Nun denn, wenn man vor vier Jahren einen Reisefehler begangen hat und nun die Gelegenheit bekommt, ihn zu korrigieren, dann sollte man den Fehler wohl korrigieren?
Einzig und allein deshalb, weil man es kann.
Das ist Luxus. Ordinäre Reisefehler korrigieren zu können.
Statt wie in 2022 wie ein bekloppter die vielleicht beste Strecke durch den HOHEN ATLAS (MAROKKO) durchzubrettern, sollen diesmal insgesamt drei Tage für die xxx Kilometer lange Reise zur Verfügung stehen. Doch egal was man so plant und sich vornimmt, Ende Februar ist das Wetter in diesem spektakulären Gebirge noch nicht so stabil das außer schönen Erinnerungen auch brillante Hochglanzbilder daraus zu ziehen sind.
Erst ein mal aus OUZOUD heraus kommen und ins Flachland von BENI MELLAL gelangen. Das ist eigentlich schon toll genug für einen Tag. Die Großstadt wird diesmal einfach nur durchquert, eine gefühlt elend lange Strecke im dichten Verkehr. Vorsichtig geworden was vermeintlich gute Abkürzungen angeht ist eigentlich geplant auf Nationalstraßen zu bleiben. Aber wenn dann doch mal ein Straßenschild auf eine Abkürzung verweist, wer kann da schon wiedererstehen?
Daher wird nach BENI MELLAL die N8 verlassen und die P3204/P3208 benutzt um auf direkterem Wege zur N12 (R317) zu gelangen. Es ist dieser Tage schon etwas komplizierter mit den Bezeichnungen der Straßen. Zumal die „tolle“ Papierkarte von GIZIMAP noch nicht mal die N12 und damit den Weg nach IMICHIL kennt. Man beißt sich so durch, was bleibt einem auch übrig?
Der Aufstieg auf gut 2.300 Meter zum LAC TISLIT bei IMICHIL ist recht komfortabel, nur einmal, auf einer Länge von vielleicht 500 Metern wird es eng und rutschig, weil die Regen- und Schneefälle der vergangenen Wochen die Straße arg beschädigt haben. Absolut kein Problem.
Wie gewünscht erreicht die auf zwei Personen geschrumpfte Reisegruppe, bestehend aus dem aktuellen Fahrer und der Stricklisel, die inzwischen schockiert bemerkt hat, das die herzustellende Babyjacke immer noch nicht fertig ist aber man ja eigentlich, irgendwie, genau betrachtet, schon fast auf dem Heimweg ist, den LAC TISLIT (LAC DE TIZLIT) im HOHEN ATLAS.
Leider ist der dortige „Campingplatz“ schon wieder oder immer noch geschlossen. Der dort zurück gelassene Wächter gibt klar zu verstehen, das man hier nicht bleiben kann/darf/soll. Rund um den See gäbe es genug Möglichkeiten zu übernachten.
Das stimmt wohl.
Man will nicht unbedingt an Verwüstung denken, aber an Zerstörung schon. Sieht irgendwie alles anders aus als 2022. Der See scheint auch ordentlich an Wasser verloren zu haben. Was ja schon ganz schön merkwürdig ist: Die tiefen Erdfurchen in der Umgebung zeugen davon das jede Menge Wasser in den LAC TISLIT gelangt sein muss, gleichzeitig ist bei der obligatorischen Umgehung kein einziger Abfluss zu erkennen. Auch keine Entnahmestation. Wo also bleibt das ganze Winterwasser?
Am Ankunftstag ist das Wetter noch ganz annehmbar, tags darauf ist es lausig kalt, bedeckt, nebelig/diesig und wirklich ungemütlich. Aber das macht ja vielleicht eine Bergwelt wie den HOHEN ATLAS aus? Dieses raue, unangenehme, abweisende Klima?
Wie gut das des KNAUSi´s Heizung einwandfrei funktioniert und Brenngas genug für Wochen vorhanden ist.
Steht man am ersten Abend mit nur zwei Autos am Smaragdgrün schimmernden See, sind es am zweiten Abend sechs weitere Fahrzeuge. Ein Expedi steht ganz schön Schief im weichen Seeufer, an anderer Stelle kann man herrlich tiefe Reifenspuren eines festgefahrenen Schwerlastkraftwagens erkennen. Was das bloß soll, immer dieses erste Reihe, unverbaubarer Blick denken? Ein, zwei Nächte, kein Problem. KNAUSi steht derweil etwas zurück gezogen erhaben über den Dingen, ganz in Ruhe, völlig unbedrängt, nicht in der ersten Reihe.
Nicht ein einziger Local kommt vorbei. Aber zwei Bettelhunde, die, mit spärlichen Resten versorgt jedes der sehr wenigen vorbei kommenden Autos von ihrem neuen Revier auf Zeit innig verbellen. Einen besseren Wachschutz kann man sich kaum vorstellen, außer vielleicht das diese vierbeinigen Söldner des Abends, als es bei KNAUSi absolut nicht mehr zu holen gibt einfach zu den anderen vier Wohnmobilen pilgern. Kleine Statistiker, was? Bei vier gibt es mehr zu holen als bei einem? So wird das wirklich nichts mit ewiger Liebe!
Zoomt man weit genug in die elektronischen Karten hinein, entdeckt man gut 12 Kilometer weiter östlich neben dem LAC TISLIT den etwas größeren Bergsee ISLI LAKE. Der wird mit dem Auto kurz besucht, noch einsamer, noch rauer, aber nicht so verführerisch Smaragdgrün schimmernd wie der LAC TISLIT. Aber auch am ISLI LAKE könnte man ganz hervorragend übernachten, würde man noch mehr Zeit in dieser unwirklichen Umgebung verbringen wollen.
Einkaufen in IMICHIL:
Das ist an einem frühen RAMADAN Morgen sicher nicht ganz so turbulent bunt wie in normalen Zeiten. Aber prägend erlebnisreich alle male. Viele finster dreinblickende Menschen, Männer meist, in ihren spitzhütigen Berbermänteln. Aber, und das muss man erst mal verstehen, die blicken nicht finster drein weil da zwei weiße Luxustouristen durch ihr Bergdorf streifen, sondern einfach weil es schweinekalt und früh´ am Morgen ist. Grüßt man diese Menschen mit einem lächelnden „Bon Jour“ kommt immer ein Lächeln und ein Gruß zurück. Na ja, fast immer. Morgenmuffel gibt es halt überall.
Einmal mehr erfreut sich Stricklisel in ihrer Eigenschaft als des KNAUSi´s Chefeinkäuferin. Zugeben würde sie das nie, aber wenn man sie so beobachtet mit welcher Freude, mit welcher Freundlichkeit, mit welcher Leichtigkeit sie jede Sprachbarriere beim Lebensmitteleinkauf überwindet, dann sind das wohl für Verkäufer und Einkäuferin sehr schöne Begegnungsmomente in eines jedem Alltag?
Die Verkäufer in den kleinen Läden sind schlicht stolz darauf, das sie uns weißen Touristen etwas verkaufen können. Und doch, man glaubt es kaum, kommt ein einsamer Touristenjäger in diesem verlassenen Nest um die Ecke und will Teppiche verkaufen. Hallo? Teppiche? Geht´s noch?
Vermutlich ist die Streckenführung der N12 über den HOHEN ATLAS die längste, gemessen in Kilometern und Fahrzeit. Da die Straße im allgemeinen in einem guten Zustand ist macht sie das wohl zur Besten Straße über diese riesige Gebirgskette in der Mitte von MAROKKO.
Am 2.645 Meter hohen Pass von TIZI TIGHERRHOUZINE, dem Frühstücksort des Tages, gibt es zwei Dinge zu beobachten:
Ein zuvor überholendes Sammeltaxi hat kurz vor unserer Ankunft angehalten und seine bestimmt 8 Fahrgäste in die Freiheit entlassen, die meisten müssen Kotzen. Sicher, die Serpentinen in so einem schnell fahrenden Auto sind nicht jedermanns, jederfraus Sache, aber die Nummer mit dem RAMADAN verschärft die Situation wohl nur unnötig? Aus unserer Sicht jedenfalls.
Das Sammeltaxi ist längst wieder weg, da kommt von der anderen Seite ein DACIA DUSTER mit einem weißen Touristen vorbei. Der springt aus dem Wagen, klebt (illegaler Weise) einen Aufkleber auf das Passschild, macht ein Selfie von sich, dem Passschild und dem Aufkleber und ist in weniger als 90 Sekunden wieder weg. Der Knaller. Leider lässt sich bei der Vielzahl der Aufkleber nicht genau sagen, für wen oder was der weiße Knallknopf tätig ist, aber der Aufkleber von „I´M YOUR MOTOGUIDE motoguide.pl“ scheint schon verdächtig neu.
Klassiker: Ich war genau einmal da und bin daher Experte. Von dieser Sorte hat die Welt wahrlich schon genug.
Der kurvenreiche Abstieg aus der Höhe geht schneller als dem aktuellen KNAUSi Fahrer lieb ist. Dabei geht es noch nicht mal richtig herunter, denn auf der Südseite des ATLAS bleibt man erstaunlicher Weise immer noch auf bummelig 1.000 Höhenmetern.
Die N12 führt entlang eines riesigen, fast leeren Stausees (damals, 2022 noch gänzlich trocken) in die bekannte TODRA Schlucht mit vielen weißen Touristen, entsprechend vielen Touristenjägern und Wohnmobilen und kleinen Tourbussen. Die Straße, einfach nur geleckt. Nicht ein Plastikfetzen, nicht eine leere Wasserflasche. Wahnsinn, auf der langen Strecke so aufzuräumen!
Zum einen hatten wir die TODRA Schlucht ja schon 2022 zu Fuß bearbeitet, nahezu alleine, zum anderen liegen noch ein paar Kilometer mehr zwischen TODRA und GOULMIMA, dem heutigen Übernachtungsplatz.
Was bleibt von den drei HOHEN ATLAS Tagen ist das Gefühl das das Leben der Menschen auf dem Berg entbehrungsreich, einsam, einfach und kalt ist.
Und dennoch bleiben sie in ihrer Heimat. Bewirtschaften die Gärten und Felder, hüten die Ziegen und Schafe. Die Kinder gehen zur Schule, die Eltern schuften, das es den Kindern mal besser ergehen möge.
Wie überall auf der Welt.
Das ist das was uns Menschen eint.
Alles andere lenkt nur ab.
Peter.






