GUERNSEY mit Anreise über ROSCOF

…und es wird Sommer, das erste Mal in diesem Jahr, und es wird die Sonne scheinen, das erste Mal seit Wochen, und es wird warm werden – na na, so weit wollen wir doch nicht gehen!

Eigentlich war es hier wärmer, so lange der Himmel dunkelgrau und bleischwer bedeckt war und ab und zu kräftige Schauer nieder gingen.

GUERNSEY Marina mit Wasser in der Hafeneinfahrt
GUERNSEY Marina mit Wasser in der Hafeneinfahrt

Ist ja auch egal – die Wettervorhersage versprach für Freitag (24/06/2016) prallen Sonnenschein und blauen Himmel. Also sind wir länger auf dieser Insel des Regens geblieben, als wir ursprünglich geplant hatten. Wir wollten GUERNSEY auch mal bei Sonne erleben! Geschwind ein Auto gemietet und versucht, die Insel auf schönen Fotos einzufangen.

Fangen wir erst mal mit den beiden elend langen Anreise Passagen an:

Von CAMARET SUR MER nach ROSCOF
66 Seemeilen am 18. Juni 2016. Die Wettervorhersage meldet „vielleicht genug Wind zum segeln“ und bei Aufbruch ist der Himmel blau. So segeln wir also auch in Richtung CANAL DE FOUR – als wir dort ankommen muss doch der Motor ran. Die Passage trennt das Festland von den vorgelagerten Inseln und Sandbänken. Die viel weiter vorgelagerte ILE DE QUSSANT können wir schwach ohne Fernglas in der diesigen Morgenluft erkennen.
Auch dieser Reiseabschnitt will gut geplant sein, denn auch hier treibt ein starker Strom sein Unwesen – wenn man zur falschen Zeit hier aufschlägt. Wir haben „natürlich“ richtig gerechnet und sind einfach nur schnell – in diesem Abschnitt.
Interessanter Weise läuft die Flut hier länger als die Ebbe und so schaffen wir es fast bis zur ILE DE BAZ mit mitlaufendem Strom, erst als wir nach Süden gehend ROSCOF ansteuern, haben wir den Strom gegen uns, aber für die paar Meilen ist das auch egal.
Vor Einlaufen in die nagelneue Marina (weniger als vier Jahre alt, nicht in unserer Seekarte vorhanden) hat der Hafenmeister aber einen gesperrten Hafen gesetzt: Die Einfahrt zur Marina liegt im hiesigen Fährhafen und die Abendfähre nach IRLAND legt gerade ab und blockiert so den Hafen. Weil wir gerne großen Schiffen aus nächster Nähe beim Manövrieren zu sehen, verfliegt die halbe Stunde Wartezeit wie im Fluge.
Fest gemacht, Anleger getrunken, Essen fassen und in die Koje. Denn Morgen wird es noch länger und entsprechend früher geht es los…

GUERNSEY Marina ohne Wasser in der hafeneinfahrt (Bildmitte)
GUERNSEY Marina ohne Wasser in der hafeneinfahrt (Bildmitte)

Von ROSCOF nach GUERNSEY
Am Sonntag den 19/06/2016. 74 Seemeilen rein gar nichts. Zwar immer wieder der Versuch, sich mit Segeln vorwärts bewegen zu lassen, aber wer Meilen fressen will muss Geschwindigkeit machen. Auf solch langen Strecken hat man natürlich mindestens einmal Gegenstrom und man kriecht mit unter fünf Knoten so dahin – und dann wieder mit dem Strom, netter weise auch mal mit acht Knoten. Am Ende gleicht sich alles aus und wir kommen am frühen Abend auf der Insel an.
GUERNSEY kommt erst sehr spät in Sicht. Zu viel Wasser in Luft. In Form von Regenschauern, Nieselregen oder auch einfach dichtem Nebel.

Genau so haben wir uns die Eroberung einer englischen Kanalinsel vorgestellt. Anschleichen in der diesig-grauen Abenddämmerung, nahezu lautlos in den Hafen gleitend um dann doch von den sehr gut organisierten Hafenmeistern frühzeitig entdeckt zu werden.
Es gibt einen 24/24h Vorhafen mit Pontons, an denen man immer fest machen kann und immer genug Wasser unter dem Kiel hat. Und des gibt eine Marina, in die man nur 2 Stunden vor und nach Hochwasser rein bzw. raus kommt, weil die in der Einfahrt so eine Art Drempel hat, damit bei Niedrigwasser nicht das ganze Wasser aus dem Marinabecken heraus läuft. Ganz schön clever!
Wir gehen in der Marina längseits an einen Amerikaner, dessen Boot in China gebaut wurde und nur etwas herunter gekommen wirkt. Hier liegt man wohl immer im Päckchen, wenn der Dampfer größer als 12 Meter ist. Aber noch mal – sehr gut organisiert das Ganze. Die Eingeborenen wissen wohl seit Jahren, wie wertvoll die vielen Yachties sind.

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Logisch:
Die Marina ist teuer, die Insel ist teuer, das Bier ist auch teuer und, weil wir ja quasi in England sind: Der Inder ist lecker. Es gab wohl mal eine Umfrage im vereinigten Königreich, was denn wohl das Nationalgericht im UNITED KINGDOM sei. Heraus kam: INDIEN CURRY – und da faseln die was von BREXIT?
Es gibt das GUERNSEY POUND, das aber kompatibel zum englischen Pfund ist. Und es gibt JT, die lokale Telefongesellschaft die extrem gute Pre-Paid SIM Karten für mobiles Internet verkauft. Denn das Marina-WiFi ist hier völlig überlastet.

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Wir vertreiben uns die Regentage mit Videos-schneiden, Shoppen (…ratet mal, wer was gemacht hat!), Klönschnacks auf dem Steg oder STORMVOGEL mit günstigem GUERNSEY Diesel per Kanister betanken. Südsee-Like mit Dingi. Denn das Fueldock ist im Vorhafen und der Drempel (siehe oben) verhindert das man tanken kann, wenn man tanken will. Nur, das haben die sonst so vorhersehenden Skipper nicht bedacht: Wir kommen mit dem Dingi nicht mehr zurück in die Marina, weil der Drempel nun trocken gefallen ist und das Dingi nicht fliegen kann. Also schleppen wir…wie sonst auch auf der Welt.
Ich habe nach 80 Litern Steuerfreien Diesel genug, andere lieben es, dieses Schnäppchen (0,75 €/ Liter) bis zum letzten Liter auszukosten… 😉

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Auf eine wirklich besondere Begegnung möchte ich hier näher eingehen, denn neben dem durchaus ungewöhnlichen Ereignis an sich hat sie auch unsere Herzen sehr berührt:

Im letzten Jahr bekamen wir eine eMail von Willy aus OOSTENDE (BELGIEN). Wir hätten uns 2012 an der Südküste ENGLANDS in ein paar Häfen getroffen und ein Jahr später habe er zufällig unseren Blog gefunden. Seit dem würde er mit großer Freude mit uns durch die Welt segeln.
Da wir doch nun auf dem Heimweg wären, wäre es doch schön, wenn wir uns treffen würden – im Großraum OOSTENDE / Englischer Kanal 2016.
Und so trafen wir uns nun also auf GUERNSEY. Was für ein Glück, das Willy uns bereits in der Hafeneinfahrt ausmacht und beim Festmachen hilft: So können wir auch wieder ein Gesicht zum Namen zuordnen. Schrecklich, dieses Vergessen!
Wir verbringen zwei sehr schöne und lustige Abende mit Willy, seiner Frau und auch den Niederländern. Wir sind die jüngsten – die anderen vier sind über 70 und im Prinzip fitter, als ich es jemals sein werde. Und alle sind sich ihres Alters durchaus bewusst. Mir geht es wie Öl herunter, als mir Willy mindestens ein Kilo Honig um den Bart schmiert: Unser Blog sei einer der Besten und er habe wirklich die ganzen Jahre mit uns die Welt besegelt.

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Nun weiß ich ja, das da draußen durchaus noch einige mehr treue Leser sind, die den Blog gut finden – aber so eine Live-Huldigung tut schon mal sehr gut. Und motiviert!

Nun denn. Zurück zum Herzen. Wir sprechen über Seekrankheit. Wir lernen, das Willys Frau auch immer seekrank wird (- genau wie ich!). Und jetzt kommt’s: Das ist ihr egal – sie möchte in der Zeit, die noch bleibt, so viel Zeit wie möglich mit ihrem Mann verbringen.

Hey – das ist echte LIEBE!

Nach Jahrzehnten der Ehe. Sensationell!

Alle, die öfters oder immer Seekrank werden, können das wohl bestätigen. Nicht das einer denkt, Willy quäle seine Frau mit der Segelei unnötig: Er ist ein echter Vollblut-Segler und würde wohl gerne das ganze Jahr an Bord verbringen – macht er aber nicht. Nun geht es nur noch für ein paar Wochen im Jahr auf Fahrt – wohl auch aus Liebe.

Diese unsere Welt ist viel besser, als wir immer denken. Und die Menschen um uns herum, egal aus welchem Land, egal wie jung oder alt, egal welcher Religion, sind einfach nur liebenswert.
Das zu aller erst, das ganz vorne an. Und erst viel später den ganzen Mist des täglichen Lebens, die wenigen, aber lauten Schreihälse die alles vermiesen und es keinen Deut besser können. Wenn wir schon Menschen beurteilen, dann sollten wir doch wohl die Lebensleistung als Maßstab nehmen, und nicht die Lautstärke.

Und so philosophierend verbringen wir trotz nasskaltem, dunklen Wetter einige außergewöhnlich schöne Stunden in GUERNSEY in guter Gesellschaft.

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Sicher, das deutsche Fußballspiel am Dienstag Abend tut ein übriges. Die englische Kneipe ist zwar fast leer, als um 17:00 Uhr Ortszeit der Anstoß erfolgt. Dafür ist unser Bierglas aber voll und wir können sogar dem englischen Kommentar im Fernseher folgen. Gutes Spiel, gutes Ergebnis.

Ein paar Bootjobs erledigen wir nebenbei und mieten am Freitag (24/6) das Auto. Eine 90-Minuten Erkundungstour haben wir schon per Bus gemacht. Aber für eine Foto-Tour ist dieses Reisemittel unangebracht, denn wenn man aussteigt wartet man locker eine Stunde auf den nächsten. Und außerdem, ratet, auf der Bustour war es neblig und dunkel!
Wir bekommen einen NISSAN QASHQAI und ich wünsche mir mehrmals am Tag einen Punto, oder noch besser einen Smart! So eng sind die Straßen (besser Gassen) auf der Insel, in der Regel eingesäumt durch hohe Steinmauern – um ja klar zu machen, das man bitte auf der Straße fahren möge 😉 Natürlich auf der falschen Seite.

Wir bleiben im wesentlichen an der Küste und machen nur hier und da gezielte Abstecher ins Herz der Insel. Wir sehen raue Küstenstreifen, bezaubernde Sandstrände, verwunschene Gärten und, das ist wirklich schlecht, viel zu viele Autos. OK, wir sitzen auch in einem, aber hier gibt es offenbar mehr Autos als Einwohner.

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Per Zufall landen wir an einer Gedenktafel für die Toten des Motorschiffs PROSPERITY, das hier auf den Felsen in der Nacht vom 16. auf den 17. Januar 1974 mit Mann und Maus gesunken ist. Fand ich zunächst echt überraschend – Profis, 1974? Aber dann: GPS und AIS war noch nicht erfunden..

Erstmals in der Welt müssen wir bei Anmietung eines Mietwagens nicht tanken: Ist alles im Preis inbegriffen. Sehr ungewöhnlich, oder? Liegt wohl auch an den sehr begrenzten Strecken, die man auf dieser Insel zurück legen kann.

Die Fotos sind im Kasten, die Segelfreunde verabschiedet und der STORMVOGEL präpariert. So verlassen wir GUERNSEY nach einer Woche wieder – Kurs Nord-Ost, Kurs CHERBOURG.

Peter.

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