Dieselpest auf HELGOLAND

Bereits am Abend der Sturmfahrt gen HELGOLAND war klar, das wir am nächsten Tag nicht weiter fahren werden. Der Wind sollte zwar etwas nachlassen, aber immer noch stark sein und der Tag darauf, Dienstag mit Namen, sah´ viel besser aus.

So laufen wir also auf der Insel herum, besuchen den Schiffsausrüster und decken uns dort mit den erlaubten Drogen ein und versuchen den Vortag so schnell wie möglich abzuhaken. So ein Tag nach einer großen Anstrengung vergeht irgendwie schneller, als einer ohne.
Am Abend Fernsehen auf dem PC, mit laufender Heizung. Schön kuschelig und gemütlich. Irgendwann geht die Heizung von alleine aus – egal. Lösen wir Morgen. Es ist spät und wir gehen zu Bett.

Für Dienstag waren 20+ Knoten aus WEST angesagt – bestes Segelwetter, um in die ELBE zu kommen! Vielleicht etwas alte Welle vom Vortag, aber von HELGOLAND bis zur ELBMÜNDUNG sind es nur 18 Seemeilen – dann noch mal 18 auf der ELBE bis CUXHAVEN. Durchaus komfortabel machbar.

5:30 Uhr aufstehen, Kaffee und Tee kochen, Boot Segelklar machen, um 7:00 Uhr soll es los gehen – schön mit auflaufend Wasser die ELBE hoch. Irgendetwas im Unterbewusstsein veranlasst mich, den Füllstand des Backbord-Dieseltanks zu überprüfen. Seit Tagen schon läuft die Hauptmaschine auf Backbord, aus der Hüfte geschossen sollten da aber noch 150-200 Liter Diesel drin sein.

Erschreckende, sogar kurz schockierende Erkenntnis: Der Backbord-Dieseltank ist vollkommen leer.

LEER!!! WARUM DENN BLOSS?

Steuerbord prüfen – komisch, fast voll, obwohl da höchstens noch 70 Liter drin sein sollten?

Die Morgendämmerung bricht an, auch in meinem Hirn: Die Heizung! Wir haben die munter laufen lassen, aus den Backbord Tank ansaugend und den überflüssigen Diesel nach Steuerbord zurück laufend. So haben wir, unbeabsichtigt und unbemerkt, den kompletten Backbord-Tank in den Steuerbord-Tank umgepumpt. Tolle Wurst, aber eigentlich kein Problem.

Dann schalten wir die Hauptmaschine eben auf Steuerbord um. Wirklich kein Problem.

Drei-Wege-Hahn zur Auswahl des Backbord oder Steuerbord Dieseltanks

Sicherheitshalber noch eben den Dieselvorfilter tauschen, denn Steuerbord, das wissen wir, ist Modder im Tank und der Vorfilter ist alle 80 bis 100 Betriebsstunden recht verschmutzt und muss getauscht werden.

Vorfilter wechseln können wir gut. Doch wieso bekommen wir diesmal trotz Routine und Entlüftung keinen Diesel ins Schauglas? Falsch zusammen gebaut? Undicht? Noch mal auf und zu. Kein Diesel.

Hm, könnte es vielleicht sein, das das Saugrohr vom Steuerbordtank dicht ist? Eingetrockneter Modder, weil seit ein paar Wochen nicht benutzt? Könnte sein…

Mit ein wenig Bastelei und viel Saugpapier pumpen wir über Kanister (einen direkten Weg gibt es nicht) 30 Liter von Steuerbord nach Backbord über die Zapfstelle der Heizung und des Generators. Die Abreise nach CUXHAVEN haben wir mittlerweile abgehakt – diese Tide wird wohl ohne uns laufen…

…nun haben wir also wieder etwas Diesel im Backbord-Tank, aber am Vorfilter will immer noch kein Diesel ankommen. Das beide Ansaugrohre glteichzeitig dicht sind, ist unwahrscheinlich. Also muss irgendwas auf dem Weg vom Drei-Wege-Ventil (mit dem wir den Tank umschalten) zum Vorfilter – seit jeher als Kupferleitung ausgeführt – dicht sein.

In meinem Kopf beginnt unvermittelt ein Horror-Film:
Was wäre denn gewesen, wenn die Maschine auf der Sturmfahrt nicht angesprungen wäre? Weil die Leitungen verstopft waren? Ich steigere mich famos in dieses Grauen hinein. Panik, Wut und Ärger machen sich breit. Unüberlegte und ungerechte Worte verlassen in Richtung Heidi meinen Mund. Die Stimmung fällt in ´ner halben Stunden unter den Nullpunkt. So eine Scheiße!

Dabei übersehe ich in dieser Situation doch völlig, das wir gar nicht in Gefahr waren. Das der Horror-Film eben nur Fiktion gewesen wäre. WAS WÄRE WENN. Die Ansteuerung von HELGOLAND hatten wir komplett unter Segeln gemacht, die Maschine in relativ ruhigem Fahrwasser erst ganz kurz vor dem Hafen gestartet. Wenn die dann nicht angesprungen wäre, oder sofort wieder wegen Dieselmangels ausgegangen wäre, dann wären wir einfach am Hafen vorbei getrieben und hätten sicher sehr aufgeregt den Rettungskreuzer um Schlepphilfe über UKW Funk gebeten. Die wären bestimmt gekommen. Das hätte zwar etwas gedauert, aber wir waren ja auf der Windabgewandten Seite der Insel und bestimmt für 30-60 Minuten in deren Wind- und Wellenschatten. Also absolut keine Gefahr.

Doch der Film lief nun mal bereits im Kopfkino und war an diesem Morgen nicht mehr zu stoppen.

Ich muss von Bord! Mechaniker-Hilfe holen. Die Leitung mache ich nicht alleine auf. Traue ich mir nicht zu.

Der Hafenmeister weiß wie immer Rat – der einzige Motorenmann auf HELGOLAND sei zwar schon etwas älter, aber sehr erfahren. Anruf. Er verspricht so bald als möglich zu kommen. Wir warten an Bord, so langsam beruhige ich mich, aber nur sehr, sehr langsam. Der Motorenmann braucht noch mal eine telefonische Erinnerung. Ich kann nicht untätig herum sitzen und öffne mit der geduldigen Heidi den Wartungsdeckel des Backbord-Dieseltanks. Das geht relativ einfach. Ich will sehen, wie es im Tank aussieht.

Was für eine im wahrsten Sinne des Wortes Drecksarbeit. Diesel überall. Tropfen, Tupfer. Dieselgestank. Ja, da ist doch einiges an Modder und Schlamm im Tank, aber die Saugrohre sind völlig frei. Also ist diese Seite des Leitungsweges ist völlig OK. Wir pumpen die eine Stunde zuvor eingefüllten 30 Liter Diesel manuell wieder zurück in die Kanister und reinigen mit Putzlumpen und Aceton den Tank so gut es eben geht.

Dieser Modder, Schmodder, Schlamm und Schleim hat einen Namen: DIESELPEST. Es wurde schon so viel über diese Tank-Krankheit geschrieben (kannst Du lesen hier, hier und hier), da will ich nicht auch noch was zu sagen.
Nur so viel: Wenn „BIO“-Diesel dazu führt, das Boote in Seenot geraten, dann gute Nacht!

Dieselpest verstopft Treibstoffleitung

Der Motorenmann erscheint, offenbar gut über 70 Jahre alt, etwas steif, voller Tatendrang. In Ruhe sieht er sich alles an, zeigt auf eine Stelle des Leitungssystems und verkündet: „Hier gibt es eine Verstopfung!“.
OK, wenn er das sagt? Er öffnet die Verschraubung und zeigt mir das Reduzierstück, das von der dicken Edelstahl-Tankleitung auf das dünne Kupferrohr überleitet. Eine Leitungsverjüngung nennt man das. Jetzt wird alles klar: Das Teil wirkt wie ein Trichter. Von Dick auf Dünn. Wenn was verstopft, dann da.
In dem Reduzierstück ist kein Modder, Glibber oder sonst was: Das Zeug hier ist Knurz-Trocken und fest. Auch das kann der Motorenmann erklären: Die starke Diesel-Vorförderpumpe der Hauptmaschine saugt wie irre aus dem Tank – und trocknet an der Engstelle einfach alles aus, wenn kein Diesel mehr nach kommt.

Dieselpest verstopft Treibstoffleitung

Wie gut das es Menschen mit Erfahrung gibt! Er legt die kurze Kupferleitung still und stellt eine provisorische Schlauchverbindung her. Potentiell kann die zwar auch verstopfen, aber diese Schlauchverbindung kann ich in 5 Minuten auf machen, reinigen und wieder zu machen. Und überhaupt: Er versichert uns, das sich das so schnell nicht wieder zu setzten wird. So was dauere schon eine Zeit…

…was mich zu der Erkenntnis bringt: SELBST SCHULD! Ganz schlechte Seemannschaft.

Ich hatte schon länger (letzte Saison?) gewusst, das wir Dreck im Steuerbord-Tank haben – und gedacht, ich löse das Problem mit sauberen Diesel und häufigeren Vorfilter-Wechsel. Der Backbord-Tank war nach meiner Überzeugung sauber. Beides war falsch.

Der Motorenmann gibt noch den Rat, den großen Leitungsquerschnitt der Tankleitungen bis zum Dieselvorfilter durchlaufen zu lassen. Dann könne die Leitung nie wieder verstopfen. Keine Verjüngung des Querschnittes. Und dann besser eine Doppelfilteranlage montieren, mit der man schnell ohne Filterwechsel von einem verschmutzten auf einen sauberen Filter umschalten kann. Durch den großen Querschnitt würde der ganze Schmodder aus dem Tank dann am Vorfilter ankommen und dort gestoppt werden. Dazu seien die Filter ja schließlich da.

Also denn: Problem erst mal gelöst. Viel Verständnis und Wissen aufgebaut, aber eine große Kerbe mehr im Selbstvertrauen.

Wir tanken über Kanister 80 Liter sauberen HELGOLAND Diesel (1,06 € / Liter) in den Backbord-Tank und hoffen, das die Bakterien nicht ganz so schnell nach wachsen.

Am Abend beschäftigt mich der Umstand, das das Wissen des Motorenmannes auf HELGOLAND verloren gehen wird, wenn er altersbedingt nicht mehr an Bord kommen kann. Dann gibt es keinen Motorenmann mehr auf der Insel. Und Typen wie ich müssen sehen, wie sie ohne Hilfe klar kommen.

Am Besten mit besserer Seemannschaft: Beobachten, Vorbeugen, Handeln.

Alexander von Humbolt II auf Helgoland

Der Mittwoch, wie sollte es anders sein, brachte 30+ Knoten Wind aus West. Kein Gedanke an Weiterfahrt. Erst Recht nicht, wenn man befürchten muss, das die Maschine aussetzt.

Alexander von Humbolt II auf Helgoland

Einen Tag mehr um zur Besinnung zu kommen. Wir sind beeindruckt von der hier ebenfalls liegenden ALEXANDER VON HUMBOLT II. Tolles, richtiges Segelschiff.

Alexander von Humbolt II auf Helgoland

Für diese (nennen wir es mal) „Panne“ hätte es keinen besseren Ort auf der Erde geben können – schön längsseits an einer Pier liegend auf einer wunderbaren Insel.

War was?

Nix passiert!

Peter.

P.S.: Die ToDo-Winterlagerliste wird immer länger. Nun also auch noch: Professionelle Tankreinigung.

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