE bringen würde.

Na dann mal los!

Kurze Vorstellungsrunde der unerwartet erweiterten Reisegruppe: Der Mann heißt IBRAHIM und arbeitet als Karawanenhändler. Man belade viele Tiere mit Waren aller Art, besuche dann die weit verstreuten Nomadenfamilien in der Wüste, im Süden von MAROKKO, durch die WEST SAHARA bis nach MALI hinunter. Dort tausche man das mitgebrachte gegen Handwerksarbeiten der Nomaden und bringe diese wieder nach OUARZAZATE. Von dort aus verkaufen sie den mitgebrachten Schmuck, die mitgebrachten Teppiche und Schnitzarbeiten an die Händler in MARRAKESH. Von dem eingenommenen Geld kaufen sie dann wieder Waren aller Art und ziehen erneut los. Ein ewiger Kreislauf des Handels.

Ist MALI denn nicht sehr gefährlich? Ja, eigentlich schon, aber Karawanen mit Kamelen (besser: Dromedaren) blieben unbehelligt, weil die Tiere keinen Wert für die Gauner dort hätten. Wenn sie die gleiche Tour mit Jeeps machen würden, wären die Autos sofort weg.
Wieso haben denn die Tiere keinen Wert? Na ja, so ein junges, noch nicht ausgebildetes aber richtig gutes Dromedar kostet höchstes 15.000 Dirham (also 1.500 Euro). Nach ein bis zwei Jahren der Ausbildung arbeite das Tier dann ungefähr 20 Jahre in der Karawane.

Was sei denn besser in der Wüste: Tier und Jeep?


Tier! Das geht nicht kaputt und man muss auch keine Steuern dafür zahlen!

OK, da haben wir also einen waschechten Karawanenhändler an Bord.

Er redet nicht viel, eigentlich nur, wenn man ihn anspricht. Dafür kennt er aber alle Polizeikontrollen und sogar die automatischen Blitzer entlang der Strecke und gibt kurze Bremsempfehlungen an den Fahrer, der diese gerne annimmt und sich artig dafür bedankt.

Als wir uns OUARZAZATE nähern möchte er uns zu sich nach Hause einladen um einen Tee zu trinken. Das sei ja das mindeste, was er tun könnte. Die Beifahrerin ist skeptisch und versucht das Vorhaben geschickt abzubiegen: Er wolle doch den restlichen Feiertag sicherlich mit seiner Familie verbringen?

Nein, nein, dass sei kein Problem.

OUARZAZATE besteht eigentlich aus drei dicht beieinander liegenden Städten und er lotst uns in die erste Nebenstadt. Wir parken auf der Hauptstraße und gehen gespannt in ein großes Gebäude. Direkt daneben hängen Teppiche auf großen Stangen auf der Straße, offenbar zum Verkauf.

Durch einen dunklen Flur mit einer steilen Treppe geht es in den ersten Stock. IBRAHIM führt uns in einen prächtig ausgestatteten rechteckigen Raum mit hoher Decke. Rundherum eine Art Riesensofa oder eher eine komfortable Sitzbank, auf der bestimmt 50 Menschen Platz nehmen könnten. Die Sitz- und Rückenfläche ist mit einem aufwendig bestickten roten Stoff bespannt, viele Kissen liegen darauf herum. Sehr bequem. Schwere Vorhänge vor den beiden großen Fenstern tauchen den Raum in ein angenehmes Dämmerlicht. In der Mitte des Raumes steht ein riesiger Tisch. Die Platte ist aus Glas, der Rahmen aus einem zinnähnlichem Metall, unzählige (Edel?)Steine zur Verzierung. Der Tisch ist so groß, dass man kaum zwischen Tisch und Sofa entlang gehen kann. An der Decke ein großer Kronleuchter, in den Ecken auf kleinen Podesten goldfarben glänzende Standlampen. Einfach Prächtig!

IBRAHIM verschwindet kurz und lässt uns alleine zurück. Was für ein Raum! Das ist aber mit Sicherheit nicht sein zu Hause.

Einmal mehr die Frage: Oh je, wo sind wir da wohl hineingeraten?

IBRAHIM kommt wieder, mit Teekanne, Zucker und kleinen Gläsern auf einem runden Tablett. Es gibt Pfefferminztee und Nüsse. Der Raum sei das Verhandlungszimmer für die Händler aus MARRAKESH, wenn sie hierher zum Einkauf kommen würden. Hier werden also die großen Geschäfte gemacht! Er reicht uns einen Stapel reichlich vergilbter Fotos längst vergangener Tage. Darauf sind Karawanen in der Wüste zu sehen, aber auch einige Weiße. Ja, stimmt. Früher seien manchmal wochenlang Touristen mit dabei gewesen. Von denen stammen offenbar auch diese Fotos.

Wenn wir Lust hätten? IBRAHIM würde uns gerne ein paar Teppiche zeigen. Nur zeigen. Keine Angst. Ihr müsst nichts kaufen. Wollen wir auch nicht. Schließlich wollten wir nur helfen und hatten nicht im Kopf, hier & heute Teppiche zu kaufen. Alles klar, kommt mal mit.

Ein weiterer Mann von deutlich dunklerer Hautfarbe kommt hinzu. Das ist ABDUL und schnell stellt sich heraus, dass er der Boss ist. ABDUL kommt aus MALI, dort lebt auch seine Familie. Drei junge Kinder unter 11 Jahren hat er.

Wir werden über eine weitere Treppe in den zweiten Stock geführt. Bereits die Wände in diesem Treppenhaus sind mit unzähligen kleinen Läufern, Schmuck und Verzierungen ausgekleidet, doch als wir oben angekommen sind haben wir das Gefühl, inmitten einer großen Schatzkiste zu stehen. Vitrinen mit Schmuck überall. Unendlich viel Schönes, kunstvoll handgemachtes zu entdecken.

In einem weiteren Raum sind die Teppiche. Große weiße Fliesen auf dem Boden, so sauber, dass man davon essen könnte. Ein elektrischer Lüfter an der Decke. Rundherum an den Wänden hohe Stapel von zusammen gefalteten Teppichen. Hunderte, vielleicht sogar tausende müssen das sein!

ABDUL und IBRAHIM holen reihenweise Teppiche aus den Stapeln und erklären deren Machart und die Bedeutung der Muster. Wir lernen über die Teppichfarben: Alles Natur! Schwarz, Weiß und Braun ist Natur pur, Gelb ist SAFRAN, Blau ist INDIGO, Rot (unter anderem) aus BLUT. Jedes gewebte Symbol hat eine Bedeutung, man hätte eine Videokamera für alle Ausführungen mit laufen lassen müssen.  

Kurze Diskussion in Deutsch: Wollen wir hier wirklich einen Teppich kaufen?

Warum eigentlich nicht?

Vorgehabt für MAROKKO 2022 hatten wir das sowieso, aber nicht unbedingt heute. Lass uns doch erst mal sehen, ob uns was gefällt.

Irgendwann liegen bestimmt 30 Teppiche in unterschiedlichen Farben, Mustern und Größen auf dem Boden. An jedem Teppich ist ein kleiner Zettel angenäht, darauf steht eine Nummer. Doch das ist nicht etwa der Preis. Der steht unter dieser Nummer in einem Buch, das ABDUL hervorzieht, als die Beifahrerin endlich nach dem Preis für einen bestimmten Teppich fragt. Das ist der Startschuss. Wenn der Kunde nach dem Preis fragt.

Ungespielt fallen wir beide glatt von den Hockern, auf denen wir mittlerweile sitzen.

Das kommt erstaunlich gut an, es werden weitere Teppiche aus den Stapeln an den Wänden gezogen und vor uns ausgebreitet. Irgendwann liegen zwei heiße Kandidaten vor unseren Augen und es beginnt ein harter Handel zwischen ABDUL und der Beifahrerin.

Diese kluge Frau hatte sich bereits im Vorfeld zum eigentlich geplanten Teppichkauf in MARRAKESCH darüber schlau gelesen, wie man unterschiedliche Qualitäten erkennen kann und wie das Preisgefüge in etwa zu sein hat.

Es dauert eine Zeit, bis die beiden sich einig werden, denn die Beifahrerin bleibt bis zuletzt hart. ABDUL willigt schließlich in ihren letzten Preis mit den Worten ein:

Besser heute einen Dirham verdient als Morgen vielleicht zwei.

Nicht schlecht, der Spruch!

Aber eigentlich wollten wir ja nach zwei Teppichen Ausschau halten…was soll denn der andere aus der engeren Wahl kosten?

ABDUL nennt seinen Preis, aber der sei nicht mehr verhandelbar.

Die Summe beider Teppichpreise ruft nun aber den, der den Zündschlüssel bewacht auf den Plan: Das ginge jetzt aber nun wirklich nicht! Er müsse jetzt mal seine Beifahrerin stoppen. Das überschreite bei weitem das geplante Budget von X Euro und er sei nicht bereit, so viel Geld dafür locker zu machen.

ABDUL, ganz nach dem eben genannten Motto („Besser heute einen Dirham verdient als Morgen vielleicht zwei.“) handelt umgehend, bevor es sich jemand anders überlegt:

OK!

Und so kaufen wir zwei (so glauben wir) gute Teppiche zu einem (so glauben wir) guten Preis in OUARZAZATE am Nachmittag, des 4. Mai.

Wenn die ganze Verkaufsshow und das Verhandeln vielleicht zwei Stunden gedauert hat, dauert das Einpacken nochmal eine. Wir wollen die Teile einfach so mitnehmen, doch die beiden bestehen darauf, dass sie ordentlich und fachgerecht eingepackt werden. So werden sie nacheinander eng gefaltet und dann aufgerollt. In Packpapier eingeschlagen, mit Klebeband fixiert. Dann wird jeder Teppich aufwendig in einem Umschlag aus weißer Plastikfolie von Hand eingenäht und mit einem Tragegriff aus Nylonschnur versehen. Schon klasse, diese Verpackungskünste und durchaus eine eigene Show.

Während dieser Aktion blickt sich der, der den Zündschlüssel bewacht, aufmerksam im Raum um und kommt zu dem Schluss, das hier 100tausende an Eurowerten herum liegen müssen, nimmt man unseren eigenen Kaufpreis als Maßstab. Kann das wirklich sein?

Die Beifahrerin fragt: Bekommen die Nomaden denn auch Geld für die ihre Teppiche?

Nein, nur Waren und Lebensmittel.

Und genauso funktioniert weltweit der Handel:

Billig einkaufen und teuer verkaufen. OK, so eine Karawane mit vielen Tieren und Händlern monatelang durch die Wüste zu führen, kostet wohl auch Geld. Alle Karawanenhändler seien Sprachexperten, denn nahezu jede Nomadenfamilie hat ihren eigenen Dialekt. Und ernsthaft handeln kann man in der Tat nur mit Worten. 

Das Geschäft ist gemacht und das Geld in Bar übergeben. Alle sind glücklich.

IBRAHIM fragt uns nach unseren Plänen für den kommenden Tag. Er würde uns gerne eine Oase in der Nähe zeigen. Wir winken ab – zu viel MAROKKO an einem einzigen Tag. Wir werden eher weiterziehen.

Aber einmal mehr: Kann sein, dass die Typen wie uns hier wie doof über den Tisch ziehen ohne dass wir es merken. Aber sie bleiben immer freundlich und auch nach dem eigentlichen Geschäft gibt es noch Nettigkeiten. Sehr gutes Aftersales.

ABDUL bittet während des Einpackens darum, dass wir später in MARRAKESCH nicht erzählen, wo und zu welchem Preis wir unsere Teppiche gekauft hätten. Er will seine Händler nicht verärgern. Auch das ein Klassiker im weltweiten Handel.

Aber, bei aller Freundlichkeit, darüber machen wir uns natürlich keine Illusionen:

Für einen Marokkaner ist nach dem Geschäft vor dem Geschäft.

Peter.

P.S.: Der Gemeinde eigene Campingplatz der Stadt OUARZAZATE ist eine kleine Katastrophe. Der Abendwind wirbelt mehr Staub und Sand auf dem offenen Platz auf als in der Wüste. Wir fühlen und nicht wohl und erstmals seit CHEFCHAOUN gibt es abends keine warme Dusche. Einfach das Wasser Abgestellt. Obskure Gestalten und Autos kommen nachts auf den eigentlich durch ein Tor abgeschlossenen Platz. Kein guter Ort. Kein Ruhetag in Sicht.

P.S.2: Leider bekommen wir einen anderen Spruch der beiden nicht mehr so richtig zusammen. Aber eher philosophisch zu verstehen: Der Wind der Sahara habe uns zu den beiden getragen und für gute Geschäfte gesorgt. Und so ist wohl auch immer das hier oft gesagte INSHALLA zu verstehen: Schauen wir, was der nächste Tag bringt! Vielleicht ja zwei Touristen, die gleich zwei Teppiche kaufen! 😉

P.S.3: Dieser Beitrag entstand im Laufe des Tages am Rande der sensationellen DADRES Schlucht (nächster Beitrag) im spät nachmittaglichen Sonnenlicht. Zu der Musik von PINK FLOYD. Das Leben, es ist eines der Besten!

Ein Kommentar

  1. Ob sich jetzt wohl einige Reisende melden, die das defekte Auto auch kennen und genauso geholfen haben? :-)) oder ob man jetzt mal bei Google Earth nachsieht……….Ich will jetzt wirklich nicht die Spaßbremse geben, aber habt ihr an den Zoll gedacht? Kleine Info: https://www.focus.de/reisen/zoll/schnaeppchenfalle-zoll-einkaufen-im-urlaub_id_2524478.html – Ein Klassiker – zumal ihr ja wohl wieder in Spanien einreisen werdet und weiteren Transit auch über Frankreich deklarieren müsst, bevor in Deutschland mindestens 19% Einfuhrumsatzsteuer fällig werden. Und das alles mit Deutschland größtem Teppichhaus im Wohnort vor den Toren Hamburgs, der „Teppichhauptstadt“ Deutschlands…………..

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