HVIDE SANDE

Der Wind bläst am Donnerstag noch aus West-Süd-West mit 20 bis 25 Knoten, etwas weniger als an den beiden Hafentagen zuvor. Die Welle ist nach Inspektion des Skippers auf dem Deich auch etwas runter und so brechen wir kurz nach 8 Uhr auf. Es soll ja nur 25 Seemeilen nach HIVDE SANDE gehen, denn danach kommt gar nichts mehr an der Dänischen Nordseeküste – bis ESBJERG. Das sind noch mal über 50 Seemeilen und mitten drin das berüchtigte HORNS REV.

Also HVIDE SANDE, der große Fischereihafen mit dem kleinen Ort, den wir schon oft besucht haben. Mit dem Auto. Als Wochentourist in einem der unzähligen Ferienhäuser umzu.

Noch etwas beeindruckt vom Schlag von THYBORÖN nach THORSMINDE laufen wir im Dritten Reff im Groß, voller Fock und gerefftem Yankee. Aber das Boot will nicht laufen, nimmt nicht richtig Geschwindigkeit auf. Der Skipper hadert. Wende. Andere Seite. Wende. Von der Hafeneinfahrt frei kommen.

Nach der nächsten Wende nehmen wir das Yankee voll. Wenn es dann nicht läuft, gehen wir zurück – schreit der genervte Skipper in den Wind.

Wende. Yankeee raus und siehe da, endlich nimmt der STORMVOGEL Fahrt auf. Zwei Dinge, so stellt sich später heraus, waren nicht gut: Zum einen der Gegenstrom dicht unter Land, zum anderen hätte der bangbüchsige Skipper höchstens das zweite Reff im Groß nehmen sollen. Hinterher…

Was für eine Action am Morgen. Das Boot ist auf Kurs und wenn die schweren Schauerböen uns gar zu sehr auf die Seite drücken, reffen wir das Yankee. Knochenarbeit, die sehr schnell erledigt werden muss, denn nach der Böe muss das Segel ja wieder raus.

Als wir in die Nähe der Hafeneinfahrt von HVIDE SANDE kommen, wird es so düster über Land, das sogar die drei markanten Windräder im Regen verschwinden. Da wollen wir so erst mal nicht hin! Also Yankee weg und mit wenig Fahrt weiter. Nach einer knappen halben Stunde klart es wieder auf und wir sind fast da. Die Hafeneinfahrt wurde vor ein paar Jahren verbessert: Die Molenköpfe sind jetzt viel weiter draußen im Meer und etwas nach Süden ausgerichtet.

Aufmerksam beobachten wir das Einlaufen eines großen Fischkutters. Beängstigend, wie langsam und schaukelnd er sich seinen Weg in die Hafeneinfahrt bahnt. Aber: Der Skipper des STORMVOGELS beschließt nach dieser Beobachtung, auch von Süden her einzulaufen. Scheint die bessere Strategie zu sein. Wie schon in THORSMINDE bleibt das Groß im Dritten Reff zur Stützte, die Maschine muss für Fahrt sorgen. Die brechenden Wellen rollen unter dem Boot hindurch, wenn sie am Bug auslaufen wollen sie den STORMVOGEL vom Kurs abbringen – doch der Skipper ist hochkonzentriert und lässt solche Kapriolen nicht zu.
Die Fahrt geht auf 5 Knoten runter und wir scheinen auf der Stelle zu stehen. Kein guter Ort für Stillstand. Mehr Maschine durch mehr Umdrehungen. Es stellt sich keine Siegesgewissheit wie sonst üblich beim Skipper ein. Die Wellen sind groß, die Brecher links und rechts schwerstens irritierend und wir scheinen wie festgenagelt zu stehen. Offenbar wird aus dem RINGKÖPING FJORD Wasser abgelassen und erzeugt zusätzlich um Sog der Wellen Gegenstrom. Wenn man die Hände frei hätte, würde man vielleicht ein entsprechendes Lichtsignal am Hafenhaus durch das Fernglas erkennen können. Wenn man die Hände frei hätte – doch, was würde das nützen?

Irgendwie, nach einer gefühlten Ewigkeit passieren wir die Molenköpfe und erst jetzt weiß der Skipper: Wir schaffen das!

Klar, wenn alles vorbei ist schafft man auch alles.

Der STORMVOGEL hat den vielen Touristen, die beidseitig an der Hafeneinfahrt stehen, sicher das volle Programm geboten. Der vermutete Applaus über dieses Glanzstück seemännischer Fähigkeiten mit schlotternden Knien ist in der tosenden See wohl untergegangen.

Mittags kurz nach 12 machen wir an einem für Yachten reservierten Ponton im Fischereihafen fest. Etwas abseits der Touristen, aber gut.

Die Landstromversorgung ist HighTec: Damit Strom aus der Steckdose kommt, muss man über ein Mobiltelefon eine Nummer anrufen, die dann automatisiert die Steckdose frei schaltet. Was das wohl soll?

Tags darauf besuchen wir das Hafenamt. Denn hier kann man erfahren, ob im Schießgebiet vor HORNS REV scharf geschossen wird. Die Herren im Kontrollturm sind super-freundlich und recherchieren hier im Internet nach den Schießzeiten: Nein, an diesem Samstag keine Übungen.
Außerdem bieten sie an, das wir vor dem Auslaufen kurz über UKW Funk (Kanal 12, 0800-1700, Außerhalb 24h Rufnummer: +45 97 31 16 33) Bescheid sagen sollen – sie haben dann per Video-Überwachung ein Auge auf uns. Hätten wir auch beim Einlaufen machen sollen, sagen sie, denn es gibt keine Regeln für das Einlaufen. Der Hafen ist offiziell immer offen, auch bei Sturm. Wie eigentlich immer: Skippers Entscheidung.
Von dem Angebot machen wir aber keinen Gebrauch, als wir auslaufen, ist die Welle OK.

Am Abend kommt ein Tourist aus Bayern vorbei – er habe uns beim Einlaufen beobachtet. Habe sehr spannend ausgesehen. Es stellt sich heraus, das der Herr eigentlich aus Bremen stammt und früher auch mal gesegelt ist. Da wollte er doch unbedingt mal das Boot sehen – und die Mannschaft sprechen. Sieh´ mal einer an: So kommt man schnell zu lokaler Prominenz.

Die anderthalb Tage in HIVDE SANDE verdödeln wir mit Supermarkt, Fischbude, Bootjobs und Spaziergänge.

Auf einem dieser Landgänge entdecken wir durch Zufall einen perfekten technischen Schiffsrausrüster. Der Laden befindet sich unmittelbar an der kleinen Marina auf der anderen Seite der RINGKÖPING FJORD Schleuse, vielleicht zwanzig Minuten zu Fuß vom Seehafen. Wirklich alles gibt es dort. Sogar Dieselvorfilter für 7 € das Stück – die Heinis in LEMVIG haben uns ordentlich abgezockt.

So überstehen wir denn auch den Starkwindtag am Freitag gut im Hafen und bereiten uns auf die Weiterreise nach ESBJERG vor.

Peter.

P.S.: keine Ahnung, warum es nur ein paar Bilder vom STORMVOGEL aus HVIDE SANDE gibt. War wohl nicht in Stimmung ;-(

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