Roadkill

Was für ein cooles Wort: „ROADKILL“

Mal platt zerlegt und ins Deutsche übersetzt: „STRASSEN TÖTUNG“.

Ohhh, Tötung!

Ohhhhhhhhh, noch viel schlimmer, Straßen!

Das Straßen an sich töten können vermag ich nicht zu glauben. Es muss sich wohl eher um die Fahrzeuge auf den Straßen handeln, die da töten. Also PKW´s, LKW´s, Road-Trains (sehr lange LKW´s in AUSTRALIEN) oder auch Wohnmobile wie wir gerade eines fahren.

Stellen wir also fest: Fahrzeuge auf Straßen töten. Manchmal jedenfalls.

Eigentlich nicht neu, oder? Unfälle passieren allerorten, jederzeit. Manchmal eben auch tödlich. In Deutschland sind im Jahr 2018 3.265 Menschen tödlich verunglückt. 9 Menschen pro Tag, in ganz Deutschland.
Wusste ich auch nicht – bis ich das für diesen Beitrag recherchiert habe. Obwohl die Zahl deutlich niedriger als 1980 ist (über 15.000!!!), sind das doch immer noch ganz schön viele Menschen, die da ihr Leben auf den Strassen verlieren.

Statistisch (nicht absolut) sind die Zahlen für menschliche Verkehrstote in AUSTRALIEN ähnlich. Hätte ich auch nicht anders erwartet. Westlich industrialisiert. Viele Autos, viele Straßen.

Aber „ROADKILL“ meint nicht die vielen getöteten Menschen, die auf den Straßen dieser Welt sterben.

Abends, vor ein paar Wochen in STANSTHROPE: Wir sitzen gemütlich in großer Runde (ca. 20 Personen) in einer Art Campingstuhlkreis und erzählen uns gegenseitig Geschichten. Steven ist ein stattlicher Mann in den 50igern und betreibt einen kleinen Steinbruch in der Nähe von WARWICK, aus dem er Steine, Sand und Kies fördert und verkauft. Seit vielen Jahren schon. Steven sitzt direkt neben mir, dem großen Deutschen Kerl. Heidi sitzt ein paar Stühle weiter, zwischen den Frauen. So beginnt er also irgendwann seine Erzählung. Sie handelt von seiner ersten Begegnung mit einem Deutschen.
Ein paar Jahre ist es her, irgendwo im Outback AUSTRALIENs. Steven war mit seiner Frau mal wieder auf Wohnwagentour und saß am frühen Abend in einer Kneipe am Straßenrand. Im Outback auch mal ROADHOUSE oder STATION genannt. Soweit alles ruhig und beschaulich, wie eigentlich alles, was im Outback passiert…

…kommt ein Mann zur Tür reingestürmt und ruft: „I need a Doctor, I need a Doctor!“

Schlagartig ändert sich die die Stimmung der Gäste in der Kneipe. Statt ruhiger Beschaulichkeit auf einmal Betroffenheit! Oh Gott, was ist dem Mann wohl passiert? Ein schlimmer Unfall? Herzinfarkt?

Der Wirt nimmt unverzüglich die Sache beherzt in die Hand und fragt den noch in der Tür stehenden Mann ruhig und sachlich: „What happend?“

Der Mann ruft erneut, fast schon verzweifelt: „I need a Doctor!“ Offenbar kein Australier. Akzent und gestelzt. Ein Deutscher?

Der Wirt nochmal, ganz ruhig aber bestimmend, wie gute Kneipenwirte nun mal so sind: „What happend?“

Der Mann: „I need a Doctor, I need a animal Doctor!“

Stille, kurze Verarbeitung der neuen Information. Die halbe Kneipe lacht spontan, Steven auch. Die andere Hälfte der Gäste grinst nur. Denn allen ist sofort klar, was passiert sein wird. Nur der Mann in der Tür ist nun völlig aus dem Häuschen – wieso lachen die Leute ihn aus? Liegt es an seiner Sprache? An seinem Aussehen? Der Wirt versucht es noch einmal mit direkter Ansprache und findet schließlich heraus, das der Mann mit seinem gemieteten Wohnmobil ein Känguru angefahren hat. Das liegt nun verletzt am Straßenrand – sterbend in den Armen seiner Frau, die alleine auf der dunklen Straße zurück geblieben ist. Schuldbewusst will er das Tier retten – mit einem Tierarzt.

Das Problem: Selbst wenn man einen Tierarzt finden würde, er würde nicht mit raus kommen um ein Känguru zu retten.

Durch „ROADKILL“ angefahrene und/oder auch direkt getötete Tiere bleiben einfach an Ort und Stelle liegen. Leben sie noch, verenden sie elendich. Die Meisten sind aber sofort tot, bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 100 KM/h. Besonders in der Morgen- und Abenddämmerung sind die Tiere in der Nähe oder auch auf den Straßen unterwegs. Dadurch das sie so schnell sind und unvorhersehbar die Richtung ändern, können die Autofahrer auf den Straßen nicht bremsen oder ausweichen.
Kängurus werden im allgemeinen als Ungeziefer, als lästige Plage empfunden.

Also bleiben die leblosen Körper an- und auf den Straßen einfach liegen. Bis die Geier, oder hier eher die Raben kommen und das Frischfleisch genüsslich verspeisen. Die Sonne am Tage brutzelt das rohe, blutige Fleisch und irgendwann bleibt nur noch der Kadaver zurück.

Es gibt meines Wissens keine offizielle Statistik darüber, wie viele Kängurus im Jahr auf den Straßen AUSTRALIENS getötet werden. An einigen Tagen haben wir auf einer 300 KM Etappe vielleicht 20 tote Kängurus gezählt. Zählen geht einfach, denn man muss den leblosen Körpern auf der Straße gehörig ausweichen. Wenn Gegenverkehr ist, auch mal scharf bremsen. Denn das sind schon gehörig große Tiere, die man nicht einfach so überrollen kann – auch wenn sie schon tot sind.

„ROADKILL“ erklärt denn auch, warum die Road-Trains oder die vielen PickUps so gewaltige Stoßstangen vor sich her fahren.

Wir oder das Tier.

Peter.

P.S.: Keine Bilder von den toten Tieren.

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