Nachtrag: Martin und die Harfe

Eigentlich hätte Heidi die folgende Geschichte aufschreiben müssen. Denn es ist ihre Geschichte. Ich war nur dabei, wie die mitreisenden Eingeborenen auch nur dabei waren. Es ist eindeutig Heidis Geschichte.

Sie ereignete sich in der COLES BAY, TASMANIEN auf der freien Campsite SWAN RIVER CAMPING.

Mit unseren drei Fahrzeugen hatten wir uns in eine Ecke des Platzes verkrochen und eine Wagenburg gebaut. Eigentlich alles super, aber wir standen doch ohne echte Not relativ dicht an einem anderem Camper. Schließlich war der Rest des Platzes am frühen Nachmittag noch frei. Auf den ersten Blick etwas Obskur, der Nachbar. Ziemlich herunter gekommener normaler PKW, ein offenbar selbst gebauter, sehr kleiner „Wohnwagen“ und eine Art Vorzelt, das eher ein Dach aus Plastikplane und ein paar Holzstangen war. Als wir ankommen ist der Bewohner gar nicht da, später beim Bier sitzend kommt er zurück, grüßt freundlich und verkrümelt sich in seinen Wohnwagen.

Als er sich später wieder sehen lässt, fragen die Frauen ihn leicht schuldbewusst, ob wir im wohl zu dicht auf den Pelz gerückt seien? Nein, nein. Alles klar! Wie eigentlich immer in AUSTRALIEN.

Der Mann bekommt irgendwann mit, dass wir aus DEUTSCHLAND sind und stellt Heidi eine Frage, die sie nicht beantworten kann…und mich ruft. Also bemühe ich mich aus meinem überaus bequemen Campingstuhl, stelle das Bier zur Seite und geselle mich zu Heidi und dem Mann aus dem kleinen Wohnwagen.

Aus der Nähe betrachtet sieht der Mann genauso herunter gekommen wie sein Auto aus. Sehr schlechte Zähne. Die Hälfte fehlt schon. Aber ein sehr freundliches, gewinnbringendes Lächeln überzieht sein faltiges Gesicht. Also denn, worum geht´s?

Ob es wohl wahr sei, das es demnächst in EUROPA ein bedingungsloses Grundeinkommen gebe – und wann das wohl sei? Er habe neben dem AUSTRALISCHEN auch einen IRISCHEN Pass und überlege, nach EUROPA zurück zu kehren da er hier kein Auskommen mehr habe.

So So. Denke ich. Klassischer Fall von Sozialsystemzuwanderung, die wir wohl alle nicht wollen.

Nach meiner Meinung wird es das über kurz oder lang in ganz Europa geben (müssen), aber wann das sei und ob das dann auch für ihn gelte, kann ich natürlich nicht sagen. Will es auch nicht sagen? Keine Ahnung. Mein ganzer Körper rät zu „Abstand halten“, „Auf Distanz gehen“ und „auf keinen Fall zu einem Bier einladen“.
So endet das Gespräch ohne weitere Annäherung. In der Nacht haben wir eine schwere Gewitterböe mit viel Regen. In unserem Wohnmobil kein Problem, aber das „Vorzelt“ von dem Mann ist halb weg geflogen und liegt am Nächsten Morgen in Trümmern vor seinem selbst gebauten „Wohnwagen“. Wir brechen zu unseren Ausflug zur WINEGLASS BAY auf…

…und als wir am Nachmittag bei bestem Wetter zurückkehren, beginnt nun endlich, nach langer Vorrede, Heidis Geschichte.

Um die letzten Sonnenstrahlen des brillanten Nachmittags vollständig genießen zu können, haben wir unsere Stühle in der Mitte des sandigen Platzes aufgebaut und freuen uns über den Ort, über die Drinks und über unsere Gemeinschaft, natürlich.

Wir plaudern und flachsen in der Abendsonne. Menschen um die 50+ haben immer was zu erzählen. Schließlich haben die ja schon was erlebt, im Leben. Den „Wohnwagen“ von dem Nachbarmann können wir von unserem Standort aus nicht sehen. Der liegt verdeckt nun hinter einem unserer Wohnmobile. Außer unseren eigenen Stimmen ist es still auf dem ganzen Platz.

Auf einmal erklingt Musik. Wo kommt die denn her? Ist das eine Aufnahme oder spielt da tatsächlich jemand…HARFE?

Wie luschern um die Ecke. Sitzt da doch der Nachbarsmann unter seinem wieder aufgebauten Planen Vorzelt und spielt leibhaftig auf einer echten, großen Harfe. Das Teil muss in seinem „Wohnwagen“ gewesen sein. Wie passt die da überhaupt rein?

Die ganze Reisegruppe ist erst mal völlig sprachlos (…was echt noch nicht vorgekommen ist), dann fällt aber auch noch vor Ungläubigkeit der Kinnladen herunter. Sehen vermutlich einen Moment recht dämlich aus, allesamt. Einen Moment nur.

Das erste Stück ist zu Ende und wir spenden fleißig Applaus. Der Mann freut sich. Das sind die Momente im Leben von Reisenden, in denen sich alles positive dieser Erde an einem Ort und zu einer Zeit vereint. Sonnenuntergang, gute Menschen um einen herum und bezaubernde Musik.

Natürlich ist es Heidi, die sich ein Herz nimmt und in der Pause nach dem nächsten Stück zu dem Mann vor seinem „Wohnwagen“ herüber geht und ihn freundlich, aber durchaus auch neugierig befragt.

Sie findet sie heraus, dass er Martin heißt und in seinem früheren Leben tatsächlich Harfen gebaut hat. Mit seinem Sohn. Auch die Harfe auf der er jetzt spiele, sei von ihm selbst gebaut worden. Doch wie es dann manchmal im Leben so läuft. Familie kaputt, Job weg (oder anders herum) und irgendwie in AUSTRALIEN gestrandet.

Während Heidi mit ihm spricht sitze ich im Stuhl und hadere mit mir selbst. Eigentlich müsste ich aufspringen, Stativ und Videokamera holen und ein Stück von ihm aufnehmen. Sollte, müsste ich ihm dafür Geld geben? Könnte er bestimmt gebrauchen. Würde ich auch geben wollen. Wie viel ist angemessen? Aber kann man (er) das auch falsch verstehen? Als Almosen? Nach dem kurzen Gespräch gestern?
Und so sitze ich da, grüble und verpasse die einmalige Chance. Denn nach Heidis Rückkehr spielt er noch ein Stück und verschwindet dann samt Harfe wieder in seinem selbst gebauten „Wohnwagen“.

Wir sehen ihn den Rest des Tages nicht mehr, auch nicht, als wir am nächsten Morgen aufbrechen.

Und so bleibt nur die Erinnerung an diese Begegnung, ein Handyfoto das Heidi mit seiner Erlaubnis gemacht hat und die Erkenntnis, das vermutlich in jedem Menschen eine Fähigkeit steckt, um die ihn andere beneiden würden.

Peter.

P.S.: Meine ehemals viel zu engen Schubladen, in die ich Erstbekanntschaften zu stecken pflegte, haben sich seit Jahren ja schon geweitet. An diesem späten Nachmittag sind sie wieder ein gutes Stück größer geworden und irgendwann, bestimmt noch zu Lebzeiten, werden sie sich vollständig aufgelöst haben und ich kann mir unbekannten Menschen ohne jedes Vorurteil und jeden Vorbehalt begegnen. Bestimmt.

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