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Tag 49, Anholt

Jeden Tag wird nach dem ersten Morgenkaffee ein Fußmarsch angetreten. Wirklich jeden Morgen. Je nach Gemütslage die schnelle Runde in trauter Zweisamkeit in einer Stunde rund um den Nordbjerg auf der Inselhauptstrasse oder eine ausgeprägte Wanderung über gewundene und kaum sichtbare Trampelpfade mit der ganzen Horde.

Oder Extremtouren.

Eine weitere bisher, um hier genau zu sein und um nicht zu übertreiben.

Leuchttrum von ANHOLT

Nochmal durch die Wüste zum Leuchtturm von ANHOLT. Diesmal “mit ohne” Fahrräder. Wollten wir unbedingt unseren Besuchern zeigen. Strategisch geplant. 4 Liter Wasser auf zwei halbwüchsige Lastenesel verteilt, die in einem früheren Sommer eigentlich mal als Lebendfutter für nie gesehene Monster herhalten sollten. Merkwürdig. Je älter diese Lastenesel werden, um so störrischer werden sie. Ab wann setzt eigentlich Altersstarrsinn ein?

Düne beim Leuchttrum von ANHOLT

Den Proviant tragen abwechselnd die beiden Frauen. Des Skippers Rücken muss frei bleiben, schließlich hat er mit der mehreren Kilo schweren Kamera und dem lange vorhaltendem Inhalt längst vergangener kleiner zylindrischer Metallcontainer genug zu tun. Lang anhaltend ist nicht gleichbedeutend mit ewig, wohlgemerkt. Strammer Marsch am Morgen durch die Wüste bei nur einer kurzen Pause lautet die in die Tat umgesetzte Strategie. Meilen machen. Wie immer.
Ausgiebiges Picknick in einer netten Düne am Leuchtturm. Ja, ja, in den staubigen Schuhen stecken tatsächlich noch lebende Füße, wenn man sie denn auspackt und das Licht der Sonne erblicken lässt.

Düne beim Leuchttrum von ANHOLT

Der Rückweg vom weit entfernten Leuchtturm von ANHOLT führt uns diesmal am Nordstrand entlang. Nicht einfacher und auch nicht kürzer als durch die Wüste. Aber “schöner” – so jedenfalls der weibliche Teil der Reisegruppe. Die Lastenesel sehen da keinen Unterschied. Ist halt viel Sand, schwierig zu marschieren und einfach nur unendlich weit. Wir sehen einen toten. Am Strand. Einen toten Seehund. Gammelt da einfach so vor sich hin. Die Möwen scheinen kein Interesse an dem traurigen Gesellen zu haben. Na ja, bei dem Körpergeruch? Ein einsamer Kite-Surfer braust vorbei und freut sich sichtbar, im flachen Wasser die Balance zu halten. Mit dem Picknick mal eben eine 7 Stunden Exkursion für absolut untrainierte. Not that bad für einen Tag, will ich meinen.

Der Nordstrand von ANHOLT

Doch zurück zum normalen Tagesablauf auf der Insel.

Gegen Mittag wird dann endlich Frühstück auf den Tisch des Cockpits gestellt. Wenn man in diesen Tagen als Skipper nicht aufpasst, bekommt man schlicht nichts ab. Ist ja auch nicht wirklich clever, Lastenesel, die sich gelegentlich in gefräßige Löwen verwandeln, am gleichen Tisch wie Eignerin und Skipper abzufüttern.

Ja, früher!
Da gab es wenigstens noch eine Offiziersmesse und eine davon getrennte Mannschaftsmesse. Doch heute? Alles vermischt, vermengt, verhätschelt.

Toter Seehund am Strand von ANHOLT

Des Nachmittags ist in der Regel braten in der Sonne angesagt. Mit Abkühlung im sehr naheliegenden Meere, bei Bedarf. Obwohl der Hafen mittlerweile rappel voll ist, verteilen sich die vielen Menschen am großen Südstrand schnell. Das ist schön, weil sich niemand bedrängt fühlen kann.

Dingifahrschule im Hafen von ANHOLT

Hat die Oma richtig Lust, spielt sie mit den Enkeln “Eine Oma fährt im Hafen von Anholt Dingi, Dingi, Dingi. Eine Oma fährt im Hafen von Anholt…”. Und macht einen auf Fahrschule, obwohl offenbar selbst aus der Übung. Den Anlegern nach zu urteilen. Immerhin kann der Skipper die selbstbewusste Truppe davon abhalten, den großen Vorhafen von ANHOLT in Richtung offenes Meer zu verlassen. Wäre ja noch schöner. Rettungsaktion übermütiger.

Vierbeiniges Sicherheitsschuhmonster bewacht den Eingang zur Wüste von ANHOLT

Charterboote kommen hier kaum noch an. Eher Familiencrews aus Dänemark, Deutschland, Schweden und auch mal Norwegen. Alle Größen, alle Typen. Viele Boote führen ein großes Sortiment an Freizeitgeräten an Deck mit sich. Fahrräder, sogar eBikes, Surfbretter, Stand-Up Paddeling Boards und natürlich das obligatorische Dingi. Sportliche fahren dazu noch ein paar Segelsäcke auf dem Vorschiff. Die mit der Nationalen am Backstag.

Am Leuchtturm ANHOLT

Samstags fährt die Fähre jetzt zwei mal von GRENAA um die ganzen Urlauber vom Festland abzuholen. Neben uns Touristen im Yachthafen gibt es welche auf dem Campingplatz und natürlich viele in den weit über die Insel verteilten Ferienhäusern.

Am Leuchtturm ANHOLT

Das EM 2020 Fußballspiel Dänemark – Tschechien erleben wir in praller Abendsonne im Biergarten des Hostels CASABLANCA im Hafen. Umgeben von Dänen, die tatsächlich erkennbar stolz ihre Nationalhymne mitsingen. Beeindruckend. Gänsehautmoment. Einige tragen Rot-Weiße Kronen, andere Trikots ihrer Nationalmannschaft. Wir haben ein paar kleine Dänemarkflaggen zum wedeln dabei und gehen dem äußeren Anschein nach sicher als Eingeborene durch. Neben uns sitzt eine bereits angeschäkerte Dänin, der es davor graust, die Insel wieder zu verlassen. Denn ihr Freund, völlig auf das in der Abendsonne schwer zu erkennende Fernsehbild fixiert, hat sie überredet, in einem offenen Motorboot mit Außenborder nach ANHOLT zu kommen und das Wochenende im Zelt zu verbringen. Welch romantische Vorstellung, wenn man das Meer nicht kennt. Trotz ruhiger Wetterlage hat es wohl in dem kleinen Boot ganz gut gerappelt. Na ja, einen Tag zum Vergessen hat sie ja noch, dabei mag der Alkohol helfen.
Hat er früher auf See ja auch schon. Wenn der Alte vorher wusste, das es bei KAP HORN keine Kaffeefahrt geben wird gab es schon mal einen Schluck Rum.

Traditionssegler im Vorhafen von ANHOLT
Traditionssegler vom Vorhafen von ANHOLT
Abendstimmung im Hafen von ANHOLT

Aber die Idee, einfach mal so auf die Insel zu kommen ist ja nicht schlecht. Das CASBLANCA zum Beispiel hat offenbar ganzjährig geöffnet. Wenn man mal überlegt, das in der Nebensaison die Fährfahrt nur 20 Euro hin und zurück kostet, ist es doch durchaus mal eine Idee, auch ohne eigenes Boot für ein paar Tage hierher zu kommen. Baden im Meer fiele dann wohl temperaturbedingt eher aus, aber die vielen Pfade und Wege kann man auch im Frühjahr, Herbst oder gar Winter ablaufen.

Dicht gepackt im Hafen von ANHOLT

Was bei den ganzen Spaziergängen und Wanderungen auffällt:
Alles, was jemals auf die Insel gebracht wurde, scheint auch hier zu bleiben. Auf immer und ewig.
OK, der Hausmüll nicht, der wird verdichtet und in blauen Spezialcontainern mit der Fähre auf das Festland gebracht. Vermutlich jetzt in der Hochsaison täglich, denn alleine der Müllplatz am Yachthafen quillt jeden Morgen über.
Aber alte Container, verfallene Baracken, Bauschutt, gammlige Wohnwagen, Schrott aller Art, die bleiben für immer hier. Es sieht nicht vermüllt aus. Im Gegenteil. Die Insel samt Stränden ist so was von sauber, das ist schon fast unglaublich. Doch wenn man auf den großen Schrott achtet, fällt er auf. Wahrscheinlich kostet die Fährpassage für Schrott/Müll genau so viel wie für hochwertige Neuware. Geht ja wohl nur nach Gewicht und Platzbedarf. Neulich war eine Arbeitsschute hier, die zwei alte 40 Fuß Container gebracht hat, die zu Wohneinheiten umgebaut werden. Es gibt zwar erstaunlich viel großes Arbeitsgerät auf der Insel, aber natürlich keinen großen Kran, der solche Ungetüme bewegen kann. Die Schute hatte einen fest angebauten. Auf dem Dach der Container wurde eine Art Hinterachse während der Seereise gestaut. Die provisorische Hinterachse ist eigentlich nur ein Stahlträger mir zwei Reifen an den Stirnseiten. Die Hinterachse wurde zuerst auf die Pier gesetzt, dann darauf eine der Stirnseiten des Containers montiert. Auf der gegenüberliegenden Containerstirnseite greift die Forke eines Gabelstablers und dieser zieht dann das Ungetüm im Schneckentempo durch die kleine Gasse im Hafen in das Containerdorf von ANHOLT.

Dicht gepackt im Hafen von ANHOLT

Im Hinterhof des Hafens gibt es tatsächlich ein kleines Container- und Barackendorf, in dem die vielen Saisonarbeitskräfte hausen. Die meisten Bars und Essensplätze machen jetzt gegen 12:00 Uhr auf und schließen um 23:00 Uhr. Da braucht man sicher schon ein paar Menschen mehr, um den Betrieb über den Tag am Laufen zu halten.
Als es noch etwas ruhiger war hatten wir am Strand Judith und Sam kennen gelernt. Die beiden kommen aus den Niederlanden und jobben hier jetzt ein paar Wochen. Mit dem Inselflieger eingeflogen. Sam arbeitet in der Küche, Judith im Service. Vermutlich Studenten, die es mit ihrer Live-Work-Balance ernst nehmen.

In der Wüste von ANHOLT

So vergehen die Tage auf ANHOLT.

Ganz offiziell mit Nichtstun.

Gar nichts.

Auf einem Boot?

Wer glaubt denn so was?

OK, ertappt.

Habe neulich zum 10 mal oder so den Vergaser vom Außenborder auseinander gebaut. Für den Moment zwar wieder in Gang gesetzt, aber einen neuen bestellt. Das Teil ist einfach innerlich verwest. Keine Ahnung, ob dieser Gammel durch das Benzin selbst entsteht, oder ob das doch Spätfolgen der Wassertaufen von BORA-BORA sind. Eigentlich unwahrscheinlich, denn der Gammel ist ja im Vergaser und da war nach meiner Meinung kein Seewasser.
Am Ende ist das aber wohl eher so eine Nummer von Totgestanden. Wenn der Außenborder regelmäßig in Betrieb wäre, gäbe es solche Probleme eher nicht. Jedenfalls hat er uns vier Jahre zuverlässig durch die Gegend geschoben und kommt seit dem leider nur auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Betriebszeit.

Maschinen aller Art wollen geliebt werden!

Alte Weisheit eines geliebten Motorbootskippers.

Peter.