Schon wieder so unendlich viel Glück gehabt! (Tag 4)

Die Geschichte mit TRUDI war nur die Overtüre, letzte Nacht ging es
richtig zur Sache.

Wir wollten bei frühem Tageslicht auf dem MINERVA Riff ankommen um TRUDI
zu reparieren. Weil wir zu früh´ dran waren Segel stark gerefft: Groß im
dritten, Vorsegel im zweiten und Yankee ganz weg. 20-25 Knoten Wind.

Vorhersehung?

Das Boot rollt unter den quer anrauschenden Wellen heftig, insbesondere
wenn die Wellenkämme manchmal unter dem Boot durchbrechen.

Heidi und ich sind unter Deck. Auf einmal macht es gegen 21:30 Uhr einen
Knall, ein „Zaaaannnggg“ das durch Mark und Bein geht – was zur Hölle
war das?

In Unterhose (bei der Kälte!) an Deck gestürmt und in der Mondnacht
sofort erkannt, das der Mast schwankt. In der Mitte, auf halber Höhe,
biegt er sich in den Wellen hin und her und ich bekomme große Angst, das
er an dieser Stelle bricht.
Das Steuerbord Unterwant (Want = Drahtseile, mit denen der Mast
verspannt wird) ist weggeflogen und fliegt noch an Deck hin und her.

Ohne Weste, immer noch in Unterhose stürme ich nach vorne um sofort das
Großsegel zu bergen, dann sofort die Fock weg. Druck aus dem Mast nehmen
ist mein erster Gedanke. Heidi funkt derweil die MAUNIE an und meldet
höchste Not. Bei jeder Welle biegt sich der Mast, das man gar nicht
hinsehen möchte!

Wenn der Mast bricht, sind wir wohl in Seenot.

Ich bringe unser Spinackerfall an Steuerbord aus und merke erst dann,
das das quatsch ist – am Masttop sind ja alle Wanten noch dran – wie
bekomme ich nur schnell eine Leine zur ersten Saling auf halber Höhe?

Aufgeregt wechsele ich mit Graham ein Wort – er sagt nur Spifall und
Loop und ich drücke Heidi das Funkgerät in die Hand und stürme zurück an
Deck.

Ja, logisch: Ich nehme eine starke kurze Leine und knote sie in einer
Schlaufe locker um den Mast, daran befestige ich eine Schoot die ich mit
einem Block an Deck so umlenke, das ich damit nach achtern an die
Winschen komme. Das Spifall nehme ich, um die kurze Leine am Mast bis
zur ersten Saling hoch zu ziehen.

Ich merke nicht, wie das Boot rollt oder der Mast sich bewegt. Ich spüre
nichts von Seekrankheit, ich spüre gar nicht mehr.

Voll konzentriert. Machen, machen, machen!

Schnelligkeit, Schnelligkeit, Schneller!

(bevor eine große Welle uns so auf die Backe packt, das der Mast beim
zurück rollen einknickt!)

Es gelingt, ich knalle die Schoot mit voller Kraft auf der Winsch an und
stabilisiere so die Mastmitte.

Puh.

Geschafft. Die unmittelbare Gefahr ist 10-12 Minuten nach Auftreten
beseitigt.

Durchatmen. Überlegen. Zwei Sicherungsleinen sind besser als eine, also
bringe ich eine zweite Hilfswant weiter achtern aus und räume dann das
Deck auf. Heidi packt die wichtigsten Papiere in unseren wasserdichten
Seesack. Für den absolut undenkbaren Fall der Fälle.

Das uns jetzt bloß keine Leine über Bord geht und in den Propeller kommt
– der Atlantik lässt grüßen.

OK, Situation im Griff, noch 40 Seemeilen bis MINERVA, da können wir
dann geschützt von Welle an einem soliden Not-Rigg arbeiten um nach
NEWZEALAND zu kommen.

Also Maschine an, natürlich auf Kühlwasser geachtet, und los geht die
Motor-Orgie.

Die Nacht wird endlos, wir sind beide völlig überdreht und finden keine
Ruhe.

Gegen 3:00 Uhr fällt mir auf, das TRUDI nun völlig auf der Seite hängt,
die andere Befestigungsschraube ist wohl auch gebrochen. Eigentlich
folgerichtig, weil der Propellerstrom wie ein Wirbel auf das Ruderblatt
wirkt.
So, wie TRUDI da rum hängt beeinflusst sie negativ unsere
Steuereigenschaften – bei der anstehenden Riff-Durchfahrt keine Option.

Also muss TRUDI an Deck.

In einer wahren Herkulesaktion bekommen wir die (gefühlt) 200 kg Anlage
aufs Achterdeck gewuchtet und aus dem Wasser. Notdürftig quer über das
Achtercockpit verlascht gibt TRUDI einen erbarmungswürdigen Eindruck,
aber die elektrische Steueranlage hält uns nun viel besser auf Kurs.

Aber auch nach dieser zusätzlichen Anstrengung finden wir keine Ruhe.
Ich muss mit Graham reden, um mich zu beruhigen. Wir sind noch ca. 10
Seemeilen vom Riff entfernt.

Den Funkverkehr auf Kanal 16 bekommen zur frühen Stunde zwei Boote, die
wir schon kennen (SUPERMOLLI (Hamburg) und ODA (Norwegen)) mit und
bekunden sofort ihre Hilfsbereitschaft. Schon mal gut zu wissen, das der
Pass einfach ist und der Ankergrund gut. Und selbst „in the middle of
nowhere“ ist man nicht alleine.

Mit dem Morgengrauen laufen wir um 7:00 Uhr in den Pass ein und finden
unseren Platz.

Der Stein, der uns um Herzen fällt ist wirklich schwer.

Markus von SUPERMOLLI sieht sich unser Rigg an und stellt leider fest,
das seine Ersatzteile nicht passen.

Unser Stahldraht ist unversehrt, das Terminal (=massives Metallteil, das
das Drahtseil aufnimmt und dann in den Mast eingehakt wird) ist glatt
gebrochen. Bei genauerer Betrachtung ist das offenbar bereits
angebrochen gewesen. Darauf deuten jedenfalls Korrosionsspuren hin.

Das macht die Sache nur noch schlimmer. Was ist mit den anderen
Terminals? Sind die OK oder auch angebrochen?

Zur Erinnerung:
Wir haben beim Refit vom STORMVOGEL alle diese Teile für viel Geld
erneuern lassen. Diese lebenswichtigen Teile sind maximal 18 Monate alt!

Graham sieht sich die Baustelle an und entwirft eine Idee für ein Notrigg.

Nach 4 Stunden Pause hole ich Graham und Michael (ANICO) mit dem Dingi
ab und wir riggen die Steuerbord-Unterwant neu. Graham geht freiwillig
in den Mast, heraus kommt eine durchaus solide Konstruktion. Mit dem
Nachteil, das wir uns Großsegel nicht mehr setzten können, weil das
Lasching um den ganzen Mast herum geht und so das Großsegel behindert.

Aber ich will auch gar nicht mehr schnell segeln.

Nun möchte ich (wir!) nur noch ankommen.

Im Kopf bleiben viele Fragen. Wie kann das Terminal einfach brechen?
Wieso können sich die Bolzen von TRUDI einfach so verabschieden? Ich
glaube, ich muss mit unserer Werft ein ernstes Wort wechseln.

Nun werden wir Morgen also die letzten 800 Seemeilen nach NZ in Angriff
nehmen. Wir werden humpeln, kriechen und ängstlich in die Höhe schauen.

Aber es gibt keine Alternative. Hier ist nichts. Gar nichts.

Außer einer immer tiefer werdenden Freundschaft, die mit nichts
aufzuwiegen ist.

Ich hätte vollstes Verständnis, wenn MAUNIE mit normaler
Reisegeschwindigkeit weiter fahren würde – aber das ist gehen Grahams
Ehre als Seemann. MAUNIE wird mit uns humpeln und kriechen und uns
weiter zur Seite stehen. So werden wir also mit Vorsegeln versuchen,
Fahrt gen NZ zu machen und unsere Freunde nicht zu sehr zu verlangsamen.

METABO hat in seinen VORZÜGLICHEN (!) Wetterberichten eine Fahrt von 6,5
Knoten unterstellt. Das wird nun nix mehr – wenn wir Glück haben 5 Knoten?

Aber wir werden aufpassen, der Wind soll etwas nachlassen und ein Sturm
ist derzeit nicht in Sicht.

Also los. Weiter, immer weiter.

Peter.

P.S:
Bilder der Teile habe ich, kommen, wenn Internet nicht mehr so teuer ist.

P.S. II:
Diesmal haben wir alles Richtig gemacht. Kein Skipper-Fehler. Diese
Material-Probleme sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Der letzte
Rigg-Chech in TAHITI hätte das nicht sehen können. Es ist mir wichtig,
meine Fehler von denen höherer Gewalt zu unterscheiden. Ich möchte nicht
als völliger Depp da stehen.

Ein Gedanke zu „Schon wieder so unendlich viel Glück gehabt! (Tag 4)“

  1. Nein! Kein Glück!

    Diesmal vielleicht ein wenig Glück mit sauberer, 1A seemännischen Aktion. Ein Lob auf Stormvogel, Skipper, Co-Skipper und vor allem auf die unendliche Hilfsbereitschaft von Graham und der Maunie Crew!

    Warum lobe ich Srormvogel? Gute Schiffe reden mit dem Skipper und zeigen, was ihnen fehlt. Und dann kann man ihnen helfen. Sie gehen aber nicht unter! Das ganze harmoniert umso besser, je mehr der Skipper zuhört. Das ist Qualität und Seemannschaft!

    Ich bin in Gedanken bei Euch!
    METABO

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