Thorsminde

Es ist ja nicht so, das der langjährige Skipper des STORMVOGELS keinen Respekt hätte. Im Gegenteil. In seiner Eigenwahrnehmung wächst sein Respekt gegenüber allem möglichen umgekehrt proportional zu seinem eigenen Selbstvertrauen.

Nissum Fjord

Das wird eigentlich, nüchtern und mit Abstand betrachtet, immer kleiner. Natürlich nur in kleinen, klitzekleinen, unmerklichen Schritten. Die blauäugige Leichtigkeit, die jugendliche Naivität des einfach mal Machen, die ist schon lange futsch. Das ist wohl das immer enger werdende Erfahrungsgefängnis.

Und so (und das ist wörtlich zu nehmen) quält sich eben jener Skipper mit der Frage, ob wirklich alle Faktoren für die Reise von THYBORÖN nach HIVDE SANDE sprechen. Das Boot? Vorbereitet und gut in Schuss. Die Mannschaft? Ausgeruht und guter Laune. Das Wetter? Nicht so wie gewünscht, aber vermutlich gerade so machbar. Der Skipper? Voller Selbstzweifel: Fahren oder bleiben?

Dabei hat er so großzügig geplant: 5 Tage „Warten auf Wetter“ in THYBORÖN. 3 Tage in HVIDE SANDE. Aber sowohl Vorhersage als auch Prognose sieht richtig mies aus. Das Wetter wird nicht besser werden.

Das Wetter:
Bummelig 20+ Knoten aus 240° (Süd-West) in drei Wettermodellen (GFS, DMI und ECMWF) angesagt. Dann wird das wohl auch so sein. Sobald wir aus dem THYBORÖN Kanal raus sind und etwas Abstand zur Küste haben, müssen wir 180° (Süd), besser etwas mehr steuern. Bedeutet 55°-60° zum Wind. Das ist mit dem STORMVOGEL bei ausgefahrenem Schwenkkiel durchaus machbar. Welle mit 2 Meter angesagt, Windböen aus den Regenwolken. Nicht optimal, die ganze Geschichte. Sollte aber machbar sein.
Nur mal so zum Wunschdenken: Sonnenschein, 15 Knoten aus 300° oder mehr (Nord-West) und vielleicht 1 Meter Welle – das wäre ganz wunderbar! Nun ist das Wetter kein Wunschkonzert und das Leben auf einem Segelboot schon mal gar kein Strandurlaub.

Hafeneinfahrt THORSMINDE bei WSW 25kn

Ein englische Boot hat sich in THYBORÖN unbemerkt aus dem Staub gemacht, wir kommen wenigstens mit dem jungen Einhandsegler aus Belgien ins Gespräch. Er möchte auch am Montag los, aber direkt nach HELGOLAND, in einem Rutsch. Er findet das Wetter nicht toll, aber eben auch machbar. Der Skipper sieht sich in seiner Überlegung bestätigt und verkündet den Aufbruch für den frühen Montag Morgen. Schließlich sind es über 50 Seemeilen nach HIVDE SANDE.

Hafeneinfahrt THORSMINDE bei WSE 25kn

Mit einsetzendem Tageslicht geht es los. Auf dem AIS können wir das belgische Boot erkennen, das in Dunkelheit aufgebrochen, sich offenbar mühevoll (Fahrt weniger als 4 Knoten) vor dem THYBORÖN Kanal von der Küste frei kreuzt.
Direkt vor dem Hafen das Groß ins erste Reff gesetzt und dann mit ablaufend Wasser und Maschine raus auf die Nordsee. Es steht eine lange, nicht brechende Welle auf den Kanal und wir fahren recht schnell Achterbahn. Natürlich läuft das Fahrwasser nicht 90° zur Welle und so werden wir heftig durch geschaukelt.
Maschine aus, Vorsegel raus und nun kämpft sich auch der STORMVOGEL von der Küste frei. Das dauert so gut eine, anderthalb Stunden. Dann endlich auf Südkurs – nun wird bestimmt alles besser…
…nun, wie man es nimmt. Viel Wasser an Deck, aber das Cockpit bleibt wie immer trocken. 180° Sollkurs bekommen wir nicht hin. Wir laufen in einer chaotischen See 175° und das ist viel zu wenig. Wenn wir so weiter machen, stranden wir in zwei Stunden. Nach zwei heftigen Böen die uns böse auf die Backbordseite drücken, wollen wir ins zweite Reff. Das Manöver unter Segeln können wir gut – auch in großer Welle. Heidi luvt am Ruder zackig an, ich mache das Groß kleiner und sie geht sofort wieder zurück auf Kurs. Die Vorsegel bringen die Fahrt schnell wieder und ich habe ein paar Minuten, das Groß zu trimmen. Kaum haben wir das gemacht, noch am Mast stehend, rufe ich nach achtern „Wir gehen ins Dritte Reff!“, denn ich kann keine große Verbesserung erkennen. Die ist aber zwingend notwendig. Also alles noch mal. Klappt wieder gut.

Ansteuerung THORSMINDE bei WSW 20+kn

Das große Yankee wird ins zweite Reff genommen, die Fock bleibt voll und endlich kommt das Boot wieder etwas aufrechter und macht um die 6 Knoten Fahrt. Das ist OK. Nur der Kurs ist immer noch nicht gut und so fahren wir eine Wende, um uns von der Küste besser frei zu halten. Nach dem wir wieder zurück auf Kurs gewendet haben kehrt endlich etwas (relative) Ruhe an Bord ein und im Skipper reift der Gedanke, nicht bis HIVDE SANDE zu gehen. Trotz SCOPODERM Pflaster hinter dem Ohr (die von ihm so geliebten STUGERON Dragees sind an Bord unauffindbar) Seekrank, körperlich schnell erschöpft und dieses hämmernde „WARUM?“ im Kopf.

Hafen THORSMINDE

„Sollte machbar sein“ – bedeutet eben nicht: „Wird ein schöner Segeltörn“

„WARUM?“ – ist die Kurzform der Frage „Warum zur Hölle tue ich uns so etwas an?“

Als Ausweich/Abbruchhafen hat der Skipper im Vorfeld alle Informationen über THORSMINDE recherchiert. Der Hafen hat keine guten Ruf unter Yachten. Man liege schlecht und es gebe kaum Infrastruktur für Yachties. Banane. Es ist ein Hafen.
Einzig das in den Berichten erwähnte Problem mit der „aufregenden Ansteuerung“ bei „starkem auflandigen Wind“ ist ernsthaft zu beachten. Auflandig ist der Wind durchaus, aber was meint wohl „stark“? Sind 20 Knoten „stark“ oder erst 30 Knoten?

Hafen THORSMINDE

Mittlerweile haben wir das belgische Boot eingeholt. Das liegt nicht daran, das der STORMVOGEL in diesem Chaos besonders schnell unterwegs wäre, sondern an dem Umstand, das der Einhandsegler sein offenbar zerfetztes Vorsegel bergen muss. Wir rufen ihn auf UKW Funk, keine Antwort. Logisch. Hat Besseres zu tun. Gerade als wir wenden wollen um näher an ihn heran zu kommen, können wir erkennen, das das kaputte Segel weg ist, ein kleines Vorsegel gesetzt wurde und das Boot zurück auf Kurs geht. Im Abstand von knapp zwei Meilen segeln wir nach Süden.

Kein Bagger, sondern Verschieber

Diskussion an Bord: Der Skipper möchte abbrechen – die Mannschaft möchte Meilen machen. Ein paar Böen und Brecher später ändert die Mannschaft ihre Meinung.

Der Skipper beschließt nun, unter Segeln in die Nähe der Hafeneinfahrt von THORSMINDE zu gehen, die Vorsegel zu bergen und dann unter Maschine und mit 3. Reff im Groß zur Stütze die Molenköpfe anzusteuern. So spät wie möglich möchte er genau vor (platt) den Wellen laufen. In seiner Vorstellung braucht nur eine große, brechende Welle dabei zu sein und das Boot könnte quer schlagen. Auf der anderen Seite lässt sich der STORMVOGEL in dem tosenden Wasser super steuern. Trotz der heftigen See reagiert das Boot sofort auf die nachdrücklichen Ruderlagen. Aber erst fünf Minuten vor den Molenköpfen ist der Skipper davon überzeugt, Boot und Mannschaft sicher in den Hafen zu bekommen. Kurz vor den Molenköpfen noch mal Volle Kraft voraus um sich so kurz wie möglich an diesem unwirklichen Ort aufzuhalten und dann fix die Maschine auf langsam voraus und das Groß schnell ganz weg nehmen.

Im Hafenhandbuch wird vor starkem Gegenstrom gewarnt, wenn der NISSUM FJORD entwässert wird – ist aber heute nicht der Fall.

Mit Fahrt und Schwung durch die Doppel-S-Kurve zum eigentlichen Hafen und – wie unheimlich ist denn das? – sofort spiegelglattes Wasser und viel, viel weniger Wind. Mit langsamster Fahrt ins hintere Becken, damit die Mannschaft das Boot für den Anleger klar machen kann.

Der Einhandsegler hat sich kurzerhand auch für den Abbruch entschieden und läuft kurz hinter uns ebenfalls in THORSMINDE ein.

Der Skipper des STORMVOGELS zählt jedenfalls eine weitere Kerbe im seglerischen Selbstvertrauen. So eine „hart am Wind“ Nummer kann man vielleicht ohne Welle, ohne Strom und ohne Regenböen durchziehen, aber nicht in unmittelbarer Küstennähe auf der NORDSEE.

THORSMINDE als Hafen ist gar nicht mal so schlecht. Das Dorf hat sogar einen Kaufmann, am Steg gibt es Strom, Wasser nur an der Landseite. Das Duschhaus ist OK – was will man also über den Hafen meckern?

Ach ja, wenn man unbedingt will: Die Hafeneinfahrt! Rein gekommen sind wir gerade so – raus kommen wir hier bei dem Wind nicht mehr. So bleiben wir zwei Tage und warten auf weniger Wind und eine Windrichtung, die nicht Süd im Namen trägt.

Peter.

P.S.:  Schon klar, THORSMINDE liegt an der Nordsee und nicht, wie es die Rubrik dieses Beitrags vermuten ließe, an der Ostsee. Aber „OSTSEE 2018“ meint den Segelsommer 2018, der ursprünglich nur in Ostsee statt finden sollte…

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