Zur Lage XXVI

Soweit ist eigentlich alles in Ordnung.

Eigentlich.

Also eigentlich handelt es sich beim STORMVOGEL ja nur um ein Boot und nicht um eine technisch hoch komplexe Anlage zur langsamen, aber vergnüglichen Fortbewegung von Menschen.

Auf einem Boot zu leben bedeutet, jeden Tag neue technische Überraschungen zu erleben. Da ist jedes Boot gleich. Auch international.

Die Engländer zucken nur mit den Schultern und rufen aus: „Its a boat!“.

Das wissen wir. Damit rechnen wir. Aber: Das verdrängen wir. Gerne!

Nach dem wir in PHUKET die Batterien für das Bugstrahlruder kurzfristig ersetzen mussten, meinte nun das Unterwassergetriebe eben jenes Herrn Bugstrahlruders seinen Dienst versagen zu müssen. Mitten im Manöver statt „wwwwwuuuuuuuuuussssccccchhhhh“ nur noch „dddrrriiiiiiiiiiiiii“.

AHD: (A)ha-(H)andauflegen-(D)iagnose: Motor dreht zwar noch, aber Propeller im Tunnel nicht mehr. Sind die beiden etwa abgefallen oder was?

Unterwasserarbeit = Skipperarbeit. Seufz.

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Klamotten vom Leib gerissen und todesmutig in die kalten Fluten. Mit Schnorchel und Taucherbrille.

Nö, Propeller sind noch dran, lassen sich aber ohne Widerstand einfach drehen.

Also Elektromotor in der Vorpiek vom Getriebe abgebaut – denn da soll sich laut gut unterrichteten Kreisen ein sogenannter Scheerstift befinden, der automatisch kaputt geht, wenn die Propeller durch Holz, Plastik oder sonstigen Unrat blockiert werden. Sozusagen eine Sollbruchstelle im Falle der Blockade um den Motor zu schützen.
Ja, der Scheerstift ist noch da – völlig intakt. Aber dreht man die Achse, hakt und ruckelt es – offenbar ist das Getriebe, das die vertikale Motordrehung in eine horizontale Schraubendrehung umsetzt, kaputt. Einfach kaputt.

Natürlich ist das Teil unter Wasser, um es zu ersetzten muss man aus dem Wasser.

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Der geneigte segelnde Leser könnte nun vermuten, das man den Bugstrahler für Ankermanöver doch gar nicht braucht – eine Reparatur mithin also nicht dringend sei…

***FALSCH***
Denn hier im Mittelmeer ankert man Bergauf, dicht am Ufer mit Heckleinen an Land. In einer Wassertiefe von 30-40 Metern lässt man den Anker fallen und läuft rückwärts gen Land. Natürlich möglichst im 90° Winkel. Und eben für diese Rückwärtsfahrt im 90° Winkel brauchen wir unser Bugstrahlruder. Langkieler wollen ja nie gerne gerade aus rückwärts – so auch der STORMVOGEL nicht.
Wie dem auch sei, das mit dem Bergauf ankern sei auch noch schnell erklärt: Die Küste im Mittelmeer steigt auf wenigen hundert Metern von 1.000 Metern auf 0 Meter an. Ist also sehr, sehr steil. Wie ein (Unterwasser-)Berghang. Würde man nun einfach frei ankern, würde der Anker durch die Bootsbewegung (die durch Wind und Strom verursacht wird) irgendwann heraus gedreht und so zu sagen den Berg runter rutschen.
Also ankert man gegen den (Unterwasser-)Berg und zieht am anderen Ende des Bootes (bekanntlich Heck genannt) den Dampfer mit einer oder zwei Landleinen vom Anker weg – schön stramm, damit sich der Bug gar nicht erst bewegt.
Diese Methode funktioniert prächtig, allerdings vermutlich nur, wenn kein Schwell steht – denn der würde sonst über die stramme Ankerkette den Anker doch wieder heraus reißen.

Nun denn. Das Ersatzteil der Italienischen Bugstrahlruder-Firma MAX-POWER war in MARMARIS vor Ort verfügbar und ein qualifizierter Service-Techniker ebenfalls.

Also haben wir den STORMVOGEL mal wieder an Land gesetzt und die Reparatur durchgeführt.

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Vermutlich ist der STORMVOGEL das am Meisten gekrante Segelboot der Welt. Jedenfalls haben wir, wenn man so überlegt, weltweit eine eindrucksvolle Bilanz:

1) DIE NIEDERLANDE
2) THAITI
3) NEUSEELAND
4) AUSTRALIEN
5) SINGAPORE
6) PHUKET (Transport)
7) TÜRKEI

Nicht schlecht – Vögel wollen wohl ab und zu mal fliegen?

Zu erwähnen sei noch, das das Ersatzteil 50% von dem gekostet hat, was die ganze Maschine kostet. Ersatzteilhandel ist das dicke Geschäft. Dafür hat die Marina den ursprünglichen Kranpreis auf eigene Initiative hin halbiert – das war echt nett und nur noch teuer, statt super teuer.

Kaum wieder im Wasser, machen wir in diesem hervorragend sauberen Türkischen Küstengewässer Wasser mit dem Wassermacher. Viel Wasser. Stundenlang, während die Hauptmaschine läuft über den 12 Volt Motor des Wassermachers…
…der bleibt dann stehen und will nicht mehr. Ursache (noch) unbekannt, aber wir vermuten, das das Steuerrelais aufgegeben hat. Schließt man den Motor direkt an 12 Volt an, läuft er nämlich. Ein Fall für den Support…
…wie auch der Umstand, das wir erschreckt feststellen mussten, das fast alle Schrauben des Pumpengehäuses gelockert waren. Schließt man mal Sabotage aus, müssen die sich nach nur 360 Betriebsstunden los gerappelt haben. Zum Glück ist das aufgefallen, wären die einfach abgefallen hätte es wohl laut „Peng“ gemacht, die Hochdruckpumpe wäre zerstört und Seewasser würde ins Schiff laufen, da die Pumpe unter der Wasseroberfläche sein muss.

Nun denn, mit Hilfe eines befreundeten Motorboot-Skippers diese schwer zugänglichen Schrauben wieder angezogen und der Wassermacher läuft ordentlich im 220 Volt Betrieb, wenn wir den Generator dafür laufen lassen.

Tja, was sollen wir sagen?

Its a boat!
Peter.

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