Schaut man auf die Landkarte, liegen FIGUIG und ICH recht dicht beieinander, aber zwei Hindernisse gibt es für eine direkte Verbindung: Zum einen die Landesgrenze zwischen MAROKKO und ALGERIEN. Die beiden Nachbarländer mögen sich so gar nicht seit der Annektion der WEST SAHARA durch MAROKKO. MAROKKO hat extra einen kleinen, gut sichtbaren Schutzwall aufgeschüttet. Ob der wohl hilft?
Zum anderen gibt es da ein Stück Wüste und Berge, die eine direkte Verbindung unmöglich machen.
Also muss man gut 150 Kilometer von FIGUIG nach ICH auf der gut ausgebauten Straße zurück legen. Ungefähr 20 Kilometer bevor man wieder BOUAFRA erreichen würde gibt es den Abzweig auf der P6108 nach ICH. Da steht auch eine Polizeikontrollstation. Die drei Beamten im kleinen Auto lassen einen passieren, doch der aktuelle KNAUSi Fahrer will wissen ob die Straße (immerhin gut 70 Kilometer) nach ICH gut passierbar ist. Alle drei Beamten geben „kein Problem“ zu verstehen und in der Tat ist die Straße in einem perfekten Zustand.
Erst bei Erreichen des kleinen Dorfes am östlichsten Ende der marokkanischen Welt wird es mal kurz spannend, weil die neue Straße steil bergauf in die Neustadt führt. Oben angekommen werden wir sofort von MOHAMMED in Empfang genommen.
Wir hatten das vorher schon gelesen, aber es stimmt tatsächlich: Die Berberfamilien entlang der Strecke rufen MOHAMMED an, wenn sich ein Wohnmobil dem Dorf nähert. Das kann man schlecht finden, wir finden es sehr gut, denn MOHAMMED ist der Türöffner in diesem kleinen Dorf umringt von ALGERIEN schlechthin.
MOHAMMED ist 55 Jahre alt sieht aber mit seinem wetter gegerbten Gesicht etwas älter aus. Ungefähr so groß wie des KNAUSi´s aktuelle Beifahrerin, derzeit gemeinhin als Stricklisel bekannt. MOHAMMED wurde in ICH geboren, studierte dann aber in einer großer Stadt. Irgendwann ist er mal in den Sommerferien zu Besuch gekommen und hat sich in seine Cousine verliebt. Geheiratet und hier geblieben. Gemeinsam haben sie zwei Mädchen, beide studiert und aktuell nicht in ICH. MOHAMMED spricht relativ gutes Englisch und das macht sich auf seiner kleinen Dorfführung sehr gut.
Die Wasserversorgung in ICH wird aus einer eigener Grundwasserquelle sicher gestellt. Das Wasser kann ohne Pumpe entnommen werden da es von sich aus an die Oberfläche sprudelt.
Die kleine Palmeria gehört allen, jeder kann Wasser jederzeit für seinen eigenen kleinen Gemüsegarten abzwacken. Das Dorf hat zwar ein eigenes Krankenhaus, vermutlich gibt es aber keinen richtigen Arzt. Für echte Notfälle steht an zentraler Stelle ein Krankenwagen abfahrbereit vor der Tür. Die wenigen Kinder von ICH können im Ort nur die Grundschule besuchen. Wenn es weiter gehen soll müssen sie das Dorf verlassen.
Es leben 45 Familien mit ca. 150 Menschen in ICH. 42 Familien leben in der Neustadt, 3 sind in der Altstadt in den Lehmhäusern geblieben. MOHAMMED ist sicher, die Wohnungen in der Neustadt sind im Winter viel kälter als die Wohnungen in den Lehmhäusern!
2008 hat ein großer Regen die traditionellen Lehmhäuser zerstört. Der König hat Bautruppen geschickt um die Neustadt zu bauen, jede Wohnung kostenlos für die Bewohner von ICH. Das Dorf ist eigentlich uralt, die ersten Bewohner haben ihre Wohnungen in die Felsen gegraben, später wurden dann die Lehmhäuser gebaut. Vermutlich weil es hier schon immer die Quelle mit dem vielen Wasser gab (?).
Bei dem ausführlichen Rundgang durch das Dorf und dessen Umgebung machen wir auch halt im Garten von MOHAMMEDs Familie. Er erntet für uns Möhren, Erbsen, Rettich und Koreander. All das wächst in einem recht sandig daher kommenden Boden, eigentlich unglaublich.
Irgendwer hat am Ortsrand ein Museum gebaut. Das sieht von außen besser als von innen aus. Der Bauherr hatte wohl mal großes vor, jetzt ist das Gebäude eher ein Veranstaltungsraum für Hochzeiten. MOHAMMED bittet uns in das bereits gut gefüllte Gästebuch zu schreiben. Aus den Eintragungen im Gästebuch kann man schließen das in den letzten Tagen jede Nacht ein Auto hier war, aber es gibt eine lange Lücke zwischen dem 4. und 20. Februar 2026 ohne Besucher. Schade eigentlich.
Am Abend, nach dem Fastenbrechen holt uns MOHAMED auf ein Glas Tee ab. Wir sitzen im unordentlich wirkenden Wohnzimmer der Schwiegereltern, die wohl gerade nicht da sind. Vielleicht mitten im Umzug?
Wir bringen ein paar Gastgeschenke mit die wir im Auto zusammen gesucht haben und hoffen, das er vieles davon an die Dorfbewohner weiter gibt. Wie schon der unfreiwillige Führer in FIGUIG fragt auch MOHAMMED nicht nach Geld, freut sich aber als wir ihm welches für seine Zeit zustecken. Gut drei Stunden hat er sich mit uns abgegeben und sich Löcher in den Bauch fragen lassen. Nicht heraus gefunden haben wir in welchem Verhältnis MOHAMMED zu den anderen Dorfbewohnern steht und ob es Eifersüchteleien gibt. Schließlich gibt es in dem Dorf wirklich nichts. Keinen noch so kleinen Kaufmann. Alles was nicht selbst hergestellt werden kann muss aus BOUAFRA heran geschafft werden.
Die Landschaft entlang der Straße ist extrem vielschichtig. Liegt ICH noch gut versteckt in den (kleinen) Bergen ist das letzte Drittel platte Wüste pur. Echte Berberzelte findet man kaum noch, offenbar ist es einfacher und besser auf Plastikhüllen umzusteigen. Die gibt es in der Größe eines Berberzeltes natürlich so nicht und daher sind die diese modernen Berberzelte weithin bunt leuchtende Behausungen. Die Berber hier leben von Viehhaltung. MOHAMMED ist sich nicht sicher, glaubt aber das der Wert eines verkaufsfähigen Schafes bei etwa 1.000 DH startet. Donnernittel: Da laufen regelmäßig Schafherden im Werte eines einfachen Kleinwagen über die Straße. Daher werden die also so gut behütet.
Esel und Kühe hingegen laufen frei und scheinbar ohne Aufsicht in der Gegend herum. So ein Esel mag seinen Weg nach Hause ja noch finden, aber schafft das eine Kuh auch?
Wenn man sich mal überlegt welchen unfassbar großen Aufwand MAROKKO an dieser östlichsten Landesstelle treibt: Strom gelegt, durchgehend geteerte Zufahrtsstraße gebaut, nach der Regenkatastrophe eine Neustadt gebaut. Natürlich sehr gutes Mobilfunknetz. Grundschule. Das alles für 150 Menschen. Respekt.
Am nächsten Morgen verlassen wir realtiv früh´ ICH ohne MOHAMMED noch mal zu sehen. Es geht zwar nur gut 100 Kilometer zurück nach BOUAFRA, aber des KNAUSi´s Besatzung hat noch großes vor: Durch die ganzen Wüstentouren ist das Auto sowohl außen als auch innen total verdreckt und es ist schon fast unangenehm darin zu sitzen.
Also Kammerstunde in BOUAFRA!
Hurra!
Peter.




