Nach den drei individuellen Konzertberichten zu SYLVAN, STEVE HACKETT und STEVE ROTHERY hier nun eher eine Hintergrundbeschreibung des Festivals NIGHT OF THE PROG (NOTP) 2024.
An anderer Stelle habe ich von einem „speziellen Festival“ geschrieben. Diese Wertung ist natürlich absolut anmaßend denn so viel Festivalerfahrung haben wir ja gar nicht. Mit „speziell“ meine ich auch eher die Musikrichtung und das homogene Alter des Publikums.

Letzteres ist mit jenseits der 50 Lebensjahre durchaus bemerkenswert. In den vier Festivaltagen haben wir nicht mal ansatzweise Menschen bemerkt, die anderen noch beweisen müssen was für tolle Hechte sie sind. Wenn die Shows gegen 0100 zu Ende waren, sind die die Leute zu ihren Schlafplätzen in Zelt, Wohnwagen oder Wohnmobil gepilgert, haben vielleicht noch ein Feierabendbier bei Musik in dezenter Lautstärke gehört und dann war einfach mal Nachtruhe.
Kein Gegröle, kein Beschimpfen, keine Kabbelei.
Wie toll ist das denn?
Tausende Menschen auf einem Felsen hoch über dem RHEIN friedlich und rücksichtsvoll miteinander. Da fühlt man sich aber so was von wohl!

Bereits im Vorfeld wies der Veranstalter darauf hin, dass es außergewöhnlich viele Campingbuchungen geben würde und es eng wird. Wie immer: Wer zuerst kommt, sichert sich die Besten Plätze. Aber auch die Meisten Nachzügler sind noch gut untergekommen, nur wenige mussten recht weit weg am Waldrand kampieren.
Alle paar hundert Meter gab es ein Plastikplumpsklo, die jeden Morgen geleert und geeinigt wurden. Die Duschen mit ordentlich Wasser und richtige Porzellan Spültoiletten wurden neben dem Zeltplatz aufgebaut, auch die waren jederzeit 1A in Ordnung. Das muss man wohl erst mal hinbekommen. Andererseits: Für viel Geld bekommt man üblicherweise auch viel. Und 80 € pro Person für vier Nächte Camping sind sicherlich kein Pappenstiel, aber in diesem Zusammenhang sicher OK.
Unter Vorlage der Eintrittskarten bekommt man ein unzerstörbares Armband und mit dem kann man jederzeit von der Camp Site zur Bühne und wieder zurück pilgern. Am ersten Tag war die Einlasssecurity noch relativ strikt, am dritten Tag dann vielleicht schon ein wenig zu lasch? Insgesamt haben die Sicherheitsleute einen guten Job gemacht und die Fluchtwege jederzeit höflich aber bestimmt freigehalten. Auch, wenn da ein großer dicker Kerl mit einer großen dicken Kamera nur ein paar Bilder machen wollte.

Das Catering war wie üblich auf Großveranstaltungen zu teuer und dem hören sagen nach auch nicht gut. Wir haben pro Tag insgesamt vielleicht vier, sechs Bier zu je 6,50 € getrunken. Das Bier war OK, der Service nicht. Wenn die Serviceleute hinter dem Tresen mehr miteinander Quatschen als sich um ihre Gäste zu kümmern dann sagt das alles über deren Selbstverständnis aus.
Gegessen haben wir zu Hause am Bus und haben nur gehört, dass man am liebsten z.B. den angebotenen Döner dem Koch (besser „Zubereiter“) direkt zurück ins Gesicht geschmissen hätte. Das ist halt das Ding: Wenn Du alte Leute bewirten willst die sich so eine Veranstaltung leisten können, dann musst Du schon was vernünftiges bieten.
Einen Sonnenbrand haben wir uns nicht geholt, aber unsere Sonnenhüte glatt zu Hause vergessen. Ganz schön blöd. Die ersten beiden Konzerttage waren so was von heiß! Aber wenn man durch gegart mitten in der Nacht zurück an den Bus kommt, aus dem Kühlschrank ein herrlich kaltes Bierchen zieht und genüsslich daran nuckelt ist das so was von befriedigend, das war dann schon was ganz Besonderes!
Der Veranstalter, Herr Winfried Völklein von WiV Entertainment scheint sehr, sehr uneitel zu sein und war nur am letzten Tag für ca. 1 Minute auf der Bühne zu sehen und zu hören. Ohne jeden Zweifel der Held der Stunde. Wer diesen Mumm hat als mittelständischer Unternehmer so ein großes, so ein tolles Festival auf die Beine zu stellen, der muss schon ein ganz besonders guter Mensch und Manager sein.
Seine Kollegen vom WACKEN Festival (hier bei uns, gleich um die Ecke) haben „ihr“ Festival ja schon vor Jahren an einen großen Veranstalter verkauft und just in diesem Jahr wurde dieser von einem Finanzinvestor übernommen. Buy & Build nennt man diese Unternehmensstrategie und die bedeutet für das Produkt in der Regel nichts Gutes.

Tatsächlich kannten wir nur drei Bands von den über zwanzig auftretenden. Einige sind für den Schreiberling echte Entdeckungen und stürzen diesen in ernsthafte Probleme: Der Plattenschrank im heimischen Wohnzimmer ist schon übervoll, wo sollen all die neu anzuschaffenden Platten (bzw. CDs) denn bloß noch in? Na ja, erst mal kaufen und sich einhören, denn darum geht es ja wohl.
Die nur bei Dunkelheit verfügbare Lichtshow und der Sound waren Spitzenklasse. Saublöd sind nur die Kabel, die lässig auf Stangen von der Bühne zum Mischpult geführt werden und so für erhebliche Sichtbehinderung im linken Teil des oberen Zuschauerbereiches sorgen. Wer sich diesen Blödsinn wohl ausgedacht hat?
Insgesamt würde der ganze Zuschauerbereich durchaus mal eine kleine Überholung verdienen. Die steinernen Sitzbänke der Freilichtbühne LORELEY sind zwar OK, die Wege, insbesondere die kleinen auf und ab führenden sind mindestens problematisch. Mal an Kanten und Stufen lockere Steine, mal unerwartete Höhenunterschiede in den Stufen die einen stolpern lassen.
Allerdings entstanden die meisten kleinen Unfälle nur durch kühne Kletterer, die mutig über die Sitzbänke auf oder ab marschierten und sich mit deren Abständen vertan haben und stürzten. Gegen Selbstüberschätzung kann keiner was machen. Der allgegenwärtige Sanitätsdienst hatte bestimmt keinen Leerlauf.
Herr Völklein hat schon im Vorfeld verkündet, dass er das NIGHT OF THE PROG Festival in 2024 auf der LORELEY zum letzten Male ausrichten wird. Das hat sicher noch mal einige NOTP Veteranen motiviert, letztmalig eine Eintrittskarte zu kaufen. Gefühlt war es voll, sicher aber nicht übervoll. Das war in den vergangenen Jahren wohl nicht immer so, vielleicht auch mal nur halbvoll?
Allerdings, studierte man die Namen der teilnehmenden Bands der vergangen Jahre auf den sehr zahlreich getragenen Fan T-Shirts können mangelnde Zuschauerzahlen auch schlicht daran gelegen haben, das ab und zu mal echte Burner fehlten?
Überhaupt die Fan T-Shirts. Fast jeder Zuschauer hatte eines an, man sah kaum zwei gleiche. Wahnsinn, diese extreme Vielfalt. Sehr gut konnte man die jeweilige Fanbasis einer Band erkennen. Und obwohl MARILLION in 2024 gar nicht dabei war, waren deren Fan T-Shirts gefühlt jeden Tag in einer relativen Mehrheit. Eigentlich hätte man eine Fotostrecke nur mit diesen verschiedenen Fan T-Shits aufziehen müssen. Toll!

Fotografiert wurde was das Zeug hält. Unmittelbar zwischen Bühne und den Zuschauern zahlreiche professionelle Fotografen. Ende des Jahres erscheint ein bestimmt sehr schönes Fotobuch („The 42 Days of the Prog„) mit Fotos aller NOTP Jahre. Allerdings musste diese ganze Fotografenmeute bei STEVE HACKETT nach ca. fünf Minuten das Feld räumen, offenbar hat Mr. Hackett eine exklusive Livefotografin angeheuert (oder eher sie ihn?).
Eigentlich hat jeder Zuschauer jederzeit fotografiert und gefilmt. Schaut man sich bei YOUTUBE deren Mitschnitte an ist man schon fast sprachlos ob der guten Bild und mindestens befriedigen Tonqualität. Selbstverständlich war filmen nicht erlaubt, aber wer will, wer kann das schon durchsetzen?
Alle NOTP Konzertbilder in diesem Blog wurden mit der großen Kamera (NIKON D800e) und dem großen Objektiv (NIKON f2,8 70-200mm) gemacht, wenn die Musik es denn zuließ. Musik First, Bild Second, war schon immer so.
Die große Ausrüstung ist schon eine andere Qualitätsstufe als die kleine Kamera (CANON PowerShot G5X), die sonst bei den Hallenkonzerten herhalten muss. Die Mühe, der ganze Aufwand damit hat sich wohl gelohnt und der Schreiberling ist wahrlich sehr dankbar dafür, dass auch wir einfachen Zuschauer ganz offiziell fotografieren durften.
OK, Mitfotografen denen das selbst gemachte Bild wertvoller ist als die Meinung der hinter ihm sitzenden Menschen, denen so die Sicht versperrt wird gibt es immer und überall. Torfköppe halt. Erstaunlich, wie lange man mit dem Auslösen auf den richtigen Moment warten kann?
Alles in allem eine sehr gut gelungene Veranstaltung an einem für diese Zwecke sehr gut gelegenen Ort!
Gut, dass wir dabei waren!
Peter.
P.S.: Dieser Text entstand unter musikalischer Mitwirkung in Endlosschleife von THE LAMIA in einer besonders genialen Version von STEVE HACKET und STEVE ROTHERY vor über zehn Jahren. Ach, ich hätte so gerne all die schwarzen Scheiben!