Nachtrag: Martin und die Harfe

Eigentlich hätte Heidi die folgende Geschichte aufschreiben müssen. Denn es ist ihre Geschichte. Ich war nur dabei, wie die mitreisenden Eingeborenen auch nur dabei waren. Es ist eindeutig Heidis Geschichte.

Sie ereignete sich in der COLES BAY, TASMANIEN auf der freien Campsite SWAN RIVER CAMPING.

Mit unseren drei Fahrzeugen hatten wir uns in eine Ecke des Platzes verkrochen und eine Wagenburg gebaut. Eigentlich alles super, aber wir standen doch ohne echte Not relativ dicht an einem anderem Camper. Schließlich war der Rest des Platzes am frühen Nachmittag noch frei. Auf den ersten Blick etwas Obskur, der Nachbar. Ziemlich herunter gekommener normaler PKW, ein offenbar selbst gebauter, sehr kleiner „Wohnwagen“ und eine Art Vorzelt, das eher ein Dach aus Plastikplane und ein paar Holzstangen war. Als wir ankommen ist der Bewohner gar nicht da, später beim Bier sitzend kommt er zurück, grüßt freundlich und verkrümelt sich in seinen Wohnwagen.

Als er sich später wieder sehen lässt, fragen die Frauen ihn leicht schuldbewusst, ob wir im wohl zu dicht auf den Pelz gerückt seien? Nein, nein. Alles klar! Wie eigentlich immer in AUSTRALIEN.

Der Mann bekommt irgendwann mit, dass wir aus DEUTSCHLAND sind und stellt Heidi eine Frage, die sie nicht beantworten kann…und mich ruft. Also bemühe ich mich aus meinem überaus bequemen Campingstuhl, stelle das Bier zur Seite und geselle mich zu Heidi und dem Mann aus dem kleinen Wohnwagen.

Aus der Nähe betrachtet sieht der Mann genauso herunter gekommen wie sein Auto aus. Sehr schlechte Zähne. Die Hälfte fehlt schon. Aber ein sehr freundliches, gewinnbringendes Lächeln überzieht sein faltiges Gesicht. Also denn, worum geht´s?

Ob es wohl wahr sei, das es demnächst in EUROPA ein bedingungsloses Grundeinkommen gebe – und wann das wohl sei? Er habe neben dem AUSTRALISCHEN auch einen IRISCHEN Pass und überlege, nach EUROPA zurück zu kehren da er hier kein Auskommen mehr habe.

So So. Denke ich. Klassischer Fall von Sozialsystemzuwanderung, die wir wohl alle nicht wollen.

Nach meiner Meinung wird es das über kurz oder lang in ganz Europa geben (müssen), aber wann das sei und ob das dann auch für ihn gelte, kann ich natürlich nicht sagen. Will es auch nicht sagen? Keine Ahnung. Mein ganzer Körper rät zu „Abstand halten“, „Auf Distanz gehen“ und „auf keinen Fall zu einem Bier einladen“.
So endet das Gespräch ohne weitere Annäherung. In der Nacht haben wir eine schwere Gewitterböe mit viel Regen. In unserem Wohnmobil kein Problem, aber das „Vorzelt“ von dem Mann ist halb weg geflogen und liegt am Nächsten Morgen in Trümmern vor seinem selbst gebauten „Wohnwagen“. Wir brechen zu unseren Ausflug zur WINEGLASS BAY auf…

…und als wir am Nachmittag bei bestem Wetter zurückkehren, beginnt nun endlich, nach langer Vorrede, Heidis Geschichte.

Um die letzten Sonnenstrahlen des brillanten Nachmittags vollständig genießen zu können, haben wir unsere Stühle in der Mitte des sandigen Platzes aufgebaut und freuen uns über den Ort, über die Drinks und über unsere Gemeinschaft, natürlich.

Wir plaudern und flachsen in der Abendsonne. Menschen um die 50+ haben immer was zu erzählen. Schließlich haben die ja schon was erlebt, im Leben. Den „Wohnwagen“ von dem Nachbarmann können wir von unserem Standort aus nicht sehen. Der liegt verdeckt nun hinter einem unserer Wohnmobile. Außer unseren eigenen Stimmen ist es still auf dem ganzen Platz.

Auf einmal erklingt Musik. Wo kommt die denn her? Ist das eine Aufnahme oder spielt da tatsächlich jemand…HARFE?

Wie luschern um die Ecke. Sitzt da doch der Nachbarsmann unter seinem wieder aufgebauten Planen Vorzelt und spielt leibhaftig auf einer echten, großen Harfe. Das Teil muss in seinem „Wohnwagen“ gewesen sein. Wie passt die da überhaupt rein?

Die ganze Reisegruppe ist erst mal völlig sprachlos (…was echt noch nicht vorgekommen ist), dann fällt aber auch noch vor Ungläubigkeit der Kinnladen herunter. Sehen vermutlich einen Moment recht dämlich aus, allesamt. Einen Moment nur.

Das erste Stück ist zu Ende und wir spenden fleißig Applaus. Der Mann freut sich. Das sind die Momente im Leben von Reisenden, in denen sich alles positive dieser Erde an einem Ort und zu einer Zeit vereint. Sonnenuntergang, gute Menschen um einen herum und bezaubernde Musik.

Natürlich ist es Heidi, die sich ein Herz nimmt und in der Pause nach dem nächsten Stück zu dem Mann vor seinem „Wohnwagen“ herüber geht und ihn freundlich, aber durchaus auch neugierig befragt.

Sie findet sie heraus, dass er Martin heißt und in seinem früheren Leben tatsächlich Harfen gebaut hat. Mit seinem Sohn. Auch die Harfe auf der er jetzt spiele, sei von ihm selbst gebaut worden. Doch wie es dann manchmal im Leben so läuft. Familie kaputt, Job weg (oder anders herum) und irgendwie in AUSTRALIEN gestrandet.

Während Heidi mit ihm spricht sitze ich im Stuhl und hadere mit mir selbst. Eigentlich müsste ich aufspringen, Stativ und Videokamera holen und ein Stück von ihm aufnehmen. Sollte, müsste ich ihm dafür Geld geben? Könnte er bestimmt gebrauchen. Würde ich auch geben wollen. Wie viel ist angemessen? Aber kann man (er) das auch falsch verstehen? Als Almosen? Nach dem kurzen Gespräch gestern?
Und so sitze ich da, grüble und verpasse die einmalige Chance. Denn nach Heidis Rückkehr spielt er noch ein Stück und verschwindet dann samt Harfe wieder in seinem selbst gebauten „Wohnwagen“.

Wir sehen ihn den Rest des Tages nicht mehr, auch nicht, als wir am nächsten Morgen aufbrechen.

Und so bleibt nur die Erinnerung an diese Begegnung, ein Handyfoto das Heidi mit seiner Erlaubnis gemacht hat und die Erkenntnis, das vermutlich in jedem Menschen eine Fähigkeit steckt, um die ihn andere beneiden würden.

Peter.

P.S.: Meine ehemals viel zu engen Schubladen, in die ich Erstbekanntschaften zu stecken pflegte, haben sich seit Jahren ja schon geweitet. An diesem späten Nachmittag sind sie wieder ein gutes Stück größer geworden und irgendwann, bestimmt noch zu Lebzeiten, werden sie sich vollständig aufgelöst haben und ich kann mir unbekannten Menschen ohne jedes Vorurteil und jeden Vorbehalt begegnen. Bestimmt.

Tasi 18,19: PORT SORELL und Ende!

Wenn das Ende einer Reise oder eines Reiseabschnittes naht, dann erfasst uns immer so etwas wie innere Unruhe. Eigentlich ist diese Reise nun vorbei, jedenfalls der Reiseabschnitt in TASMANIEN.

The Nut, Stanley, Tasmanien am Abreisetag

Mit STANLEY hatten wir noch mal ein echtes Highlight. Schwer zu toppen. Nun wollen wir uns nach PORT SORELL, ganz in der Nähe von DEVONPORT, dem Fährhafen, vorholen. Die Fahrt nach PORT SORELL führt uns entlang der Küste nach PENGUIN. Was für ein Marketing-Tamm-Tamm um Pinguine! Denn die Stadt ist voll davon – voll von Plastikfiguren, die einem Pinguin immerhin ähnlich sehen. Und von Touristen, die Pinguine sehen wollen.
Aber außer denen aus Plastik gibt es hier gar keine. Früher wohl mal, aber jetzt nicht mehr.

Touristin mit Pinguin

Egal.

Der Campingplatz von PORT SORELL ist riesig groß, rappel voll (weil Osterwochenende) und direkt am Wasser. Etwas lustlos besichtigen wir den Strand, hängen aber eigentlich nur schlapp herum.

Den nächsten Vormittag vertrödeln wir mit Aufräumen und sortieren. Dann viel zu früh´ nach DEVONPORT in die Warteschlange vor der Fähre.
Ich hätte ja gedacht, das die SPIRIT OF TASMANIA schon längst da sein müsste, aber falsch gedacht. Zur Hochsaison (also jetzt, OSTERN) fahren beide Fähren und unsere Nachtfähre nach MELBOURNE kommt erst am Abend (18:30) in TASMANIEN an. Um 21:00 Uhr legt sie dann schon wieder ab. Geschwindigkeit ist keine Hexerei.

Warten auf die Fähre

Die Überfahrt nach MELBOURNE ist sehr ruhig, kein Sturm, keine Welle in der BASS STRAIT.

Tja, und das war dann der Ausflug nach TASMANIEN.

Bloß nicht anecken!

Sehr lohnenswert. Vielleicht etwas zu spät im Jahr, denn es war manchmal wirklich lausig kalt. Aber so konnten wir die vielen Lagerfeuer wohl erst richtig genießen. Und die Geselligkeit der mitreisenden Eingeborenen.

Peter.

P.S.: Wer im übrigen mehr über TASMANIEN lesen möchte und einigermaßen des Englischen mächtig ist, der kann sich auch den Blog von Graham (SY MAUNIE OF ARDWALL) mal durchlesen. In jedem Fall wunderschöne Bilder. Auch mit ohne Englisch.

TASI 15,16,17: STANLEY

Wenn man sich STANLEY auf einer Landkarte ansieht, dann ahnt man zwar schon, das dies ein besonderer Ort sein muss, aber, wie immer bei unbekannten Orten: Mann (!, insbesondere) hat ja keine Ahnung!

Wir kommen bei bedecktem Himmel an, manchmal regnet es sogar. Unverschämtheit! Haben wir so nicht gebucht. Den Tag haben zunächst wir mit Fahren und Reparieren (lassen) verbracht: Der FORD RANGER hat eine Reifenpanne (seitlich angeschlitzt) und wir haben einen kleinen Steinschlag in der Windschutzscheibe. Beides auf der Durchfahrt in BURNIE sozusagen im Vorbeiflug erledigt.

The Nut, Stanley, Tasmanien, Australien, (vermutlich) Erde

Das Land im Nord-Westen ist zunächst völlig platt, am Horizont taucht ein großer Felsbrocken auf und wird wie üblich größer, als wir näher kommen. Klarer Fall von wirklich großem Felsbrocken. Umgangssprachlich wird er „THE NUT“ genannt. Der kleine Ort STANLEY schmiegt sich geschickt im Windschatten an den Felsen an. Der Campingplatz liegt dann unterhalb des Ortes am Strand. Klarer Fall von 1A Lage, TOP3 der bisher auf dieser Reise besuchten Orte. Egal, welches Wetter gerade hier herrscht.

Ja, wo isses denn, das Wohnmobil?

Das ändert sich sowieso am nächsten Tag und es wird richtig schön. Nun könnte man zwar in 45 Minuten zu Fuß „THE NUT“ besteigen, aber verlockender Weise gibt es auch einen Sessellift zum Gipfel. Also, ich wäre ja zu Fuß gegangen, aber in einer Demokratie zählen bekanntlich Mehrheiten.

Werft

In Maschinen wie alte Sessellifte muss man einfach Vertrauen haben. Die fahren den ganzen Tag, Tagein, Tagaus. Wieso sollte da gerade jetzt eine Gondel in den Abgrund stürzen? Das wäre ja wie ein negativer Lottogewinn, also so gut wie unmöglich. Mutig rein in den Sessel und schaukelnder Weise nach oben.
Geht einfacher als gedacht, aber bloß nicht bewegen. Sonst fällt man womöglich noch raus?

Der Rundweg auf dem Felsgipfel ist nahezu ebenerdig und nur zwei Kilometer lang – bietet aber in jeder Minute einen neuen grandiosen Ausblick. Also viel zu sehen und viel zu fotografieren!

Die Abfahrt ist mental weniger anstrengend als der Gipfelsturm zuvor, man gewöhnt sich ja an alles.

Den Rest des Tages verbringen wir im Auto mit dem schon beschriebenen Ausflug nach GARDINA POINT.

Mega-Sonenuntergang am Strand

Als wir zur Campsite zurückkommen, ist diese mit einem mal Rappel voll! Unglaublich. Dabei hatten wir gerade beschlossen, einen Tag länger zu bleiben. Die Eingeborenen geben ihr Bestes in der Rezeption, aber es nützt nichts. Wir müssen unseren Platz am nächsten Morgen räumen. Alles fest gebucht. Wochenende vor Ostern. Hochsaison im Winter.

Gehen wir zum Trost also erst mal aus. Das Restaurant heißt „Michael´s Restaurant on the Bay, Stanley“ und liegt direkt an der kleinen Werft. Früher hieß es wohl mal „Stanley´s on the Bay„. Die neuen Betreiber sind im Hauptberuf Farmer und servieren selbstverständlich nur lokale Speisen. Die Wirtin erinnert mich schwer an meine spanische Erscheinung im Jahr 2012. Donnerknittel, so viel positive Energie! (hier sollte eigentlich der Link auf den damaligen Beitrag sein, aber, ich kann es nicht glauben, ich finde ihn nicht wieder…Computer sind doof.)
Die wirkt sich offenbar auch auf das Essen aus. Sehr lecker, sehr gemütlich, sehr schöner Abend.

The Nut im Abendrot

Wir gehen zu Fuß zur Campsite zurück und stolpern fast über einen knallroten, monstermäßig aufgemotzten FORD RANGER auf einem Nachbarplatz. Dazu zwei Typen vor einer Gasheizung. Wie üblich in AUSTRALIEN kommen wir ins Gespräch ob des imposanten Gefährtes. Werden zu einem Drink eingeladen und verschnacken uns mal eben um zwei Stunden später am Abend. Der eine betreibt einen Bottleshop (verkauft also hauptberuflich Alkohol) und der andere exportiert Holz. So 400.000 Tonnen (?) pro Jahr, in der Regel nach China. Leute trifft man…

Nein, dieses wunderbare STANLEY können wir auf keinen Fall verlassen und so vorholen wir uns am nächsten Morgen einfach nebenan auf die Wiese des örtlichen Golfklubs. Ebenfalls direkt am Strand. Kein Klo, kein Strom, aber nur 10 AUS$ pro Nacht. Alles klar! Wir verabreden einen ruhigen Tag, was für mich so viel bedeutet wie:

BLOG SCHREIBEN!

Peter.

Roadkill

Was für ein cooles Wort: „ROADKILL“

Mal platt zerlegt und ins Deutsche übersetzt: „STRASSEN TÖTUNG“.

Ohhh, Tötung!

Ohhhhhhhhh, noch viel schlimmer, Straßen!

Das Straßen an sich töten können vermag ich nicht zu glauben. Es muss sich wohl eher um die Fahrzeuge auf den Straßen handeln, die da töten. Also PKW´s, LKW´s, Road-Trains (sehr lange LKW´s in AUSTRALIEN) oder auch Wohnmobile wie wir gerade eines fahren.

Stellen wir also fest: Fahrzeuge auf Straßen töten. Manchmal jedenfalls.

Eigentlich nicht neu, oder? Unfälle passieren allerorten, jederzeit. Manchmal eben auch tödlich. In Deutschland sind im Jahr 2018 3.265 Menschen tödlich verunglückt. 9 Menschen pro Tag, in ganz Deutschland.
Wusste ich auch nicht – bis ich das für diesen Beitrag recherchiert habe. Obwohl die Zahl deutlich niedriger als 1980 ist (über 15.000!!!), sind das doch immer noch ganz schön viele Menschen, die da ihr Leben auf den Strassen verlieren.

Statistisch (nicht absolut) sind die Zahlen für menschliche Verkehrstote in AUSTRALIEN ähnlich. Hätte ich auch nicht anders erwartet. Westlich industrialisiert. Viele Autos, viele Straßen.

Aber „ROADKILL“ meint nicht die vielen getöteten Menschen, die auf den Straßen dieser Welt sterben.

Abends, vor ein paar Wochen in STANSTHROPE: Wir sitzen gemütlich in großer Runde (ca. 20 Personen) in einer Art Campingstuhlkreis und erzählen uns gegenseitig Geschichten. Steven ist ein stattlicher Mann in den 50igern und betreibt einen kleinen Steinbruch in der Nähe von WARWICK, aus dem er Steine, Sand und Kies fördert und verkauft. Seit vielen Jahren schon. Steven sitzt direkt neben mir, dem großen Deutschen Kerl. Heidi sitzt ein paar Stühle weiter, zwischen den Frauen. So beginnt er also irgendwann seine Erzählung. Sie handelt von seiner ersten Begegnung mit einem Deutschen.
Ein paar Jahre ist es her, irgendwo im Outback AUSTRALIENs. Steven war mit seiner Frau mal wieder auf Wohnwagentour und saß am frühen Abend in einer Kneipe am Straßenrand. Im Outback auch mal ROADHOUSE oder STATION genannt. Soweit alles ruhig und beschaulich, wie eigentlich alles, was im Outback passiert…

…kommt ein Mann zur Tür reingestürmt und ruft: „I need a Doctor, I need a Doctor!“

Schlagartig ändert sich die die Stimmung der Gäste in der Kneipe. Statt ruhiger Beschaulichkeit auf einmal Betroffenheit! Oh Gott, was ist dem Mann wohl passiert? Ein schlimmer Unfall? Herzinfarkt?

Der Wirt nimmt unverzüglich die Sache beherzt in die Hand und fragt den noch in der Tür stehenden Mann ruhig und sachlich: „What happend?“

Der Mann ruft erneut, fast schon verzweifelt: „I need a Doctor!“ Offenbar kein Australier. Akzent und gestelzt. Ein Deutscher?

Der Wirt nochmal, ganz ruhig aber bestimmend, wie gute Kneipenwirte nun mal so sind: „What happend?“

Der Mann: „I need a Doctor, I need a animal Doctor!“

Stille, kurze Verarbeitung der neuen Information. Die halbe Kneipe lacht spontan, Steven auch. Die andere Hälfte der Gäste grinst nur. Denn allen ist sofort klar, was passiert sein wird. Nur der Mann in der Tür ist nun völlig aus dem Häuschen – wieso lachen die Leute ihn aus? Liegt es an seiner Sprache? An seinem Aussehen? Der Wirt versucht es noch einmal mit direkter Ansprache und findet schließlich heraus, das der Mann mit seinem gemieteten Wohnmobil ein Känguru angefahren hat. Das liegt nun verletzt am Straßenrand – sterbend in den Armen seiner Frau, die alleine auf der dunklen Straße zurück geblieben ist. Schuldbewusst will er das Tier retten – mit einem Tierarzt.

Das Problem: Selbst wenn man einen Tierarzt finden würde, er würde nicht mit raus kommen um ein Känguru zu retten.

Durch „ROADKILL“ angefahrene und/oder auch direkt getötete Tiere bleiben einfach an Ort und Stelle liegen. Leben sie noch, verenden sie elendich. Die Meisten sind aber sofort tot, bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 100 KM/h. Besonders in der Morgen- und Abenddämmerung sind die Tiere in der Nähe oder auch auf den Straßen unterwegs. Dadurch das sie so schnell sind und unvorhersehbar die Richtung ändern, können die Autofahrer auf den Straßen nicht bremsen oder ausweichen.
Kängurus werden im allgemeinen als Ungeziefer, als lästige Plage empfunden.

Also bleiben die leblosen Körper an- und auf den Straßen einfach liegen. Bis die Geier, oder hier eher die Raben kommen und das Frischfleisch genüsslich verspeisen. Die Sonne am Tage brutzelt das rohe, blutige Fleisch und irgendwann bleibt nur noch der Kadaver zurück.

Es gibt meines Wissens keine offizielle Statistik darüber, wie viele Kängurus im Jahr auf den Straßen AUSTRALIENS getötet werden. An einigen Tagen haben wir auf einer 300 KM Etappe vielleicht 20 tote Kängurus gezählt. Zählen geht einfach, denn man muss den leblosen Körpern auf der Straße gehörig ausweichen. Wenn Gegenverkehr ist, auch mal scharf bremsen. Denn das sind schon gehörig große Tiere, die man nicht einfach so überrollen kann – auch wenn sie schon tot sind.

„ROADKILL“ erklärt denn auch, warum die Road-Trains oder die vielen PickUps so gewaltige Stoßstangen vor sich her fahren.

Wir oder das Tier.

Peter.

P.S.: Keine Bilder von den toten Tieren.

TASI 15einhalb: GARDINA POINT / ARTHUR RIVER

TASI 15einhalb ist ein wenig geschummelt, denn wir waren nur mit dem PickUp von Robbie am GARDINA POINT / ARTHUR RIVER, ganz im NORD-WESTEN von TASMANIEN. Das Wohnmobil und den Wohnwagen haben wir in STANLEY gelassen, das ist TASI 16 und 17. Kommt als nächstes.

Nun, GARDINA POINT liegt an der Flußmündung des ARTHUR RIVER´s und das Highlight an dieser Stelle ist der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Der auflandige Wind sorgt für ordentlich Brandung und so liefert das aufgewühlte Meer genügend Brecher, damit der Fels in der Brandung auch tatsächlich ein Fels in der Brandung ist.

GARDINA POINT: Fels in der Brandung mit Brecher
GARDINA POINT: Fels in der Brandung ohne Brecher

Wenn ich jetzt noch mal Fels, Brandung oder Brecher schreibe, wird vermutlich an meiner Zurechnungsfähigkeit gezweifelt. Daher kein weiterer Text, eigentlich geht es hier ja auch nur um die Bilder eines Felsen in der Brandung…

Peter.

TASI 14: CRADLE MOUNTAIN

Eher durch Zufall kommen wir in die Nähe von CRADLE MOUNTAIN. Geplant war das nicht, wie die ganze TASMANIEN Rundreise ja eigentlich nie im Detail von uns geplant wurde. Irgendwann am Anfang haben wir zwar in der Reisegruppe beschlossen, die Insel im Uhrzeigersinn zu bereisen, aber danach nur noch Tagesziele abgesprochen.

CRADLE MOUNTAIN – DIe Gipfel Anfangs noch in den Wolken

Na ja, und so kommen wir also zum CRADLE MOUNTAIN, einer der TOP3-MUST-SEE Sehenswürdigkeiten von TASMANIEN. Die Freunde der Freunde, nun auch unsere, haben uns in WARATAH verlassen: Beide müssen wieder arbeiten und fliegen via LAUNCESTON zurück an die GOLD COAST.

CRADLE MOUNTAIN – DIe Gipfel Anfangs noch in den Wolken

Die Fahrt in den LAKE ST CLAIR Nationalpark, in deren Norden der CRADLE MOUNTAIN liegt, ist wie schon üblich kurvenreich und langsam. Im Schnitt schaffen wir 50 KM/h – ist aber auch gut so: Denn man sieht auch als Fahrer mehr von der Landschaft 😉

LAKE DOVE

Wir kommen früh´ am Mittag auf der etwas überteuerten Campsite des Nationalparks an, laufen kurz zum Visitor Center rüber, besorgen kostenlose Busfahrkarten (weil wir uns schon für PORT ARTHUR einen 90 Tage gültigen Nationalparkpass für ganz TASMANIEN zugelegt hatten (60 AUS$)) und werden zum DOVE LAKE gefahren. Eigentlich soll man das auch mit dem eigenen Auto mache können, aber die Einfahrt wird per Ampel geregelt und tagsüber schalten die Ranger immer auf Doppel-Gelb-Blinkend – gleichbedeutend mit „Einfahrt verboten“. Begründung: Die Straße ist wirklich sehr eng und die offiziellen Busse fahren sehr häufig – wenn da ein Wohnmobil die Straße versperren würde, gäbe das nur großen Ärger.

LAKE DOVE

Die Busfahrt ist super, weil der Busfahrer die Gegend live erklärt. Wie üblich verstehen wir vielleicht die Hälfte, fühlen uns aber auch so gut informiert. Nach 20 Minuten erreichen wir LAKE DOVE. Der Rundgang um den See hat eine Länge von 6 Kilometern, dauert 2 bis 3 Stunden und besitzt den Schwierigkeitsgrad Drei. Alle offiziellen Wanderwege in TASMANIEN werden mit diesem einheitlichen Anforderungsgrad an die Wanderer ausgewiesen. Eins steht für einfacher Spaziergang, Fünf für klettern – aber nicht am Seil. Drei bedeutet, ein wenig auf und ab, mit Stufen oder Rampen auf dem Weg.

LAKE DOVE

Anfangs sind viele Menschen mit uns auf dem Pfad unterwegs, später kehren wenige um, einige gehen schneller, andere langsamer. Und so verläuft sich die Menschenmenge und nach einem Drittel sind wir im Prinzip alleine. Der Weg ist oft aufwendig in das Seeufer gebaut und man muss hier und da mal den Kopf einziehen, um unter den urigen Bäumen durch zu kommen. Macht richtig Spaß, diese ernsthafte körperliche Ertüchtigung seit langem!
Der Wetterbericht hält Wort und es klart im Laufe des Nachmittags weiter auf. Die abziehenden Wolken offenbaren einen kolossalen Blick auf die Berggipfel.

LAKE DOVE / CRADLE MOUNTAIN

Nur einer der Gipfel ist mit Schwierigkeitsgrad Fünf und in 5-6 Stunden zu erklimmen. Wenn man es tatsächlich schafft, steht man 1.500 Meter hoch. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich gerne einen Versuch gewagt. Aber keiner will mit, die Wettervorhersage für den kommenden Tag ist lausig und schließlich muss auch ich selbst zugeben, das ich vermutlich nicht die nötige Fitness für einen solchen Aufstieg mit bringe. Später mal, vielleicht ganz später mal.

BALLROOM Forest / LAKE DOVE

Nun, so mache ich nur ein paar Bilder der Berggipfel von unten – schon verrückt, mit dem 200mm Teleobjektiv kann ich erfolgreiche Gipfelstürmer erkennen. Nur kein Neid! Die relative Nähe liegt wohl daran, das der Gipfel zwar knapp 1.500 Meter hoch ist, LAKE DOVE aber auch schon über 900 Höhenmeter mit bringt.

Wir absolvieren unseren Track (Wanderweg) in 2,5 Stunden. Zum Schluss dann doch etwas angestrengt und erschöpfend – aber wir motivieren uns: Alle 15 Minuten fährt der Bus zurück zum Visitor Center und wir brauchen somit keine unnötigen Meter mehr laufen 😉

LAKE DOVE

Den Abend verbringen wir in der Camp-Kitchen – rappel voll die Hütte (genauer: das Steinhaus). Der Kamin brennt schon früh´ am Abend und viele Camper bereiten sich auf den Kochherden oder den Grillplatten ihr Abendessen vor. Freie Tische sind Mangelware – so räumen wir unseren unverzüglich nach unserem eigenen Essen und ziehen uns an einen kleinen Bistrotisch zum Kartenspielen zurück. Wir wollen so lange wie möglich/nötig in der Küche bleiben, denn draußen ist es schon wieder lausig kalt und man kann ja auch nicht gleich um 7 ins Bett gehen.

Als wir dann irgendwann ins Bett fallen, sind wir von unserer kleinen Wanderung tatsächlich erschöpft, aber auch glücklich, das wir das gemacht haben.

Peter.

TASI 12,13: Nach WARATAH

Unser weiterer Weg führt uns nun wieder nach Norden. Gemächlich, natürlich. So wollen wir erst mal am Ufer des Stausee´s LAKE PIEMAN auf einer Freecampsite nächtigen, nachdem wir STAHAN verlassen haben. Recht einsame Gegend hier. Kaum ein Auto – und wenn, dann nur Arbeiter die Stromleitungen oder, Überraschung, Windkraftanlagen bauen. Jedenfalls haben wir Hinweisschilder auf VESTAS gelesen.

HENTY DUNES, TASMANIA

Unterwegs machen wir kurz Stop an der HENTY DUNES. Düne…so steht es jedenfalls in der Karte. Nichtsahnend klettern Paul und ich also sehr mühevoll die Düne hinauf, die Ladies bleiben unten, und wir erwarten zur Belohnung nach dem Aufstieg direkt dahinter liegend das Meer.

Nix da.

Nix MEER.

Nur noch MEHR Sand.

Viel MEHR Sand.

HENTY DUNES, TASMANIA

Und erst ganz hinten, am Horizont dieses Sandmeeres sieht man das Echte Meer. Gigantischer Sandhaufen, könnte man auch dazu sagen. So gigantisch, das dieser offenbar sogar abgebaut wird, jedenfalls sehen wir in einer Ecke Bagger und große Sandabbrüche. Zum Meer schaffen wir es nicht. Viel zu anstrengend. Also zurück zu den Autos und weiter.

Weiter durch die Einsamkeit, auf sehr kurvenreicher Strecke. Der PIEMAN Damm ist spektakulär und wohl auch schon recht alt. Robbie ist schon viel früher da, weil er sich die Düne nicht angesehen hat. Und filmt unsere Staudamm-Passage mit der Drohne. Recht beeindruckende Bilder, später vielleicht einmal für alle zu sehen.
Das obligatorische Campfire am Abend bereitet Sorgen. Nur nasses bis triefend Nasses Holz um uns herum. Kann ja wohl nicht sein! Der Einsatz der ganzen Reisegruppe ist nötig, um halbwegs brennbares Material heran zu schaffen. Der Lehrling aus Deutschland lernt: Amber ist wichtig! Mit genug Amber brennt alles. Amber, damit ist die Glut gemeint und die lässt sich auch mit kleinen Stöcken und Laub erzeugen. Und so brennt irgendwann mal wieder ein richtig gutes Feuer. Ist auch sehr wichtig, denn sobald die Sonne weg ist, wird es sch…. kalt.

Nach CORNINNA

Am nächsten Morgen trennen sich kurz unsere Wege. Die beiden Wohnmobile werden nach CORINNA fahren und dort die Barge (kleine Fähre) über den PIEMAN RIVER nehmen. Das große Wohnmobilgespann von Robbie passt da gar nicht erst drauf, denn der maximale Achsenabstand ist 9 Meter. Zugwagen und Anhänger bringen 15 Meter zusammen – und drei Tonnen Anhänger können wir auch nicht schieben. Also getrennte Wege nach WARATAH.

CORINNA, TASMANIA

Die Fahrt nach CORINNA ist schon gut. Langsam, wegen der vielen Kurven auf kleiner Straße, aber gut, weil so einsam. Die Fähre dann der Abenteuer-Hit schlechthin. Man klingelt und irgendwann setzt sich dann der Fährmann mit der Seilfähre in Bewegung. Das Gefährt ist aus großen Fässern oder ähnlichem gebastelt. Schwimmt aber. Jedenfalls mit einem Wohnmobil. Auf der anderen Seite angekommen, erst mal einen Kaffee im Buschhaus. Eine Campsite, Parkplätze und ein Schuppen für Kanus, mehr ist CORINNA eigentlich nicht. Ach ja, wunderschön gelegen ist es auch!

Fähre in CORINNA, TASMANIA

Das Wetter hält sich noch super gut, doch je weiter wir nun nach Osten vordringen und dabei auch noch Höhenmeter gewinnen, um so schlechter wird es. Bedeckter Himmel, manchmal Schauer und vor allem, ganz widerlich kalt.

So abweisend empfängt uns die historische Industriestadt WARATAH denn auch und ich frage mich, warum wir zur Hölle in dieses verschlafene, trostlose Nest gekommen sind? Von Industrie zeugen nur noch Hinweistafeln und hier und da mal eine alte verrottete Anlage. Aber sonst? Was sollen wir hier?

Kreuzung in WARATAH

Wie wäre es mit dem bekannten THE BISCHOFF HOTEL am Orte? Macht zwar erst um 3 Uhr am Nachmittag auf, aber dann gibt es Bier und ab 6 sogar Abendessen. Einfaches Kneipenessen, aber gut. Dazu ein offener Kamin, Leute die Dart spielen und unsere Reisegruppe, die, mal wieder, Karten spielt. PHASE 10 . Wer hätte das gedacht?

Alte, nicht mehr passierbare Brücke in WARATAH

Nun, und da ist dann diese ältere, völlig übergewichtige Frau, deren alter NISSAN kurz nach dem Hotel auf der Hauptstraße seinen Geist aufgegeben hat. Steht da hilflos und nur im T-Shirt und Hose bekleidet in der Kälte und weiß sich nicht zu helfen. Die beiden Ingenieure unserer Reisegruppe beobachten ihr Treiben, ziehen die Jacken über und gehen schließlich zu ihr hinüber. Und obwohl absolute Experten ihres Faches gelingt es ihnen nicht, den Motor wieder anspringen zu lassen. Die Frau ist zwar dankbar, aber meint auch, sie kümmere sich selbst. Unverrichteter Dinge ziehen Robbie und Paul wieder ab. Machen sich aber Gedanken, denn nun ist es schon fast dunkel und wirklich lausig kalt.
Kurze Zeit später erscheint die Frau im Hotel, bestellt einen Kaffee und fragt, kaum hörbar, nach dem Preis für ein Zimmer für eine Nacht. Offenbar keine Hilfe von Familie oder Freunden in Sicht? Wir Deutsche haben das nicht verstanden (aufgrund der Sprache) aber aus der Antwort der Frau auf die die 20 Dollar Ansage pro Nacht im Backpackerraum der Wirtin schließen die mitreisenden Eingeborenen, das dies der sehr übergewichtigen Frau viel zu teuer (…und vermutlich auch zu unangenehm) sei.
Die Frau verschwindet wieder in ihr Auto, wir spielen weiter Karten, Essen und nach zwei Stunden sind wir müde und wollen wir zurück.

Das Auto der Frau steht immer noch an gleicher Stelle, sie darin.

Die ganze Reisegruppe ist innerlich vom Helfersyndrom beseelt, aber keiner macht den ersten Schritt. Wir alle stehen schon vor der Tür und frieren fürchterlich im eisigen Wind. Da geht Paul zurück, redet mit der Wirtin – und gibt ihr, nicht der Frau im Auto, 70 Dollar für ein Zimmer und ein Essen für die Frau im Auto. Dann geht er zu der Frau im Auto, sagt ihr kurz das alles organisiert sei und sie nun selbst entscheiden könne, was sie mache. Die Frau lehnt weitere Hilfe ab, weiß aber nun, das das Hotel noch ein paar Stunden auf hat und sie dort gut versorgt schlafen kann.

Mit ruhigem Gewissen kehren wir alle zu unseren Autos zurück und gehen ins Bett.

Mehr kann man nicht tun.

Museum in WARATAH

Das Auto der Frau können wir von unserem Platz aus nicht sehen, als wir uns am nächsten Morgen fertig zur Abfahrt machen. Ist ja immer so eine Art Ritual, dieses gemeinsame Abfahren.

Gegen 9:30 kommt die Wirtin des THE BISCHOFF HOTEL vorbei und gibt Paul die 70 Dollar zurück – die Frau im Auto sei nicht gekommen. Was ist mit ihr passiert? Die Wirtin glaubt, sie ist von ihrer Tochter in der Nacht abgeholt worden. Alles sei gut.

Tja, das ist es wohl in der Tat. Nur gute, ehrliche Leute um einen herum. Alles ist gut. Oder wie die ehemals von mir sehr verehrte Band BAP damls in einem anderen Zusammenhang völlig entspannt sang: „Alles im Lot“.

Alles wird gut, alles im Lot.

Peter.

TASI 10,11: STRAHAN und GORDON RIVER TOUR

Fragt man Eingeborene nach dem Besten Ort auf TASMANIEN, wird sehr oft STRAHAN genannt. Denn hier, ganz im Westen der Insel kann man mit dem Schiff zur GORDON RIVER TOUR starten – und die sei nun mal sensationell. Wirklich!

Menschen, Tiere, Sensationen!

Da wollen wir hin!

Unser frostiges Nachtlager am RIVER DERWENT ist schnell abgebrochen und wir gehen früh´ am Morgen, also so gegen 9:00 Uhr, zurück auf die Piste. Die Anreise nach STRAHAN ist an sich schon ein Highlight. Sehr gut in Erinnerung bleibt die spektakuläre Abfahrt zum LAKE BURBURY. Nach langer kurvenreicher Waldfahrt mit eingeschränktem Sichtfeld auf den Horizont unvermittelt endlose Weite, Berge am Horizont und strahlend blaues Wasser!

LAKE BURBURY
IRON BLOW

Kaum haben wir dieses vermeintliche Tal passiert, geht es schon wieder bergauf. In der Nähe des Ortes GORMANSTON liegt eine alte Eisen- und Kupfermiene. Der IRON BLOW Aussichtspunkt ist atemraubend, denn man steht wie auf einem 10 Meter Sprungturm im Schwimmbad und schaut in die Tiefe – reinfallen möchte man in das smaragdgrüne Wasser allerdings nicht. Kommt man wohl nicht so leicht wieder raus. Keine Badeleiter erkennbar. Die Miene sieht aus, als ob sie gerade erst gestern verlassen wurde. Tatsächlich wurde aber der Betrieb schon vor gut 90 Jahren eingestellt. Auf der anderen Seite des Berges, in der Region QUEENSTOWN, wird noch Erz gefördert.

Sprungturm

Nach dieser spektakulären Anreise sind wir bei Ankunft auf dem Campingplatz von STRAHAN etwas enttäuscht. Komische Anlage, mehr Cabins (feste Hütten) als Stellplätze, bei der Platzvergabe ist kein System zu erkennen und die Dame an der Rezeption hat alles durcheinander gebracht und uns schon gestern erwartet. Daher will sie drei statt zwei Übernachtungen abrechnen. Eigentlich ist das ja alles auch egal, denn wir sind ja hier zur GORDON RIVER TOUR und nicht „zum auf dem Campingplatz herum sitzen“.

GORDON RIVER

Die Schiffsreise von STRAHAN aus dauert gut sechs Stunden und startet bereits um 9:30 Uhr. Wir haben, im stillen Einverständnis aller Reisenden, die Luxusvariante mit vollem Catering gebucht. Entsprechend teuer die Nummer – die vielen Familien mit Kindern können oder wollen sich das nicht leisten und sitzen unten. Auch in dieser Hinsicht hat alles seine Zeit.

Das Schiff SPIRIT OF THE WILD der Reederei GORDON RIVER CRUISES ist fast nagelneu und entsprechend ultramodern. Der Kapitän erzählt gleich zu Beginn stolz, das das Schiff mit DEUTSCHER Antriebstechnologie ausgerüstet sei – es hat einen komplexen Dieselelektrischen Antrieb!
Wir werden schließlich den WEST COAST Nationalpark befahren, da will man als Reederei offenbar seinen Beitrag zum Umweltschutz leisten. Oder muss es sogar. Erst Recht wenn überall steht: „100% locally owned and operated“. Das ist die gleiche allgegenwärtige Nummer wie „100% Australia“ – ganz klare Abgrenzung zu internationalen Konzernen und Produkten.

Die Strecken über die MACQUAIRE HARBOUR genannte riesige Lagune sind recht lang, da braucht man schon eine Geschwindigkeit von über 20 Knoten um uns Gäste in vertretbarer Zeit herum zu kutschieren.

HELLS GATES (eigentlich sind es zwei Einfahrten), Seewärts
HELLS GATES (Landwärts)

Zunächst geht es mit Vollgas zum HELLS GATES, der schmalen Durchfahrt, die den MACQUAIRE HARBOUR vom INDISCHEN OZEAN trennt. Die Ebbe läuft und die Strömung ist wirklich gigantisch. Vorsichtig, mit langsamer Fahrt lässt der Kapitän sein Schiff von der Strömung durch die Einfahrt ziehen und schwups, sind wir auf dem offenen Meer! Wir sind auf dem INDISCHEN OZEAN! Wie bestellt taucht ein Segelboot auf – falls es einlaufen will, wird es wohl noch etwas warten müssen: Gegen die Strömung kommen solch kleine Boote nicht an. Unser großer Dampfer schon.

Fischfarm im MACQUAIRE HARBOUR

Wir lernen:
Eigentlich hätte MACQUAIRE HARBOUR der wichtigste Hafen von TASMANIEN werden können/sollen. Doch als die mit Eisenerz beladenen Schiffe immer größer wurden und 3.000 Tonnen Kapazität je Schiff erreicht waren, konnten die Schiffe nicht mehr sicher das HELLS GATE passieren (was ohnehin nur bei gutem Wetter möglich war & ist). Es gab Überlegungen, die Felsen der Einfahrt weg zu sprengen und die Fahrrinne zu verbreitern – wollte aber keiner bezahlen. Also schlief die Schifffahrt im MACQUAIRE HARBOUR wieder ein. Fast jedenfalls. Schließlich gibt es noch die Touristenschiffe und riesige Fischfarmen. Denn das extrem geschützte Revier ist ideal für die kommerzielle Fischzucht geeignet. Offen bleibt, ob hier nicht schon wieder übertrieben wird. Gerade noch OK oder schon zu viel Fischfarmen? Wie viel Zucht verträgt das Wasser? Betreiber und GREENIES streiten…

GORDON RIVER Mündung

Mit sehr schneller Fahrt zur Flussmündung. Auf dem GORDON RIVER selbst wird dann tatsächlich mit Batterie gefahren. Langsam. Völlig still ist es aber nicht an Bord, denn ein kleiner Hilfsdiesel betreibt die Lüftung für den Maschinenraum. Dennoch: Was für ein großer Unterschied im Fahrverhalten, fast schon wie auf unserem STORMVOGEL, wenn wir die Segel setzten und den Brüllaffen abstellen…

GORDON RIVER

Die Flussfahrt ist eine Reise durch einen Urwald, der nie durch Straßen, nie durch Ortschaften erschlossen wurde. Völlig unberührt. Im unbewegt vor uns liegenden Flusswasser spiegeln sich die Wolken. Extra für uns Touristen hat man mitten im Urwald einen Anleger und einen kurzen Rundgang durch den Urwald gebaut. Immerhin sind heute gut 100 Passagiere unterwegs und die beiden Tourguides erläutern brillant die Umgebung. OK, der Rundgang hat was, aber es ist so schrecklich beklemmend still! Gespensterhaft ruhig. Ist das nicht komisch, in einem Urwald?
Also den Tourguide fragen: Diese erklärt, das es hier unten am Boden viel zu feucht und zu dunkel sei, um eine Geräusche machende Tierwelt zu beherbergen. Hmmm, kann das wirklich so sein?

Flussaufwärts geht es für uns nicht weiter und wir düsen nach passieren der Mündung wieder mit Höchstgeschwindigkeit durch den MACQUIRE HARBOUR. Nach SARAH ISLAND. Schon wieder ein Gefängnis – oder besser eine Gefängnisinsel.
Schon wieder, könnte man meinen. Doch SARAH ISLAND ist sozusagen die Mutter aller Gefängnisse in AUSTRALIEN und TASMANIEN. Hier wurde das Prinzip des offenen Arbeitslagers erstmals umgesetzt. Angeblich sind irgendwann einmal 10 Gefangene spektakulär mit einem hier offiziell von den Sträflingen gebauten Schiff abgehauen – und tatsächlich bis AMERIKA gekommen! Unglaublich, oder? So unglaublich, das man ein kleines Theaterstück mit dem Titel „THE SHIP THAT NEVER WAS“ daraus gemacht hat. Das wird Abends in STRAHAN aufgeführt und ich wäre wirklich gerne da hin gegangen, denn einer der hervorragenden Tourguides spielt dort mit. Doch es ist eine kleine Open Air Bühne und es ist lausig kalt. Keiner will mit und mir selbst ist ja auch kalt. Echt kalt.

SARAH ISLAND war also sozusagen die kleine Blaupause für PORT ARTHUR – und wurde geschlossen, nach dem man sich für die größere Anlage in PORT ARTHUR entschieden hatte – das haben die uns in PORT ARTHUR nicht erzählt! Billige Kopie oder was? Der Umzug wird natürlich durchaus seinen Sinn gehabt haben. SARAH ISLAND war nicht wirklich geeignet. Zu Felsig, zu uneben, zu klein. Da mussten die Sträflinge erst mal künstlich die Insel vergrößern um ein flaches Gebiet für den Werftbetrieb zu schaffen. Trinkwasser musste täglich in Booten vom Festland geholt werden. Von Sträflingen, natürlich. Zwei Problemchen dabei: Einige hauten einfach ab, andere wurden von wilden Tieren getötet.

Wir haben die GORDEN RIVER TOUR in vollen Zügen genossen, nicht nur wegen der gebuchten Luxusklasse. Einmal mehr haben mich die sehr engagierten Tourguides beeindruckt. OK, es werden einstudierte Texte sein, die sie sprechen. Aber so pointiert, so plakativ, das ist selten. Das geht weit über den normalen Fremdenführer hinaus und ist schon fast ein Schauspiel. Toll gemacht, wirklich sehr gut und jeden Dollar wert!

Zu Fuß kehren wir zum Campingplatz zurück…

…und Zack, schon wieder einen tollen Tag erlebt.

Peter.

TASI 9: River Derwent

Mal wieder ein Sprung weiter. Richtung Westen, diesmal.

Eigentlich wollen wir in der Gegend von LAKE ST CLAIR vor einer Kneipe bei DERWENT BRIDGE Station machen, aber als wir dort ankommen erscheint uns der Platz direkt an der Straße trotz „kostenlos“ und Bier und Essen in der Kneipe wenig attraktiv.

Unterwegs: TARRALEAH
Unterwegs: TARRALEAH

So irren wir zunächst ein wenig Orientierungslos durch die Gegend, teilen uns sogar auf um verschiedene Übernachtungsplätze in der Umgebung zu erkunden. Gewinner wird, mal wieder, eine Freecampsite direkt am Fluß RIVER DERWENT. Größter und nicht zu unterschätzender Vorteil an einer Freecampsite: Man kann ein Feuer machen. Jedenfalls in der Regel und wenn man Holz findet.

River Derwent
River Derwent

(Adresse via WIKICAMPS: Camground Derwent River / Lake King William – 15573 Lyell Highway Derwent Bridge)

Also kommen wir erst mal an, richten uns ein und gehen unverzüglich auf die Jagd nach Brennholz. Gar nicht so einfach. Die Umgebung ist erstaunlich aufgeräumt. Oder besser ausgeräumt? Doch wer suchet, der findet und unser Feuer direkt am Fluß kann sich mal wieder sehen lassen.

Die Morgendämmerung geht einher mit eisiger Kälte. Das Wasser in einer draußen stehenden Pfanne ist komplett gefroren. Wie schlecht, das es auf einer Freecampsite keinen Strom und somit auch keine Heizung in unserem Bus gibt. Kälte ist vielleicht sogar noch vor Regen die verabscheuenswerteste Naturgewalt beim Campen. Finde ich.

Unserem GPS Tracker kann man in Bezug auf die Temperatur nicht trauen: Der liegt immer hinter der Windschutzscheibe und wird tagsüber von der Sonne gekocht. Abends will ich ihn eigentlich immer ausschalten, Gebühren sparen. Aber: Die Höhe, die er anzeigt, ist richtig: 722 Meter. So hoch, so kalt.

River Derwent früh´ am eisig kalten Morgen

Obwohl…

…diese wirklich extrem lausige Morgenkälte sorgt im Zusammenspiel mit der bereits strahlend hellen Morgensonne am wolkenlosen, tiefblauen Himmel für einen stimmungsvollen Morgennebel über dem RIVER DERWENT – und für einige grandiose Fotos.

River Derwent: Nachbarfamilie beim Frühstück am Fluß

Wer sagt´s denn. Alles wird gut. Trotz Kälte am Morgen

Peter.

Greenie

Nein, der Titel ist kein Schreibfehler.

Es ist nicht GENIE, sondern tatsächlich GREENIE gemeint.

Das ist australische Umgangssprache für Grüner, Umweltaktivist, Linker. Eigentlich für alles, was den Konservativen im Land suspekt erscheint. Man trifft hier erstaunlich viele, insbesondere ältere Männer, die wie Herr Trump den Klimawandel einfach leugnen. Das Blöde daran ist: Während ich Herrn Trump wirklich nicht zum Freund haben möchte, sind mir einige der hier kennen gelernten (konservativen) Klimaleugner doch sehr sympathisch. Und ich würde gerne deren Freundschaft genießen – umgekehrt, so glaube ich, ist es bestimmt genau so. Daher reden wir ja miteinander. Neben diesem einen kontroversen Thema gibt es viel mehr Dinge, in denen wir gleicher Meinung sind und die uns vereinen.

Sage ich ja sowieso immer: Es gibt viel mehr was die Menschen vereint als das, was sie trennt.

Schon erstaunlich, nach welchem Muster diese Klimaleugner immer vorgehen. Operieren mit exakten Jahreszahlen aus vergangenen Jahrhunderten an denen es Jahrhundertsommer in Folge gegeben habe, fragen, warum GREENLAND denn wohl GRÜNLAND heiße, wenn es damals nicht GRÜN, also Eisfrei, gewesen wäre?

Ich kann da nicht mit halten. Einzelne Ereignisse interessieren sowieso nicht. Es ist wohl mehr das Große Ganze, das Big Picture, das es zu beachten gibt. Irre viel Autos, Industrie, Flugzeuge bis der Arzt kommt und so weiter, und so fort. Seit wenigen Jahren erst. Gemessen an der irdischen Entwicklung.

Was ich aber im Weltbild dieser Menschen als besonders besorgniserregend empfinde: Sie fühlen sich allesamt im Grunde verfolgt und unterwandert! Von eben jenen GREENIE´s: Linke Gruppen und linkes Denken hätten Kindergarten, Schulen und Universitäten unterwandert und brächten die Saat für eine Systemveränderung – natürlich zum schlechteren – aus. Na ja, eine Systemveränderung ist vielleicht auch dringend nötig, jedenfalls was die Umweltabnutzung angeht. Das bedeutet aber doch wohl nicht gleich auch Kommunismus, Staatslenkung und die Einschränkung persönlicher Freiheiten.

Es ist so einfach: Komplexe Zusammenhänge, Prozesse und Systeme werden ignoriert statt verstanden. Es wird noch nicht mal versucht, zu verstehen. Es ist viel einfacher, Attacken auf GREENIE´s, „die da Oben“ oder „das System“ zu reiten. Es wird nicht argumentiert, sondern agitiert. Eine andere Position als die eigene wird nicht zugelassen.

Das ist reine Zeitverschwendung!

Was ist denn objektiv von einem älteren Bauern zu halten, der seinen Hof auf einem paar Hundert Meter hohen Berg hat und der allen Ernstes behauptet, es gäbe keine Umweltverschmutzung durch Autos?
Vermutlich genau so viel (wenig) wie von einem Hardcore GREENIE, der auf Straßen niedrigere Feinstaubwerte als in Büros fordert.

Dabei eint doch beide im Grundsatz unsere westlichen, demokratischen Werte. Sie eint, die Welt in der wir leben. Sie eint, das sie so leben können, wie sie möchten.

Das Problem mit den alten Männern, die auf ihrer Meinung beharren, ist nicht neu. Das war schon immer so. Schließlich gibt es bei uns im Deutschen das schöne Wort des Altersstarrsinn. Doch, und das ist neu: Noch nie war unsere Gesellschaft so alt wie heute. Noch nie gab es so viele alte Männer mit einer eigenen Meinung die sie immer unveränderlicher bis in den Tot begleitet. Das war früher anders. Da wurden die Männer immer durch irgendwelche Kriege am älter werden gehindert.

OK, Krieg und/oder frühzeitiger Tot ist keine Lösung.

Mein Vorschlag: Reisen.

Reisen, aktiv versuchen bewusst Land und Leute kennen zu lernen. Andere, fremde Menschen ansprechen – notfalls mit Unterstützung legaler Drogen um die eigene Hemmschwelle zu überwinden. Zeit miteinander verbringen und heraus finden, was verbindet. Und was trennt. Erklären, was im eigenen Land gut läuft, lernen, was im besuchten Land gut läuft.

Wäre doch gelacht, wenn die Spalter, die Besserwisser, die ewig Gestrigen, die Zögerlichen, die platten Systemkritiker gewinnen würden.

So viel ist schon mal klar: Die Guten gewinnen! Immer.

Peter.

…neues von Familie, Segeln und Fotos