National Coal Mining Museum (Wakefield/Flockton)

Es war mir ein großes Bedürfnis, den mitreisenden jungen Menschen ein echtes Bergwerk in GROßBRITANIEN zu zeigen. Doch erst auf der Rückreise auf dem Weg in den Süden des Landes ergab sich Ort und Gelegenheit.

Die Wahl fiel auf das NATIONAL COAL MINING MUSEM, wenn man ganz genau sein möchte muss man den Zusatz FOR ENGLAND ebenfalls nennen, denn jede Region hat sein eigenes „National“-Museum. Der ursprüngliche Name der Miene ist CAPHOUSE COLLIERY und sie liegt im Städtedreieck von LEEDS, MANCHESTER und SHEFFIELD in der Nähe des kleinen Orts FLOCKTON in dem wiederum der kleine Campingplatz HIGHFIELD HOUSE CARAVAN PARK beherbergt ist.

HIGHFIELD HOUSE Campingplatz

Also erst mal nach FLOCKTON bei wirklichem Sauwetter. Solche Sturzseeartigen Wolkenbrüche habe ich mit 54 Jahren noch nicht erlebt! Zum Glück ist das Auto trocken, wir sind auf einer großen Autobahn ganz links und können langsam fahren. Die ganze Region ist extrem dicht besiedelt und entsprechend dicht ist auch der Verkehr. Nicht wirklich schön zu fahren, liegt bestimmt auch daran, dass in SCHOTTLAND trotz Sommerferien deutlich weniger los war.

HIGHFIELD HOUSE Campingplatz

Wir finden HIGHFIELD HOUSE im zweiten Anlauf. Obwohl vorher telefonisch angemeldet treffen wir niemanden an. Erster Eindruck: Ein wenig obskur. Ein Mann kommt von irgendwo her auf uns zu und berichtet, dass die Eigentümerin beim Arzt sei und wir einfach auf den Platz fahren können. Der Platz, das ist eine große an einem leichten Abhang gelegene Rasenfläche. Der Mann rät uns mit etwas mehr Geschwindigkeit ganz nach oben links in die Ecke zu fahren und das Auto so zu parken, das wir ohne rangieren den Abhang herunter rollen können, wenn wir wieder abreisen. Grund: Der Rasen ist jetzt schon triefend nass und für die kommenden Tage sei noch mehr Regen angesagt.

HIGHFIELD HOUSE Campingplatz

Alles klar. Das bekommen wir hin. Außer uns noch drei andere Camper, später kommen noch zwei. Die Sanitäranlagen alt, nicht ganz sauber vom Matsch und Rasen, aber durchaus OK. Später kommt die Besitzerin vom Sohn im Auto herum gefahren und sagt Hallo. Wenn wir Zeit hätten sollen wir in ihr Haus zur Anmeldung kommen…
….das macht Heidi dann etwas später und kommt ewig nicht zurück. Als sie dann zurück kommt höre ich die traurige Geschichte. Der Mann sei im letzten Oktober gestorben und sie leide jetzt an Krebs. Deshalb die vielen Arztbesuche. Keine rosigen Aussichten im HIGHFIELD HOUSE.

HIGHFIELD HOUSE Campingplatz (mal ganz genau in der Bildmitte suchen…)

Der Platz gefällt uns viel besser als die „Luxus-Campingplätze“ der letzten Tage. Camping ist für uns immer „draußen“ und „einfach“. Während wir zuvor locker zwischen 35 und 40 Pfund pro Nacht bezahlen mussten, sind es hier 17 Pfund. Mehr als OK.

So sitze ich denn da in der Abenddämmerung unter der ausgefahrenen Markise vor dem Auto auf meinem mit dem Boot aus AUSTRALIEN mitgebrachten Campingstuhl (Modell „BIG BOY“, MADE IN CHINA, natürlich) im Nieselregen, lasse meinen Blick über das kleine Tal zum Ort FLOCKTON hinüber schweifen und sinniere über das Leben der HIGHFIELD HOUSE Eigentümer. Schon echt beschissen. Wenn es einen trifft, dann mit voller Wucht. Hier im Doppelschlag. Was für ein Mist.
OK, das Wetter verstärkt die trüben Gedanken natürlich erheblich und es wird vielleicht einfach Zeit, ins Bett zu gehen.

Der nächste Morgen beginnt trocken und frohen Mutes!

Heute geht es unter die Erde!

Per GOOGLE MAPS ausgekundschaftet, das es nur 3,5 Kilometer zum Museum sind. Das gehen wir zu Fuß. Obwohl wir ja nun wissen, dass Fußgänger auf englischen Landstraßen eher Freiwild denn Verkehrsteilnehmer sind. Doch wir haben Glück: Fast auf der ganzen Strecke gibt es einen schmalen Bürgersteig, den wir hübsch und sicher im Gänsemarsch ablaufen können.

Eingang

Das Museum wirkt wie ein eben erst still gelegtes Bergwerk, dabei wird hier bereits seit 1985 keine Kohle mehr gefördert. Seit 1988 ist es ein Museum und das blickt auf eine rund 250 jährige Bergbaugeschichte an diesem Ort zurück. 250 Jahre!
Völlig ungewöhnlich: Der Eintritt ist frei! Absolut kostenlos! Auch wenn man Untertage will. Spenden willkommen. Die Untertagetour kann man online vorab buchen um nicht ewig in einer eventuellen Schlange warten zu müssen. Wenn man nicht spenden möchte, zahlt man einen Pfand für die Ausrüstung, den man nach der Tour zurückbekommt. Das ist wirklich klasse. Wir sind gegen 10:00 Uhr da und es ist noch angenehm leer. Keine Schlange, kein Warten.

Natürlich zieht es uns zunächst in den Untergrund. Jeder bekommt einen soliden Helm und eine originale elektrische Grubenlampe. Dann mit gut 20 Leuten in den „Fahrstuhl“, der eher einem Käfig gleicht. Es rumpelt, an den Wänden läuft das Wasser herunter und mit jedem Meter abwärts wird es spürbar kälter. Stockdunkel, bis auf die Lampe von Jeb, unserem Führer. Schätzungsweise Anfang 60, groß, drahtig und mit einem kaum verständlichen Akzent. Als er merkt, dass er ein paar Deutsche in der Gruppe hat spricht er langsamer und deutlicher – klarer Fall von Führer-Profi. War in seinem früheren Leben selbst Bergmann und hat nun als Touristenführer offenbar viel Freude.

Werkshof, geade verlassen – aber noch vorher aufgeräumt

Nach 146 Meter setzten wir ruppig auf und laufen als Gruppe durch eine große Luftschleuse mit schweren alten Holztüren, denn die Belüftung von Kohlegruben gehört wohl zu den wichtigsten Sicherheitseinrichtungen unter Tage. Feuer und Explosionen in Folge schlechter Luft unter Tage. Nicht auszudenken! Aus diesem Grund dürfen wir auch keine Handys und Fotoapparate mitnehmen. Die wurden oben alle eingesammelt und weg geschlossen.

Es ist totenstill. Die Luft ist klar und somit vermutlich völlig anders, als wenn hier noch Kohle gefördert werden würde.

Jeb erzählt sehr plastisch, stellt Fragen an die Reisegruppe und vermittelt recht anschaulich die (technische) Entwicklung im Bergbau. Wir stehen vor einer kleinen Holzklappe, daran eine Schnur und daran die Nachbildung eines kleinen, etwa vierjährigen Jungen. Jeb fragt, was der Junge hier wohl früher gemacht habe? Kollektives Schweigen. Keiner hat eine Ahnung. Jeb bittet die Gruppe, alle Lampen auszuschalten. Bis alle ihre Schalter gefunden haben dauert es einen Augenblick, dann ist es mit einem Male stockdunkel. Jeb wartet. Die Augen gewöhnen sich nicht an die Dunkelheit. Denn hier unten ist absolut kein Licht. Kein Schimmern eines Notausgang-Schildes, kein Handybildschirm, kein beleuchtetes Zifferblatt einer Uhr.

Absolute Dunkelheit und andächtige Stille.

Und nun erst erklärt Jeb, was der Junge damit der Kordel und der Holzklappe früher gemacht hat:
Er saß, in völliger Dunkelheit (Kerzen waren teuer!), an der Klappe und wartete darauf, das seine Mutter von innen gegen die kleine Klappe klopfte, dann schob er sie auf, nahm den von der Mutter durchgeschobenen Korb und mit Kohlestücken und danach die Mutter entgegen und schloss die Klappe dann wieder. Damit er die Klappe in absoluter Finsternis auch immer wieder finden konnte war er per Schnur an der Klappe angebunden.
Die ersten in der Gruppe werden trotz Jeb´s wohlklingender Stimme unruhig. Die absolute Dunkelheit wirkt auf jeden extrem bedrückend. Allgemeine Aufmunterung, als wir die Lampen wieder anmachen dürfen. Früher, so Jeb, haben ganze Familien im Bergwerk gearbeitet. Hinter der Klappe war eine kleine Mulde, in der der Mann im Schein einer Kerze mit einer Spitzhacke die Kohle abschlug, die Frau sammelte die Bruchstücke in einem Korb ein und wenn der voll war, kroch sie durch die Klappe und brachte die Kohle zum nächsten Sammelpunkt. Die Klappe war eine Art Luftschleuse. Belüftung! Die kleinen Kinder kämpften hier unten nicht nur mit der absoluten Dunkelheit. Ratten waren ein anderes großes Problem.

Erst viel, viel später (…stand irgendwo im Museum auf einer Info-Tafel, habe ich aber leider versiebt) hat man beschlossen, das kleine Kinder nicht mehr in den Mienen arbeiten sollten. Das Mindestalter wurde auf 10 Jahre festgelegt…

Gespenstische Szene über Tage…

Auf unserer unterirdischen Tour wandern wir unter Jeb´s fachkundiger Anleitung durch die Jahrzehnte. Der erste Sprengstoff, Bohrhammer, Hydraulikstempel und große Bohrmaschinen. In Einzelteilen unter die Erde gebracht, zwei Wochen montiert. Oft deutsche Technik.
Doch irgendwann war Schluss und wie bei uns im Ruhrgebiet standen sehr viele Menschen vor dem Nichts. Man stelle sich das mal vor: Wenn zehn Generationen einer Familie unter der Erde Kohle gefördert haben, dann war die Miene absolut Lebensbestimmend.

Der Weg zurück ans Tageslicht erfreut alle, die wieder kehrende Wärme und das Sonnenlicht tun recht gut.

Ich befürchte, unsere jungen mitreisenden Menschen haben höchstens ansatzweise verstanden, wie das Leben mit dem Bergwerk früher war und male mir aus, wie es wohl wäre, wenn man ein Bergbaumuseum im technischen Betrieb halten würde und man unter Tage mal selbst für eine Stunde Kohle fördern müsste. In ein paar Jahren, wenn Menschen wie Jeb nicht mehr als authentische Führer arbeiten können, wird wieder ein kleines Stück Geschichte verloren gehen. Nicht, das ich neuerdings dem vergangene hinterher traure. Nein. Es geht darum aus Geschichte zu lernen und das einmal erfahrene so plastisch wie möglich zu konservieren, damit es nicht irgendwann so abstrakt wird, das es niemand mehr ernst nimmt…und auf den Gedanken kommt, es besser zu wissen.

Nun denn. Wir besuchen noch eine Vorführung in der Schmiede und kaufen später ein paar Erinnerungstücke vom Schmied. Verlorene Berufe.

Auf dem Rückweg zum Campingplatz schmerzen zwar die Füße ein wenig, aber wir alle wissen: Das war ein unvergesslicher Ausflug.

Peter.

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