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In Gedenken: UTOYA

Den Massenmord von UTOYA am 22. Juli 2011 haben wir damals bewusst in den Nachrichten zur Kenntnis nehmen müssen. Das weiß ich noch genau. Wir waren ein paar Tage zuvor mit dem Vereinsboot in STOCKHOLM und hatten den Crewechsel in NYKÖPING für diesen Freitag, den 22. Juli 2011 vereinbart. Am Tag darauf sind wir zurück nach Hause geflogen. Radio, Fernsehen und die Zeitung überschlugen sich in der Berichterstattung. Eine Zeit lang. Wie immer. Aber wir hatten keinen Bezug, spürten keine persönliche Betroffenheit. In NORWEGEN waren wir noch nie. NORWEGEN war für uns ein fernes Land. Gedanklich genau so weit weg wie die USA, CHINA oder die MARQUESAS, obwohl wir gerade selbst in SCHWEDEN gleich um die Ecke waren.

Gegenüber die kleine Insel UTOYA

Nun ja, 2011 war vielleicht auch bei uns selbst einfach nur ein sehr schwieriges Jahr und zumindest meine Aufnahmefähigkeit für das Leid anderer war doch recht begrenzt.

Ein Jahr später, im Sommer 2012 trafen wir in CUXHAVEN zu Beginn unseres Projekts Lange Reise die Segelyacht ODA aus NORWEGEN. Ein freundliches Hallo, kurzer Schnack am Steg, Woher, Wohin? Unverbindlich, nicht tiefer gehend. Obwohl wir fast eine Woche am Steg fest lagen, da das Wetter ein Verlassen der ELBE Richtung Westen unmöglich machte.

Elisabeth und Per an Bord der ODA trafen wir gut 10 Monate später in PANAMA wieder – aber auch hier wieder nur eher flüchtig. Erst anderthalb Jahre nach unserem ersten Aufeinandertreffen entwickelte sich in NEUSEELAND eine Freundschaft. Kennenlernen bei Sundownern und gemeinsamen Einkaufstouren für die Anstehende Reise nach VANUATU und später quer durch INDONESIEN.
Wenn man gemeinsame Ziele hat, wenn man viel Zeit miteinander verbringt und sich sogar ein wenig leiden mag, dann lernt man sich kennen. Man lernt sich gut kennen. Und auf einmal werden Ereignisse miteinander verknüpft die sonst nur Lose und einzeln nebeneinander her existierten. Denn während wir im Sommer 2011 dabei waren unser Leben zu verändern, bereiteten sich Elisabeth und Per auf dem OSLO Fjord an Bord der ODA auf ihre eigene Lange Reise vor.

Der Tyrifjord ist der fünftgrößte Binnensee in Norwegen

Dann geschah der Massenmord auf UTOYA und sie kehrten noch am Abend in ihr Haus zurück, wohnen sie doch nur 15 Kilometer von der Insel entfernt und arbeiteten damals in der öffentlichen Verwaltung des Landkreises. Wie viele andere wollten die beiden einfach nur helfen. Schlagartig befand sich NORWEGEN am Abend des 22. Juli 2011 im Ausnahmezustand und die gut 5 Millionen Einwohner in Schockstarre. Eigentlich war die räumliche Nähe gar nicht so relevant – denn im Sommercamp auf UTOYA befanden sich Jugendliche aus dem ganzen Land und jeder kannte jemanden, der irgendwie betroffen war.
Zu ihrem großen Glück waren die Familien von Elisabeth und Per nicht direkt persönlich betroffen, doch dieses Glück konnten sie in diesen Tagen, aber auch jetzt, viele Jahre später, gar nicht fassen. Denn Betroffen war ganz Norwegen. Alle Menschen. Einfach alle.

2013 sprachen wir in NEUSEELAND öfters über den Massenmord. Das Ereignis war trotz der großen räumlichen Distanz den beiden noch sehr nah´. Doch wie es so im Leben läuft: Natürlich rutschte dieses schlimme Ereignis und die Erzählungen von Elisabeth und Per mit der Zeit immer weiter im Kopf nach hinten und schließlich in unsere Vergessenheit.
Erst im Februar 2016, als wir das erste Mal Elisabeth und Per in ihrem Haus in der Nähe von OSLO besuchten und mit ihnen im Auto an UTOYA vorbei fuhren, sprachen wir wieder über das Unfassbare. Und wieder wurde uns bewusst, wie schwer die Norweger damals emotional verletzt wurden. Ein solcher Massenmord passt nicht zu NORWEGEN.

2019. Weitere drei Jahre sind vergangen. Mittlerweile gibt es einige Bücher und auch zwei (Kino)Filme über den Massenmord von UTOYA. Und ich weiß wirklich nicht, welcher Teufel uns geritten hat, beide Filme nacheinander an einem Abend bei unserem letzten Besuch in NORWEGEN gemeinsam mit Elisabeth und Per anzusehen. Schon aus Selbstschutz hätten wir das nicht tun sollen – und wollen trotzdem jedem empfehlen, es uns nach zu machen. Zumindest jedem, der sich für Zeitgeschichte, Hass und den um sich greifenden Wahnsinn auf der Welt interessiert.
Dabei ist meines Erachtens die Reihenfolge der beiden Filme entscheidend:

Zunächst sollte man sich den extrem genau rekonstruierten Ablauf des Massenmordes von UTOYA in der Norwegischen Kinoproduktion „UTOYA 22. Juli“ von Erik Poppe ansehen. Der Angriff dauerte 72 Minuten – genau so lange zeigt der Film das Sterben der Jugendlichen auf der Insel. Kein Entkommen möglich. Fast unerträglich, weil man weiß, dass es so passiert ist. Auf AMAZON finden sich tatsächlich 6 Rezensionen, die von „Langatmigkeit“ und „Langeweile“ berichten. OK, das gehört wohl zur freien Meinungsäußerung, aber ich würde die Rezensenten doch eindringlich bitten wollen, ihr Leben als Kanonenfutter in AFGHANISTAN zur Verfügung zu stellen. Ist spannend. Garantiert!

Wie auch immer. Erst im Anschluss daran sollte man dann irgendwie auf NETFLIX den Film „22. Juli“ von Paul Greengrass sehen, um den Zusammenhang, aber auch vor allem die sehr schwierige Aufarbeitung des Massenmordes zu verstehen.

Tja. Und dann saßen wir da recht traurig am späten Abend in einem schönen Haus in NORWEGEN am See TYRIFJORDEN, Luftlinie 8 Kilometer von UTOYA entfernt. Und wie Segler nun mal so sind. Wenn schon, denn schon. Ganz oder gar nicht. Erschöpfend nachhaltig…

…wir sind beileibe keine Katastrophen-Touristen und wir wollen uns auch wirklich nicht am Leid von anderen ergötzen, um uns besser zu fühlen. Aber als Per davon berichtete, wie die Insel nun umgestaltet wurde und wie die Norweger es geschafft haben, trotz dieser unfassbaren Tat weiter zu machen, wollten wir mit einem Male auf die Insel!

Auf UTOYA gibt es zwar offizielle Gedenkstätten, aber UTOYA ist nun mal eine Insel und man kommt da gar nicht so einfach hin. Schon gar nicht im Winter, wenn die Insel nicht bewohnt ist und die Fähre nicht in Betrieb ist. Ein paar Telefonate und die ehrliche Versicherung, das es nicht um die Befriedigung von sensationslüsternen Touristen geht und schon haben wir für den folgenden Nachmittag eine Verabredung mit dem Fährmann, der uns mit dem Boot auf die Insel bringen kann und uns die Neuanlage zeigen und erklären will.

Die Fähre MS Thorbjorn

Mit einem gewissen Selbstzweifel ob diese geplante Besichtigung nun moralisch richtig oder falsch ist, stehen wir am Ufer vor dem Fährkahn und warten auf unseren Führer. Doch als Ragnor erscheint und mit seiner freundlichen Begrüßung die gedrückte Stimmung ein wenig löst, verfliegt auch der letzte Zweifel. Denn unser Interesse kommt wirklich von Herzen und nur so lässt sich Andenken und Gedenken an die Opfer bewahren.
Per hat Ragnor sicher schon am Telefon erzählt, wer wir sind und wie wir uns kennen gelernt haben. Segler. Und so dürfen wir erst mal im Maschinenraum die beiden Dieselaggregate begutachten.

Steuerstand und Maschinenraum werden elektrisch mit Landstrom geheizt und so ist es kuschelig warm an Bord. Man weiß ja nie, wann die Fähre mal gebraucht wird.

Kabel einholen, Leinen los und ab gehts!

Ich versuche zu unterscheiden zwischen dem hier und jetzt und der Vergangenheit. Auf dieser Fähre ist tatsächlich der Mörder am Abend des 22. Juli 2011 feige als Polizist verkleidet zur Insel gefahren.  Er kam aus OSLO, wo er gerade mit einer großen Bombe 8 Menschen getötet hatte. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 560 Menschen auf der Insel. Jugendliche und ein paar Erwachsene. Das Alljährliche Sommercamp der Jugendorganisation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Norwegens (AUF) fand schon seit den 1950iger Jahren dort statt. Das Camp kann man durchaus wie so was wie eine Kaderschmiede verstehen. Dort wurden und werden junge Menschen an die Politik herangeführt, geschult und trainiert. Ganz klar unter der Flagge der Sozialdemokraten.

Ankunft auf UTOYA

Rumpelnd legt die Fähre an und wir gehen über die Rampe an Land. Ungefähr hier hat der Mörder zunächst zwei Erwachsene Betreuer erschossen, als diese ihn nach einer Legitimation fragten. Danach packte er in Ruhe seine mitgebrachten Waffen aus und ging völlig ungehindert auf Menschenjagd. Es dauerte eine ganze Weile, bis die vielen Jugendlichen auf der Insel begriffen, dass da ein völlig bescheuerter, feiger Mörder die Jagd auf sie eröffnet hatte.

Das neue HEGNHUSET genannte Haus

Im Jahr 2011 gab es neben dem alten Hauptgebäude und ein paar Schuppen am Anleger nur eine etwas größere Holzhütte auf dem Hügel, die „Cafe“ genannt wurde. Dort gab es ein paar Schulungsräume und Toiletten – das Leben spielte sich draußen in den vielen Zelten auf der Lichtung ab.

Der Mörder tötete insgesamt 69 Menschen auf der Insel, er verletzte 33 teilweise sehr schwer. Kaltblütig und überaus feige tötete er 13 Jugendliche, die sich in einem Schulungsraum des „Cafe´s“ zu verstecken suchten. 

69 tragende Holzfeiler

Der Architekt Erlend Blakstad Haffner hat (ich denke, in Zusammenarbeit mit anderen) ein emotional sehr berührendes neues Gebäude geschaffen: Das alte „Cafe“ und die Räume darin wurden original so belassen, wie sie am 22. Juli 2011 waren. Um das alte Gebäude herum wurde nun ein komplett neues Gebäude erstellt, dessen Dachkonstruktion von genau 69 mächtigen Holzpfeilern getragen wird. Jeder einzelne Pfeiler steht für einen Ermordeten. Um das ganze neue Gebäude herum wurde eine Art Schutzschild bestehend aus 495 Holzbalken erstellt – 495, exakt einer für jeden Überlebenden. Eine wirklich großartige Symbolik.

495 schützende Überlebende

Wir betreten das neue Gebäude und gehen schweigend in den Schulungsraum des „Cafe´s“. Die Einschusslöcher sind den Wänden gut zu erkennen, Angehörige haben Blumen oder Bilder angebracht. Was für ein feiges Schwein muss der Mörder doch sein?! Mit einem Schnellfeuergewehr auf am Boden liegende Jugendliche zu schießen!

Auf dem Rückweg liest uns Per die im Eingangsbereich des neuen Gebäudes angebrachten Kurznachrichten (SMS) der Jugendlichen an ihre Angehörigen vor, die während des Überfalls gesendet und empfangen wurden. Chronologisch geordnet, quälend authentisch. Stumm und fassungslos stehen wir davor, während Per vom Norwegischen ins Englische Übersetzt.

SMS Nachrichten während es Überfalls

Auf einer anderen Tafel finde ich die (bereits übersetzten) Worte des damaligen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg, die er am Abend des 22. Juli 2011 gegen 22 Uhr im Rahmen einer Pressekonferenz sprach:

We must never give up our values.
We must show that our open society can pass this test too.
That the answer to violence is even more democracy.
Even more humanity.
But never naivety.

Oder zu Deutsch:

Wir dürfen niemals unsere Werte aufgeben.
Wir müssen zeigen, dass auch unsere offene Gesellschaft diesen Test bestehen kann.
Dass die Antwort auf Gewalt noch mehr Demokratie ist.
Noch mehr Menschlichkeit.
Aber niemals Naivität.

Echtes NATO Schild am falschen Ort: Zeigt Richtung Toilette…

Jens Stoltenberg muss selbst zutiefst persönlich von diesem Überfall getroffen worden sein, war er doch als Jugendlicher selbst oft auf UTOYA im Sommercamp. In einer anderen Ausstellung über die lange Geschichte der Insel sehen wir ein Foto von ihm, sehr jung, in einem kleinen Motorboot mit Außenborder sitzend, offenbar zur Insel fahrend, zusammen mit der damaligen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland. Natürlich auch Sozialdemokratin. Kaderschmiede eben. Die Sozialdemokraten verloren die Wahl 2013 und mit ihr Jens Stoltenberg sein Amt. Seit 2014 ist er NATO Generalsekretär.

Bücher bis unter die Decke und eine phantastische Aussicht

Es liegt viel gefrorener Schnee auf der Insel und es ist schwierig genug, von einem Gebäude zum anderen zu kommen. So verzichten wir auf einen kompletten Inselrundgang, aber auch so ist schon klar: Ganz schön klein, diese Insel. Sie wird noch kleiner, wenn man sich hier über 500 Jugendliche in Zelten vorstellt. Ragnor führt uns zur einzigen Stelle, wo der Mörder nicht war. Hier hat man eine große Edelstahltrommel, vielleicht 3 Meter im Durchmesser frei schwebend an Bäumen aufgehängt.

Gedenktafel mit den Namen aller Opfer

Darin wurden die Namen aller Opfer sowie ihr Alter gelasert. Ich gehe um die Trommel herum, stehe davor, lese die Namen der Toten, begreife das Alter und beginne mich zu fragen, wie die Eltern der hier umgebrachten Kinder eigentlich weiter leben können? Fängt man nicht automatisch an, einfach nur alles abgrundtief zu hassen? Den Mörder, das System? Die Verantwortlichen? Irgendjemand muss doch verantwortlich sein?

Diese riesige Trommel musste immer mal wieder abgebaut werden, weil zunächst nicht alle Angehörigen die Namen ihrer Kinder darauf lesen wollten. Der Schmerz verdrängt jeden guten Gedanken. Doch nun, vor kurzem erst, sind die Namen aller Opfer an der Stelle, an der der Mörder nie war, für immer zu lesen.

Es dämmert, wir stapfen vorsichtig den Hügel hinunter zur Fähre. Mir ist kalt, aber ich mag nicht zu den anderen ins schön geheizte Steuerhaus gehen. Natürlich ein Fehler, denn jetzt bin ich an Deck alleine mit meinen Gedanken und mir wird richtig schwer ums Herz. Ich suche das Positive und finde es in der Art, wie hier mit diesem Vorfall umgegangen wurde. In dem großartigen Haus mit den 69 Pfeilern die die Last der Dachkonstruktion tragen und den 495 Balken umfassenden Schutzwall. In der riesigen Edelstahltrommel mit all den Namen der Opfer. In der großartigen neuen Bibliothek, die es ohne den Massenmord wohl nie gegeben hätte. All das zeugt von intensiver, schmerzhafter Auseinandersetzung mit dem Geschehenen und dem unbedingten Willen, sich durch solche Taten nicht beugen zu lassen.

Wäre ja auch noch schöner.

Die Norweger sind offenbar wie wir Deutschen Weltmeister im sich selbst zerlegen. Natürlich hat man in der Aufarbeitung und in den vielen Untersuchungen nach dem Massenmord und dem vorher gehenden Bombenanschlag in OSLO viele Fehler, falsche Einschätzungen und vermeidbare Verzögerungen entdeckt, deren Vermeidung vielleicht den Massenmord hätten verhindern können. So griff man zum Beispiel zunächst nicht ein, weil man nicht wusste, um wie viele Angreifer es sich handelte, ein Boot sank, weil zu viele Polizisten an Bord waren – überladen! Das Nummernschild des Fahrzeugs, mit dem der Mörder von OSLO nach UTOYA gefahren war (45 Minuten Fahrzeit!), wurde unmittelbar vor der Bombenexplosion in OSLO als verdächtig gemeldet, aber dann nicht gesucht.

Es macht jedoch keinen Sinn, sich selbst zu zerlegen. Verantwortliche zu suchen. Schuldige für ein Behördenversagen.

Denn die Wahrheit ist doch:
Wenn wir so leben wollen, wie wir im Westen nun mal leben, können wir hinterhältige und feige Taten von Einzelnen nicht verhindern. Und wenn wir anfangen paranoid jede noch so unrealistische Eventualität absichern zu wollen, dann haben die Täter ihr Ziel erreicht. Dann haben sie unser aller Leben verändert.

Wir verabschieden uns dankbar von Ragnor, ich leider nur mit gebrochener Stimme.

Macht nichts, meint er.

Bei der Geschichte wären schon ganz andere Kerle weich geworden.

Peter.