MA26: Tisguine, Ouarzazate

Zwei Übernachtungsstopps auf dem Weg OUZOUD.

Kommt man aus Richtung M´HAMID erscheint kurz vor ZAGORA der kleine Ort TAMEGROUTE. Im Ort befinden sich zahlreiche Töpfereien die ihre Produkte entlang des Straßenrandes auch direkt selbst vermarkten. Sicherlich, die Verkäufer haben auch ein Auge auf die vorbei kommenden Wohnmobilfahrer geworfen, doch das Hauptgeschäft wird mit den kleinen Tourbussen, voll beladen mit Flugtouristen, gemacht. Daher gibt es auch immer auf den ersten Blick zu viele Verkäufer im Laden. Wenn sich dann eine Tourbusladung in den Laden entlädt wird durch eine 1:1 Betreuung schnell sicher gestellt, das ordentlich was verkauft wird. 
Selbst größere Teile, die nichts ins Fluggepäck passen würden, werden verkauft. Denn auch aus der Wüste von MAROKKO kann man Pakete weltweit versenden. 

Töpferei BEN MILOUD in TAMEGROUTE, Marokko

Zum Glück (denkt der aktuelle KNAUSi Fahrer im stillen) besucht die aktuelle Beifahrerin nur einen dieser Läden. Ob es sich bei den angebotenen Töpfen, Vasen, Schalen, Tassen, Tajinen oder sonstigen Gefäßen um große Töpferkunst handelt mag dahin gestellt bleiben. Aber die farbenprächtigen Glasuren sind richtig hübsch anzusehen und vermutlich die wahre Kunst am Objekt. 

Erstaunlich schnell werden einige Objekte der Begierde zusammen getragen und die zwingend notwendigen Preisverhandlungen beginnen. Das Glück ist der Chefeinkäuferin an diesem Morgen hold denn just in diesem Moment kommt eine portugiesische Reisegruppe in den Laden und unser Verkäufer möchte schnell zu einem Verhandlungsende kommen um sich auch den neuen Kunden widmen zu können. Ursprünglich möchte der Mann für alles 770 DH haben, eine kleine Ewigkeit wird dann aber über 600 vs. 650 DH verhandelt. Am Ende gewinnt selbstverständlich die Chefeinkäuferin. Knallhart, wie sie nun mal ist. Wie sie immer war.

Das wäre dann nun auch mal geschafft!

In TAMEGROUTE könnte man auch Sport machen. Könnte.

Noch mal kurz in ZAGORA Lebensmittel einkaufen, macht aber tagsüber wegen RAMADAN nur noch halb so viel Spaß wie zuvor. Wenn RAMADAN ist geht man besser so gegen 1600, 1630 zum Einkaufen. Dann brodelt die Straße.

Die Stellplatzsuche für die Nacht gestaltet sich etwas aufwendiger. KNAUSi begutachtet einen ca. 15 Kilometer abseits der Strecke liegenden Palmenhain. Auf dem ersten Blick hübsch gelegen, aber etwas tricky in der Anfahrt, auf den zweiten Blick absolut ungeeignet: Neben Palmen gibt es hier knapp 1 Milliarden Fliegen die offenbar auf weißes Frischfleisch warten. Der wilde Palmenhain liegt windgeschützt in einer Senke und so können die kleinen Viecher ungestört und ohne Mühe ihr Unwesen treiben. Also wieder zurück zur Hauptroute.

Stellplatz in der Nähe von TIZGUINE, MAROKKO

Die Anfahrt zum nächsten Stellplatz in der Nähe von TIZGUINE ist nicht nur tricky, sondern sehr holprig. Das liegt an dem vielen Geröll in dieser sehr einsamen Steineinöde und nur weil irgend jemand an einer Stelle so eine Ahnung von Stellplatz frei geräumt hat kommt dieser Platz überhaupt in Frage. Ohne Zweifel stellt ein solcher steiniger Untergrund größte Anforderungen an die Reifen der beteiligen Fahrzeuge. 

Der Abend und die Nacht verlaufen völlig ungestört und in gespenstischer Stille. Am kommenden Morgen tauchen wie aus dem Nichts zwei kleine Jungs auf. Der eine vielleicht acht Jahre alt, der andere sechs?
Der große schickt den kleinen vor um mal nachzusehen was da wohl los ist? Zwei Bananen und zwei Kugelschreiber sind die erste Beute für diese mutige Kontaktaufnahme zu den Fremden. Beide ziehen von dannen, kommen aber kurz darauf schon wieder und wollen nun uns etwas schenken. Die kleinen Steine entpuppen sich zweifellos als Fossilien die hier einfach so herum liegen und die beiden scheinen diese als solche zu erkennen. Später stellt sich heraus das an der Hauptstraße, um die nächste Kurve herum, ein Fossilienhändler seinen Geschäft betreibt. Vermutlich sind die beiden Kinder seine bereits bestens trainierten Jungs?

CASCADE DE TIZGUI, Marokko

Nun denn, so richtig glücklich wirken die beiden da noch nicht. Da kommt dem aktuellen KNAUSi Fahrer doch glatt der seit einer Ewigkeit herum gefahrene rote kostbare Lederfußball mit der marokkanischen Flagge darauf in den Sinn (vgl. M´HAMID). 

Wären die beiden wohl würdige Fußballer für diesen tollen Ball? 

Der große zeigt Begeisterung und nimmt den noch glänzenden Ball sofort an sich. Das findet der kleine offenbar nicht so gut und macht ein beleidigtes Leberwurst Gesicht. Die aktuelle Beifahrerin, hier in ihrer Eigenschaft als Ballverschenkerin, gibt zu verstehen das der Fußball ja für beide sei und man ja auch nur zusammen damit spielen könne. 
Vermutlich dringt sie aber mit dieser einfachen Botschaft nicht durch, der kleine macht einfach kein glückliches Gesicht. Auch nicht als er schließlich den Ball in den Händen hält. Merkwürdig.

Oh je, was haben die weißen Touristen in ihrem weißen Auto in einem fremden Land da nur wieder angerichtet? 

Nun, irgendwann, hoffentlich ganz demnächst, werden beide viel Spaß beim Kicken haben. 

Störche auf einer Moschee in OUARZAZATE. Dürfen die das?

Die in Reiseführern sehr belesene reisende im anderen Fahrzeug erwähnt das es auf dem weiteren Weg nach OUARZAZATE noch den kleinen Wasserfall CASCADE DE TIZGUI zu besichtigen gäbe. OK, kann man machen.
Doch die Kernfrage des Tages, wie man denn genau nach OUZUD gelangen könnte und wo zu nächtigen wäre, bleibt zunächst unbeantwortet. 

Grundsätzlich gibt es in dieser Gegend zwei Routen nach Norden:
Die eine führt über die gut ausgebaute Hauptstraße N9 durch den HOHEN ATLAS verdächtig nahe an MARAKESCH heran und verleitet einige zu dem Gedanken dort noch einmal Station zu machen?
Der direktere Weg durch den Berg ist kürzer und nennt sich seit kurzem erst N23. Auf den ersten Blick eindeutig die spannendere Straße, zumal noch nicht befahren. Doch eines ist auch klar: Die Machbarkeit dieser Strecke muss im Vorfeld genau überprüft werden. Durch Unwissenheit über die Verhältnisse im Berg in Schwierigkeiten zu kommen ist keine Option. 

An der CASCADE DE TIZGUI trifft sich die kleine Reisegruppe zunächst wieder und beschließt dort auf getrennten Wegen nach OUZOUD zu fahren. 

Dieser Miniwasserfall mit sehr wenig Wasser ist vermutlich nicht der Rede wert. Aber OMAR, der Wirt der dieses Wasserloch im Fels mit seinem Café / Restaurant bewirtschaftet durchaus. Was für eine Marke?! Sichtlich nach erst ein paar RAMADAN Tagen geschwächt versucht er dennoch nach Kräften seine Gäste zu unterhalten. Und hier und da sich immer mal rückversichern ob man nicht vielleicht doch etwas essen wolle? Klar, sein Kerngeschäft.

Des KNAUSi´s Besatzung macht noch einmal auf dem städtischen Campingplatz von OUARZAZATE Station. Geplant ist nur eine Nacht, dann über die N23 über den ATLAS. Der Campingplatz ist, verglichen mit 2022, in einem sehr guten Zustand und recht gut besucht. Zwei deutsche Autos, zwei Niederländer, 1.000 Franzosen mit ihren riesigen Ungetümen samt Anhängern.

Eingang zum Markt von OUARZAZATE, Marokko

Das wichtigste zuerst: Kann die N23 gut befahren werden? 
In einer ersten Internetrecherche ergibt sich kein klares Bild über den aktuellen Straßenzustand. Irgendwann einmal wird diese Straße vielleicht auch komfortabel zu bereisen sein, doch im Moment scheint die Strecke eher schwierig bis sehr schwierig zu sein. GOOGLE liefert einfach oft zu viel Mistseiten mit durchgehend BlaBla. Unbefriedigende Informationslage an diesem Nachmittag.

OK, erst mal Abstand gewinnen. 
Ein ausgedehnter Spaziergang in die Stadt wird hilfreich sein. Auf dem Weg könnte man auch mal prüfen was mit der INWI SIM Karte los ist, läuft doch nun das All-You-Can-Eat Guthaben nach vier Wochen im Land planmäßig ab. Einen INWI Laden der offen haben soll gibt es in 3 Kilometern Entfernung. Gute Distanz!
Langweiliger Weg, Laden verrammelt und geschlossen. Tolle Wurst.
Aber halt, in nur 1,3 Kilometern gibt es ja noch einen? Also da hin. Wie sollte es auch anders sein, auch der ist geschlossen. Das mit dem RAMADAN ist schon eine sehr, sehr spezielle Sache für uns Touristen. 
Komisch, in dieser Gegend scheint es ja so was wie einen Straßenmarkt zu geben? Und sogar einen SOUK (überdachter Markt)? Jetzt, kurz vor Sonnenuntergang herrscht hier noch mal Hochbetrieb und letzte Einkäufe für das sehr bald anstehende Fastenbrechen werden hektisch von den Eingeboren getätigt. Tolle Kulisse, tolle Stimmung. Also eigentlich müsste man Morgen, etwas früher vielleicht, noch mal wieder kommen?

Der nun gut 6 Kilometer lange Rückweg wird ein echtes kleinem Erlebnis denn GOOGLE kennt eine tolle Abkürzung durch ein altes Wohngebiet, zu Fuße der Neustadt und abseits der großen Straßen gelegen. 
Alte Lehmhäuser, windschiefe Mauern, winzige verwinkelte Gassen. Nicht unbedingt Armut vermittelnd, aber Einfachheit auf jeden Fall. Möglicher Weise sollte man solche Gegenden als weißer Tourist in der Abenddämmerung meiden? Doch wie sich heraus stellt leben hier wirklich nur Familien, Kinder spielen auf der Straße, Jugendliche hängen herum, alle warten sichtbar darauf das es endlich was zu Essen gibt. 

All das führt dazu das wir eine Nacht länger bleiben wollen. Einfach mal wieder die Motorroller auspacken um die langen Fußwege in dieser großen Stadt zu vermeiden! 

Ein Ruhetag kommt gar nicht mal so ungelegen: 
Rückreiseplanung (geht die Fähre wirklich, Campingplatz in SETE), Sommerreise ENGLAND eintüten und Bürokram wollen auch mal erledigt werden. Dann mit dem Krachmachern in die Stadt. Es stellt sich heraus das man gar keinen INWI Laden braucht um das Guthaben aufzufrischen, das geht wie bei MAROC TELECOM per Rubbelkarte, erhältlich in nahezu jedem Kiosk. Wieso aber eine zuvor häufig in Köln angerufene Telefonnummer nicht mehr über diesen Weg erreichbar ist bleibt ungeklärt. 

Der örtliche MARJANE Supermarkt ist am späten Morgen kaum besucht und eine willkommene Einkaufsablenkung. Der gleich gegenüber befindliche Alkoholladen hingegen ist fest verschlossen, vielleicht auch besser so. 

Nun aber noch mal die N23 recherchieren. 
Erst über eine zeitliche Einschränkung der GOOGLE Suche wird ein Reiseblog eines Niederländers gefunden der die Straße vor vier Tagen selbst befahren hat. Gut beschrieben, gut bebildert, gut ausgeredet. Das wird wohl nichts werden. Zu viele „normale“ Baustellen, zu viele „provisorische“ Baustellen durch Erdrutsche, Schnee und Regen. 

Es scheint keine offizielle Internetseite in MAROKKO zu geben in der die Passierbarkeit der einzelnen HOHEN ATLAS Straßen tagesaktuell dokumentiert wird. Das ist auf der Straße nun mal anders als beim Segeln: Da kann man verschiedene offizielle Quellen befragen und wenn dann mal Sturm angesagt ist dann weicht man aus oder segelt erst gar nicht los. 

In einer (von vermutlich mehreren) Altstadt von OUARZAZATE, Marokko

OK, nicht schön. Aber besser sicher unschön als spannend doof. Dann eben über die N9 außen herum. Wäre das auch mal geklärt. 

Am späten Nachmittag dann wie geplant noch mal mit den Rollern zum Innenstadtmarkt. An alle Läden und Ständen, die nichts mit Lebensmitteln zu tun haben herrscht gähnende Leere, in irgendwelchen Ecken dieser Läden lümmelt ein Verkäufer herum. Nur da wo es was zu essen gibt ist der Bär los. Zu spaßig ist der Anblick eines ausgewachsenen Schäferhundes der sprungbereit vor einem Schlachter liegt um irgend ein nicht mehr benötigtes Stück Rind abzustauben. 
Die Hühnerhaltung auf dem Markt einmal mehr eine Katastrophe. 

Bitte, bitte keine Wiedergeburt als Huhn!

Doch, wenn man es genau überlegt, an wen richtet man eigentlich eine solche Bitte genau?

Immer diese drängenden, lästigen Fragen!

Peter.

Ein Kommentar

  1. Lieber Peter,

    als Teil der „Besatzung“ des anderen Fahrzeugs beschäftigt mich seit Beginn unserer in weiten Teilen gemeinsamen Reise durch Marokko die Frage nach dem Umgang mit den einheimischen Kindern. Vor allem natürlich mit denjenigen, die unmissverständlich und ohne viele einleitenden Worte ihren Wunsch nach einem Geschenk äußern. Man kann es betteln, man kann es „anständig fragen“ nennen.

    Zu der von dir geschilderten Situation am Morgen nach der gemeinsamen Nacht am freien Stellplatz im Draatal ging und geht mir folgendes durch den Kopf: diese beiden Kinder haben sich tatsächlich sehr zaghaft und scheu unseren Fahrzeugen genähert. Soweit ich es wahrgenommen habe, fragten sie nicht nach irgendetwas. Insofern könnte die pure kindliche Neugier sie angetrieben haben und mutig sein lassen. Über die beiden Bananen (die meiner Beobachtung zufolge das erste Geschenk waren), haben sie sich erkennbar riesig gefreut und sie zogen zufrieden ab. Dann begannen sie, am Boden nach etwas zu suchen und kehrten mit besagten kleinen Fossilien zurück. Diese überreichten sie sichtlich stolz an Heidi. Das war ein wirklich schönes Erlebnis. Zwei Kinder beantworten ein (vielleicht überraschendes ?) Geschenk mit einem Gegengeschenk, um sich zu bedanken – wahrscheinlich sehr in Einklang mit den kulturellen Gepflogenheiten des Landes und sozusagen auf Augenhöhe. Dann jedoch folgten mit Fußball und Stiften weitere Geschenke.

    Ich stelle mir zu dieser und anderen (mit oder ohne euch erlebten) Situationen folgende Fragen:

    Was macht es mit dem Selbstbild und der Würde dieser Kinder, wenn sie sich im Kontakt mit Touristen in erster Linie als bedürftig darstellen und in dieser Bedürftigkeit durch Geschenke bestätigt werden? Was lernen sie aus diesen Erfahrungen, worauf werden sie konditioniert?

    Möchten wir als Touristen immer wieder mit „Bonjour! Dirham?“oder „Bonjour!Stylo?“ begrüßt und und uns im Kontakt zu den Kindern auf diese Rolle reduzieren lassen? Auf eine derart zweckgebundene Form der Kontaktaufnahme, die so vieles andere überlagert?

    Wird mit dieser Lernerfahrung der Kinder womöglich der Samen gelegt für ein Verhalten, das uns alle nervt – nämlich die Aufdringlichkeit, das Fordernde und manchmal auch Unverschämte mancher Souvenirhändler (und anderer)?

    Was hat dieses bereitwillige Eingehen auf das Betteln, Fragen oder einfach Da-Sein von Kindern in Form von Geschenken mit dem Gebenden zu tun? Was treibt ihn/sie an? Welche Motive und Bedürfnisse liegen dem gegebenenfalls zugrunde?

    Wahrscheinlich mache ich es deiner Meinung nach (mal wieder) viel zu kompliziert. Ich habe keineswegs fertige Antworten auf diese Fragen, finde es aber durchaus lohnend, sie sich zu stellen!

    Viele Grüße
    Sabine

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