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T85, Anholt, Nachtrag

Der letzte Abend auf ANHOLT entwickelt sich irgendwie zu etwas ganz besonderem.

Der Skipper beschließt sicherheitshalber noch mal einige dieser kleinen metallischen Zylinder zu kaufen und pilgert daher zum nach wie vor hoch geschätzten SPAR KONGE am Hafen. Mit etwas Wehmut tätigt er seinen letzten Einkauf auf der Insel und verabschiedet sich von der stämmigen Besitzerin. Sie (er)kennt uns. Die Mannschaft hat sogar schon einen Kaffee bekommen – on the house.
Wir sind davon überzeugt: Wenn sich erst mal die Besitzerin eines Supermarkts an einen unter tausenden Sommertouristen erinnert, dann hat man es geschafft!

Dann gehört man dazu!

Dann ist man ohne Zweifel ein ANHOLTER!

Rettungshubschrauber auf ANHOLT. ohne Einsatz

Aber nicht nur das.
Selbst der Hafenmeister nickt uns auf der Straße (an)erkennend zu. Die dem Skipper in der Silhouette optisch ähnelnden alten Männer, die am Nachmittag auf den Holzbänken vor SPAR KONGE sitzend aus ihren eigenen kleinen runden metallischen Zylindern schlürfen kennen den dicken Deutschen auch schon. So oft, wie der hier schon an den Nachmittagen saß. Und so sitzt er also ein letztes mal mit sorgsam in Plastik eingeschweißten kleinen metallischen Zylindern zur linken und einer letzten Dose ELEFANT in der Rechten am Hafen von ANHOLT und denkt, wie gut man es wohl haben kann?

Wie Sau gut?

Megayacht aus Stuttgart mit unsschreibbaren Namen vor SPAR KONGE, ANHOLT

Zurück an Bord gibt es eine kleine Standpauke. Wo der Skipper sich denn wohl herum getrieben habe? Klassiker: “…ich geh´ mal eben ein paar Bier holen…” und dann einfach nicht zurück kommen. Doch die Wehmut erklärend rettet sich der Skipper vor schlimmeren und der Rauch verzieht sich schnell.

Endlich kommt der Skipper dazu, die Nationalflagge der in Luv liegenden X55 Yacht zu recherchieren. Vermutet hat er bisher irgendwas mit Osteuropa. Mazedonien, Serbien oder was auch immer.
Und dann geschieht etwas, was man doch wirklich nur als Wink des Schicksals verstehen kann.
Der geneigte Leser erinnert sich: Ein paar Abende zuvor haben wir gespannt den Patagonischen Reiseberichten von Michael gelauscht. Und damit dem sowieso schon vorhandenen Floh im Kopf neue Nahrung gegeben.

Rettungshubschrauber auf ANHOLT. ohne Einsatz

Nun, die Flagge der X55 ist zweifellos die Nationalflagge von CHILE.

Horizontal weiß/rot gestreift, links ein blaues Quadrat mit einem weißen Stern darin.

Klar. Das gibt es doch nicht! Ganz schön spucky, oder?
Eine X55 aus CHILE ist auf ANHOLT so ziemlich das unwahrscheinlichste, das man hier erwarten kann. Als die Mannschaft der X55 am letzten Abend das Boot verlässt, fängt der Skipper des STORMVOGELS die drei fremden Menschen auf der Pier ab und bittet um ein Wort bei über 20 Knoten Wind. Und erzählt, das ein guter Segelfreund, vor Jahren im Pazifik kennen gelernt, die letzten Abende von Patagonien und der Chilenischen Marine geradezu geschwärmt hat. Und dann treffen wir einen Tag später auf eine Yacht aus CHILE und verpennen es beinahe, die Mannschaft anzusprechen.

Miguel, so der Name des Skippers der X55 erklärt: Das Boot hat er 2019 in Dänemark gekauft und wollte 2020 anfangen, das Boot nach CHILE zu segeln. Ein Satz mit X, das war wohl nix. Corona. In diesem Jahr klappt es beruflich nicht bei ihm, aber immerhin will er am Wochenende bei einer Regatta bei AARHUS teilnehmen. Daher will er so wie wir auch am nächsten Tag los. Er meint, er kenne die “Kanäle” (also die großen Fjorde in Südchile, am Ende der Welt) sehr gut und wenn wir wirklich da unten ankommen würden, sollen wir uns auf jeden Fall bei ihm melden. Wir tauschen Visitenkarten mit Kontaktdaten…

Rettungshubschrauber auf ANHOLT. ohne Einsatz . Der Pilot muss es drauf haben. Landet zwischen Fähre, Fährtterminal und Rettungsschuppen. Cool.

…und wie um dieses besondere Ereignis noch zu toppen:
Miguel ist Winzer. Er würde gerne seinen Wein auch nach Deutschland verkaufen. Wenn ich da wohl einen Importeur kennen würde?

Leider, leider kenne ich niemanden, der im internationalen Weinhandel tätig ist.

Obwohl. Einen Großkonsumenten wüsste ich da schon…

Peter.

T82-85, ANHOLT

Das Geheule in der Takelage geht langsam auf die Nerven!

Der ganze Dampfer hängt mit guter Steuerbord-Schlagseite im Wasser und schaukelt fast so, als ob wir auf See wären. Wer weiß denn schon wirklich, wie viele Tonnen die Heckbojen von ANHOLT halten? Sind daran 19 Tonnendampfer OK, gerade noch OK oder gar nicht OK und somit völlig bescheuert? Wir haben gleich zwei Hilfsleinen an Backbord ausgebracht, damit der seitliche Druck auf die Heckboje ja nicht zu groß wird.

Fähre ANHOLT, fährt fast immer…

Heckboje. Bei uns ja nicht. Wir liegen mal wieder falsch herum in der Box und die Heckboje ist an unserem Bug.

Völlig egal bei dem Wind. Dienstag haben wir neben den 30 Knoten Nordwest auch noch schwere Schauerböen. Die zerren an allem, was den STORMVOGEL über Wasser ausmacht. In der Takelage klappert und rappelt es nur so. Erst mal alle Fallen vom Mast so weit weg gebunden, das mal Ruhe ist.

Auslaufen ANHOLT bei 30 Knoten West

Aber dieses nervtötende Geheule geht davon natürlich auch nicht weg.

Es ist nicht einfach nur beeindruckend, welche Kraft dieser Wind hat. Diese unbändige Kraft lässt erschauern. Eine Regenbö mit 35 Knoten ist, egal ob auf See oder im Hafen, die normative Kraft des unvermeidlich faktischen: Zu viel Segelfläche auf See oder schlecht angebunden im Hafen führt zu jeder Menge Ärger. Wir oder der Wind.

Brandung in ANHOLT

Wie kann es eigentlich sein, das nach einem vier Tage Sturm ein Tag Flaute herrscht, nur damit es dann wieder ein paar Tage stürmt?

Sind wir hier etwa am Kap Horn gelandet?
Hallo?
Ostsee?
Sommer?

Kein schönes (Segel)Wetter in Sicht. Schon klar. Woanders werden im Moment ganze Ortschaften von einer Regenflut weg gespült oder Tornados (Hallo? Tornados!) decken in Deutschland die Dächer ab. Da werden wir auf unserer Luxus-Lieblings-Lust Insel ANHOLT wohl ein paar stürmische Tage mehr abwettern können?

Auslaufen ANHOLT bei West, 25 Knoten

Immerhin schwimmt unser Gefährt ja. Dafür ist es gebaut. Immer schön über Wasser bleiben. Oberstes Gebot auf See. Außer für U-Boote vielleicht.

Die Überfahrt von VRANGÖ nach ANHOLT war im wahrsten Sinne des Wortes zum Kotzen. Nix mit Segeln. Kein Wind, aber dafür elendigen alten Schwell von den stürmischen Vortagen. Nach nur einer Stunde auf See muss der Skipper sich erst mal hin legen und den Magen beruhigen. Das Hirn ist leider noch voll da und fragt nagend, was das denn wohl für ein Skipper sein soll? Wegen eigentlich nix wirklich seekrank? Wie extrem beruhigend, das die Mannschaft, tapfer wie immer, ordentliche Wache geht.
Später geht es dann des Skippers Magen besser und er fängt tatsächlich auch an zu lesen. Natürlich nur eines jener Bücher, das die Mannschaft schon vor Tagen ausgelesen hat und ein paar Buchstaben übrig lies.

Auslaufen ANHOLT bei 30 Knoten, West

Zwei Highlights in 8 Stunden:
Das überqueren der Nord-Süd verlaufenden Schiffsarttrasse. Glück gehabt, die aus großen Dampfern bestehende endlose Perlenkette hat heute so große Lücken, das wir ohne Kursänderungen passieren können.
Und wir müssen sicherheitshalber kurz vor ANHOLT vom Steuerbord-Dieseltank auf den Backbord-Dieseltank umschalten. So wirklich ganz genau weiß man ja nie, wie viel Diesel noch im Tank ist. Und die äußerst unerfreuliche Erfahrung eines leeren Dieseltanks bei einem Einlaufmanöver hatten wir ja auch schon. Es ist halt wirklich so: ERFAHREN kommt von ER FÄHRT. Das Umstellen der Dieseltanks ist nur deshalb etwas besonderes, weil man es so selten macht. Dabei muss man nur kurz die Dieseleitung entlüften. Kein Problem. Nur Aufregung, die es nicht gäbe, wenn man es gewohnt wäre.
Der Anleger in ANHOLT bei immer noch sehr wenig Wind reine Routine. Der Hafen vielleicht nur zu einem viertel belegt. Erschreckend, wie schnell so eine Saison vorbei ist. 80% Deutsche. Geschätzt.
Am Abend rechnen wir noch stark damit am nächsten Morgen weiter gehen zu können, diesmal aber mit Wind. Daher legen wir keinen Strom, packen das Segel nicht ordentlich weg und bleiben reisebereit.

Lieblingsmotiv auf ANHOLT

Doch schon in der Nacht fängt es richtig an zu blasen und in der Takelage fängt es an zu klappern. Gegen 0800 dann schwere Regenböen die schlicht durch ihre Anwesenheit klar machen, heute besser nicht auf See zu gehen. Jedenfalls uns bangbüchsigenen.

Sportlicher Trimaran

Ein mittelgroßer eingeborener Schoner sieht das anders. Die ORION aus AARHUS ist eigentlich ein schöner Dampfer, hat aber mit Sicherheit schon bessere Tage gesehen. Es muss unglaublich schwierig auf aufwendig sein, solche alten Schiffe ordentlich in Schuss zu halten.
ORION liegt ganz außen mit dem Heck zur Pier, 30 Knoten voll auf die Backbordseite. Direkt daneben, an Steuerbord eine neue X55 aus Chile. An Bord der ORION 7 Personen, fünf irren mehr oder weniger planlos über Deck. Ein grauhaariger alter Mann scheint der Skipper zu sein und ein in knallrotem Ostfriesennerz steckender junger Kerl muss so was wie der Bootsmann sein. Immerhin gibt es einen.
Irgendwie kommt ORION nicht los. Schon klar. Mit dem starken Seitenwind wird man die X55 auf jeden Fall touchieren. Da könnten auch die vielen Fender an beiden Booten versagen. Des STORMVOGELS Skipper würde versuchen, mit der Ankerwisch den Bug in den Wind und so längsseits zur Pier zu kommen. Genug Platz wäre ja. Das macht er ständig. Sich bei problematischen Situationen anderer fragen, wie er das selbst lösen würde ohne es selbst lösen zu müssen. Aber natürlich sagt er nichts. Schon gar nicht zu Skippern von schönen, aber herunter gekommenen Segelschiffen (Schiffen! Nix Boote!).
Was genau der Grauhaarige im Schilde führt, kann des STORMVOGELS Skipper von Bord aus nicht nachvollziehen. Pullover an und als Zaungast auf die Pier. Eigentlich widerlich, diese Pontontouristen. Aber geschickt getarnt, denn er bietet ein paar STORMVOGEL Fender als Reserve der X55 an.
Mit einem kleinen Beiboot bringt die ORION Besatzung eine weitere Bugleine an einer weiter windwärts liegenden Boje aus. Diesmal auf Slip, die eigentliche Festmacherleine ist an einer näheren Boje fest geknotet.

Ferienahaus auf ANHOLT

Immer noch keine Ahnung, wie der Skipper der ORION hier raus kommen will.

Achtern, an der Pier ist mittlerweile auch eine Leine auf Slip. Der Steuerstand der ORION ist mittschiffs. Mit einem Male gibt der Grauhaarige Vollgas. Eine kleine schwarze Abgaswolke legt sich um das Schiff, die auf Slip liegende Bugleine wird ohne Probleme gelöst, die Heckleine kommt unter Spannung aber dann auch frei und die sehr lange an der näheren Boje fest geknotete Leine wird aus der Hand gefiert. Doch das Vollgas der Maschine und der Wind sorgen dafür, das die Leine viel schneller zu Ende ist, als gewollt, ausrauscht und ins Wasser fällt.
Entgegen der Überlegung des STORMVOGELS Skipper legt der Grauhaarige bei dem Manöver aber nicht Backbord Ruder, also in den Wind, sondern Steuerbord. Mit dem Wind.

Genial!

Mit dem Wind ablaufen und dadurch Mitschiffs und Heck von der X55 weg drehen.

Natürlich schießt die ORION viel zu schnell in die nahe liegende erste Boxengasse, doch in letzter Minute geht der Grauhaarige auf Backbord und dreht mit Vollgas das schwere Schiff in den Wind. Denn nun gilt es sofort wieder Ruhe in dieses Wildwest Manöver rein zu bringen und die verlorene Leine zu bergen.

Das ist der Job des Bootsmanns.

Fast schon Brandungssegeln

Zusammen mit einem Passagier (o.ä.) steigt er in das kleine feste Beiboot und versucht, gegen den Wind zur der Boje zu rudern. Ein Ding der Unmöglichkeit! Der Wind heult, auf der Pier muss man selbst als übergewichtiger Skipper aufpassen, nicht umgeweht zu werden.
Die Riemen fliegen immer wieder aus den Dollen. Kein Wunder bei der vielen Kraft, die der junge Bootsman in die Riemen legt. Sie treiben ab, erwischen aber noch eine andere Boje und machen dort erst mal fest.

Während dessen die ORION versucht, ihre Position im Innenhafen von ANHOLT gegen den Wind zu halten. Das klappt aber irgendwann nicht mehr und sie muss eine große Runde durch den Vorhafen drehen.

Auslaufen ANHOLT bei West, 25 Knoten POLARIS und LOTTE

Derweil der junge Bootsmann im kleinen festen Beiboot mit einem Tampen die Riemen auf die Dollen benzelt, damit sie unter Krafteinwirkung nicht immer raus fliegen. Wirklich clever.

Und dann rudert dieser tolle junge Mann was das Zeug hält! Gegen 30 Knoten Wind. Gegen eine miese Hafenwelle, die nicht wenig Wasser in das kleine feste Beiboot befördert. Und tatsächlich, nach vielleicht fünf Minuten für 200 Meter erreichen sie die Boje mit der fest geknoteten langen Leine, binden sie ab, bergen sie und rudern zur nun nahe liegenden ORION zurück.

Der junge Bootsmann, in seinem knallroten Ostfriesennerz klettert an Bord und sackt sichtlich erschöpft kurz zusammen, nur um dann sofort das Deck klar zu machen für die große Schaukelei draußen vor dem Hafen von ANHOLT.

Des STORMVOGELS Skipper dackelt beeindruckt und beseelt auf der vom Sturm umtosten Pier zurück zu seinem Boot. Der Grauhaarige hat es echt drauf und ein Schweine Glück, das er so einen famosen Bootsmann an Bord hat. Hoffentlich weiß er das!

ORION ist weg. Das nervtötende Geheule an Bord des STORMVOGELS bleibt.

Also viel Zeit an Land verbringen. Wie wir die Landschaft auf der kleinen Insel lieben!

Brandung auf ANHOLT

Zwei Tage später.

Auch wir denken, zur Not könnte man heute los. Aber so gegen 0900 entscheidet sich der Skipper im Hafen von ANHOLT zu bleiben. Was soll das? Wir haben Zeit, wir brauchen keine Schlechtwetterbestätigung und wir sind am Ende vielleicht einfach auch nur faule Leute. Faule Seeleute.

Ein Dampfer aus der Schweiz macht den Anfang und liefert spektakuläre Bilder beim Verlassen des Hafens. Keine Ahnung, was die Mannschaft im Schilde führt, denn sie motort gegen 25 oder mehr Knoten Wind und eine zwei Meter Welle. Zwei Stunden später kommen sie wieder zurück. Durchaus gute Seemannschaft, wenn man erkennt, das es nicht geht.

Gerade, als die Schweizer wieder einlaufen gehen noch drei andere Dampfer raus, aber auf viel freundlicheren Kursen gen Süden.

Könnte, hätte, sollte man vielleicht auch machen sollen.

Aber wozu eigentlich?

Peter.