Also diese kleine Geschichte geht so:
Weil ein Verwandter eines Schulfreundes aus sehr frühen LIVERPOOL Tagen des mitreisenden Australiers in MASPALOMAS seit vielen Jahren mit einer waschechten Dragqueen zusammen lebt, die wiederum in einer Travestiebar in eben jenem MASPALOMAS auf GRAN CANARIA arbeitet, landet die kleine Reisegruppe unversehens auf einem ranzigen Großparkplatz vor dem Rathaus von MASPALOMAS.

Eigentlich ganz einfach.
Und wie beim Schreiberling mittlerweile üblich:
Erst mal ist er gegen alles. Übernachten auf einem Parkplatz in einer Innenstadt, NoGo.
Zu viele Gauner.
Sich des Nachts in (vermutlich) üblen Spelunken inmitten von Touristenhochburgen herum treiben, NoGo.
Zu viele Gauner.
Doch diese Reise ist anders. Und der Schreiberling hat, trotz aller inneren Widerstände, sich feste vorgenommen, das „andere“ ausdrücklich zuzulassen um ja nicht zum besser wissendem Bestimmer-X zu mutieren.
Echt nicht einfach.
Geht so was „neues“ schief ist es natürlich einfach: „Hab´ ich doch gleich gesagt!“.
Passiert was gutes, gar was tolles, wird es Sau schwierig das nicht auch noch zu zu geben.

Den frühen Nachmittag verbringt der deutsche Teil der Reisegruppe damit, zu Fuß vom Rathausparkplatz zu den Dünen von MASPALOMAS zu marschieren. Hin- und zurück kommen so glatt 11.000 Schritte zusammen, sagt jedenfalls der eifrige Schrittzähler, der im Handy der aktuellen Beifahrerin mühsam fünfstellig (!) mitzählt. GOOGLE meint es waren um und bei 7 Kilometer. Not that bad, aber eigentlich will der aktuelle Fahrer ja gar nicht in diesem elendigen Touristennest herum strolchen.
Abendessen im Auto, bloß keine Stühle und Tische heraus holen. Auch das will der alte Nörgelpott ja eigentlich nicht.

Der Verwandte (…und so weiter, siehe oben) holt die Reisegruppe gegen 2100 auf dem Parkplatz mit einem PKW ab und bringt diese zu RICKYS CABARET BAR im Herzen von YUMBO, dem Vergnügungsviertel von MASPALOMAS aus den 1960iger Jahren.
RICKYS CABARET BAR ist eigentlich eine OpenAir Bar, denn das Geschehen findet quasi draußen auf der Straße statt. Da sitzen auch wir Gäste. Eine kleine Bühne in der Mitte mit einem großen LED Bildschirm dahinter, davor reservierte kleine runde Tische, auch für die interkontinentale Reisegruppe. Dann jeweils zur Rechten und Linken der Bühne endlos wirkende Tisch- und Stuhlreihen für viele weitere Gäste.
Schon aufgrund der räumlichen Gegebenheiten wäre es unmöglich für die Show Eintritt zu nehmen. Also muss das Geld über die zu verkaufenden Drinks herein kommen, denn nur diese werden serviert. Nix zu futtern. Dafür sind die Preise dann doch erstaunlich attraktiv.

Bevor es los geht läuft auf dem großen LED Bildschirm ganz offensichtlich ein Film von einer rauschenden Hochzeit zweier vollständig in weiß gekleideten Frauen. Später lernen wir, das es sich um die beiden britischen Besitzerinnen handelt, die sich vor ein paar Jahren auf der Insel das Ja-Wort gegeben haben. Eine von den beiden ist gerade Schwanger, mit Drillingen, die im März erwartet werden. Neben der Fähigkeit, offenbar rauschende Hochzeiten zelebrieren zu können und seit Jahren RICKYS CABARET BAR, zu betreiben wird der Reisegruppe mehrfach versichert, das die beiden Frauen sehr gut Arbeitgeber seien, die sich sehr gut um ihre Mitarbeiter kümmern würden.
Das hier ein super eingespieltes, ein super professionelles Team am Werke ist, hat die Reisegruppe aber auch ohne solche Erläuterungen bemerkt. Vier Servicekräfte, die unterschiedlicher nicht sein könnten, kümmern sich um die Versorgung der Gäste mit alkoholischen Getränken aller Art. Offenbar hat jeder der hier arbeitet eine andere sexuelle Orientierung als die Reisegruppe. Nun, wer als Gast in RICKYS CABARET BAR kommt, erwartet wohl auch nichts anderes?

An diesem Abend haben drei Dragqueens Dienst. Der Lebensgefährte des Verwandten (…und so weiter, siehe oben) hört bürgerlich auf den Vornamen Keith, Künstlername HELLON Earth. Die drei positionieren sich in vollem Kostüm vor der Show clever draußen auf der nur von Fußgängern bevölkerten Straße und sorgen so schnell für voll besetzten Tische.
Gegen 2130 geht es los. Zum aufwärmen mit einem Quiz, natürlich. Wer die Titelmusik einer Fernsehserie erkennt, möge so schnell wie möglich zur Bühne sprinten, sich auf den Schoß der dort auf einem Stuhl sitzenden Dragqueen HELLON Earth setzten und den Namen der Fernsehserie mitteilen. Ist die Antwort richtig, gibt es einen Shot (kleines Glas mit Schnaps) zur Belohnung. Bevor die Antwort über die Lautsprecher verbreitet wird, interviewt Dragqueen HELLON Earth die Leute natürlich professionell. Name, Herkunft, Beruf.
Insbesondere die unterschiedlichen Berufe der teilnehmenden werden professionell lustig kommentiert.
Die Stimmung steigt, die vielen jungen Frauen von gleich zwei Junggesellinnenabschieden, die extra aus UK angereist sind, helfen ungemein beim obligatorischen Gejohle der Menge, sollte ein ratender mal falsch liegen.
Kurzes Karaoke Intermezzo.
Neben durchaus nur schwer erträglichen Vorträgen stimmt ein hünenhafter Schweizer zu einer extrem professionell vorgetragenen Version von FRANK SINATRA´s MY WAY an und haut damit das Publikum, aber auch die drei Dragqueen schlicht aus den Sesseln. Wie sich im zwanghaft folgenden Interview erklärt, ist der Herr ein professionell ausgebildeter Sänger, der aber nicht in seinem erlernten Beruf arbeitet und gerade auf Urlaub mit seinem Lebensgefährten auf GRAN CANARIA ist. Was auch sonst?

War bisher alles live, werden die nun folgenden Auftritte der drei Dragqueens in vielen unterschiedlichen Rollen und Kostümen sämtlich im voll-Playback lippensynchron vorgetragen. Man gewöhnt sich daran, wenn man die Frage nach dem Warum verdrängt.
Selbstverständlich wird ein jedes Lied ordentlich lüstern verballhorn, ALL BY MYSELF, ursprünglich von ERIC CARMEN, ist sicherlich für des englischen nur halbwegs mächtigen Schreiberlings das echte Highlight. Extrem lustig, was Dragqueen HELLON Earth da alles aus ihrer Handtasche zaubert. Musikalisch sei an dieser Stelle eine LIVE Version von CELINE DIJON empfohlen, deren gewaltige Stimme wohl nicht mehr erreicht werden kann.
Die Kostüme der drei Künstler sind schrill, bunt, nicht immer sexy, aber in jedem Fall immer ein echter Hingucker.
Mittlerweile ist 0100 am frühen Morgen. Frenetisch wird die Show der drei Dragqueens vom Publikum gefeiert. Nach dessen Ende ist natürlich noch lange nicht Schluss, zu viele aus dem Publikum möchten noch mal die wieder eröffnete Karaokebühne entern. Einige hätten es lieber sein lassen sollen.

Die interkontinentale Reisegruppe trifft mit einem neu aussehenden Taxi, das in der Tat aber mehr als 598.000 Kilometer (!) auf der Uhr hat auf dem menschenleeren Rathausparkplatz von MASPALOMAS gegen 0200 ein und fällt völlig erschöpft in das eigene Bett. Wie schön.
Dragqueen HELLON Earth hat noch bis 0300 Schicht und bespaßt weiterhin das vergnügungssüchtige Publikum. An fünf Tagen in der Woche hat sie Dienst. Was für ein anstrengender Beruf, den man wohl nur machen kann, wenn man richtig und immer wieder Freude daran hat. Die Frage nach dem Danach stellt sich echten Künstlern wohl nicht.
Und so endet die Geschichte von dem Verwandten (…und so weiter, siehe oben) in MASPALOMAS, den die kleine Reisegruppe niemals im Leben kennen gelernt hätte, wäre sie in diesem Jahr nicht mit australischen Freunden unterwegs.
Erfahrungsgefängnisse sind exakt nur so eng, wie man es selbst zulässt.
Peter.

