Mühsamer Weg nach AMSTERDAM

Der STORMVOGEL
will nicht nach Hause.

Der STORMVOGEL
sein Skipper will eigentlich auch nicht, beugt sich aber gemachten Plänen und Abmachungen.

Der STORMVOGEL
seine Crew will nach Hause.

Der STORMVOGEL
sitzt am längeren Hebel, insbesondere an den Hebeln der Steueranlage.

Der STROMVOGEL
hat uneingeschränkte technische Macht über sein Skipper und Crew.

Der STORMVOGEL
hat die Hydraulikpumpe des Autopiloten kaputt gemacht – nun muss Skipper selbst steuern.

Der STORMVOGEL
sein Skipper hat das noch nicht verlernt, Crew hingegen schon.

Der STORMVOGEL
sein Skipper will nun noch weniger nach Hause.

Der STORMVOGEL
will zeitaufwendig repariert werden.

Der STORMVOGEL
ahnt aber nicht, das wir noch genug Zeit haben.

Der STORMVOGEL
wird seinen Willen bekommen, wie die Crew auch.

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Fangen wir aber erst mal mit dem Törn von BOULONGE SUR MER nach OOSTENDE an. Gegen 9:00 Uhr am Sonntag, dem 3. Juli 2016 laufen gleich fünf Boote zeitgleich aus, hissen ihre Segel und setzen an zu einer sehr schönen Brausefahrt gen CALAIS. Logisch, jeder will nicht der Letzte sein und so wird es ein kleines Rennen. Wir laufen ganz gut und sind sehr überrascht, wie schnell VOYAGER ist. Ja ja, diese Hochseeboote. Wenn sie mal genug Wind haben geht´s ab.
Eigentlich wollen wir ja nur nach DÜNKIRCHEN, da sind wir aber schon kurz nach zwei und die Crew treibt zur Weiterfahrt: „…es läuft doch so schön…!“. Stimmt, mal Raumschoots, mal platt von Achtern. Sonne, blauer Himmel, mitlaufender Strom. Es läuft. So düsen wir unter Ausnutzung der allerletzten Strömungen bis nach OOSTENDE, dann entscheidet Skipper: Es ist genug. 72 Seemeilen. Abends dann noch die zweite Halbzeit FRANKREICH – ISLAND gesehen und das gute Gefühl gewonnen, FRANKREICH muss zu schlagen sein. Fussballerisch…

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Den nächsten Morgen verdödeln wir völlig, denn eigentlich wollen wir bleiben und von hier aus die historische Stadt BRÜGGE erkunden. Dann stelle ich aber fest, das es von hier aus 10 Seemeilen mehr nach SCHEVENINGEN sind. Also über 75 Seemeilen auf einer doofen Etappe. Das wird nichts, also vorholen wir uns kurzerhand Mittags nach ZEEBRÜGGE und fahren am Nachmittag mit Bus und Straßenbahn nach BRÜGGE.
Tja, wir waren noch nie selbst dort, aber einer hat immerhin in grauer Vorzeit die Krimi-Groteske „BRÜGGE SEHEN…UND STERBEN?“ gesehen und so eine ungefähre Vorstellung der Schönheit dieser Stadt im Kopf.  Dennoch sind wir beide überrascht und erfreut, das wir diesen Ausflug unternommen haben. Wir wüssten zu gerne, wie die Belgier diese Stadt durch die beiden großen Kriege gebracht haben. Vermutlich Stadttore abgeschlossen, ein Schild „unbekannt verzogen“ aufgegangen und Schlüssel weg geschmissen?
So viele (auch große) liebevoll hergerichtete Gebäude, Türme und Gassen! Einmalig!
Wirklich, wann immer es jemanden nach Städtetour verlangt, BRÜGGE muss man sehen…und natürlich nicht dort sterben! Vom Film her weiß man, das ein Besuch in der Weihnachtszeit auch sehr reizvoll sein kann…aber natürlich entsprechend kalt.
Am späteren Abend kehren wir zum STORMVOGEL zurück – schließlich wollen wir ja früh´ am nächsten Morgen (5/7/2016) weiter…

…das wird aber nichts. Als wir Abreisefertig um 6:00 Uhr an Deck klettern, pustet es aus vollen Rohren, es ist regnerisch, dunkel und kalt.

Und hier kommt es wieder, das unglaubliche Privileg des ohne Zeitdruck Rückreisenden:

Wir ziehen uns wieder aus, knipsen das Licht aus und gehen zurück in die Koje.

Scheiß auf scheiß Wetter!

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OK, irgendwann viel später kriechen wir doch aus den Kojen und pilgern zum ortsansässigen Supermarkt in ZEEBRÜGGE . Was für eine Heldentat! Natürlich regnet es auf dem Rückweg…

Also denn, am Mittwoch auf nach Norden, nach SCHEVENINGEN.

Ich weiß nicht, warum mir diese Passage nicht gefällt. Das war schon süd-gehend 2012 der Fall. Das liegt zum einen am Strom – 65 Seemeilen, davon gut 6 Stunden Strom gegen an. Der drückt die Geschwindigkeit auf vier Knötchen. Und macht das Wasser unruhig. Jedenfalls dort, wo die riesigen Seegaten der NIEDERLANDE das Seegebiet unübersichtlich machen. Ganz zu schweigen von der notwendigen Querung der beiden Fahrwasser von ANTWERPEN im Süden und ROTTERDAM im Norden.

Na ja, irgendwie fühlt der STORMVOGEL mit dem Skipper, handelt aber gegen ihn:

Der neue Autopilot-Computer meldet „ALARM – ich kann kein Ruder mehr legen“ und die Schnellanalyse ergibt: Ausfall der Hydraulikpumpe, die vom Computer aus gesteuert wird. Auf See keine Chance der weitergehenden Diagnose oder gar Fehlerbehebung. Die Pumpe ist so tief in der Achter-Backskiste verbaut, da muss man erst mal die Bergmanskluft anlegen und tief einfahren!

Also Handsteuer. Für viele, viele Stunden.

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Und auf der Suche nach dem Positiven:
Wie schön, das uns das hier passiert! Und nicht auf der BISKAYA, oder auf einem sonst wo wirklich langen Trip.

Also arrangieren wir uns mit der Situation – die Segelmanöver sind jetzt deutlich schwieriger, denn einer ist unabkömmlich am Ruder.

Wir erreichen SCHEVENINGEN, bekommen wie damals eine Box und verbringen den Abend mit der MARLIN Crew, die etwas später eintreffen. Nach ein paar Bier und Rotwein ist die Hydraulikpumpe auch schon fast vergessen…und auch die historisch verbriefte Tatsache, das SCHEVENINGEN 2012 Süd-gehend der erste Ort auf der langen Reise war, wo wir ungewollt einen technisch bedingen Zwischenstopp einlegen mussten: Die Impellerpumpe der alten Hauptmaschine leckte Öl und musste repariert werden.

OK, der kaputte Autopilot hingegen ist kein Grund, hängen zu bleiben. Man (…buchstabiert sich hier wie folgt: S K I P P E R) kann ja Handsteuern. Und in AMSTERDAM ist bestimmt Heilung in Sicht.

Also wieder früh´ am Morgen los, nach IJMUIDEN, dem Eingang zum NORDSEEKANAL, der nach AMSTERDAM führt. Als wir die 25 Seemeilen bis zur Einfahrt hinter uns haben wird es tatsächlich auf dem Kanal warm und trocken. Wie schön!
Anfangs macht das Tuckern auf dem Kanal Spaß, dann nervt das Handsteuern – unglaublich, wie faul der gemeine Seemann ist.

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Am 7. Juli 2016 erreichen wir Mittags den SIXTHAVEN im Herzen von AMSTERDAM. Bei der Einfahrt in den Hafen überlege ich, abzubrechen. OK, es hieß er sei eng, aber so eng???

Der freundliche Hafenmeister weist uns eine Box zu. Wir haben Schweineglück, denn wir laufen kurz nach 12:00 Uhr ein – bis 12:00 Uhr muss man den Hafen verlassen haben, wenn man ihn verlassen will und vor 12:00 Uhr ist das Einlaufen untersagt. Durch dieses perfekte Timing haben wir also eine Art Boxglück. Wie gut, das kein Wind weht, wie gut das es keine Strömung gibt, wie gut, das der STORMVOGEL so gerade in die Box passt.
Natürlich hat der Skipper dennoch was zu mosern – was den Hafenmeister veranlasst (in lupenreinem Deutsch!) zu sagen: „Nun seien Sie mal ruhig, das hat sie gar nicht so schlecht gemacht! Da habe ich schon ganz anderes gesehen!“.

Heidi hörts, lacht und sagt: „Danke, damit haben Sie sich ein Bier verdient.“

Und tatsächlich, sie sucht das Beste Carlsberg in der Achterkajüte und eine schöne Papiertüte, der Hafenmeister bekommt unverzüglich zwei Dosen Bier und freut sich über die wahr gemachte Ankündigung.

Also, um genau zu sein: Er bekommt zwei MEINER Bierdosen!

Ich weiß genau, das ist alles kurz vor Meuterrei. Je näher wir dem Heimathafen kommen, um so aufmüpfiger wird die Crew…

Nun denn, AMSTERDAM:

Mit der Fähre rüber auf die andere Seite. Wir haben Glück, nicht innerhalb der ersten fünf Minuten auf AMSTERDAMER-Boden vom Fahrrad überrollt zu werden. Kamikaze-Fahrer in Aktion. Wie gut, das die alle kein Auto haben. Aber auch Fahrräder können zur Waffe werden. Erst Recht wenn sie Transportkisten vor sich her schieben, Anhänger hinter sich her ziehen oder auf Abhebegeschwindigkeit beschleunigen.

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Auf der anderen Seite des Kanals, im AMSTERDAMER Hauptbahnhof: Ein Schock, ein Overload, gar Overkill. So viele, wirklich ganz viele Menschen. Alle in verschiedene Richtungen, alle very busy. Da wird einem ja ganz schwindelig!

Heidi ist auf Postamt-Mission. Ein Päckchen muss unbedingt und unverzüglich auf die Reise nach Deutschland. Nun ist es nicht so, das es in AMSTERDAM an jeder Ecke ein Postamt gibt und so latschen wir uns einen Wolf um dann tatsächlich ein Postamt im Keller eines historischen Gebäudes zu finden.
Ob der vielen Menschen zu Fuß oder auf dem Rade bekommen wir Kopfschmerzen und dackeln zur Fähre zurück.

Der Freitag ist geprägt von Basteln, Mechaniker finden, Auf&Ab´s bei der Problemlösung „Hydraulikpumpe“ sowie einem Einkauf. Mehr zur Pumpe im nächsten Lagebericht.

Am Samstag ein neuer Anlauf in die Stadt, wenn man sich auf den Trubel mental vorbereitet, ist es tatsächlich erträglich. Das Wetter spielt fast die ganze Zeit mit und wir laufen zwar viel, sehen aber auch viel. So viel, das es uns eigentlich schon reicht, mit AMSTERDAM.
Denn so richtig ist das nichts für uns. Zu viel von allem.

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Der Wetterbericht und die Kurzfristplanung macht es uns einfach. Mit dem Mechaniker haben wir verabredet, das wir zum Standort seiner Firma nach MEDEMBLIK vorholen. Das liegt sowieso auf dem Weg nach Norden. So geht es also am Sonntag (10/07/2016) nach MEDEMBLIK, denn Montags pustet es wohl wie doof.
Dort werden wir auf eine neue Pumpe sowie Mechanikerzeit warten müssen…

…denn entgegen der einzelnen Ansicht eines Crew-Mitglieds beabsichtigt der Skipper nicht, den Dampfer von Hand bis nach HAMBURG zu steuern!

Peter.

 

2 Gedanken zu „Mühsamer Weg nach AMSTERDAM“

  1. Hallo Stormvögel, wieso überrascht wie schnell wir sind? Wir hätten Euch fast versägt?!

    Alles klar an Bord? Noch knapp eine Woche dann seid Ihr wieder zu Hause. Viel Spaß und guten Wind bis dahin!

    Gruß Jürgen

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