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Tag 37 bis 44, Laesö

Also irgendwie haut das mit dem Zählen der Tage nicht hin. Ist ja auch logisch, die 10 Finger sind ja schon alle, wenn man beim elften Tag ankommt. Keine zwei Wochen taugen die Finger zum Zählen. Vielleicht Arbeitstage? Nun, nach reiflicher Überlegung und Hinzuziehens des einzigen amtlichen Dokumentes an Bord, dem Logbuch, komme ich zu dem Schluss, dass ich hier und jetzt über den Zeitraum Tag 37 bis 44 zu berichten habe.

Irgendwo davor habe ich mich verzählt. Ganz offenkundig, denn ausgelassen habe ich nichts. Also jedenfalls nicht, das ich wüsste.

Laesö heißt die Insel, die wir nach Anholt ansteuern wollen. Denn eigentlich wollen wir uns hier im Norden des Kattegatts irgendwo mit unseren Freunden von der ODA aus Norwegen treffen. Vor vielen Tagen, sagen wir mal Tag 1 minus 60 war auch mal angedacht, das wir ganz nach Südnorwegen hoch kommen könnten, doch irgendwie ist es immer später im Jahr geworden und der Skipper kann sich dafür nicht mehr erwärmen.
ODA ist schon in Südnorwegen und wartet auf ein Wetterfenster, um nach Süden zu kommen…

Wir verlassen Anholt zwei Tage früher als nötig, doch der Wind steht mit SW 15kn gut und so was lässt man sich als Segler nicht entgehen. Wie immer Frühstart, viele Boote gehen mit uns raus. Auch der Norweger mit seinem Supertanker.

Laesö liegt im Norden und ist viel mehr von Untiefen umgeben als Anholt. Von Süden kommend, muss man sich gut davon klar halten und einen Umweg von gut 8 Seemeilen laufen, um zum westlichen Hafen mit Namen Vesterö zu kommen. Da hilft auch unser geringer Tiefgang nichts. Einen Meter, 50 Zentimeter oder auch mal 20. Das ist wirklich wenig Wasser mitten im Meer.

Direkt nach Verlassen des Hafens geht der Norweger in den Zweikampf mit dem STORMVOGEL. Kommt von achtern mächtig auf – beeindruckende Segel. Na ja, bei dem riesigen Mast muss ja auch was riesiges dran hängen. Eine kurze Zeitlang denken wir, er hat uns gleich, so schnell wie er da ankommt. Aber dann, auf einmal, bleibt der Abstand relativ konstant. Komisch, lief da etwa noch die Unterwassergenua mit? Am Wind kann es nicht liegen…

So laufen wir auf nahezu identischem Kurs gen Nord-Westen. Als der Wind weiter nach Süd dreht, gehen wir etwas mehr nach Westen, um dann, wenn er voll aus Süd weht, mit Nordkurs platt vor dem Wind laufen zu können. Downwind. Das können wir gut. Groß auf die eine Seite, Yankee am Baum auf die andere.

Der Norweger steht viel weiter östlich und eigentlich haben wir ihn schon fast vergessen. Doch mit einem male kommt er fix auf uns zu. Hat wohl bemerkt, das es flach ist, da wo er jetzt ist? Bei den Kursen ist es jetzt gar nicht so klar, wer von wo kommt und wer eigentlich wen überholt…und vor allem wer wem wie ausweichen müsste. Erst mal Kurs halten und näher kommen lassen.

Das denkt der Skipper auch noch, als der Norweger schließlich gut 50 Meter vor dem Bug des STORMVOGELS vorbei geht und nun ganz offenbar Kurs auf Fredrikshavn gesetzt hat. Soll uns auch Recht sein. Hauptsache er ist wech…

Der Wind hat zugenommen, das merkt man beim Vor-Dem-Wind-Segeln nie so richtig, höchstens an der Geschwindigkeit. Daher planen wir die Halse an der Nord-West Untiefentonne genau. Yankee, weg, Baum weg. Bullenstander vom Groß weg. Die Tonne zieht in 100 Metern an Steuerbord vorbei, Groß ganz dicht holen, Kurs um 90° nach Steuerbord ändern, hübsch langsam, Baum kommt, Groß auch. Hui, da ist der Wind nun auch gefühlt, wie das kachelt!

Da bleibt das Yankee lieber drin und die Fock kommt mal wieder zum Einsatz. Mit perfektem Halbwind bretten wir mit über 7 Knoten auf den Hafen zu. Zur Abwechselung mal auf der Backbord-Backe.

Die letzten paar hundert Meter gehen wir unter Maschine im Fahrwasser, die Mannschaft bereitet Leinen und Fender vor und der Skipper hofft, das die Fähre nicht dann ausläuft, wenn wir in der Hafeneinfahrt stehen. Tut sie nicht,  wir sind drin und schon wieder heult der Wind in den zahreichen Masten. Sommermusik.

Besonders groß ist der Hafen nicht, doch wir kennen ihn und wissen um die Methode des Festmachens. Grundgeschirr: Bug oder Heck ganz normal am Ponton, die andere Seite dann mit einer am Grund befestigten Leine vom Ponton weg halten. An diese Leine kommt man aber nur, wenn man ihr Ende am Ponton aufnimmt, längs am Boot damit vorbei läuft und dann ordentlich stramm das am Grund befestigte Ende zieht.
Die Kunst dabei ist, schnell zu sein. Denn natürlich vertreibt das Boot im Hafen und man schlägt schneller quer, als es einem recht sein kann. Einfacher ist es natürlich, wenn Rechts und Links schon ein Dampfer liegt, dann wird man von denen gehalten, bis man seine eigene Grundleine fest hat.

Nun, der Hafen ist halb gefüllt und wir müssen sehen, wo wir bleiben. Der Skipper hat seine Wahl getroffen, da ruft ein Deutscher, das “da hinten” noch ein guter Platz frei sei. Mal ansehen fahren. Na ja, sieht besser aus. Die Mannschaft ruft: Da liegen drei Dingis drin…vermutlich von den daneben liegenden Motorbooten. Also wieder da hin zurück, wo der Skipper ursprünglich wollte. Schön frei von allem, gegen den Wind ganz außen am mittleren Ponton. Rückwärts ran. Die Mannschaft tüddelt etwas zu lange (5 Sekunden?) mit der Grundleine herum, der Skipper übernimmt und läuft damit zum Bug, derweil die Mannschaft die Heckleinen fest bekommt. Etwas hektisch, hat aber trotz spontanem Rollentausch gut geklappt.

Wir sind mal wieder fest und wollen auch volle sieben Tage bleiben. Geplant, geplant. Nicht weil die Insel so schön ist (ist sie), sondern weil die Mannschaft einen lange geplanten Landgang antreten möchte und mit Fähre und Mietwagen in heimische Gefilde entschwinden wird. Der Skipper schaltet unmittelbar nach dem Anleger auf Werbewoche um und zeigt sich von seiner Besten Seite. Möchte er doch sicher stellen, das die Mannschaft auch wirklich zurück kommt!

Die Abreise der Mannschaft mit der ersten Fähre am Morgen ist merkwürdig. Abschiede sind immer merkwürdig. Abschiede von Menschen, die sich sehr nahe stehen, sowieso. Vielleicht liegt diese besondere Stimmung aber auch nur am frühen Morgen (6:00 Uhr) und an dem Umstand, das vielleicht nur 10 Passagiere und ein paar Autos zum Festland fahren. Nun, da ist die Mannschaft also erst mal weg…

Es ist absolut kein Problem, die Tage in Versterö zu verbringen. Wandern an der Nordostküste durch Heide und Wald, am Strand in der Sonne liegen an der Nordwest Küste. Durchaus auch mal das Wasser betreten. Einkaufen gehen und, natürlich, ein paar Bootjobs erledigen.
Der Tagestarif für Boote ist üppig. Doch es gibt auch eine 10er Karte mit Fährticket. Rechnet sich erst ab 8 Tagen. Und, ganz besonders in diesem Jahr: Liegt man zwei bezahlte Tage in Versterö, bekommt man einen kostenlosen Tag auf Österby, dem Hafen im Osten der Insel. Das Ding ist nur: Um da hin zu kommen muss man 14 Seemeilen abspulen. Denn auch nach Norden erstreckt sich eine gut 4 Seemeilen lange Sandbank, die man umfahren muss. Na ja, wir heben mal die Quittungen auf und sehen, ob wir später in den Genuss dieser Corona-Rabatt Aktion kommen können.

Die Norweger der ODA liegen mittlerweile in Skagen und haben keine Lust, noch weiter nach Süden zu kommen. Zum einen gefällt ihnen der Trubel dort, zum anderen müssen sie ja auch, genau wie wir, den Rückmarsch im Auge behalten. Ferner sind die beiden verunsichert, ob es wirklich schlau ist, sich in Coronazeiten zu treffen. Erst Recht mit Leuten, die gerade auf Landurlaub in Berlin waren.
Nun, an Bord des Stormvogels sehen wir das so: Wir halten uns an die offiziellen Regeln der Länder, in denen wir gerade sind und an unseren (hoffentlich noch) gesunden Menschenverstand. Aber darüber hinaus wollen wir nicht gehen. Keine vorsorgliche Einschränkung, keine vorsorgliche Kontaktvermeidung. Dann hätten wir zu Hause bleiben müssen. Nach per eMail geführter Diskussion sehen die Norweger das auch so und wir beschließen uns in Skagen zu treffen.

Wie geplant und erhofft, kommt die Mannschaft am Montag Abend wieder, eine Fähre früher als gedacht und bringt auch gleich noch einen Passagier mit. Der trägt eine vom Skipper bestellte Druckwasserpumpe und könnte somit als Bote durchgehen, würde er wieder abreisen. Doch der jüngste Sohn wird uns begleiten, eine Zeit lang.

Weil es Mittwochs stürmen und regnen soll, beschließen wir mit viel Wind, aber Sonne bereits am Dienstag nach Skagen zu gehen.

Na, wenn was mal was wird!

Peter.

Tag 30, Anholt

Dieses Geheule der Masten im Wind in einen Yachthafen geht einem irgendwann unglaublich auf den Keks. Wer das verneint, muss taub sein. Oder permanent betrunken. Oder unglaublich abgestumpft.

Die Wettervorhersage verspricht einen leichten Wechsel von Nord-West (NW) auf West (W) bei abnehmenden Wind, aber ob das wirklich so kommt? Daher laufen wir aus und gehen unter Maschine außerhalb des Fahrwassers gut 10 Seemeilen nach Nordwest zum Ausgang des Öresunds. Erst hier setzten wir Segel, Vollzeug, und stellen den Brüllaffen im Keller ab. Am Wind, gemäßigt, direkter Kurs. Läuft gut, aber noch jede Menge Meilen vor uns. 40 oder so?

Die Mannschaft macht Frühstück. Das hat sich so in den letzten Wochen eingependelt. Nach dem Aufstehen einen Kaffee, das Ablegemanöver besprechen, die Navigation klar machen und natürlich das Deck Seeklar. Dann ein Blick in den Maschinenraum. Rational völlig überflüssig, dieser tägliche Blick nach dem Brüllaffen. Der kann da ja nicht weg. Aber diesen Kuddel, diese Umarmung, diese Anerkenntnis von täglichen Respekt über die Leistung, die der Brüllaffe in völliger Dunkelheit und Einsamkeit da erbringen muss, hilft. Maschinen wollen geliebt werden. Dann funktionieren sie. Ignoriert man sie, sind sie beleidigt und verweigern ihren Dienst. Meist ohne Ankündigung. Woher ich solche Weisheiten habe? Von Robbie, den australischen Motorbootfahrer und wohl Besten Maschinenflüsterer weltweit (Entschuldige Wolfgang!). Auch nach vielen Jahren halte ich seine Ratschläge in Ehren. Und folge ihnen unbedingt, ohne Zweifel.

Nun, wir segeln also so dahin, irgendwann wird es dem Skipper langweilig. Der Mannschaft wird nie langweilig. Wir haben ca. 1.000 Bücher (mehr oder weniger) an Bord und nach getaner Versorgungsarbeit wird gelesen, was das Zeug hält. Der Skipper bildet sich ein, das Boot fahren zu müssen. Schiffsverkehr, Segeltrimm, Navigation. Da kommt keine Lust nach Buch auf. Aber Musik. Musik geht immer!

Bald haben wir den Radarturm von Anholt am Horizont, dann schält sich langsam der kleine Westhügel vom Horizont, man erkennt ganz im Osten den dortigen Leuchtturm. Nach gut 4 Stunden überholen wir endlich eine 11 Meter Yacht, an der wir ewig dran sind. Segelt verdammt gut, das Teil. Andere Boote kommen in Sicht, die meisten aus Richtung Grena. Die Mannschaft wird unruhig. Bekommen wir noch einen Platz in dem in der Regel im Sommer übervollen Hafen? Der Skipper ist sicher: Klar, irgendwas geht immer.

Nun, wir tricksen. Wir umfahren nicht die weiträumigen Flachs, wir gehen mit direktem Zielkurs auf die Hafeneinfahrt darüber. Als wir das Groß bergen sehen wir mal kurz 2,60 Meter auf dem Lot. Na ja, das ist wirklich wenig. Aber unter uns. Stehen könnte man immer noch nicht. Alle anderen gehen weit umzu und so laufen wir alleine in den Hafen ein. Sieht nicht wirklich voll aus. Die Mannschaft ist erleichtert.
Der Skipper auch, hat man doch mittlerweile Schilder angebracht, welche Bootslänge wo hin soll. Da, wo wir hin sollen ist Platz, eine Heckboje schwimmt da auch noch rum und los gehts. Wie immer bisher, mit dem Heck an Land. So wird die Heckboje zur Bugboje. Das Manöver klappt exzellent und in einer Art Großzügigkeit lasse ich den herbei geeilten Helfer die Luv-Heckleine um den Poller legen. Hätte ich auch selbst hin bekommen. Aber, na ja. Bei allem Vorsatz zum selber können muss man ja die Helfer nicht vor dem Kopf stoßen.

Wir sind fest und das erste Anlegerbier ist schon im Hals, da kommt eine 55 Fuß Halberg Rassy aus Norwegen. Auch zwei Personen an Bord. Sondiert die Lage, will neben uns. Viel Platz und gleich noch zwei Bojen frei. Doch schon beim ersten Anlauf wird klar, das die beiden neu im Geschäft sind. Der Skipper peilt zwar eine Boje an, seine Mannschaft soll den Riesendampfer mit dem Bootshaken dran fest halten. Nun, wer außer dem unheimlichen Hulk hält schon geschätzet 25 Tonnen mit der Hand fest? Im zweiten Anlauf werden mehrere male die Bojen überfahren und ich rufe den Norweger, hoch oben über allem sitzend und nichts ahnenden, an und teile ihm meine Sorge um seinen Propeller mit. Er gibt zu verstehen, das er dieses Mooringsystem nicht kenne und ich rufe zurück: Kein Problem: Platz genug, Zeit genug, kann nix passieren.
Anlauf drei und vier misslingen auch. Kommt ein Dingi vorbei, fädelt die Leinen in die Bojen ein und spielt auch noch Bugsierschlepper, um den Dampfer in Position zu halten. Die Heckleinen gehen an Land und eigentlich ist alles klar. Doch dann fällt dem Skipper auf, das sie so nicht an Land kommen können: In den riesigen Davits am Heck hängt ein riesiges Dingi, voll Wasser gelaufen im übrigen. Also helfen wir auch noch beim zu Wasser lassen des Dingis und nun endlich ist auch dieser Supertanker fest.

Der Norweger berichtet, er sei früh´ am Morgen aus Kopenhagen aufgebrochen und habe uns lange auf AIS verfolgt. Wollte uns überholen, hätte es wohl auch fast geschafft, wenn er über die Flachs hätte gehen können. Kopenhagen – Anholt in one go. Not bad, not bad!

Und weil wir Deutschen ja so gerne in Misserfolgen baden, Dinge schlechter machen als sie eigentlich sind, endlos klagen auf dem höchsten aller Nivaus bespreche ich in aller Ruhe mit meiner Mannschaft, was aus meiner Sicht bei dem Norweger alles schief gegangen ist und weise eindringlich darauf hin, das meine Mannschaft im ersten Anlauf die Leine selbst an die Boje bekommen hat und wir völlig ohne Probleme, 30 Minuten zuvor, das Boot fest bekommen haben. Wir können das. Wenn wir uns konzentrieren, mitdenken und aufpassen.

Der Abend ist malerisch schön, jedenfalls wenn der Wind auf der Hafenmeile ein wenig von den Gebäuden abgedeckt wird.

Der folgende Tag besteht aus Schrauben, Schrauben und nochmals Schrauben. Kann man im aktuellen Lagebericht nachlesen. Ferner bietet die Außenwelt Starkwind, Regenschauer und Nieselregen. Erst am frühen Abend klart es etwas auf, die Schrauberei hat ein Ende und flanieren wieder am Fähranleger. Schon schön hier, auch wenn es sich schwer nach Herbst anfühlt.

Die Vorhersage für den folgenden Tag verspricht optimalen Wind für den Schlag nach Laesö. Wieder viel Wind, aber was soll das?

Es ist in Wirklichkeit doch so: Der viele Wind macht dem Stormvogel nichts aus. Entsprechend gerefft und getrimmt läuft er beruhigend stabil. Nur die Hafenmanöver in den engen Boxengassen und Fahrwassern machen bei viel Wind Streß.

Aber da kann das Boot nix dafür.

Das gehört ja auch nicht hier hin.

Peter.

P.S.: Keine Bilder. War irgendwie nix mit fotografieren. Noch nicht mal ein Liegeplatzbild. Wie doof. Entschuldigung.