Eine Huldigung an den Flaggenstock

Was für eine Fahne dahinten ist denn das?

Hä?

Hinten?

Fahne?

Hinten ist Heck und eine Fahne hat der, der (zu viel) Alkohol getrunken hat. Sonst gibt es keine Fahne(n) an Bord eines zur See fahrenden Fahrzeuges.

An Bord eines Schiffes, mithin auch eines Bootes gibt es nur Flaggen. Und davon mit Sicherheit eine ganze Menge.

Kreuzt man mit seinem Dampfer im Heimatland herum, ist nur die eigene Nationalflagge am Heck zu führen. Für uns Deutsche also Schwarz-Rot-Gold, horizontal von oben nach unten. Über die Größe der zu führenden Landesflagge gibt es insbesondere unter internationalen Seglern unterschiedliche Auffassungen. Dänen und Briten zum Beispiel neigen zur Übertreibung und führen in der Regel eine so große Nationalflagge, das stets ein Zipfel das Wasser berührt, weht nicht genug Wind um die Nationalflagge in ihrer ganzen Pracht in der Luft zu halten.

Deutsche Charteryachten führen in der Regel die kleinsten jemals hergestellten Deutschlandflaggen. Vermutlich, damit nur auf den zweiten Blick erkannt werden kann, woher das sowieso nackt aussehende Boot mit einer Horde von Männern im Besten Alter darauf wirklich herkommt.

Einige binden die Nationale (so die Kurzform) einfach an das Achterstag. Insbesondere schnell fahrende Segelboote oder Boote von Skippern die denken, sie führten ein schnell fahrendes Segelboot, versuchen dadurch, sich so eine zweifelhaft sportliche Note zu geben.

Doch dieses einfache Anbinden wird einer Nationalflagge natürlich nicht gerecht. Sämtliche anderen Flaggen an Bord, ob wichtig oder unwichtig, werden an irgendwelchen Tampen oder Benseln geknotet und zwecks Sichtbarmachung an irgend etwas anderem hoch gezogen. Gehisst, um im Fachjargon zu bleiben.

Eine richtige Nationalflagge verdient selbstverständlich einen respektablen Flaggenstock, an dem sie gehisst werden kann.

Ein respektabler Flaggenstock kann ja schon mal kein Fahnenmast oder Fahnenstock sein, denn es gibt ja gar keine Fahnen an Bord. Siehe oben.

Ein respektabler Flaggenstock ist nur dann wirklich respektabel, wenn er von angemessener Länge ist, das verwendete Material aus edlem Holz besteht und er am Fuße eine echte Messingklampe für die untere Flaggenleine führt.

Ein respektabler Flaggenstock führt ein gefährliches Leben. Überragt er doch das Heck eines jeden Fahrzeugs zur See, mithin Schiffe, Boote und Segelboote. Je nach Länge mal mehr, mal weniger. Das führt dann manchmal dazu, das die dort geführte Flagge samt respektablen Flaggenstock einfach heraus fällt und verloren geht. Oder bei einem missglückten Anlegemannöver einfach abbricht weil der Skipper irgendwie übersehen hat, das sein Dampfer doch länger als gedacht ist.

Einige respektablen Flaggenstöcke sind weit gereist und haben in ihrem Dasein viele Länder besucht. Manche respektablen Flaggenstöcke sind sogar weiter gereist und haben mehr Länder besucht, als ihr Skipper und ihre Mannschaft. Aber immer alleine tapfer im Wind am Heck leicht angewinkelt stehend.

Ein respektabler Flaggenstock ist der Solitär an Bord.

Insbesondere weit gereisten respektablen Flaggenstöcken ist oft anzusehen, das ihnen Wind und Wetter übel mitspielen und sie schneller altern als ihre Artgenossen in heimischen Revieren, die gelegentlich zum gemütlichen Kaffeekränzchen im Hafen an Bord heraus geholt werden.

Die verschiedene Stadien der Verwitterung sind untrügliche Zeichen von weit gereisten respektablen Flaggenstöcken. Ganz so wie die Furchen im Gesicht eines Skippers. Ist der Lack erst mal ab, fällt es selbst einem edlen Flaggenstockholz in der rauen Umgebung der See schwer zu überleben.

Sanierter respektabler Flaggenstock

Das obige, wie immer so kurz wie möglich voraus geschickt, bringt uns das nun zum stolzen und respektablen Flaggenstock des STORMVOGELS. Nunmehr bereits im Alter von 10 Jahren, mit um und bei 28.000 Seemeilen Erfahrung als Träger der Deutschen Nationalflagge.

Der Kopf des Flaggenstocks längst von der Sonne verbrannt. Am grazilen, bewundernswert schlanken Holzkörper blättert der Lack in großen Stücke ab, an einigen der so bloßgelegten Oberfläche sind sogar Anzeichen einer beginnenden Fäulnis zu erkennen.

Der Skipper, der die inneren Werte eines weit gereisten respektablen Flaggenstocks sehr zu schätzen weiß, bemüht sich im Rahmen seiner in der Regel handwerklich sehr beschränkten Möglichkeiten, dem stolzen und sehr respektablen Flaggenstock des STORMVOGELS den Glanz vergangener Tage zurück zu geben.

Ein einfacher Ersatz kommt nicht in Frage.

Schließlich hat der respektable Flaggenstock Dinge gesehen, die Skipper und Mannschaft nie zu Gesicht bekommen werden.

Sanierter respektabler Flaggenstock

Schließlich könnte so ein Jungspunt von Flaggenstock Unglück über Boot und Mannschaft bringen. Respektabel müsste er überdies in den kommenden Jahren erst noch werden.

Und so schleift und schmiegelt der Skipper in der heimischen Garage den respektablen Flaggenstock des STOMVOGELS, um ihn dann über zwei Wochen hinweg  mit acht Schichten  Bestem Bootslack zu überziehen. Mit Zwischenschliff, selbstverständlich. Ganz so, wie es ein fachkundiges Familienmitglied angeregt hat, ohne sich dabei selbst der unbeschreiblichen Herausforderung zu stellen.

Sanierter respektabler Flaggenstock

Das Ergebnis: Sehr erfreulich, möchte wenigstens der Skipper meinen!

Satte einunddreißig Tage seit Aufbruch zur diesjährigen Reise versah der wieder hergestellte, stolze und respektable Flaggenstock wie immer stumm seinen Dienst am Heck des ebenso stolzen STORMVOGELS.

Doch mit einem Male, eher unbemerkt, bei 35 Knoten Wind von der Seite im sicheren Hafen von ANHOLT, knickt der zuvor so gehätschelte und mit viel Liebe überhäufte respektable Flaggenstock einfach so ein.

Knick. Knack. Kaputt.

Einfach so. Ohne vernehmbares Ächzen. Ohne Seufzen. Einfach so.

Am unteren Ende, da wo das edle Holz in der metalleren Halterung steckt. Da, wo es immerzu eng und feucht ist. Da war der stolze und respektable Flaggenstock des STORMVOGELS wohl unmerklich, unbemerkt innerlich verfault.

Wir schade!

Um nicht zu sagen, wie tragisch!

Doch ein jedes edles Holz kann mit einem einfachen Schnitzmesser bearbeitet werden. Geschwind den morschen Stumpf vollends amputiert, mit dem Schnitzmesser so professionell wie möglich verjüngt und den nun wieder respektablen Flaggenstock in die metalleren Halterung eingeführt.

Morscher Flaggenstock

Problemlos möglich. Denn der STORMVOGEL führt seine Nationale zwar mit Stolz, aber eben diese ist nicht übermäßig groß.

Das stieß bisher, in dieser Saison, bereits bei zwei Segelfreunden auf Kritik, doch, wie immer bei pragmatischen Seeleuten:

Design follows Function.

Peter.

P.S.: Jedenfalls im allgemeinen. Im besonderen steht der Skipper schlicht auf lackiertem Alu und Teak. Zum Beispiel. Völlig bescheuert.







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