Das HELGOLANDe

Und also begab es sich zu einer Zeit, da das Wetter, insbesondere der gemeine windige Wind, günstig erschien für eine Weiterreise gen Süden. Die eigentlich zu wählende Richtung hatten die Reisenden schon lange festgelegt, doch auf einen konkreten Ort für die nun anstehende Etappe mochte sich der Anführer bisher nicht fest legen. Zu viele Unwägbarkeiten vernebelten zusehends seinen Kopf.

Zum einen könnte die Reisegruppe mit dem Boote nach RÖMÖ segeln, nur 44 Seemeilen entfernt. Verlockend. Verlockend nah. Doch dem eigentliche Ziele, das HELGOLANDe mit Namen, nicht wirklich näher kommend. Denn 18 dieser 44 Seemeilen wären ausschließlich dem Ziele RÖMÖ gewidmet und somit, in Summe betrachtet, nicht besonders verlockend. Es sei denn, es wäre Hochsommer und man wolle ein paar Tage auf RÖMÖ verweilen – doch es herrschte eine herbstliche Stimmung gegen Ende dieses Septembers und so stand der Reisegruppe zwar der Sinn nach Sonne, Strand und Baden, doch das Wetter führte anderes im Schilde.

Ein weiteres Ziel könne die Deutsche Insel SYLT werden. Der Hafen im Norden mit dem Namen LIST wurde schnell ausgeschlossen. Zu viel Umwege und keine gute Herberge in Aussicht. Viel weiter im Süden der gleichen Insel lag HÖRNUM, den vielfältigen elektronischen Überlieferungen zufolge schon deutlich einladender. Großer Hafen, klare Ansteuerung. Aber auch hier ein großer Umweg durch die Sandbänke, Rinnen, Löcher und Gatten. Sei es drum, 64 Seemeilen sollten doch an diesem günstigen Tage zu schaffen sein!

Die Propheten des Wetters sagten 20 bis 25 Knoten aus NORD-WEST vorraus, am Abend allerdings solle der gemeine windige Wind sich auf 30 Knoten verstärken. Aus diesem Grunde, aber auch aus dem Grund der hier vorherrschenden Gezeiten schien ein früher Aufbruch aus ESBJERG, am Tage des Herrn Sonntag, den 23. September 2018 durchaus angebracht.

Zunächst wollte das fein verwobene Spinnwerk der Festmacherleinen aufwendig entworren und zwei hässliche Regenschauern abgewartet werden. So ging es leicht verspätet in das Fahrwasser von ESBJERG. Eine durchaus angenehme Reise, zunächst. Doch die Verspätung beim Aufbruch führte auf dem letzten Drittel des Fahrwassers zu unangenehmen, sogar furchteinflößenden über den Bug des Bootes brechenden Wellen. Wüsste der Leiter der Reisegruppe nicht, das dies den Gezeiten und dem zu folgenden Kurses geschuldet sei, würde er umkehren. So aber steuert er das Boot mit starker Hand durch dieses Chaos und ist recht froh´ als sich die Situation nach erfolgter Kursänderung gen Süden deutlich verbessert.

Sogar sehr deutlich verbessert. Der gemeine windige Wind bläst nun schräg von Steuerbord achtern und die signifikanten Wellen rollen auch aus eben jener Richtung ebenfalls heran. Das Boot, gut getrimmt, läuft 7 bis 8 Knoten unter Segeln. Niemand sollte da mehr erwarten.
Es  war kühl, doch der für das leibliche Wohl zuständige Teil der Reisegruppe zeigte sich gut vorbereitet und servierte geschwind einen heißen Tee, mit ohne Rum, selbstverständlich.

Die Stunden zerrannen, die Meilen auch. Die Ansteuerung von RÖMÖ wurde gegen 11:00 Uhr passiert und nicht erwählt. Für einen Abbruch gab es schlicht keinen Grund. Die nördliche Ansteuerung von HÖRNUM auf SYLT wurde schließlich gegen 15:30 Uhr erreicht, doch der Leiter der Reisegruppe wurde unvermittelt wankelmütig. Zu vorderst und allererst konnte er die angeblich ausliegenden Tonnen des HOLTKNOBSLOCH mit dem Fernen Glase nicht in der bewegten See erkennen. Desweiteren fragte er sich, ob es wirklich zu vollbringen sei, 7 Seemeilen gegen den gemeinen windigen Wind und das nun ablaufende Wasser anzukämpfen.
Die Verlockung, HÖRNUM aufzugeben und direkt die HELGOLANDe anzulaufen wurde mit einem Male sehr groß. Nur noch 30 Seemeilen bis zum lang ersehnten Ziele und noch vier bis fünf Stunden Tageslicht. Könnte klappen. Oder: Müsste gerade so machbar sein.
Hatte doch auch die Vorhersage der Propheten für den Abend schon längst ihren Schrecken verloren – der gemeine windige Wind wehte bereits mit 30 Knoten. In Böen etwas mehr, doch niemals, auf der ganzen Reise, berührte auch nur ein Regentropfen die umfangreiche Schutzkleidung der Reisegruppe.

Und so entschied sich die Gemeinschaft in stiller Einigkeit geschwind für die Weiterreise.

Kurz darauf meldeten sich Menschen verschiedener Nationen mit durchaus unterschiedlichen Akzenten, jedoch in vermuteter englischer Sprache über UKW Sprechfunk und verkündeten stolz, das sie beauftragt seien, große, ja sogar sehr große Arbeitsschiffe in diesem Seegebiet zu bewachen. Das Boot der Reisegruppe möge bitte seinen Kurse so ändern, das es einen Mindestabstand von 2,5 Seemeilen zu den zwar großen, aber offenbar schutzbedürftigen Arbeitsschiffen einhalten werde.
Natürlich saßen diese Menschen verschiedener Nationen mit unterschiedlichen Akzenten warm und trocken auf ihren kleinen Wachschiffen und sperrten, bis auf den Seegang, das Wetter einfach aus. Die Reisegruppe jedoch, allein auf ihrem kleinem Boot inmitten der tosenden See, fror jämmerlich. War doch der Tee mittlerweile aus gegangen und die Zubereitung eines neuen hätte den Teil der Reisegruppe, der für die Verkostung zuständig gewesen war, nur in die unnötige Gefahr einer Verbrennung oder Verbrühung gebracht. Mit großer Mühe und einiger Not umfuhr das Boot der Reisegruppe eines dieser großen Arbeitsschiffe mit Namen GRAND CANYON III. Welch maßlose Übertreibung, ist die NORDSEE doch gerade mal 20 Meter tief in diesem Gebiete. Doch das Arbeitsschiff arbeitete. Am Sonntag. In tosender See und nun mit sehr gemeinen windigen Wind.

Die Wellen wurden groß und größer, doch das Boot der Reisegruppe vermittelte eben jener verschworenen Gemeinschaft eine solide Geborgenheit. So könnte es noch Stunden, ja Tage lang weiter gehen! Wäre da nicht das HELGOLANDe im Wege und später dann sogar die unüberwindliche Deutsche NORDSEEKÜSTE. Bevor das HELGOLANDe zu dichte kame, strich die Reisegruppe auf offener See das Große Segel.

Im letzten Dämmerlichte des Tages erreichte das Boot der Reisegruppe die Nordansteuerung von HELGOLANDe. Der Anführer erkannte klar die beleuchtete erste Gefahrentonne, die nördlich des SELLEBRUNNKNOLL in den riesigen Wellen nur dann sichtbar wurde, wenn sie unfreiwillig, aber doch ohne jede Anstrengung einen Wellenberg erklommen hatte. Die beiden spitzen zueinander stehenden Kegel wiesen stumm darauf hin, das man die Gefahrentonne doch bitte westlich passieren möge.
Auch die unbeleuchtete südliche Gefahrentonne Nummer 2 kam bald in Sicht, doch der Anführer der Reisegruppe war sehr beunruhigt. Die Wellen erschienen im immer weniger werdenden Dämmerlicht gespenstisch groß, grau und grässlich. Endlos, so schien es, liefen sie vom Heck des Bootes kommend, unter eben jenem durch und wenn ihr Wellenkamm den Bug des Bootes endlich frei gab, versperrte der vollständige Wellenberg in voller Größe kurz die Sicht auf die Insel und die Tonne. Grandiose Wassermassen.

Wie ärgerlich, so philosophierte die Reisegruppe, das Deutschland zu den armen Ländern dieser unseren Welt gehört und nicht jede Tonne beleuchten kann.

Nach passieren von Tonne 6 wurde die See von der Reisegruppe eher unbemerkt deutlich ruhiger. Denn diese war vollauf damit beschäftigt, alle Tonnen im Restlicht der Insel zu erkennen und sich Mitte Fahrwasser zu halten. Doch dann musste geschwind das Vorsegel geborgen und die Maschine gestartet werden, lag doch die Hafeneinfahrt unmittelbar voraus. Im Schutze des riesigen Vorhafens des HELGOLANDes bereitete der Teil der Reisegruppe, der eigentlich für die Verköstigung zuständig war, das Boot auf das nun anstehende Anlegemanöver vor und wenige Minuten später lag das Boot der Reisegruppe sicher am Ponton im Südhafen des HELGOLANDes und die Reisegruppe schloß sich freudig in die Arme.

Geschafft.

94 Seemeilen unter Segeln in 13 Stunden. Gar nicht mal so schlecht.

Peter.

P.S.:.
Und wie das so mit emotionalen Höhenflügen ist, der Absturz folgt unvermeidlich später. In diesem unserem Falle zwei Tage später. Dazu mehr in diesem Blog. Später.

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