MAROKKO 2022 MT66,67 Zagora

Ok, raus aus der Wüste, rein in die Stadt!

Zeit, mal wieder einen Servicetag einzulegen. Profane Dinge wie Bargeld besorgen oder Wäsche waschen gepaart mit Hochleistungsaktivitäten wie Haare schneiden lassen. Natürlich nur bei dem, der völlig schmerzbefreit ansonsten treudoof auf den Zündschlüssel aufpasst.

Spektakuläre Felsen am laufenden Band: MAROKKO

Die Fahrt über die Landstraße ist bei dem kleinen Sandsturm anders als sonst. Nix mit Fenster auf und Durchzug. Alle Luken dicht und Klimaanlage auf Vollgas an. Die Straßen sind leer, das Fahren darauf eigentlich kein Problem.
Wohl aber offenbar das Einhalten der örtlichen Geschwindigkeitsbeschränkungen. Direkt nach dem wie üblich späten Frühstück unter einem schatten spendenden Baum abseits der Straße werden wir, kaum das unser Gefährt wieder auf der Straße ist, mal wieder von der Polizei gestoppt. Aber anders als sonst werden wir nach Sichtkontrolle nicht einfach weiter gewinkt, sondern darauf hingewiesen, das hier nur 60 KM/h erlaubt sei. Ja und? Sie hatten 80 KM/ drauf. Guckst Du hier auf die Radarpistole: 80 KM/h steht da. Ja, und nun?

Rastplatz im Schatten, auch am Mittag.

300 Dirham, bitte schön, wenn das OK sei. So oft wie die beiden Polizisten nach „OK?“ fragen wirkt das mitten in der kargen Wildniss, völlig ohne Zeugen schon wieder komisch. Na ja, was soll man denn da bloß als der Sprache unmächtiger doofer deutsche Tourist wohl sagen?

OK!

Fahrzeugpapiere, Ausweis, Führerschein und aussteigen. Mitkommen zum Streifenwagen auf der anderen Straßenseite. Dort füllt einer ordentlich mit Durchschlag einen DIN/A4 großen Strafzettel aus während der andere mittels GOOGLE TRANSLATE nochmal den Vorwurf in astreinem Deutsch auf seinem Handy zu lesen gibt. OK, das hat hier alles seine Richtigkeit und der Fahrer des deutschen Wohnmobils hat ja wirklich keine Ahnung, wie schnell er auf der gähnend leeren Landstraße war. Mit hoher Wahrscheinlichkeit mit zu hoher Geschwindigkeit.

Wenn es Außerirdische auf der Erde gibt, dann haben die ihre Raumschiffe in MAROKKO geparkt

Nach Beendigung der ersten Geschäftstätigkeit des Tages ist die Stimmung im Auto erst mal hin, wie immer, wenn man als Fahrer die Konsequenzen seines eigenen Handelns zu spüren bekommt.

Stunden später.

Die alltägliche Campingplatzwahl fällt auf LE JARDIN in Innenstadtnähe der Provinzhauptstadt ZAGORA. Gute Kritiken und Waschmaschine. Als wir die Stadt erreichen werden wir gleich zweimal gestoppt. Aber nicht von Polizisten, sondern von Automechanikern, die uns neue Blattfedern für unsere Hinterachse einbauen wollen. Hä? Wieso denn das? Das Auto ist doch gefühlt neu? Na ja, durchaus interessant mit den netten jungen Männern zu reden, aber leider nein. Keinen Bedarf. Merke: ZAGORA ist die Hochburg der marokkanischen Blattfederindustrie.

Stellplatz auf dem Campingplatz LE JARDIN in ZAGORA, MAROKKO

Als wir auf dem Campingplatz ankommen ist dieser natürlich völlig leer. Kein anders Auto. Leider. So langsam leiden wir unter Camper-Entzugserscheinungen. Nun, der alte Mann, der uns sagt wo wir parken können bittet uns direkt zum Willkommenstee und stellt sich als Mohamed vor. Offenbar ein ähnlicher Sammelbegriff in diesen Regionen wie Peter im deutschsprachigen Raum.

Und ein weiteres Wunder:
Mohamed möchte gerne Wüstentouren verkaufen und ist etwas enttäuscht als er erfährt, das wir schon eine in MERZOUGA gemacht haben. Also seine Tour sei ja viel besser und die Wüste hier auch viel besser. Ja, OK, wir denken darüber nach, aber eher nicht.

Inshallah, wer weiß, was morgen kommt!

Gemüsestand in der Markthalle von ZAGORA, MAROKKO

Vom Tee zurück tüddeln wir am Auto so vor uns her.

Erscheint ein weißes Touristenpaar und spricht uns auf deutsch mit leicht sächsischem Akzent an:

Seid ihr das, die da vorhin den Strafzettel bekommen haben?

Hä? Jaaaaaa?

Die beiden sind eigentlich auch Camper, aber in diesem Jahr per Mietwagen unterwegs, weil es Qualitätsmängel mit einem in unserer Heimatstadt gebauten Wohnmobil gegeben habe. Daher kannten sie das Nummernschild „PI…“ und dachten sich, diese Vögel schauen wir uns mal näher an, wenn wir sie wieder finden. Ganz witzig, mal wieder mit anderen zu schnacken. Echt jetzt.

Schlachter in der Markthalle von ZAGORA, MAROKKO

Später dann noch schnell in die Stadt. Denn ab 1900 kann man nichts mehr zu Essen kaufen. Dann ist RAMADAN für den Tag vorbei und die Eingeborenen dürfen Essen, was das Zeug hält. Oder der Magen. Ist es nicht erstaunlich, wie in anderen Regionen der Erde die Religion das tägliche Leben bestimmt, während in Deutschland (Europa?) Religion zu einem Minderheitsthema wird?
In der Markthalle frische Bohnen, Rinderfilet und Brot geschossen. Im dunklen auf dem Außengrill zubereitet und genüsslich verspeist. Mohamed ist zwar ein lieber Kerl, aber nicht besonders pfiffig. Das vor wenigen Jahren richtig hübsch sanierte Duschhaus ist relativ dreckig und, viel schlimmer: Unbeleuchtet. Wie romantisch: Mit zwei Taschenlampen zum Spülen und später auch noch zum Duschen.
Diese Dunkelheit hat natürlich auch so seinen Vorteil: Man sieht den Dreck nicht so. Und bevor sich jemand ekelt: Dreck in der Dusche ist kein Problem, so lange Wasser aus dem Schlauch kommt. Kann man ja mal eben durchspülen und gut ist.

Auf dem Sonntagsmarkt von ZAGORA

Schon klar:
Konnte ja keiner wissen, das da die ersten Touristen kommen. Aber jetzt, seit heute, muss auch Mohamed klar sein, das wenigstens ein WC und eine Dusche benutzbar sein müssen. Sonst wird es böse Kommentare bei PARK4NIGHT und Konsorten-Apps geben und die Leute werden einen weiten Bogen um seinen Platz machen, vielleicht sogar um die ganze Stadt. Wir trauen uns auch, ihm das zu sagen und glauben, er hat das verstanden.
Man muss sich das mal vorstellen: Von Heute auf Morgen kommen keine zahlenden Gäste mehr. Kein Geld mehr da, um die Tagelöhner zu bezahlen. Und das nicht nur ein paar Wochen oder Monate, sondern zwei ganze Jahre.

Am Sonntag ist Markt in ZAGORA.

Mohamed kurvt uns freundlicherweise in seinem Uralt-Daimler rum, denn er will auch da hin. Einmal mehr nehmen wir zur Kenntnis, das jeglicher Handel von Männern betrieben wird. Sowohl auf Verkäufer – als auch auf Käuferseite. Im Wesentlichen können wir völlig unbehelligt durch die vielen Marktgassen streifen. Hier und da mal jemand, der bettelt und mit ein, zwei, drei Dirham zum glücklichen Menschen wird. Das Problem dabei ist nicht das wenige Betteln, sondern die Beschaffung von Kleingeld. Außerdem orientieren wir uns daran: Wenn Eingeborene dem Bettler was geben, machen wir das auch. Und das machen die Eingeboren tatsächlich.

Auf dem Sonntagsmarkt von ZAGORA

Doch die einzigen beiden Souvenirhändler auf diesem großen Souk (Markt) erwischen die einzigen beiden Touristen doch noch. Nacheinander. Der erste ist recht dreist und ehrlich entrüstet, als die Beifahrerin ihn so herunter handelt, bis ihm fast die Tränen kommen. Selber schuld mit einer Frau Geschäfte machen zu wollen.
Der zweite ist viel geschickter und das Verhandlungsergebnis der Beifahrerin ist durchaus bescheiden. Aber eine wirklich schöne Kette, eine wirklich schöne Schmuckdose sind ansehnliche Ergebnisse dieser Transaktion.
Das auf dem Markt angebotene Gemüse kaufen wir nicht, denn für heute haben wir Abendessen bei Mohamed bestellt. Einmal mehr TAJINE und Co. Er bringt das von seinen Frauen gekochte Essen um 1830 vorbei, weil er ja um 1900 selbst essen „muss“ und danach in die Moschee geht. Zusammen mit dem Abendessen kommt auch unsere zuvor abgegebene Wäsche mit zurück.
Die Waschmaschine, die es eigentlich auf dem Campingplatz geben soll, ist weg. Einfach futsch. Vermutlich verkauft? So hat die Wäsche seine Tochter zu Hause gemacht. Astrein gewaschen, klasse in der Sonne getrocknet und fachmännisch zusammengelegt. Dies ist nicht das unqualifizierte Urteil des Zündschlüsselbewachers, sondern der höchst qualifizierten Beifahrerin, wohlgemerkt.

Geld haben wir aus dem Automaten besorgt, die Gesprächsminuten für die MAROC TELECOM SIM Karte im Laden aufgestockt. Mittlerweile wissen wir, das 2h Gesprächsguthaben in Wirklichkeit nur 24 Minuten nach Deutschland bedeuten. Denn es gilt ein 5 Sekundentakt. Man lernt nicht aus, gell?

Nun, ZAGORA ist als Logistikstop ganz OK, aber ob wir hierher noch mal wieder kommen würden? Dürfen?

Möglicherweise sollten wir einen Bogen um den Ort machen?

Wie überall auf der Welt: Die magische Nachmittagsstunde mit dem Besten Licht

Denn die Beifahrerin hat sich in diesen Tagen so in einen Verhandlungsrausch gesteigert, das der arme Frisör und ein dazu geeilter Übersetzer nun ein völlig falsches Bild von deutschen Ehen haben werden. Modell kleine Frau mit dressiertem großen Mann. Irgendwann wird es aber auch dem zu bunt, dem die Haare am Kopfe beschnitten werden sollen. Schließlich steht auch eine Nassrasur des Bartes mit einem offenen Messer auf dem Programm.

Da spielt doch Geld wohl keine Rolle?

Eher das eigene Überleben!

Peter.

P.S.: Klaus Schulze
In den heutigen Nachrichten wird berichtet, das der Musiker KLAUS SCHULZE gestorben ist. In ganz jungen Jahren habe ich mal die LP MOONDAWN von ihm gekauft und damals auch oft gehöhrt. Auch so eine Platte, die im Rahmen der letzten Digitalisierungsorgie von den toten wieder auferstanden wurde. Und vor vielleicht 10 Jahren habe ich mir die LIVE-DVD RHEINGOLD von einem Konzert auf der LORELEY mit einigen Interviews gekauft. Das war schon ein kauziger Kerl, dieser Klaus Schulze. Aber ganz offensichtlich ein echter Künstler durch und durch der sein Ding über 50 Jahre einfach durchgezogen hat. Völlig authentisch in dem was er tat. Bei weitem nicht so aufgeblasen wie KRAFTWERK oder TANGERINE DREAM.

Schade, wieder einer weniger weg.

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