Zur Lage XXXIII

Wir sind auf GUERNSEY und zum ersten Mal seit Tagen kommt  jetzt am Nachmittag so richtig die Sonne raus.

Man kann im Cockpit sitzen, vor sich hin drömeln, die Zeit bis zum Fußballspiel DEUTSCHLAND – NORD-IRLAND totschlagen, einen Mittags-Snack vorbereiten (Heidi!) und, natürlich, mal wieder einen Lagebericht schreiben. Denn da gibt es einiges zu berichten. Als da wären:

a) Reiseplanung mit Rückkehrdatum (man höre und staune!)

b) Bootstechnik mit UV-Strahlung, gebrochenen Schooten, verrosteten Gasflaschen und Computern, Schmodder

Los geht’s mit der Meta-Ebene „Reiseplanung“ – die ist mitunter ja schwieriger als das eigentliche segeln.

a) Reiseplanung
Ein Blick auf die Karte zeigt: Wir kommen der Heimat unaufhaltsam näher und näher! Nach jahrelangem WEST-Kurs gefolgt von einem wenige Wochen dauernden NORD-Kurs sind wir nun auf dem finalen OST-Kurs. Wie bekannt gibt es an Bord zwei Meinungen bezüglich der Rückreisegeschwindigkeit. Zuerst haben wir überlegt, was wir noch alles sehen wollen. Dann haben wir auf den Kalender geschaut und dann hat jemand (weiblich, meinungsbildend) gesagt: „Ich will aber unbedingt im Juli zu Hause ankommen!“. Es folgten reifliche Überlegungen, die Kalkulation zweier Puffer für „schlechtes Wetter abwarten“ und „technische Überraschungen“ und herausgekommen sind wir nun (und hiermit offiziell) mit

Samstag, den 30. Juli 2016 13:00 Uhr

als Einlauftermin in den HAMBURG City Sportboothafen an den Landungsbrücken.

Wir haben beim Wettergott schon mal für leichten Nieselregen und heftigem Nord-West Wind nach gefragt – ganz so, wie wir es bei der Abreise am 14. Juli 2012 an gleicher Stelle hatten. Alles soll ja so sein, das man uns auch wirklich wieder erkennt 😉

Auf dem verbleibenden Weg haben wir uns die folgenden Highlights heraus gesucht:

* GUERNSEY
Ups, da sind wir ja schon 😉

* AMSTERDAM
Wir wollen auf jeden Fall einen vollen Tag in dieser Multi-Kulti-Metropole verbringen

* VLIELAND und SCHIERMONNIKOOG
Kurz in jedem Fall, etwas länger, falls tatsächlich der Sommer ausgebrochen sein sollte!

* NORDERNEY
…endlich mal!  In Würdigung der schönsten Segel-Mini-Fernsehserie des deutschen Fernsehens: DAS RÄTSEL DER SANDBANK nach dem gleichnamigen Buch von ERSKINE CHILDERS mit den damals noch und sehr jungen PETER SATTMANN und dem deutschen weltklasse Schauspieler BURGHART KLAUßNER als kühne Skipper im deutschen Wattenmeere.

* HELGOLAND
Dieser Schlag über Bande spart einen langen nach CUXHAVEN und wir haben beide große Lust, diese Insel ein zweites Mal zu besuchen. Liegt ja quasi auf dem Weg.

Anfang August vorholen wir dann unverzüglich nach GLÜCKSTADT in die dortige Yachtwerft, ziehen aus dem STORMVOGEL aus (…bei dem Gedanken daran habe ich jetzt schon Tränen in den Augen!) und bereiten unseren Dampfer auf den dann anstehenden BEAUTY FARM Aufenthalt vor.
Denn so viel ist klar: Dieses Boot verdient es, wieder ordentlich und hübsch hergerichtet zu werden! Der STORMVOGEL wird wieder glänzen – oh ja!

Die Segelsaison 2017 werden wir dann voraussichtlich in unserem Heimatrevier, der OSTSEE verbringen.

b)  Bootstechnik

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b.1) UV Strahlung
Diese unsichtbare Strahlung zerstört im Laufe der Zeit alles, was aus Kunststoff ist. Vermutlich auch alles andere, aber das dauert dann wohl noch länger. Unklar ist, ob die UV-Strahlung auch das Hirn des Skippers zerstört hat, oder ob das auf andere, in der Regel flüssige Stoffe, zurück zu führen ist.
Richtig ist hingegen, das wir im vierten Jahr merkwürdige Verschleißerscheinungen an Bord registrieren. Am deutlichsten wird dies bei unseren dauerhaft angebrachten Rettungsmitteln. Die Halterungen von beiden Rettungskragen sind einfach zerbröselt. Die Klett-Verschlüsse auf PVC-Folie konnte man einfach mit den Fingern zerreiben. Gut, das das aufgefallen ist und Heidi mit Nadel und Garn umgehen kann – so konnte sie neues Klettband aufnähen und die Halterungen vor der Entsorgung bewahren – obwohl die auch (natürlich) ziemlich ranzig aussehen.

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Am schlimmsten finde ich, das die dazu gehörigen Leinen ebenfalls zerbröselt sind – das ist echt ein übler Scherz des Herstellers. Die  Zerstörung durch UV-Strahlung macht das Material ja einfach nur mürbe und erst bei Belastung geht es dann richtig kaputt. Wenn es darauf ankommt!

b.2) Gebrochene Schoot
Ehrlich gesagt habe ich mich immer im stillen darüber muckiert, wenn ein anderes Boot von einer gebrochenen Schoot (Leine) berichtet hat. Ich ging immer davon aus, das man durch regelmäßige Kontrollen und auch Pflege der Schooten ein Reißen (brechen) der Leine vermeiden kann – in dem man das Problem frühzeitig erkennt und die Leine einfach austauscht.

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Diese meine ehemalige Annahme ist KÄSE. NONSENS. BULLSHIT!

Denn uns ist nun selbst auf einer Passage die Unterliek-Schoot ohne Voranmeldung gebrochen. Es war kein doller Wind, der Bruch an sich und das flatternde Segel also kein Problem. Nur die Erkenntnis, das die vor höchstens 8 Wochen überprüfte Leine einfach zerrissen ist. Da hat garantiert nichts gescheuert. Das einzige, das ich mir vorstellen kann: Wir haben das komplette laufende Gut (also alle Leinen an Bord) im Winterlager 2015/2016 demontiert, untersucht und mit Frischwasser gewaschen. Alle Leinen wurden dann genau so wieder eingebaut, wie wir sie ausgebaut haben – bis auf diese eine Schoot.
Die habe ich bewusst anders herum eingebaut, nach dem Motto: Lass´ mal das ungebrauchte Endstück der anderen Seite zum Einsatz kommen. Tja, und das ist das Stück, was immer in der Sonne hängt. Ahne ich da einen Zusammenhang mit (b.1) ?

b.3) Verrosteter Steuercomputer
Die gesamte Bordelektronik für Navigation und Steuerung stammt vom Hersteller FURUNO.Über drei Jahre hatten wir im wesentlichen keine Probleme damit. Seit einiger Zeit (beginnend irgendwann in 2015) gab es jedoch ab und zu folgenden, unschönen Effekt:

* Das Boot wird vom elektrischen FURUNO Autopiloten gesteuert
* Man möchte auf Handsteuerung umschalten, weil man schnell ausweichen muss oder sich einem Hafen nähert
* Die Umschaltung von AUTO auf STANDBY funktioniert nicht, keine Handsteuerung möglich!
* Erst wenn man alles komplett abschaltet, bekommt man die vollständige manuelle Kontrolle wieder

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Diesen Effekt habe ich im sehr guten amerikanischen FURUNO Forum beschrieben und (leider) keinen konkreten Ansatzpunkt für eine Problemlösung bekommen. Klar, Kabelverbindungen auf Korrosion prüfen, Leitungswege checken etc. Aber kein Erfolg.

Der Fehler trat nur in einem von zehn Fällen auf…als er bei der Ansteuerung im Fluss von VIANNA DE CASTELLO wieder auftrat gab es so große Hektik an Bord, das ich die Problemlösung als „sehr dringend“ hoch gestuft habe.
Also FURUNO Spanien kontaktiert und einen Termin für LA CORUNA ausgemacht. Die Techniker erscheinen auch an Bord und überprüfen die Anlage. Keine Fehler, keine Probleme, alles gut.

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Logisch. Wie sollte es auch anders sein? Klarer Fall von Vorführeffekt!

Der Moderator von des FURUNO USA Forums hatte angeregt, die Software des Steuercomputers auf den aktuellen Stand zu bringen – dabei betonend, das das nichts mit unserem Problem zu tun haben wird, aber man könnte das ja mal machen.
Also wollte ich das auch von den FURUNO Leuten in LA CORUNA haben.

Dazu muss man den Steuercomputer (FURUNO FAP-7002) auseinander bauen um an eine USB-1 Schnittstelle zu kommen, über die das Softwareupdate von einem Laptop aus eingespielt werden kann.

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Also kriechen die beiden Techniker ganz nach hinten in die Achterkajüte (denn dort ist der Steuercomputer verbaut um möglichst kurze Kabelwege zur Hydraulikpumpe zu haben) und nehmen das Teil auseinander…

…und kommen wieder zum Vorschein mit den Worten:

„Wie sieht der denn aus?“
„War da mal Wasser dran?“
„Ein Wunder, das da überhaupt was funktioniert!“

Tja, die bauen das ganze Teil aus und bei Tageslicht betrachtet erkennt man ganz klar an verschiedenen Stellen Spuren von Korrosion auf den Platinen. Einige, ganz wenige Bauteile scheinen bereits in Auflösung befindlich…
…nein nein, hier gibt es bestimmt keine UV-Strahlung 😉

Aber Seewasser gab es hier in der Tat einmal. Durchaus. Im Jahr 2012. Während unseres „ATLANTIK-Zwischenfalls“ drang Spritzwasser durch den abgerissenen Kopf der Steuersäule ein und landete auf dem Steuercomputer. Das haben wir damals gesehen und nach meiner Erinnerung auch beseitigt. Vermutlich nicht unmittelbar, aber auf jeden Fall später in ST. LUCIA. Ich glaube, ich hatte den Computer sogar geöffnet und abgetupft und vorsichtig gereinigt…aber wohl nicht gut genug – oder der Korrosionsprozess war in gang gekommen und nicht mehr zu stoppen.

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So oder so, die FURUNO´s meinten jede weitere Arbeit daran hätte keinen Zweck mehr.

Also Ersatzteile.

Tja, nun ist FURUNO Spanien nicht so groß, wie man meinen könnte und als das die immer alles am Lager hätten. Die kleine, am meisten betroffene Platine ist in MADRID auf Lager…und kostet schlappe 720 Euro. Die größere, ebenfalls, aber weniger „infizierte“ Platine kostet 1.500 Euro und ist Ende Juli 2016 lieferbar.

Ähm, nur mal so: Was kostet denn ein neuer FAP-7002?

Ja, nun, der wird leider gar nicht einzeln verkauft. Jedenfalls nicht in EUROPA. Der ist immer im Paket mit einem Display (NAVPILOT 700 oder 711 oder 711C) und einem Ruderlagensensor.

Und das Paket kostet (Sonderpreis, weil wir es sind und nicht alle Ersatzteile auf Lager sind), BINGO, 2.400 €.

Also irgendwie bekommt man für ein wenig mehr Geld viel mehr Material – so ein Display kostet auch mal eben um die 800 €. Auch wenn man es (im Moment) gar nicht braucht…also damals, in 2012 haben wir ja ein neues NAVPILOT 711 Display kaufen müssen, weil das andere im o.g. Vorfall zerstört wurde.

Und so wird mal wieder in den virtuellen sauren Apfel gebissen und gekauft, was gekauft werden muss.

Die FURUNO Leute haben nach Einbau dann noch so ihre kleinen Probleme die Software aller Komponenten auf einen gemeinsamen Stand zu bringen, aber auch das gelingt und nach zwei Tagen schrauben haben wir mal wieder ein Problem weniger auf der Liste.

Schwups.

Und hier kommt das echt mystische an der Sache:
Etwa zu gleichen Zeit ereignete sich ein ähnliches Phänomen bei unserem Schwesterschiff im Geiste (MAUNIE OF ARDWALL) auf der anderen Seite der Erde. Auch hier, im Ergebnis, ein neuer Steuercomputer.

Segelfreund Wolfgang macht uns indess auf ein Produkt mit magischer Anti-Wasser-Wirkung aufmerksam. Ich bin drauf und dran, alle Geräte nach Rückkehr damit zu behandeln…(?)

b.4) Verrostete Gasflaschen
Wir haben nun auch die letzte „original-“ Gasflasche außer Betrieb genommen und entsorgt. Nicht nur, das man diese Teile kaum füllen (lassen) kann, nein, sie rosten wie doof und kommen einem irgendwann nicht mehr ganz geheuer vor.

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Jetzt sind wir auf den kleinen blauen sau-teuren CAMPINGAZ Flaschen und stellen die erst außer Dienst, wenn wir wieder zu Hause sind. Dann kommen wieder die „richtigen“ an Bord. Zwei davon werden ja in einer Norddeutschen Saison wohl reichen?

b.5) Schmodder im Tank
Wir haben mal wieder Schmodder im Steuerbord-Dieseltank. Geübt, wie wir sind, tauschen wir den Dieselvorfilter nun wieder einfach öfters und haben beim letzten Volltanken auch mal wieder so eine Flasche „Unkrautvernichter“ (…na also das Zeug, das alles abtötet was nicht Diesel ist und zu Schmodder werden lässt) hinein geschüttet.

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Und durch das häufige Motoren und Filter wechseln werden wir wohl den Schmodder aus dem Tank bekommen. So der Plan.

Soweit das neueste von Reiseplanung und Technik.

Peter.

Ein Gedanke zu „Zur Lage XXXIII“

  1. Auf der Ausfahrt habt ihr an viele Sehenswerte Orte wegen Zeitmangel in Hinsicht auf den ARC – Termin rechts und links liegen lassen müssen – aber was jagt euch, dass ihr jetzt schon mitten in der schönsten Zeit der Saison auf der Elbe zurück sein wollt und wieder an vielen schönen Orten vorbeidüst? Ende August – Anfang September wäre doch wahrlich früh genug gewesen. Ich hatte mir das so schön vorgestellt, euch mit Chance die Elbe hoch zu eskortieren – aber jetzt stecken wir da dann (hoffentlich) in Polen oder Schweden – blöder Termin! Familie?
    Seufz!

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