STORMVOGEL – MAYDAY

Der Sonntag (22/6/2014) war super. Gutes Wetter, tolles Segeln, Gute
Stimmung an Bord.

Heidi macht Abends Pizza im Gasofen – extrem lecker.

Was für ein geiles Leben!

Ob der vielen Segelmanöver am Tag bin ich sehr früh´ müde und will schon gegen 19:00 Uhr (Bordzeit=VANUATU-Zeit) in der Seekoje im Salon schlafen gehen. Da höre ich Wassergeplätscher und denke, die Welle ist doch nicht so groß, kommt das Geräusch wirklich von außen?

Das Bodenbrett vor der Toilette zur Kontrolle geöffnet. Die ganze Bilge voll Wasser! Randvoll, jetzt schwappt das Wasser (natürlich) auf die Bodenbretter!

Die Nachbarbilge in der Bug-Kajüte aufgerissen – randvoll.

Scheiße, große Scheiße! Wo kommt das Wasser her???

Irgendwie bin ich auf den Bug fixiert – in aller Eile (kurz vor Hektik)
stauen wir alle Segel und Kisten aus dem Bugraum in den Salon um und
kämpfen uns zur Bugraumbilge durch – die ist aber trocken!
Wir arbeiten uns nach achtern vor – Motorbilge ebenfalls Wasser, aber
noch kurz unterhalb des Motorenblocks. Generatorbilge fast voll, aber
ebenfalls noch knapp unter der Maschine – wenn es nicht schwappt!

Das Gefühl von Hektik überspringe ich, ich merke wie Panik Besitz
ergreift. Heidi ist äußerlich ruhig und macht, was ich sage.

Wo kommt auf einmal so viel Wasser her?

Bei dem Sicherheitslehrgang in Neustadt / Ostsee haben wir eines
gelernt: Das Leck muss so schnell wie möglich gefunden werden – UNTER ALLEN UMSTÄNDEN!

Nur können wir nichts erkennen, das Wasser schwappt herum…keine Chance das Leck so zu entdecken. Ich nehme die Bordverschlüsse des WC in Verdacht – wir reißen die Abdeckungen auseinander und kämpfen uns zu den Ventilen vor. Auch hier alles unter Wasser – logisch. Aber wenn das Boot nach Backbord rollt sehe ich die Ventile, weil das Wasser weg zischt – sehen OK aus, schließe aber dennoch beide.

Heidi kommt auf die geniale Idee, die Schwingkiel-Bilge zu
kontrollieren. Also alle Polster im Salon in Windeseile aufgenommen,
Material umgestaut und Zugang zur Bilge hergestellt – Randvoll mit Wasser!

Das ganze Boot steht also unterhalb der Bodenbretter unter Wasser.
Draußen ist es dunkel, aber die Stromversorgung funktioniert noch – wie gut das die Batterien im Deckshaus eine Ebene höher sind!!!

Also Schwingkiel-Bilge mit mobiler elektrischer Lenzpumpe lenzen – dazu Zugang zu den Batterien herstellen.

Mittlerweile fliegt alles im Boot bei der Schaukelei herum – vieles, was
wir sonst extrem pfleglich behandeln wird mit Seewasser eingesaut
(Polster, Segel, Material).

Das ist mir alles egal – wir müssen das Leck finden!

Wir pumpen also die Schwinkiel-Bilge leer und sehen einen ca. 2 cm
Wasserstrahl eindringen – oh scheiße, oh scheiße, oh scheiße!!!

Das Lager für die Achse des Schwingkiels an der Backkbordseite müsste fest am Kielkasten angeschraubt sein – ist es aber nicht mehr! Es bewegt sich und durch den Spalt zwischen Lager und Kielkasten dringt das Wasser ein!

OK, OK, OK, das Leck ist entdeckt – der Versuch sich zu beruhigen
misslingt, weil die mobile elektrische Lenzpumpe ihren Geist aufgibt,
offenbar Dreck aus der Bilge angesaugt. Das Wasser steigt sofort
wieder…Mist!

Wir haben doch irgendwo noch eine nagelneu verpackte Bilgenpumpe,
Schläuche und Kabel…die müssen wir finden, zusammen bauen und die
Schwingkiel-Bilge permanent lenzen!

Oh man, erst mal den anderen Bescheid sagen – für den Fall das das hier schlecht aus geht hätten wir doch sehr gerne ein Boot in unmittelbarer Nähe. ODA ist 1,5 Meilen weg, SOUTERN STAR ca. 25 Seemeilen voraus.
Per auf ODA zögert keinen Moment und kommt unter Maschine auf wenige 100 Meter an uns ran und informiert SOUTHERN STAR, die gerade noch im UKW Funkbereich sind. Die drehen ebenfalls ohne zu zögern direkt um.
ODA besteht darauf, das ich die Maschine starte (…Mist, das haben wir
in Neustadt doch auch gelernt!) und ich aktiviere auch die fest
eingebaute Motorkammer-Lenzpumpe um die Maschine zu sichern.

Funktioniert!

Heidi hat in der Zwischenzeit das Pumpenmaterial zusammen gesucht aber mir zittern mir die Hände beim Zusammenbau. Scheiß Angst, ICH KANN DAS MIST TEIL DOCH WOHL MAL EBEN ZUSAMMEN BAUEN??!!!

Es gelingt und wir lenzen die Schwingkiel-Bilge mit langem Schlauch
direkt nach draußen.

Jede Bilge hat entweder eine eigene Pumpe oder einen Ansaugstutzen für die zentrale Bilgenpumpe. Nur die Schwingkiel-Bilge nicht.

OK, nochmal der bewusste Versuch ruhiger zu werden. In dem aktuellen Panikzustand kann das sonst nichts werden.

Wenn nur die neue Bilgenpumpe durchhält!

Eine weitere haben wir nicht an Bord.

Ich bringe ODA per Funk auf den neusten Stand, Per hat aufgrund meiner bisherigen Schilderungen die Norwegische Rettungsleitstelle angerufen und die haben dazu geraten, MAYDAY auszulösen.

Also zünde ich erstmalig in meinem Leben die EPIRB (automatische
Rettungsfunkboje). Das Teil funkt weltweit per Satellit einen Notruf mit
Position. Die Norweger haben inzwischen die Rettungsleitstelle in
Australien informiert – unser EPIRB Alarm wird also erwartet…

…irgendwie begreife ich nun oberhalb der Panik: WIR SIND IN SEENOT.

Und werde endlich ruhiger und konzentrierter!

Auf der positiven Seite:

1) ODA ist 200 oder 300 Meter an unserer Seite. Es ist zwar
stockfinstere Nacht (kein Mond), aber ertrinken werden wir wohl nicht
(später bekomme ich mit, das Per und Elisabeth einen Mörderjob auf sich nehmen und ihr Boot bereits vorbereiten, uns aus dem Wasser zu ziehen…).

2) Die Motoryacht SOUTERN STAR ist noch eine Stunde entfernt – riesiger Suchscheinwerfer und ein weiteres Boot.

3) Seenotalarm ist ausgelöst und die Rettungsleitstellen sind informiert.

Es steht also gar nicht so schlecht um uns – das begreife ich und werde
endlich völlig klar im Kopf. Was in Heidi ab geht kann ich nicht sagen –
sie ist voll bei der Sache und leert die vorderen Bilgen mit der
Handlenzpumpe. Knochenarbeit, die sehr schnell erschöpft.
Eimerschleppen, auf rutschigen und glitschigem Boden, natürlich
verschütten wir bei der Schaukelei auch viel…

…derweil segelt das Boot weiter, als sei nichts geschehen. Ich will
die Segel nicht bergen weil das Boot dann noch mehr schaukelt und so
laufen wir SOUTHERN STAR ja auch ein Stück entgegen.

Das Wasser aus der Motorbilge ist fast raus, das neu eindringende Wasser in der Schwingkiel-Bilge wird durch die neue Pumpe in Schach gehalten und wir kommen mühsam mit der immer wieder verstopften Handlenzpumpe in den vorderen Bilgen voran.

Nun wird uns klar: Zwar werden wir das Tempo nicht lange durchhalten
aber für den Moment ist die Situation nun unter Kontrolle. Ich bespreche die Situation mit ODA, Per hält Rücksprache mit NORWEGEN, die mit AUSTRALIEN und wir beschließen gemeinsam, das MAYDAY zurück zu nehmen da nun keine unmittelbare Lebensgefahr mehr besteht. Das Leck ist gefunden und es dringt nicht mehr Wasser ein, als abgepumpt werden kann. Zum Glück geht die EPRIB genauso aus, wie man sie einschaltet: 5 Sekunden
auf den roten Knopf drücken 😉

Meine Panik ist erst mal weg und es macht sich Fassungslosigkeit breit:
Wie kann es sein, das genau dieses Teil, das vor 2 Monaten in NEUSEELAND mit viel Geld in der Werft verbessert werden sollte, schlagartig einen solchen kapitalen Fehler aufweist?

Per Funk bringe ich ODA wieder auf einen neuen Stand und erfahre, das ODA und SOUTHERN STAR ein nächtliches Dingi-Manöver planen um an Bord zu kommen und uns zu helfen. Das ist viel, viel, viel (drei mal ist noch zu wenig!) zu gefährlich und ich rede auf Per ein, das gar nicht erst zu versuchen. Für die Nacht werden wir die Situation unter Kontrolle bekommen und bei Tageslicht sehen wir weiter!

Dank unglaublicher Ausdauer und Anstrengung bekommt Heidi den
Wasserstand in den vorderen Bilgen runter. Mittlerweile ist es
Mitternacht und wir kämpfen. Je früher wir fertig sind, um so früher
können wir uns ausruhen…

Ich blicke immer wieder tief in die Schwingkiel-Bilge und überlege nun
schon länger, wie ich das lose Lager gegen den Kielkasten pressen kann. Die Bewegung des Lagers macht wieder Angst: Ich befürchte, das das ganze Teil einfach abreißt und wir schlagartig ein 20 Zentimeter Loch haben. Dann Gnade uns Gott!

Diese typische „Glas halb leer“ Denke geht mir von so was auf den Keks!

Mit ein paar Stücken Hartholz (dazu eine Gräting aus dem Kühlschrank
zerlegt) und ein paar Hammerschlägen kann ich die Bewegung der ganzen Konstruktion etwas abschwächen, aber nicht abstellen. An der Achse hängt ja der ganze 1,60 Meter lange Schwingkiel aus Aluminium. Zwar im aufgeholten Zustand, aber natürlich bewegt sich das Teil im Kielkasten, wenn sich das Boot bewegt. Massenträgheit ist das wohl…

Wir lassen etwas Restwasser in den Bilgen, das ist ein Job für Morgen.
Nun bauen wir uns irgendwie unsere feuchten Betten, denn mittlerweile hat alles irgendwie Seewasserkontakt gehabt. Heidi schläft in einer unbehaglichen Vorschiffskajüte, ich liege wach in der Seekoje und lausche der immer wieder anlaufenden Bilgenpumpe – lass uns bloß nicht im Stich!

Mit ODA haben wir alle 2 Stunden einen „alles klar“ UKW Funkruf
vereinbart – SOUTHERN STAR läuft nun ebenfalls in unmittelbarer Nähe.
Geleitschutz auf dem Weg nach CAIRNS.

Nach ein paar Stunden der Überlegung frage ich mich, ob meine
Holzkonstruktion richtig sein kann – kann sie eigentlich nicht! Die
Befestigung des Lager ist ja heraus gebrochen (alle vier Schrauben!) und mein Holz presst gegen den weiter außen liegenden Hebel. Also schnitze ich mir ein paar Keile aus Hartholz und versuche die in den Spalt zwischen Hebel und Lager zu hämmern.
Keine Ahnung ob das besser ist, fühlt sich aber besser an!

Der neue Morgen dämmert, wir haben kein neues Wasser im Schiff und Pläne werden geschmiedet.

Robbie auf SOUTHERN STAR die Kommunikation mit der Rettungsleitstelle in AUSTRALIEN übernommen – Native-Speaker unter sich.

Der Plan:
Per und Robbie kommen im großen Dingi von SOUTHERN STAR an Bord des STORMVOGELs – ausgerüstet mit jede Menge technischem KnowHow, einer zusätzlichen Bilgenpumpe, passenden Schläuchen, mehr Hartholz in größeren Stücken und eigenem Werkzeug.

Die Vorbereitung für dieses Manöver dauert 2 Stunden, größte Sorge aller ist das beim Besteigen des Dingis jemand über Bord fällt und im Wasser treibt. Die Welle ist 1,50 bis 2,00 Meter, die größeren werfen manchmal Schaum – recht kabbelig, das Ganze.

Ich telefoniere zuerst mit unserem technischen Ratgeber in Deutschland (Wolfgang). Wir diskutieren über Dichtungsmaterialen und Techniken so ein Leck zu stopfen. Dabei fällt unter anderem das Wort „Zement“. Wir brauchen ja eine Lösung für weitere 7 Seetage!
Dann spreche ich mit der Werft in WHANGAREI. Typisches Kunden –
Dienstleistergespräch: Kunde sagt, es ist so. Dienstleister sagt, das
kann doch gar nicht sein! Immerhin sind sie ehrlich tief betroffen über
unsere schlimme Lage. Aber eine geniale Lösung haben sie auch nicht. Man kann das Teil auf See (im Wasser) nicht demontieren.

Ich frage Robbie, ob er auf SOUTHERN STAR vielleicht hydraulische
Wagenheber oder Zement hat. Beides nicht.

Robbie bringt irgendwie mit dem Dingi-Kran das Schlauchboot zu Wasser, bei der Schaukelei geht das wohl nicht ohne Schäden auf SOUTHERN STAR ab. Seine größte Sorge ist, das er über Bord fallen könnte. Per hat für diesen Fall eine Rettungsleine an ODA ausgebracht und hält sich dicht hinter SOUTHERN STAR auf. Zuvor demonstriert er noch Robbie, wie wendig so eine BAVARIA OCEAN auf hoher See ist. Robbie fällt nicht ins Wasser, pickt unmittelbar nach Verlassen von SOUTHERN STAR Per von ODA auf (klappt ebenfalls sehr gut) und hält auf uns zu. Beide natürlich maximal mit Rettungsweste, Sicherheitsleinen und persönlichem AIS Sender gesichert.
Dank des niedrigen Freibords des STORMVOGELS kommen beide gut an Bord und wir binden das Dingi am Heck an. Wir machen immer noch Fahrt auf das Ziel, aber im dritten Reff nur noch 2,5 Knoten.

Ich zeige Robbie Bilder und die Konstruktionszeichnung des Schwingkiels, dann nimmt er das Teil selbst unter die Lupe.

Er belächelt etwas meine Holzkonstruktion und meint, wir sollten
testweise einfach versuchen die ganze Konstruktion mit Kraft gegen den Kielkasten zu drücken. Also einen mitgebrachten dicken Holzklotz auf die richtige Länge gebracht und „rein gehämmert“.
Das Lager bewegt sich deutlich weniger, fast gar nicht mehr.
Entsprechend deutlich weniger Wasser kommt herein. Nur müsste man das Holz irgendwie fixieren damit es durch die Bewegung nicht irgendwann nachgibt.

Und nun folgt eine schon fast heitere Episode:
Bevor Robbie ins Dingi gesprungen ist hat er den aktuellen Status und
den Plan mit der Rettungsleitstelle diskutiert…und sich dabei nach
Zement erkundigt. Zement liefern? Mitten im Südpazfik auf hoher See
liefern? Kein Problem!

Echt, ohne Scheiß, KEIN PROBLEM:

Der große Containerjäger KWEILIN ist auf dem Weg nach BRISBANE und steht 35 Seemeilen von uns entfernt. Und hat für eigene Reparaturzwecke immer ein paar Sack Zement an Bord. Der Dampfer ändert auf Bitten der Rettungsleitstelle in AUSTRALIEN den Kurs und läuft auf uns zu. Ankunft bei uns für 3 Stunden später geplant.

Derweil wird die zweite Bilgenpumpe fest in der Schwingkiel-Bilge
verbaut, starkes Hartholz zurechtgesägt und in Position gebracht.

Die Zeit verrinnt wie im Fluge und als wir just an Bord des STORMVOGELS fertig sind, erscheint KWEILIN am Horizont und hält direkt auf uns zu.

Ich schwöre: So dicht möchte ich keinem großen Schiff auf See jemals
wieder kommen!!!

Ich bringe unter Maschine (Großsegel weit offen weiter im Dritten Reff) den STORMVOGEL auf 30 Meter in Lee an den Containerriesen heran, Per und Robbie springen ins Dingi und gehen an die Bordwand. Die gesamte Crew steht an Deck und sieht zu…Abwechselung auf hoher See.
Per Leine werden zwei 60 Kilo Säcke Zement abgeseilt und eine kleine, in aller Eile zusammen gesuchte „Dankeschön-Tasche“ mit der einzigen
Flasche Whisky an Bord des STORMVOGELS, etwas Geld für Bier und unserer Visitenkarte an Bord gehievt.

Das große Schiff treibt quer zur Windrichtung – dadurch glättet es für
uns die Wellen auf der Windabgewandten Seite (Lee). Und es treibt
natürlich schneller als Boote in Lee. In einer wahren Hau-Ruck Aktion
reißen wir die beiden Zementsäcke an Bord des STORMVOGELS und wir drehen, vielleicht 15 Meter von der Bordwand entfernt, ab.

Die Sonne scheint, blaues, herrlich anzusehendes Wasser, blauer Himmel mit weißen Schäfchenwolken. 20 Knoten SE Wind, 2 Meter Welle.
Fantastische Segelbedingungen. Eigentlich.

Robbie hat mit dem Kapitän der KWEILIN verabredet, das sie uns noch
etwas länger Lee geben, damit Per sicher zurück auf ODA kommt und Robbie das Dingi auf SOUTHERN STAR wieder aufnehmen kann. Auf beiden Booten ist ja jeweils „nur“ die Frau, die sonst an der Seite des Skippers zur See fährt – nun auf sich alleine gestellt!

Elisabeth auf ODA kommt in die Lee-Seite und pickt Per aus dem Dingi mit meisterhafter Bravour auf – das ist wohl NORWEGISCHE Coolness. Als ob sie das Manöver schon 100 mal gefahren wäre. UNGLAUBLICH!

JoJo auf SOUTHERN STAR nimmt als nächstes Anlauf. Das Manöver ist etwas schwieriger, weil sie länger in Lee bleiben muss: Erst muss Robbie an Bord zurück kommen und dann das Dingi mit dem Kran wieder hochziehen.
Das große Motorboot rollt bei der Annährung an KWILIN gewaltig – bei der geringen Fahrt können die Stabilisatoren offenbar nichts ausrichten.
JoJo ist etwas zu schnell und unterschätzt die Geschwindigkeit des auf
sie zu treibenden Riesen. So keine Chance. Manöverabbruch und neuer Anlauf.

Die Besatzung des Containerjägers schaut gespannt zu – WIR AUCH!

Hafenkino, diesmal, und nur dieses eine mal, live auf offener See. In Farbe.

Der zweite Anlauf gelingt viel besser, Robbie kommt ohne Hilfe auf sein
Boot und pickt sein Dingi in den Kran ein. Aber irgendwie rollt SOUTHERN STAR wie doof und das Dingi schwingt wie verrückt hin und her. Zwei Decks muss es hoch.
Leider geht dabei wieder was zu Bruch (genaue Schadensaufnahme steht noch aus) aber irgendwie bekommt Robbie das Dingi auf das Krandeck und sichert es neben der eigentlich vorgesehen Halterung. JoJo, die mutterseelen allein dieses Manöver hin bekommen hat, ist völlig aufgelöst und als Robbie die Brücke von SOUTHERN STAR wieder betritt, löst ihre Erleichterung ein mittleres Seebeben der Stärke 3 aus.

Manchmal, in ganz besonderen Situationen, wächst man über sich hinaus und vollbringt Dinge, die man nicht für möglich gehalten hätte!

Der Kapitän der KWEILIN schaut die ganze Zeit von der Brücke aus zu,
macht keinerlei Anstalten von (Zeit-)Druck und könnte (weil er so
Mega-Cool ist) ebenfalls aus NORWEGEN kommen – scheint aber eher ein Asiate zu sein.

Anyhow: Alle drei Sportbootskipper bedanken sich überschwänglich bei Kapitän und Besatzung, der erste Offizier betont immer wieder das es für sie selbstverständlich sei, zu helfen.

Happyness at Sea!

Alle vier Fahrzeuge nehmen ihren ursprünglichen Kurs und Geschwindigkeit wieder auf.

Wir setzten mehr Segel, justieren die Windfahne, stellen die Maschine ab und lassen den STORMVOGEL seinen Weg nach CAIRNS ziehen. Auf den anderen beiden Booten ist die Freude über die gelungenen Manöver OHNE JEDEN Personenschaden sehr groß – ich kann die großen Sorgen von Elisabeth und JoJo vermutlich nicht mal ansatzweise nachvollziehen. Aber sie fühlen,
das kann ich!

Der letzte Teil unserer „wie erreichen wir mit den STORMVOGEL über
Wasser“ Odysee besteht aus Zementrühren. Der Plan ist, die
Schwenkkiel-Bilge und das darin verbaute Hartholz mit Zement auszufüllen und so das Hartholz, aber auch das Lager maximal zu fixieren.
Heidi ist bei dem Gedanken, Zement ins Boot zu schütten, ganz mulmig.
Das hat so was endgültiges…

…ich weiß nicht, ob das endgültig ist, aber ich weiß, das das die
einzige Methode ist um das Leck für die nächsten 7 Tage zu sichern. Das Lager kann nicht mehr abreißen, weil der freie Raum vom Zement
eingenommen wird. Einzige Chance.

Wir rühren den Stoff an (was für ein Dreck!), verfüllen ihn und hoffen,
das er schnell aushärtet. Denn so lange das noch Glibber ist, können wir
die Pumpen nicht einsetzten ohne zu riskieren, das sie verstopfen. Und
das können wir uns ja wohl gar nicht erlauben!

Ich bin mittlerweile völlig fertig auf der Bereifung. Schnelle
Cockpit-Dusche und dann in die Seekoje. Bereits nach wenigen Minuten falle ich in einen Tiefschlaf derweil Heidi sich um Bootsführung und manuellem Lenzen der Schwenkkiel-Bilge kümmert.
Als Kommunikationsoffizier informiert sie per Satellittentelefon auch
die Familie und die Landcrew – alle sind erleichtert. METABO bestätigt
das wir wettertechnisch keine Grausamkeiten zu erwarten haben.

Beim Wachwechsel unterhalten wir uns ein wenig – und wir spüren wieder Zuversicht. Die Schadensbehebung wird nicht einfach – die
Ursachenforschung auch nicht.

Aber wir segeln – wir segeln weiter!

Und manchmal sage ich mir, das wir diesen ganzen Mist erleben müssen.

Das ist schlicht der Preis für das geile Leben, das wir führen!

Peter.

 

12 Gedanken zu „STORMVOGEL – MAYDAY“

  1. OMG! Ich habe ja schon ein wenig mitbekommen, aber das ist Stoff für einen Hochseekrimi. Was für eine tolle Seegemeinschaft ist das, wenn man in Not unter hohem Risikoeinsatz der Helfer eine so tolle Unterstützung bekommt.

    So wünsche ich Euch 4 starke Tage, viel Erfolg, Glück und Gesundheit und eine heile Ankunft.

    Viele Grüße von einem Teil der „Landcrew“,
    METABO

  2. „hier ist APOLLOnia 13 ex STORMVOGEL, -CAIRNS, wir haben ein Problem…….“.
    Glückwunsch zu den wieder mal tollen Reaktionen. Meine Louise will jetzt unbedingt auch auf Langfahrt und mich bei sowas springen sehen (lacht denn keiner?)

  3. Hallo Heidi und Peter,

    unglaublich was euch alles passiert. Schön, dass es glimpflich ausgegangen ist. Der Bericht war fesselnd und ich musste richtig mitfiebern, wie ihr den Notfall durchlebt habt. Toll zu sehen wie viel selbstverständliche Hilfe man in so einer Situation erfährt.

    Ich wünsche euch etwas Ruhe für die nächste Zeit und alles Gute.
    Thorsten

  4. MAYDAY REALY * MAYDAY RELAY * MAYDAY RELAY
    STORMVOGEL *STORMVOGEL * STORMVOGEL

    this is Peter W., Peter W., Peter W.

    My Position is 52 Degrees, 02 Minutes North
    6 Degrees, 50 Minutes East

    Wir haben Eure Nachricht empfangen und sind über die Nachricht schwer beeindruckt!
    Solche Situationen wünscht sich keiner und es ist toll zu lesen, dass Ihr so hilfsbereite Menschen um Euch habt. Bleibt allesamt tapfer und seid Euch gewiss, dass wir in der Ferne an die Standfestigkeit von Zement glauben!

    PS: Ich werde am Wochenende direkt die Lager an meinem Hubkiel prüfen und einen Sack Zement bunkern! Für alle Fälle 😉

    Gute Reise und Toi Toi Toi
    Peter W. aus B.
    OVER

  5. Heidi und Peter, na HALLELUJA nach Eurer Seenot. Viele Leser hier im Blog werden das ohne selbst schon mal „so weit draußen“ gewesen zu sein, garnicht recht nachvollziehen können was da im Kopf abgeht! Kurzzeitig stockte mir der Atem bei Eurem Rericht… Ruhe bewahren sagt sich sooo leicht, dennoch habt Ihr das ganz fein gemacht. Respekt und die bedingungslose Offerte an alle künftigen Langfahrer immer etwas Praxis intus zu haben. Das Ganze geht natürlich auch nur mit einer Partnerin die mindestens genauso gaga ist wie Du Peter. Kommt gut im nächsten Hafen an und wenns nicht ein nachweisbarer Materialschaden ist, holt die Werftcrew von Whangarei mindestens 3x Kiel. Gute + optimistische Grüße aus dem Vogtland!

  6. Ohhhhhh ihr lieben! Ohhhh! Ich habe gerade erst den Bericht gelesen und bin soso glücklich, dass alles gut ausgegangen ist! Das habt ihr alle ganz toll und mutig und gut überlegt hinbekommen! WOW! Aber eine wirklich unglaubliche Geschichte, nach der Generalüberholung!! Ich hoffe der Rest der Fahrt nach Cairns verläuft friedlich, wir sind in Gedanken bei Euch! Eure Supermollis

  7. Mir ist fast die Luft weggeblieben bei Deinem Bericht. Kompliment an alle Beteiligten, das war eine unglaubliche Leistung. Und nun drücke ich fest die Daumen, dass ihr heil ankommt.

  8. Die Geschichte ist der Hammer.
    Und STORMVOGEL und ODA liegen hier neben uns und tun „wie Tulpe“…

    Man kann sich richtig glücklich schätzen, mit Euch und den ODAs an einem Tisch zu sitzen; das habt Ihr wirklich gut hingekriegt. Vorgestern sagte jemand, wir seien „brave“ – da kann ich jetzt eine andere Geschichte erzählen!

    Gruß „von nebenan“ in Lombok
    Andrea

  9. Ich bin eine Landratte und habe eben Eure Seenotgeschichte gelesen und war sehr berührt und gefesselt. Schön, dass alles glimpflich ausging!! Glück gehabt!
    Viele Grüße aus Düsseldorf!

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