MA26: Tafraoute, Stellplatzleben

Der riesige Wohnmobilstellplatz von TAFRAOUTE (MAROKKO), im Fachjargon „die Platte“ genannt, wurde von der Gemeinde vor vielen Jahren als solcher offiziell eingerichtet. Auf „der Platte“ gibt es hier und da große Mülleimer, in fußläufiger Stadtnähe jede Menge davon.
Ebenfalls am Stadtrand befindet sich eine sehr gut erreichbare Ver- und Entsorgungstation. Bezahlen muss man dort aber nur wenn man Frischwasser tanken möchte, alles andere ist kostenlos und 24/7 zugänglich.

Steht man mit seinem Wohnmobil ein paar Tage länger „auf der Platte“ lernt man ganz automatisch viele freundliche Eingeborene kennen, die sehr routiniert ihre Geschäfte mit uns Touristen abwickeln. Von einigen dieser fleißigen Menschen handelt dieser Beitrag:

Abdala, der Wassermann auf der Platte von TAFRAOUTE

ABDALA, der Wassermann:
Genau genommen gibt es zwei Wassermänner die die ganz faulen Wohnmobilfahrer mit dem kostbaren Gut versorgen. Der eine fährt mit einem kleinen LKW über den Platz, der uns versorgende Wassermann heißt ABDALA und kurvt mit einem recht neu aussehenden TATA PickUp über den Platz. Auf der Ladefläche befindet sich neben einem großen Wassertank eine 220V Elektrowasserpumpe sowie ein Benzin getriebener Generator. Weil dann noch Platz bleibt werden auch noch ein paar marokkanische Gasflaschen verschiedener Anbieter durch die Gegend gefahren. Logisch, dieser Hol- und Bringservice macht die Sachen etwas teurer, aber eben nur etwas.
Auf Nachfrage bestätigt ABDALA das der indische TATA PickUp ein gutes Auto sei. Was man davon sehen kann lässt eine gewisse Robustheit vermuten, aber auch eine sehr spartanische Ausstattung. ABDALA hat ein erfrischendes Lachen und sichtlich Probleme mit der Hüfte. Er kann kaum laufen, soweit wir das verstehen wartet (oder hofft?) er auf eine Operation in AGADIR. Irgendwas ist ja immer.

Die lebenslange Begleitung, ihres Zeichen Hilfsziegenhüterin auf der Platte von TAFRAOUTE

FATIMA, die Wäschefrau:
FATIMA läuft jeden Tag zusammen mit ihrer alten Mutter über den Platz und fragt die Wohnmobilbesatzungen nach zu waschender Wäsche. Sie holt die Wäsche nur vormittags ab und bringt sie am nächsten Vormittag gewaschen, getrocknet und zusammen gelegt wieder zurück. Beide sehen wie zweibeinige Packesel aus, wenn sie voll bepackt über „die Platte“ laufen.
Beide Frauen sind komplett in schwarze Gewänder gekleidet, FATIMA´s Gesicht ist aber offen erkennbar. Gut geschminkt samt Baseball Mütze als Sonnenschutz unter dem schwarzen Kopftuch geben ihr ein modernes Aussehen.
Nach dem FATIMA zwei Wäscheladungen sehr gut und sehr sorgfältig für uns erledigt hat fragen wir sie, ob sie auch unsere Bettwäsche machen könnte? Die brauchen wir am gleichen Tag zurück, schließlich fahren wir solche riesigen Textilien nur einmal. Mit Hilfe von GOOGLE TRANSLATE von DEUTSCH nach ARABISCH wird diese Besonderheit ausdrücklich besprochen, wir glauben FATIMA hat verstanden und sie zieht mit ihrer Mutter von dannen…
…und kommt einfach nicht wieder. Es dämmert bereits und wir können uns nicht vorstellen das die junge Frau mit ihrer alten Mutter hier im dunklen über den Platz läuft. Oder auch laufen kann. Also gehen wir wie geplant zum Essen in der Stadt und schlafen, notgedrungen, zunächst einmal ohne Bettwäsche.
Am nächsten Morgen kommt FATIMA mit unserer Bettwäsche und gibt zu verstehen, das sie gegen 2000 bei uns am Auto war. Es sei aber niemand da gewesen. Genau. Wie peinlich, da waren wir beim Essen.
Für FATIMA kein Problem, sagt sie jedenfalls. Für uns schon. Aus unserer Sicht einziges Heilmittel: Ein noch besseres Trinkgeld als die beiden Male zuvor. Was sind wir bloß für Kunden die auf Same-Day-Delivery pochen und dann einfach nicht da sind?

Die Platte von TAFRAOUTE (Wohnmobilstellplatz)

MUSTAFA, der Reifenmann:
MUSTAFA lernen wir bereits am ersten Tag auf „der Platte“ in TAFRAOUTE kennen. Er radelt mit seinem Fahrrad in einem schmuddeligen Schwarz-Orangen Overall über den Platz auf der Suche nach Aufträgen. Seine Spezialität: Das Profil von alten Reifen auffrischen. Dazu schnitzt bzw. vertieft er mit dem Messer im vorhandenen Material die Profilrillen. OK, was es nicht alles gibt? Aber Danke, nein.
EIn paar Tage später treffen wir MUSTAFA auf dem Platz wieder und fragen ihn, ob er unseren kaputten und in ASSA bereits geflickten Reifen „irgendwie besser“ reparieren könnte? Dem aktuellen KNAUSi Fahrer sind die großen Fahrradflicken und der Sekundenkleber nach einigen Tagen der Überlegung nicht mehr ganz geheuer.
MUSTAFA versteht mit Sicherheit nicht alles, meint aber, das besser machen zu können. Also wird der noch demontierte Reifen in KNAUSi geladen und der aktuelle KNAUSi Fahrer fährt langsam MUSTAFA´s Fahrrad hinterher. Seine kleine Werkstatt liegt mitten in TAFRAOUTE und er macht sich sofort ans Werk. Als er versteht, das der aktuelle KNAUSi Fahrer zusehen möchte bietet er ihm einen kleinen Hocker an, denn die Reparatur daure 40 Minuten. 40 Minuten? Ja, 40 Minuten. Zunächst entfernt er die alten Flicken mit einer Schleifmaschine, vulkanisiert die Innenseite der Decke und klebt dort zugeschnittene Flicken aus einem dickeren Material auf. Dann wird der ganze Reifen in eine Art Presszange mit Heizung eingespannt und die Klebefläche dort gut 20 Minuten „gebacken“. OK, das ist anders als bisher gesehenes.
Nur, von außen, auf der Profilseite des Reifens kommt, man ahnt es schon, noch mal eine ordentliche Ladung Sekundenkleber. OK, wenn diese Sekundenklebertechnik in MAROKKO so weit verbreitet ist, dann muss die ja wohl funktionieren?
MUSTAFA montiert noch schnell den nun erneut reparierten Reifen wieder an KNAUSi´s Hinterachse, das Reserverad wird notdürftig vorne verstaut, bezahlt, bedankt und verabschiedet. Nun, schauen wir mal wie lange der Reifen hält.

KNAUSi auf der Platte, TAFRAOUTE, MAROKKO

Der unbekannte Platzwart:
Jeden spät Nachmittag, fast schon Abend kommt der Platzwart und kassiert die Stellplatzgebühr. Er trägt ein Halsband mit einem offiziell aussehenden Ausweis. Im Gegenzug für 15 DH bekommt jeder ein kleines Ticket mit einer laufenden Nummer.
Von einem anderen Wohnmobilfahrer hören wir das aktuell gut 370 Wohnmobile auf „der Platte“ seien. Das wäre schon sehr voll aber (nun, das Gefühl von „voll“ können wir nicht bestätigen) in Spitzenzeiten stünden hier auch schon mal 700 Autos. Jeden Tag bummelig 5000 DH Einnahmen für die Stadt, das summiert sich schon ganz gut. Dazu die mit Touristen sehr lebhafte Innenstadt.
Vor langer Zeit muss ein kluger Verantwortlicher die richtigen Weichen für diese Entwicklung gestellt haben, anders ist diese perfekte Organisation nicht erklärbar. Im Ort gibt es im übrigen einen kleinen Campingplatz, auf dem auch einige Autos stehen. Offenbar die, die Strom brauchen und/oder nicht im Auto duschen wollen?

Namenslose Händler:
Zwischen fünf und zehn Kleinhändler kommen am Tag zu Fuß vorbei und wollen ihre Spezialitäten verkaufen. Da gibt es den Himbeer- und Erdbeermann, den Jungen der selbst gebackene Schokopfannkuchen anbietet, die Brotfrau, die jeden Morgen frisches Baguette anbietet oder die Eierjungs, die rohe Eier in Eimern transportieren. Klar, alle verlangen etwas mehr Geld als wenn man die Sachen in der Stadt kaufen würde. Aber eben nur etwas mehr und dadurch, so glauben wir, werden hier „auf der Platte“ auch alle glücklich miteinander.

Man sieht, man kann es schon sehr gut hier auf „der Platte“ in TAFRAOUTE aushalten.

Peter.

Die Platte, TAFRAOUTE, MAROKKO (Wohnmobilstellplatz)

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