Wenn die Anreise zu einem weit entfernten Ort länger dauert als das dortige Verweilen dann sagt das vieles über den besuchten Ort aus, oder?
Die letzten knapp 200 Kilometer werden kaum merklich gefahren. Nicht nur gefühlt eine Kurzstrecke. Je dichter man der einzigen Metropole weit und breit kommt, um so mehr Gewerbeansiedlungen finden sich entlang der Straße in der Wüste. Ein großer Wasserturm wird neu gebaut, ein Fest für gestandene Gerüstbauer! 40 Kilometer vor der riesigen Lagune von AD DAKHLA baut MAROKKO einen Tiefwasserhafen mitten ins Meer. Also eine große künstliche Insel, mit dem Land über eine lange flache Brücke verbunden. Wahnsinn.
Die Halbinsel AD DAKHLA im Süden MAROKKOS beginnt landschaftlich spektakulär. Die zuvor sehr eintönige Wüstenlandschaft bricht auf einmal auf, der Höhenunterschied zum Wasser beträgt vielleicht gerade einmal 50 Meter zwischen Hochebene und Küstenstreifen. In sich durch die Natur ergebene Nischen wurden Hotels und Resorts in aufsehen erregender Architektur gebaut. Buchstäblich in die Landschaft eingebettet. Zusammen mit dem Wasser der riesigen Lagune sieht das dann schon sehr besonders aus.
Direkt in diesem schönen Umfeld befindet sich der Strandparkplatz PK25, benannt nach einem festen Kontrollpunkt der Polizei bei Straßenkilometer 25 auf der Halbinsel. PK25 wird als kostenloser Wohnmobilstellplatz von vielen Dauercampern, man muss es wohl so sagen, missbraucht. Nur wenige Durchgangsreisende sind zu erkennen. Noch weniger Eingeborene finden mit ihren PKW´s einen Parkplatz um mit ihren Familien an den Strand zu kommen.
PK25 ist beliebt bei Wassersportlern, denn hier kann man in unmittelbarer Stellplatznähe Kiten, Foilen oder was auch immer gerade der neueste Schrei auf dem Wasser sein mag. Vielleicht ein Drittel der Camper sind auf dem Wasser aktiv, die anderen genießen schlicht die Sonne. In der Einfahrt zum Parkplatz stehen zwei zu Wohnmobilen umgebaute Reisebusse aus Deutschland, etwas weiter ein ebenfalls umgebauter Sattelschlepper samt Kofferauflieger, aus den Niederlanden. Menschen kommen auf Ideen.
Obwohl durch die frühe Ankunft ein Platz ergattert werden kann ist der Fahrer nicht zufrieden. Hier stand vor nicht allzu langer Zeit Wasser auf dem Boden. Weiter vorne hat sich ein See gebildet, unklar, aus was für einem Wasser der besteht. Frischwasser? Grauwasser? Besser nicht mit dem Auto darin stehen.
Kurz was essen, dann die Roller aus dem Anhänger holen und damit in die Stadt fahren. Weiter als gedacht, gut 30 Kilometer werden gebraucht um so was wie Stadt zu erreichen. 10 Kilometer davon sind eine sechsspurige Allee an deren Rändern wohl so was wie eine Vorstadt entstehen soll? Aktuell eine schier endlose Bauwüste. Aber das ist nichts im Vergleich zur Stadt. Sehr wenig alte (keine 50 Jahre alt) Gebäude, dafür ohne Ende Neubauten in verschiedenen Baustadien, Straßen und Promenaden im Bau, Staub, Dreck und Baulärm allerorten.
Obwohl wie wild mit den Motorrollern herum gekurvt wird findet sich nicht ein hübscher Straßenzug, nicht eine schöne Wohngegend. In einem „Altbauviertel“ werden wenigstens Lebensmittel für den Abend eingekauft.
Sicher, hier und da gibt es nagelneue, in leuchtenden Farben daher kommende Neubauten, die etwas die Bautristesse übertünchen. Aber es wird noch viele, viele Jahre dauern bis AD DAKHLA ein ähnlich ansehnlicher Ort wie zum Beispiel LAAYOUNE oder BOUDJOUR, ein paar hundert Kilometer weiter nördlich, werden wird. Aber das wird so kommen.
Damit der Nachmittag nun nicht völlig vergeigt herüber kommt zum Abschluss noch Kaffee und Kuchen in einem hübschen Cafe. Mit Ausblick auf die hier nun sehr breite Lagune. Und selbstverständlich die im Bau befindliche Uferpromenade. Der klasse aussehende Kuchen entpuppt sich als eine massive Cremtorte, jeder Löffel wird so ungefähr 1.000 Kilokalorien schwer sein. Etwas voreilig, davon zwei Stück bestellt zu haben.
Ob wohl irgendwer genau weiß wie viele öffentliche Bauvorhaben in AD DAKHLA parallel betrieben werden? Sind es 100 oder eher 1.000?
Hat der seit Tagen stark blasende Nordwind die Rollerfahrt in die Stadt noch gut beschleunigt, verlangsamt er die Rückfahrt doch erheblich. Zum Glück sind die beiden Motorrollerfahrer gut angezogen. Winddichte Jacken und seit diesem Jahr gehören sogar Nierengurte zur Standardausrüstung. Doch macht es wahrlich keine Freude auf der Landstraße mit Schneckentempo nach Hause zu eiern. Das Herumkurven in der Baustellenstadt war dann doch interessanter. Immer eine Frage der Perspektive.
Beide Rollerfahrer kommen auf der langen Rückfahrt zum gleichen Gedanken: Hier braucht man nicht länger zu bleiben. Kein guter Stellplatz, keine besonderen Sehenswürdigkeiten, kein noch weiter im Süden liegendes Ziel. Die Grenze nach MAURETANIEN ist zwar nur noch 375 Kilometer entfernt, aber irgendwann reicht es wohl auch mit dem sinnlosen Diesel verbrennen? Dabei kostet der in der ehemaligen WEST SAHARA nur 0,80 € den Liter. Da kann man schon mal was durchziehen, gell?
Die eine Reisende äußert beim Abendbrot noch einen ganz anderen Gedanken. Steht doch in ein paar Tagen ihr Ehrentag im Kalender und den möchte sie gerne mit dem im Norden verbliebenen Teil der kleinen Reisegruppe verbringen. Also zügiger Rückmarsch, zunächst über die gleiche Straße in Gegenrichtung, denn hier unten gibt es ja keine andere als die N1. Aber dann sobald als möglich in den Osten abbiegen. Auf keinen Fall noch mal auf die super langweilige Autobahn bei TAN TAN!
Das ist doch mal ein schöner neuer Plan.
Und weiter geht die Reise, einfach immer weiter.
Peter.



