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Eine Huldigung an die Glasenuhr

Eine Glasenuhr ist eine Art Kuckucksuhr zur See. Also absolut nix mit Schwarzwald, hohen Bäumen und Bergen, dafür eher mit Wasserwüste.

Wasserwüste und Horizont. Sonst nichts.

Und Menschen, die auf einem Boot (oder Schiff) gerade darauf aufpassen, das nix passiert. Das ist die Wache. Und damit die Wache weiß, was die Uhr geschlagen hat, gibt es an Bord eines jeden zur See fahrenden Fahrzeugs eine Glasenuhr. Die macht Geräusche, aber eben nicht Kuckuck, Kuckuck, sondern Ding, Ding, Ding.

SCHATZ ROYAL MARINA Glasenuhr: Mechanisches Uhrwerk

Auf jedem? Auf wirklich jedem?

Na ja, nur auf den Booten und Schiffen, auf denen der Skipper wissen will, was die Uhr geschlagen hat. Also bei denen, die es auf See Ernst meinen.

Ganz früher gab es nur Zweiwachenschiffe. Jede Wache ging 6 Stunden, dann 6 Stunden frei und dann wieder 6 Stunden Wache. Da funktioniert eine heutige Glasenuhr nur bedingt. Denn eigentlich ist sie für ein Dreiwachensystem ausgelegt. 4 Stunden Wache, 8 Stunden frei, dann wieder 4 Stunden Wache. Das Glasensystem ist sogar älter als die Uhren selbst. Das Wort Glasen leitet sich nämlich davon ab, das Stundengläser (Sanduhren) jede halbe Stunde gedreht werden mussten damit man die Uhrzeit fortschreiben konnte.

SCHATZ ROYAL MARINA Glasenuhr: Mechanisches Uhrwerk

Wachwechsel in einem Dreiwachsystem ist jeweils um 0400 (1600), 0800 (2000) und 1200 (2400) Uhr.

Und genau in dieses Schema schlägt die Glasenuhr:

8 Schläge zum Wachwechsel, dann wieder von vorne, für jede halbe Stunde ein Schlag.

SCHATZ ROYAL MARINA Glasenuhr: Mechanisches Uhrwerk – das offene Herz

Beispiele:

00:30, 04:30, 08:30, 12:30, 16:30, 20:30 Uhr: 1 Schlag

02:00, 06:00, 10:00, 14:00, 18:00, 22:00 Uhr: 4 Schläge.

Durch die Wachroutine wissen die Wachhabenden natürlich automatisch, in welchem Schema sie gerade stecken. Wenn es dann ungerade schlägt, ist es schon mal irgendwas mit „halb“ 😉

Nun denn. In der heutigen Zeit gibt es natürlich jede Menge Batterie gespeister Quarzuhren oder Computer, die per GPS die Uhrzeit ermitteln. Doch selbstverständlich gibt es auch noch (noch!) weiterhin rein mechanische Uhrwerke, die alle zwei Tage mit einem Vierkantschlüssel aufgezogen werden müssen, damit sie nicht einfach stehen bleiben.  Das Aufziehen einer mechanischen Glasenuhr ist des Skippers Privileg.

SCHATZ ROYAL MARINA Glasenuhr: Transplantiertes elektronisches Uhrwerk mit mechanischen Gong

An Bord des STORMVOGELS fahren wir eine BARIGO Glasenuhr. Sie versieht nun seit zehn Jahren klaglos ihren Dienst und hält hoffentlich noch viel länger, so lange wir sie pfleglich behandeln. Auf ein Holzschott montiert, ist ihr Schlag weithin an Bord zu hören. Auch des Nachts, natürlich. Doch auch wer gerade auf Freiwache ist (also pennt), gewöhnt sich irgendwann daran und überschläft das Geräusch.
Einzig das Gehäuse lässt zu wünschen übrig. Obwohl niemals mit Seewasser in Berührung gekommen, ist das Gehäuse an verschiedenen Stellen angelaufen und die Messingschicht unrettbar verloren. Authentische Altersfurchen.

Mechanische BARIGO Glasenuhr an Bord des STORMVOGELS

Einige Jahre nach unsere langen Reise, auf einem Flohmarkt in LEMVIG am Westende des LIMFJPORDs findet der Skipper eine weitere Glasenuhr. Hätte er gerne für sein Arbeitszimmer in Elmshorn, das allerdings längst nicht mehr diesen Namen verdient.
Die Uhr ist kaputt, entsprechend günstig ist der Preis auf dem er sich mit dem dänischen Verkäufer nach einigem Palaver einigt.

Wird ja wohl jemand wieder in Gang bekommen können (?). Ist ja nur Mechanik.

Der heimatliche Uhrmacher versucht sein Glück, zum halben Neupreis gelingt es, der wunderbaren alten SCHATZ Glasenuhr neues Leben einzuhauchen. Der Skipper wäre durchaus mit dem Ergebnis zufrieden, wenn es denn von Dauer gewesen wäre. Doch nach zwei Jahren bleibt die Uhr einfach stehen.

SCHATZ ROYAL MARINA Glasenuhr: Transplantiertes elektronisches Uhrwerk mit mechanischen Gong

Muss wohl doch ein Spezialist her?

Und jetzt kommen wir zu dem Problem, das in der westlichen Welt ganze Berufe einfach aussterben, weil die Erfahrenen altersbedingt weg sterben und keine, oder nicht genug, junge Menschen nachfolgen. Schuster, zu Beispiel.

Oder eben Uhrmacher.

Uhrmacher für Glasenuhren.

Nach einigem Googlen findet man dann Herrn Engelhardt. Er ist gelernter Uhrmachermeister und kennt sich verdammt gut mit Glasenuhren aus. Und wohnt nur 60 Kilometer von Elmshorn entfernt! Zwar in der Richtung, in der eine A20 Autobahn zu vernünftigen Fahrzeiten geführt hätte, wäre sie denn mal gebaut worden. So kurvt man anderthalb Stunden über die Dörfer, um in den Nord-Osten von Schleswig-Holstein zu kommen.

SCHATZ ROYAL MARINA Glasenuhr: Transplantiertes elektronisches Uhrwerk mit mechanischen Gong – Schall-Löcher


Nun muss an dieser Stelle so kurz wie möglich, weil peinlich, erwähnt werden, das der Skipper in seiner leider immer noch üppig vorhandenen Überheblichkeit der Ansicht war, selbst Uhrmacher sein zu können und „hat irgendwie an der (zuvor teuer, aber nicht nachhaltig reparierten) Glasenuhr herum gefummelt“, nach dem sie ihren Dienst verweigerte. Selbstverständlich erfolglos.

Herr Engelhardt steht weit jenseits solch Amateurhaften Rettungsversuchen. Schon 1.000 mal erlebt. Nix neues, nix besonderes. Infolgedessen muss es einem auch nicht peinlich sein, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Im Gegenteil: Wer sich für Glasenuhren, insbesondere der Marke SCHATZ, interessiert, kommt an dem Mann wahrlich nicht vorbei. Schließlich führte er Jahrelang die SCHATZ Handelsvertretung in Deutschland, bevor die Handelsrechte der insolventen SCHATZ auf das dänische Unternehmen DELITE (www.delite.dk) übergegangen waren. Auf seiner Internetseite hat Herr Engelhardt die Festschrift der Firma SCHATZ, die anlässlich des 100 jährigen Jubiläums (1881-1981) erstellt wurde, als kostenloses PDF zum Download. Aufschlussreich.

DELITE elektronisches Uhrwerk mit mechanischen Glasenschlag

Nun denn, wer eine kaputte SCHATZ Glasenuhr sein Eigen nennt, der sollte Herrn Engelhardt ansprechen. Oder wer denkt, er könne eine defekte SCHATZ Glasenuhr günstig bei eBAY ersteigern und reparieren (lassen). Sollte man sich gut vorher überlegen, denn die nachhaltigen Erfolgsaussichten sind gering.

Hätte, hätte, Fahrradkette.

Hätte der Skipper nicht eine defekte Uhr in LEMVIG gekauft und hätte er sie dann nicht bei einem lokalen Uhrmachermeister reparieren lassen, dann hätte er, alles in allem, das Geld für eine Niegelnagelneue mechanische Glasenuhr zusammen gehabt.

Hat er aber nicht. Statt dessen hat er von Herrn Engelhardt ein klares Todesurteil für das SCHATZ Uhrwerk erhalten. Diese seien nie von besonders guter Qualität gewesen und nach 30, 40 oder auch mal 50 Jahren seien alle Lager eingelaufen, die Federn ausgeleiert und einfach das Lebensende erreicht. Ersatzteile gibt es schon lange nicht mehr. Teile bauen kostet ein Vermögen. Tolle Wurst. Da denkt man sein Leben lang, so ein mechanisches Uhrwerk ist für die Ewigkeit gebaut und lernt dann, das dem nicht so ist. Und noch nie war.

Was tun?

Herr Engelhart rät zum Verkauf als Defekt bei eBAY und sparen auf eine neue mechanische Glasenuhr.

Dafür ist es ja wohl schon zu spät.

Alles wieder an Ort und Stelle – und vor allem: In Funktion!

Transplantation ist der einzig gangbare Weg, will man wenigstens das massive Messinggehäuse erhalten. Dabei wird das mechanische Uhrwerk durch ein elektrisches Quarzuhrwerk ersetzt, welches zusätzlich, Tärä, Tärä, immerhin ein mechanisches Schlagwerk in sich trägt. Damit bleibt wenigstens der markante Glasenschlag erhalten. Allerdings ist dieser ein wenig schwach auf der Brust, weswegen das Gehäuse der Glasenuhr an der Unterseite mit 24 Schall-Löchern versehen werden muss, damit der Klang nach außen dringt. Ein neues Ziffernblatt muss dann auch noch her, weil die Löcher für den Vierkantchlüssel zum Aufziehen der Mechanik ja ebenfalls entfallen. Neue Zeiger natürlich auch, jetzt sogar mit Sekundenzeiger.

Nun hängt die kaputte, reparierte und letztendlich transplantierte Glasenuhr also wieder im Arbeitszimmer in Elmshorn und schlägt munter jede halbe Stunde die Glasen. Leider etwas leise, im ganzen Haus ist das Schallsignal nicht mehr hörbar. Hat aber vielleicht ja auch Vorteile.

Zu Hause geht ja sowieso keiner Wache.

Peter.