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Tag 29-33, Anholt

Kommen wir also nun unter anderem zum Unvorhersehbaren aus dem vorherigen Beitrag.

Tags darauf, am frühen Nachmittag verlangt ein körperliches Bedürfnis zum unmittelbaren Landgang. Solche Geschäfte sollte man besser nicht an Bord eines Hotelbootes in einem Hafen erledigen. Kaum steht der einsame Skipper auf der Betonpier, da schallt es von einem gerade einlaufenden Boot “Peter?”

Hä?

Inselhauptstrasse auf ANHOLT

Der Skipper hält scharf Ausschau. Erkennt aber weder das einlaufende Boot noch den darauf befindlichen Skipper. Da kann ja jeder rufen! Doch der rufende erkennt schnell die Schwierigkeiten des eigentlich auf einem wichtigen Gang befindlichen und gibt sich zu erkennen.

Na, das ist ja eine, im wahrsten Sinne des Wortes, schöne Überraschung!

Die geübte zwei Mann Crew macht einen 1A Anleger, kurze, freudige Begrüßung und erst dann, nun bereits mit einer gewissen Dringlichkeit, kann der Skipper des STORMVOGELS seinen Landgang fortsetzen.

Wie schön. Nix mit mönchsartiger Einsamkeit auf einer kleinen Insel im KATTEGAT namens ANHOLT. Eher das genaue Gegenteil davon.

Für Beste Unterhaltung ist gesorgt. Über Details wird, wie es sich unter Seeleuten gehört, geschwiegen. Drei unverhofft gute Abende werden miteinander verbracht, am Freitag Morgen dann macht sich die Crew auf ihren Weg nach Süden und der Skipper ist nun tatsächlich und unzweifelhaft allein.

Allein, Allein. (Polarkreis 18)

Inselhauptstrasse auf ANHOLT

Des Nachmittags, so gegen 1600, hat sich eine Art “Fähre-Einlauf-Ritual” entwickelt. Entweder werden die Hafenmanöver der Fähre auf dem Vorschiff des STORMVOGELS sitzend aufmerksam verfolgt, oder an Land gegenüber auf einer Bank vor dem Hafenkaufmann von ANHOLT, SPAR KONGE mit Namen.

Da sitzt man nie alleine. Es stehen fünf Tische mit fest angeschraubten Bänken vor dem Kaufmann. Da sitzen Eingeborene, rauchen und trinken ein Bier. Oder Touristen, beim Kaffee. Es braucht eigentlich nicht erwähnt werden, mit welcher Flüssigkeit genau sich der Skipper dort niederlässt und das Hafenmanöver der einlaufenden Fähre verfolgt.

Wegweiser auf ANHOLT, für die, die nicht wissen, wo es lang geht…

Präzise, aber nicht langsam gleitet die Fähre auf ihren Liegeplatz. Sicher unter Einsatz von vielen, vielen PS. Vorne und hinten. Das aufgewirbelte Hafenwasser färbt sich in Sekunden Sandgelb, richtig tief ist es hier nicht. Die voraus liegenden Fischer stören die Fähre nicht die Bohne. Kaum sind die jeweils beiden Vor- und Achterleinen fest, werden die Passagierluken in der Backbord-Bordwand geöffnet und die in der Regel schwer bepackten Fährgäste verlassen zu Fuß den Dampfer. Einige wissen zielstrebig um den zurückzulegenden Weg, andere kommen erst mal an, orientieren sich und trotten dann langsam in Richtung SPAR KONGE. Denn da scheint für Ortsunkundige das Inselleben zu beginnen. In jedem Fall freuen sich alle Neuankömmlinge sichtbar, endlich auf ANHOLT zu sein. Deutlich zu erkennen an einem breiten, sehr gelöst wirkenden Grinsen auf ihren Gesichtern.
Gut 30 Minuten nach dem Festmachen der Fähre ist der kleine Ankommenstrubel auch schon wieder vorbei und im Hafen wird es so still, wie vor dem Einlaufen.

Düne auf ANHOLT

Nach nun bummelig 10 Tagen kommt sich der Skipper durchaus schon wie in Insulaner vor. Um für einen vor SPAR KONGE sitzenden Eingebohrenen gehalten zu werden, müsste er allerdings noch das Rauchen anfangen. Noch ein Laster mehr. Ach nee, das lassen wir mal lieber.

Mindestens einmal am Tag muss sich des STORMVOGELS Skipper einem starken Impuls, sich selbst zum Hafenmeister zu ernennen, widerstehen, auch wenn es ihm sehr (sehr) schwer fällt, die Füße wirklich still zu halten.

Seenebel vor dem Hafen von ANHOLT

Bemisst der Skipper die eigenen Manöver mit dem STORMVOGEL nach dem sehr klaren Schulnotensystem 1-6, hat er nun beschlossen, die Skala nach unten um die Ziffern 7 bis 12 zu ergänzen. Zu dieser Einsicht der Notwendigkeit gelangte er beim Studium der vielen deutschen Charterdampfer, die hier ankommen. In der Regel von MOLA aus BREEGE. Was die Mannschaften auf diesen Booten abliefern ist selbst bei Besten Bedingungen in der Regel irgendwas zwischen 9 und 12. Und schon erschient eine der seltenen STORMVOGEL 4- schon gar nicht mehr so schlimm, gell? Alles eine Frage des Standpunktes, von dem man aus auf ein Manöver blickt. Erst Recht, wenn man bereits fest ist, sich seit Wochen nicht bewegt hat und klug schnacken kann!

Aber im Ernst:
Vier Mann auf 38 Fuß, offensichtlich Nachfahrt, Ankunft Morgens um 0700. Mannschaft verpackt wie Eskimos. War wohl kalt, die Nacht. Eigentlich klare Bug gegen Wind direkt in die Box Nummer. Aber der Skipper will rückwärts ran. Bojenmannöver: Mann soll mit Pippifax Bootshaken 6 Tonnen Boot halten und gleichzeitig Leine einfädeln. Kann natürlich nicht funktionieren. Wer hat schon vier Arme und kann 6 Tonnen halten? Dampfer vertreibt und gerät auf die Heckleine des Nachbars, wodurch dieser geweckt wird und im Schlafanzug bei lausiger Frühkälte versucht, das Gewirr von Booten und Leinen zu klarieren. Nach einer Stunde (!) sind die dann endlich fest.

Fünf Mann auf 46 Fuß, zugegeben bei schwierigen 20 Knoten Seitenwind. Haben es irgendwie gebacken bekommen, das der viel zu selten gesehene Hafenmeister mit dem Dingi kommt um ihnen die Vorleine in die Boje zu fädeln. Das macht der an Backbord auch, was an Steuerbord passiert sieht er warum auch immer nicht: Mit zu viel Fahrt läuft das Heck unter eingekuppelter Maschine über die Bojenleine des Nachbarn. Der Propeller erwischt die Leine, die würgt die Maschine ab und nun treiben sie ohne Fahrt und ohne Fender auf den viel kleineren Nachbarn. Völlig passiv, irgendwie entgeistert, stehen Skipper und Mannschaft da und scheinen darauf zu warten, das ihnen geholfen wird. Der Hafenmeister ist derweil mit seinem Dingi längst wieder abgeschwirrt.

Heidelandschaft auf ANHOLT

Meine Meinung:
Anleger können schief gehen. Das liegt in der Natur der Sache. Und manchmal braucht man wirklich Hilfe. Aber das darf natürlich nicht der Regelfall sein. Learning By Doing ist auch OK, so lange man andere nicht unfreiwillig daran beteiligt. Man stelle sich nur mal vor, was passiert wäre, wenn das Nachbarboot nicht gerade besetzt gewesen wäre. Ohne Heckleine mit dem Steven gegen die Pier knallend. Insbesondere einer großen Crew muss es doch möglich sein, (halbwegs) gute Anleger zu fahren? So viel Hände!

Wird Zeit, das die Mannschaft wieder kommt. Sonst endet das hier noch in besserwisserischen Prozessanalysen, Flip-Charts und Power-Point Präsentationen. Denn theoretisch ist die Sache ja völlig klar.

Um selbst in Form zu bleiben müsste man eigentlich jeden Tag, bei jedem Wetter mit dem Dampfer einmal kurz um den Block brettern und nach einer Stunde oder so wieder fest machen.

Oh ja, das schlage ich meiner Mannschaft bei Rückkehr als erstes vor!

Falls sie flüchten möchte: Unmöglich. Die nächste Fähre geht ja erst am Folgetag 🙂

Peter.

Tag 16&17: Middelfart

Den späten Nachmittag auf Anker vor dem Hafen von LYÖ nutzten wir für Polierarbeiten. Mal schön in aller Ruhe in der Abendsonne dem kostbaren Edelstahl an Deck was gutes tun, mit Musik, natürlich.

Gute Laune!

Vor Anker vor LYÖ

Die Nacht wird unruhig. Das war so nicht geplant. Doch der Wind frischt unerwartet auf und in den Böen heult es bedenklich im Mast. Muss der Skipper doch glatt nach Mitternacht für ein paar Stunden Ankerwache gehen? So ein Mist. Meteorologe müsste man sein. Viel Geld, erzählen was man will. Kommt eh anders.

Mit dem ersten Tageslicht beruhigt sich das Wetter und es ergibt sich doch noch ein wenig Schlaf für den Skipper. Die Mannschaft hat nicht viel mit bekommen. Nur schlecht geträumt.

Gegen 0800 dann Anker auf und mit bummelig 10 Knoten Wind aus Südost gen Norden.

Roter Vermesser

Es läuft zwar, aber nicht schnell. Der raume Kurs trägt sicher dazu bei. Ein knallroter Vermesser fährt auf unserer Strecke auf und ab und begegnet uns so glatt drei mal. Muss ja ganz schön langweilig sein, so ein Job?

Roter Fischer

So richtig mag das Wetter sich nicht entscheiden. Mistigkalt, doch auf der ewigen Suche nach dem positiven: Es ist trocken!

Die Passage der Bägö/Ärö Inseln gelingt dank mitlaufendem Strom so gerade unter Segeln, danach geht endlich die Post ab! Halbwind, Vollzeug und in Böen macht der STORMVOGEL 9,2 Knoten Fahrt. Klasse! Wirklich klasse! So stellt man sich das Segeln auf einer Talsperre vor. Absolut keine Welle, dafür aber maximaler Speed. Ganz so, wie wir es im letzten Jahr auf Südkurs erlebt hatten. Merkwürdig, aber dieser Abschnitt des kleinen Belts scheint in beiden Richtungen eine optimale Rennstrecke zu sein.

High-Speed Segeln im kleinen Belt

In der Abschattung der hohen Bäume rund um das Fahrwasser von MIDDELFART läuft es natürlich nicht mehr ganz so gut, aber erst auf der letzten Meile müssen wir die Maschine starten. Passt ganz gut, schließlich muss der Dampfer ja klar zum Anleger gemacht werden.

Getreu dem Motto, in diesem Jahr öfters mal was neues, wollen wir im Stadthafen (GAMMELHAVN) fest machen. Der ist natürlich immer noch so eng wie der Inspektion im letzten Jahr, doch nun wissen wir ja, worauf wir uns einlassen.

Denken wir jedenfalls.

In Ermangelung eines Liegeplatzes gehen wir bei einem Segelkutter längsseits. Bei allen anderen hängen Schilder wie “bloß nicht fest machen” oder “verlasse den Hafen um 15:45 Uhr”. An unserem Päckchengeber hängt nix. Und es ist auch keiner zu sehen. Nach einer Stunde immer noch nicht und so verlassen wir das Boot, um dem Grund unserer Ankunft nachzukommen: Einkaufen und Bargeld beschaffen.

Anderthalb Stunden später sind wir zurück und auf dem Kutter sehen wir eine Horde Menschen.

Unser Boot bewegt sich!

Die Kuttermannschaft will den STORMVOGEL gerade fachmännisch vorholen, damit sie ablegen können. Wir entschuldigen uns für die Blockade, die Dänen entschuldigen sich, das sie ablegen wollen und bieten an, uns beim erneuten Festmachen zu helfen. Um 2100 seien sie zurück und müssten dann wieder innen an die Pier. Also nochmal vorholen….

Nix für uns.

Kurzerhand beschließen wir, einen Hafen weiter zu gehen. Zum Glück haben wir noch keinen Landstrom gelegt und auch keine Hafengebühren bezahlt. Maschine an und los.

Die nächste Liegeplatzmöglichkeit ist nur ein paar hundert Meter weiter nördlich. Die Mannschaft wirbelt ordentlich, um das Deck klar zu bekommen, der Skipper kann Fragen bezüglich des Festmachers natürlich wieder nicht beantworten. Hin fahren und nachsehen, wie immer bei neuen Häfen.

Die Boxengasse bei Einlaufen an Steuerbord ist eng und verläuft in einem Bogen. Immerhin Heckpfähle. Aber so eng, das da vier Meter wohl nicht durch passen. Also rückwärts wieder raus, an Wenden ist nicht zu denken.

Wer baut denn so was?

Gleich Backbord neben der Einfahrt gibt es auch freie Plätze, doch das System von Pfählen und Mooringbojen erschließt sich dem Skipper nicht. So gehen wir längsseits in eine offenbar freie Box, vielleicht 16 Meter Länge und ein Stahlband mit fetten Schrauben ca. 50 Zentimeter über der Wasserlinie.

Wer baut denn so was?

Das fragen wir uns dann noch des öfteren in diesem Hafen.

Doch zunächst gibt es Streit. Der Anleger geht schief. Die Mannschaft bekommt zwar die Spring zum Eindampfen rüber, aber die Geschichte mit der Vorleine geht völlig schief. Durch den Wind wird das Boot immer wieder nach Achtern gedrückt und das Stahlband der Hafenmole kommt dem schönen blauen Lack des STORMVOGELS gefährlich nahe. Nur mit Maschine und Spring ist das Boot einigermaßen auf Position zu halten.

Zunächst schreit der Skipper nur, um gegen den Wind gehört zu werden. Dann schreit er, weil er vor Wut fast platzt. Und erreicht damit, wie im übrigen immer, das genaue Gegenteil von dem, was er eigentlich erreichen will.
Statt die Mannschaft zurück ins Cockpit zu rufen und ihr zu erklären, was anliegt und wie wir die Situation in Ruhe zu lösen können, gerät er immer weiter in Rage und macht die Mannschaft völlig konfus. Zeit ist genug, denn mit Maschine und Spring ist das Boot ja auf Position zu halten.

Ganz schlechte Seemannschaft.

Digitalisierte Liegeplatzvergabe: Wer findet hier grün, wer rot?

Das ernennt der Skipper immerhin noch selbst, bekommt zu gerade die Kurve, die Mannschaft bekommt die Vorleine fest und die Stimmung ist erst mal völlig versaut. Wegen Peanuts.

Wie blöd kann Mann sein?

Digitalisierte Liegeplatzvergabe: Nur zu erkennen, wenn keine Sonne scheint und man direkt davor steht. Links ein Sensor, der merkt, ob ein Boot auf dem Platz liegt

Wie zum Hohn erkennt der Skipper später eine dieser “famosen” elektronischen Anzeigetafeln auf der geschrieben steht, das der Platz ab Übermorgen reserviert sei. Na toll, immerhin zwei Nächste dürfen wir also bleiben, wenn wir wollen.

Digitalisierte Liegeplatzvergabe: Man legt auf Grün an und auf einmal springt das Teil auf Rot – reserviert….

Diese NYHAVN 2 genannte Marina ist eigentlich ein Witz. Mit viel Geld für wirklich luxuriöses Material gebaut, aber völlig verplant und auf Gäste eindeutig nicht eingerichtet. Die ganze Anlage ist eher ein Parkplatz für große Motorboote. Mehr nicht. Die Sanitärcontainer auf dem Wohnmobilstellplatz sind immerhin luxuriös groß….

NY HAVN 2 Marina in Middelfart

Und wieder:
Auf der Suche nach dem Positiven findet sich ein sehr guter KVICKLY Supermarkt 3 Minuten entfernt. Also ideal zum Bunkern von Bier und sekundären anderen Lebensmitteln. In der darauf folgenden Nacht schütteln uns mehrere Sturmböen gehörig durch. Ganz komfortabel, wenn man gut abgefendert in einer Marina und nicht vor Anker liegt.

Bauen was das Zeug hält…

Genau wie in Deutschland wird auch in Dänemark gebaut, was das Zeug hält. Direkt am Hafen luxuriöse Penthouse Wohnungen, Einkaufszentren und weiter oben in der Stadt, in der Nähe der alles überragenden NY LILLEBAELTSBRO Brücke auch Einfamilienhäuser. Ganz schön laut, der Straßenverkehr auf der Brücke. Warum bloß baut man sein Heim in der Nähe einer Autobahn?

Bauen was das Zeug hält…

Warum denn nur?

Ganz schön viele offenen Fragen in einem einzigen Beitrag.

Peter.

Großstadtkulisse in der NY HAVN 2 Marina Middelfart