Thorsminde

Es ist ja nicht so, das der langjährige Skipper des STORMVOGELS keinen Respekt hätte. Im Gegenteil. In seiner Eigenwahrnehmung wächst sein Respekt gegenüber allem möglichen umgekehrt proportional zu seinem eigenen Selbstvertrauen.

Nissum Fjord

Das wird eigentlich, nüchtern und mit Abstand betrachtet, immer kleiner. Natürlich nur in kleinen, klitzekleinen, unmerklichen Schritten. Die blauäugige Leichtigkeit, die jugendliche Naivität des einfach mal Machen, die ist schon lange futsch. Das ist wohl das immer enger werdende Erfahrungsgefängnis.

Und so (und das ist wörtlich zu nehmen) quält sich eben jener Skipper mit der Frage, ob wirklich alle Faktoren für die Reise von THYBORÖN nach HIVDE SANDE sprechen. Das Boot? Vorbereitet und gut in Schuss. Die Mannschaft? Ausgeruht und guter Laune. Das Wetter? Nicht so wie gewünscht, aber vermutlich gerade so machbar. Der Skipper? Voller Selbstzweifel: Fahren oder bleiben?

Dabei hat er so großzügig geplant: 5 Tage „Warten auf Wetter“ in THYBORÖN. 3 Tage in HVIDE SANDE. Aber sowohl Vorhersage als auch Prognose sieht richtig mies aus. Das Wetter wird nicht besser werden.

Das Wetter:
Bummelig 20+ Knoten aus 240° (Süd-West) in drei Wettermodellen (GFS, DMI und ECMWF) angesagt. Dann wird das wohl auch so sein. Sobald wir aus dem THYBORÖN Kanal raus sind und etwas Abstand zur Küste haben, müssen wir 180° (Süd), besser etwas mehr steuern. Bedeutet 55°-60° zum Wind. Das ist mit dem STORMVOGEL bei ausgefahrenem Schwenkkiel durchaus machbar. Welle mit 2 Meter angesagt, Windböen aus den Regenwolken. Nicht optimal, die ganze Geschichte. Sollte aber machbar sein.
Nur mal so zum Wunschdenken: Sonnenschein, 15 Knoten aus 300° oder mehr (Nord-West) und vielleicht 1 Meter Welle – das wäre ganz wunderbar! Nun ist das Wetter kein Wunschkonzert und das Leben auf einem Segelboot schon mal gar kein Strandurlaub.

Hafeneinfahrt THORSMINDE bei WSW 25kn

Ein englische Boot hat sich in THYBORÖN unbemerkt aus dem Staub gemacht, wir kommen wenigstens mit dem jungen Einhandsegler aus Belgien ins Gespräch. Er möchte auch am Montag los, aber direkt nach HELGOLAND, in einem Rutsch. Er findet das Wetter nicht toll, aber eben auch machbar. Der Skipper sieht sich in seiner Überlegung bestätigt und verkündet den Aufbruch für den frühen Montag Morgen. Schließlich sind es über 50 Seemeilen nach HIVDE SANDE.

Hafeneinfahrt THORSMINDE bei WSE 25kn

Mit einsetzendem Tageslicht geht es los. Auf dem AIS können wir das belgische Boot erkennen, das in Dunkelheit aufgebrochen, sich offenbar mühevoll (Fahrt weniger als 4 Knoten) vor dem THYBORÖN Kanal von der Küste frei kreuzt.
Direkt vor dem Hafen das Groß ins erste Reff gesetzt und dann mit ablaufend Wasser und Maschine raus auf die Nordsee. Es steht eine lange, nicht brechende Welle auf den Kanal und wir fahren recht schnell Achterbahn. Natürlich läuft das Fahrwasser nicht 90° zur Welle und so werden wir heftig durch geschaukelt.
Maschine aus, Vorsegel raus und nun kämpft sich auch der STORMVOGEL von der Küste frei. Das dauert so gut eine, anderthalb Stunden. Dann endlich auf Südkurs – nun wird bestimmt alles besser…
…nun, wie man es nimmt. Viel Wasser an Deck, aber das Cockpit bleibt wie immer trocken. 180° Sollkurs bekommen wir nicht hin. Wir laufen in einer chaotischen See 175° und das ist viel zu wenig. Wenn wir so weiter machen, stranden wir in zwei Stunden. Nach zwei heftigen Böen die uns böse auf die Backbordseite drücken, wollen wir ins zweite Reff. Das Manöver unter Segeln können wir gut – auch in großer Welle. Heidi luvt am Ruder zackig an, ich mache das Groß kleiner und sie geht sofort wieder zurück auf Kurs. Die Vorsegel bringen die Fahrt schnell wieder und ich habe ein paar Minuten, das Groß zu trimmen. Kaum haben wir das gemacht, noch am Mast stehend, rufe ich nach achtern „Wir gehen ins Dritte Reff!“, denn ich kann keine große Verbesserung erkennen. Die ist aber zwingend notwendig. Also alles noch mal. Klappt wieder gut.

Ansteuerung THORSMINDE bei WSW 20+kn

Das große Yankee wird ins zweite Reff genommen, die Fock bleibt voll und endlich kommt das Boot wieder etwas aufrechter und macht um die 6 Knoten Fahrt. Das ist OK. Nur der Kurs ist immer noch nicht gut und so fahren wir eine Wende, um uns von der Küste besser frei zu halten. Nach dem wir wieder zurück auf Kurs gewendet haben kehrt endlich etwas (relative) Ruhe an Bord ein und im Skipper reift der Gedanke, nicht bis HIVDE SANDE zu gehen. Trotz SCOPODERM Pflaster hinter dem Ohr (die von ihm so geliebten STUGERON Dragees sind an Bord unauffindbar) Seekrank, körperlich schnell erschöpft und dieses hämmernde „WARUM?“ im Kopf.

Hafen THORSMINDE

„Sollte machbar sein“ – bedeutet eben nicht: „Wird ein schöner Segeltörn“

„WARUM?“ – ist die Kurzform der Frage „Warum zur Hölle tue ich uns so etwas an?“

Als Ausweich/Abbruchhafen hat der Skipper im Vorfeld alle Informationen über THORSMINDE recherchiert. Der Hafen hat keine guten Ruf unter Yachten. Man liege schlecht und es gebe kaum Infrastruktur für Yachties. Banane. Es ist ein Hafen.
Einzig das in den Berichten erwähnte Problem mit der „aufregenden Ansteuerung“ bei „starkem auflandigen Wind“ ist ernsthaft zu beachten. Auflandig ist der Wind durchaus, aber was meint wohl „stark“? Sind 20 Knoten „stark“ oder erst 30 Knoten?

Hafen THORSMINDE

Mittlerweile haben wir das belgische Boot eingeholt. Das liegt nicht daran, das der STORMVOGEL in diesem Chaos besonders schnell unterwegs wäre, sondern an dem Umstand, das der Einhandsegler sein offenbar zerfetztes Vorsegel bergen muss. Wir rufen ihn auf UKW Funk, keine Antwort. Logisch. Hat Besseres zu tun. Gerade als wir wenden wollen um näher an ihn heran zu kommen, können wir erkennen, das das kaputte Segel weg ist, ein kleines Vorsegel gesetzt wurde und das Boot zurück auf Kurs geht. Im Abstand von knapp zwei Meilen segeln wir nach Süden.

Kein Bagger, sondern Verschieber

Diskussion an Bord: Der Skipper möchte abbrechen – die Mannschaft möchte Meilen machen. Ein paar Böen und Brecher später ändert die Mannschaft ihre Meinung.

Der Skipper beschließt nun, unter Segeln in die Nähe der Hafeneinfahrt von THORSMINDE zu gehen, die Vorsegel zu bergen und dann unter Maschine und mit 3. Reff im Groß zur Stütze die Molenköpfe anzusteuern. So spät wie möglich möchte er genau vor (platt) den Wellen laufen. In seiner Vorstellung braucht nur eine große, brechende Welle dabei zu sein und das Boot könnte quer schlagen. Auf der anderen Seite lässt sich der STORMVOGEL in dem tosenden Wasser super steuern. Trotz der heftigen See reagiert das Boot sofort auf die nachdrücklichen Ruderlagen. Aber erst fünf Minuten vor den Molenköpfen ist der Skipper davon überzeugt, Boot und Mannschaft sicher in den Hafen zu bekommen. Kurz vor den Molenköpfen noch mal Volle Kraft voraus um sich so kurz wie möglich an diesem unwirklichen Ort aufzuhalten und dann fix die Maschine auf langsam voraus und das Groß schnell ganz weg nehmen.

Im Hafenhandbuch wird vor starkem Gegenstrom gewarnt, wenn der NISSUM FJORD entwässert wird – ist aber heute nicht der Fall.

Mit Fahrt und Schwung durch die Doppel-S-Kurve zum eigentlichen Hafen und – wie unheimlich ist denn das? – sofort spiegelglattes Wasser und viel, viel weniger Wind. Mit langsamster Fahrt ins hintere Becken, damit die Mannschaft das Boot für den Anleger klar machen kann.

Der Einhandsegler hat sich kurzerhand auch für den Abbruch entschieden und läuft kurz hinter uns ebenfalls in THORSMINDE ein.

Der Skipper des STORMVOGELS zählt jedenfalls eine weitere Kerbe im seglerischen Selbstvertrauen. So eine „hart am Wind“ Nummer kann man vielleicht ohne Welle, ohne Strom und ohne Regenböen durchziehen, aber nicht in unmittelbarer Küstennähe auf der NORDSEE.

THORSMINDE als Hafen ist gar nicht mal so schlecht. Das Dorf hat sogar einen Kaufmann, am Steg gibt es Strom, Wasser nur an der Landseite. Das Duschhaus ist OK – was will man also über den Hafen meckern?

Ach ja, wenn man unbedingt will: Die Hafeneinfahrt! Rein gekommen sind wir gerade so – raus kommen wir hier bei dem Wind nicht mehr. So bleiben wir zwei Tage und warten auf weniger Wind und eine Windrichtung, die nicht Süd im Namen trägt.

Peter.

P.S.:  Schon klar, THORSMINDE liegt an der Nordsee und nicht, wie es die Rubrik dieses Beitrags vermuten ließe, an der Ostsee. Aber „OSTSEE 2018“ meint den Segelsommer 2018, der ursprünglich nur in Ostsee statt finden sollte…

LIMFJORD zum Zweiten

Eigentlich hatten wir letztes Jahr gesagt: OK, LINFJORD war ganz gut, aber noch mal müssen wir hier nicht hin.

Eigentlich.

Schwups, gerade mal ein knappes Jahr vergangen und schon sind wir wieder mit dem STORMVOGEL im LIMFJORD. Diesmal ist die Passage eher als Durchreise in die NORDSEE angelegt. Die Wettervorhersagen sind insofern positiv, das wir gar keinen Wind haben. Also schon mal keinen Gegenwind, aber eben auch keinen Segelwind. Für uns ist das OK, denn im teilweise engen Fahrwasser wäre ein wildes herumgekreuze nichts für uns.

So brechen wir also nach einer Nacht in HALS auf um so weit wie möglich nach Westen zu kommen. Ein Ziel setzten wir nicht – müssen wir doch durch mindestens zwei Brücken in AALBORG und wann die Sonntags aufmachen wissen wir nicht.

Spiegelglattes Wasser. Außer uns nur ein Berufsschiff und ein Marinedampfer auf dem Wasser.

In AALBORG haben wir Glück, nur 20 Minuten Wartezeit und schlagartig tauchen auf der anderen Seite der Eisenbahnbrücke viele Segelboote auf – mit Vollzeug dümplen sie über das Wasser, treiben im strahlenden Schein der Herbstsonne. Das ganze ist wohl eher ein kollektives Segel-Auslüften. Nun, das, stört uns nicht. Wir kurven um die Dümpler herum. Der Skipper nimmt das bereits zweimal besuchte LOGSTÖR als Tagesetappe ins Visier, die Mannschaft mosert (kommt kurz vorm Meutern). Viel zu eng, viel zu busy. Nein, da will sie nicht hin!

Na´ wenn das so ist, versuchen wir doch der Insel LIVÖ einen Besuch abzustatten. Nur noch die AGGERSUND Brücke passieren (auch hier sehr erträgliche Wartezeit), an LOGSTÖR vorbei und dann den Hafen der Insel ansteuern.


Im wie immer sehr gut geschriebenen Törnführer „DÄNEMARK“ schreibt der Autor JAN WERNER:
„Meine Begeisterung für diese kleine Insel kennt kaum Grenzen! LIVÖ ist ein kleines Naturwunder, ein nordisches Paradies“.

Das hatten wir zwar im letzten Jahr auch schon gelesen, die Insel aber liegen lassen. Der Hafen dort soll sehr, sehr sogar sehr ganz klein sein und für´s Ankern war das Wetter damals auch nichts. Das ist in diesem Jahr anders. Wenn wir gar nicht in den Hafen rein kommen, ankern wir bei der Dauerflaute eben davor.

In der Abenddämmerung erkennen wir wie beschrieben erst in aller letzter Minute den Hafen und tuckern so langsam wie es geht hinein. Die Mannschaft winkt ab, rückwärts wieder raus! Der Skipper sieht eine freie Kaikante und hat bei Herrn WERNER gelesen: Die hat 25 Meter. Der STORMVOGEL hat 14,5 Meter – sollte also passen, auch wenn in der linken Ecke noch ein kleiner Eingeborener und an der Längspier ein riesiger Ponton liegt.

Wir machen den STORMVOGEL im wohl kleinsten jemals besuchten Hafen fest und wissen noch nicht, wie wir hier wieder raus kommen sollen. Drehen geht nicht. Egal. Das Problem wird gelöst, wenn es anliegt.

Am Abend erkunden wir nur die nächste Umgebung des Hafens, am folgenden Vormittag besuchen wir das Dorf mit der Jugendherberge und, natürlich, den Kaufmann. Wir laufen auf dem gut ausgeschilderten Wanderwegen durch Wald und Heide, erklimmen einen Aussichtsturm und genießen die Morgenstille. Es ist wirklich sehr, sehr still.

Plan der Hafenerweiterung von LIVÖ

Das ändert sich, als wir zum Hafen zurück kommen. Denn der Ponton gehört zu einem Bagger und zu dem Bagger gehören zwei Bauarbeiter. Die haben den Job, den Hafen zu vergrößern. Das kleine Becken bleibt wie es ist, aber die vier Außenliegeplätze bekommen auch eine Hafenmauer. Ist wohl auch besser so. Die beiden Bauarbeiter wühlen zwar so vor sich hin, richtig können sie aber nicht los legen, denn ihr Schlepper, mit dem der Ponton wieder nach draußen gezogen werden müsste, ist kaputt und sie warten auf Ersatz.

Wir schauen dem Treiben noch ein wenig zu, beschließen dann aber abzureisen. Zu laut. Zu viel Baustelle. Wetter auch nicht prickelnd.

Der Ableger mit rückwärts eindampfen in die Achterspring funktioniert tadellos – wohl auch, weil wir noch zwei Meter nach achtern können da es dem Dänen wohl auch zu laut wurde und er schon weg ist.

Über das heutige Tagesziel gibt es keine zwei Meinungen an Bord. LEMVIG!

Das letzte Jahr Heimatbasis für den Sommertörn mit Familie im LIMFJORD, jetzt auserkoren als Servicestation. Ein paar Arbeiten müssen am Boot erledigt werden, insbesondere Putzen, so jedenfalls die maßgebliche Meinung der Mannschaft.
Aber auch sonst wollen wir den STORMVOGEL nach fünf Wochen Fahrt mal ein wenig genauer ansehen. LEMVIG ist dazu hervorragend geeignet. Den wohl besten Schlachter Dänemarks, den wohl Besten Käseladen und, man glaubt es kaum, im Supermarkt den Besten Bäcker. Dazu dann noch der große Fischladen am Hafen – es wird uns an nichts fehlen.

Die Tage in LEMVIG rennen so dahin. In einem Autoteile-Shop bestellen wir zwei Dieselvorfilter und fühlen uns sehr übel abgezockt: 20 Euro kostet einer, in Deutschland vielleicht 8 Euro?
Da gehen wir einfach nicht mehr hin und denken bei der nächsten Tour daran, mehr in Reserve mit zu nehmen.

Mit einem Auge schielt der Skipper mehrmals täglich auf das Nordsee-Wetter. Wenn der Wind gut steht, wollen wir uns am Vortag nach THYBORÖN vorholen, um schon mal 12 Meilen weniger auf der Uhr zu haben.

Am Sonntag, den 9.9. scheint es soweit zu sein. Nur mit dem Vorsegel brettern wir bei sattem Südwind in den riesigen Fischereihafen am Nordsee-Eingang des LIMFJORDS. Außer uns nur ein Engländer und ein Belgier da. Ansonsten tote Hose im Yachthafen.
An Land dagegen steppt der Bär. Unzählige Touristen durchstreifen die viel zu breiten Straßen der Geisterstadt THYBORÖN. Wir sehen einen zerlumpten Philipino auf einem wackligen Fahrrad – arbeitet wohl einem Sklaven gleich auf einem Fischkutter (?).

Dem Skipper befällt der Gedanke, das Fischer doch eigentlich nur Diebe sind. Bei allergrößtem Respekt vor der wohl (weltweit) härtesten Arbeit der Welt: Fischer fahren aufs Meer, holen den Fisch aus dem Wasser und verkaufen den – ohne, das sie was dafür getan haben, das es den Fisch überhaupt gibt!
So ein Bauer, der muss seine Felder bestellen und seine Tiere aufziehen. Dazu braucht er auch große Maschinen wie die Fischer. Doch die nehmen einfach die Maschine und holen sich alles aus dem Meer, was sie bekommen können. Fängt der Skipper nun an zu spinnen?

Nun denn. Der Plan steht: Morgen geht es auf die NORDSEE – dem vierten und letzten Abschnitt unserer Sommereise.

Peter.

Kattegat

Mittlerweile ist klar, wir wollen am 21. September 2018 auf HELGOLAND sein und an den Festivitäten zum 50. Geburtstag des TRANS-OCEAN Segelvereins teilnehmen.

HELGOLAND liegt bekanntlich in der NORDSEE, genauer in der DEUTSCHE BUCHT. Wir sind noch in der OSTSEE, Höhe GÖTEBORG. Also durchs KATTEGAT brausen, nochmal irgendwie den LIMFJORD durchqueren und dann an der DÄNISCHEN und DEUTSCHEN NORDSEE Küste stramm nach SÜDEN.

MAERSK MANILA – größer geht immer
Schwedische Marine oder James Bond Bösewicht?

Vormittags noch in GÖTEBORG einkaufen, Mittags dann los ins 12 Meilen entfernte VRÄNGÖ. Guter Absprungpunkt für die Passage nach LÄSÖ. Nur zwei Boote übernachten in VRÄNGÖ. Dabei ist es doch erst Anfang September?
Die Wettervorhersage für den kommenden Tag ist sehr wacklig, was den Wind angeht. Wir gehen davon aus, das wir zwar leichen, aber immerhin segelbaren Wind bekommen.
Doch als wir im Grau des nächsten Morgens starten ist erst mal gar nix mit Wind. Als wir die kleinen Schären verlassen stoppen wir kurz die Maschine, um ganz, ganz sicher zu gehen. Nö, kein Wind. Ach, wie doof. Schon wieder eine Maschinenorgie.

Und Spannung bei der Überquerung einer Schifffahrtsstraße, die hier von Nord nach Süd führt. Irgendwie haben sich so 15 echte Schiffe verabredet um uns genau an unserem Kreuzungspunkt zu treffen. Dank moderner Technik und guter Sicht hält sich die Aufregung in Grenzen, aber es ist schon (sagen wir mal) beeindruckend, wenn so ein 200 Meter Dampfer auf offener See im Abstand von 400 Metern am STORMVOGEL vorbei läuft.

VERSTERÖ Yachthafen

Auf LÄSÖ gehen wir wieder nach VESTERÖ – liegt strategisch viel besser als ÖSTERBY. Und obwohl der Hafen immer noch Affen teuer (240 DKK plus Duschen plus Strom) ist, planen wir einen Hafentag. Zum einen wollen wir ein wenig über die Insel streifen, zum anderen wollen wir uns in Ruhe von unseren letzten verbliebenen GÖTAKANAL Gefährten verabschieden. Bis hier hin hatten wir einen gemeinsamen Weg, nun trennen wir uns erst mal und versprechen uns gegenseitig, uns im Winter wieder zu sehen.

Mit dem Bus, der auf der Insel KOSTENLOS ist, fahren wir nach ÖSTERBY. Kurze Hafeninspektion: Viel mehr Berufsfischer als im Westen, Yachthafen OK, aber genau so teuer. Ansonsten schwer Gründe zu finden, hier mit dem Boot zu liegen.

ÖSTERBY Yachthafen

Gegen 8:00 Uhr am nächsten Morgen schmeißen wir die Leinen los und gehen unter Segeln auf Kurs HALS – dem Eingang zum LIMFJORD. Wir haben exzellenten Segelwind bis gut eine Stunde vor HALS, dann ist der Wind relativ schnell weg und die Maschine muss wieder ran.
Die Mannschaft fand AALBORG im letzten Jahr nicht so wirklich prickelnd und möchte lieber im uns noch unbekannten HALS Station machen. Der Skipper kann damit leben, wollte er doch schon im letzten Jahr die beiden riesigen Eisbrecher, die dort vor der Hafeneinfahrt liegen, standesgemäß fotografieren.

Ungewohnt, wieder nur zu zweit unterwegs zu sein…

Peter.

19 Meter – GÖTA ÄLV

Nein, nein!

Der Fluß GÖTA ÄLV, der in GÖTEBORG an der WEST-Küste SCHWEDENS endet, ist natürlich länger als 19 Meter. Kannst Du lesen hier.

Seit Tagen schon quält den Skipper die Frage, welche Durchfahrtshöhe die GÖTAÄLVBRON, die Auto-, Straßenbahn-, Fahrrad- und Fußgängerbrücke in GÖTEBORG wohl wirklich haben wird? Viele Höhenangaben stehen im Raum. Irgendwas zwischen 17,50 und 18,50 Meter werden es wohl sein. Wir rechneten bisher mit 19 Meter. Da muss es ja wohl stille Reserven geben?
Wir werden so oder dort erst nachmittags ankommen und von 15-18 Uhr wird die Brücke wegen des Berufsverkehrs auf keinen Fall geöffnet. Also müssten wir warten. Still stehen.

Stillstand ist der Tot. (wie bereits bekannt)

Der Fluß GÖTA ÄLV

Doch der Reihe nach: Der Fluß GÖTA ÄLV ist Anfangs recht idyllisch, Natur pur. Sehr schön sogar. Wenn man so durch die Wälder kurvt, denkt man unvermittelt an KANADA. Das ändert sich, natürlich, je näher man GÖTEBORG kommt. Straßen, Eisenbahnlinien, Industriekomplexe. Muss wohl so ein.

Nach zwei, drei Stunden wird uns die Fahrt auf dem Fluß langweilig. Es gibt zwar noch eine Schleuse, aber auch die ist langweilig. Logisch: Über 60 (in Worten SECHSZIG) Schleusen in den vergangenen 8 Tagen. Routine, Routine.


Nützt aber alles nix, weiter fahren.

Wenn man nur wüsste, wie hoch der Mast wirklich ist?

Damals, in VILA REAL DE SANTO ANTONIO haben wir das ja alles schon mal für die Brücke PUENTE INTERNACIONAL DE GUADIANA über den Grenzfluss RIO GUDADIANA nachgemessen. 19 Meter kamen damals raus. Aber ob das wirklich stimmt?

Werkzeugkiste raus, daraus das 5 Meter Maßband. Erstmal während der Fahrt Rumpf und Aufbau messen. Dann eine Schot (Leine) über das Spi-Fall in den Masttop ziehen und dessen Länge ausmessen. Vier mal – denn vier mal kam was anders raus. Immer so 10,15,20 Zentimeter Unterschied. Dabei kommt es doch auf jeden Zentimeter an!

Irrwitzig große Eisenbahndrehbrücke kurz vor GÖTEBORG

Heraus kommt irgendwas zwischen 18,40 und 16,60 Meter inklusive der festen Aufbauten auf dem Mast, dazu dann noch vielleicht 50 Zentimeter für die flexible UKW Antenne. Die ist eigentlich nur ein dicker, wackliger Draht der in die Höhe ragt. Also lag die damalige Messung gar nicht so falsch. 19 Meter Durchfahrtshöhe müssen reichen.

Die Brücke kommt näher, der Skipper hievt die GOPRO zur Kontrolle in den Mast, allerdings verdreht die sich ungewollt und schaut nicht voraus, sondern Steuerbord-Voraus.

Fundament für die neue Brücke

An der Brücke steht, klar durch das Fernglas erkennbar: 18,30 Meter. Witzig. Schon wieder eine andere Zahl.

Mindestens einer auf der Brücke will es auch wissen: Passt oder passt nicht?

Anruf bei der Brücke über UKW Sprechfunk. Brauchen wir bei 19 Metern eine Brückenöffnung oder nicht?


Wenn ihr GENAU 19 Meter habt, könnt ihr so durch fahren – so die lupenreine Ansage. Also nix Stillstand. Nix tot.


Der Skipper versucht mit langsamster Fahrt sich der Brücke zu nähern. Die Mannschaft, und das ist keine Geschichte, verkriecht sich in der Achterkajüte, weil sie davon ausgeht, das er eventuell herabstürzende Mast das massive Cockpit nicht zertrümmern wird.
Langsamste Fahrt kann man getrost vergessen. Die Strömung drückt ganz gut und wenn die Maschine zum aufstoppen rückwärts liefe, würde der Kurs „Exakt Mitte Brücke“ nicht zu halten sein. Also mit 2,5 bis 3 Knoten – es gibt kein Zurück! („There is no way back“ – Textzeile aus P-MACHINERY von PROPAGANDA).

Lilla Brommen

Der Skipper hört deutlich, wie die UKW Antenne an der Unterseite der Brücke kitzelt. Metall auf Metall. Ist auch später gut auf derm GOPRO Video zu hören. Aber nichts fällt auf Deck, kein Ruck geht durch das Boot.

Und dann: Durch, einfach Durch!

Was für eine Erleichterung. Was für eine Freude. Das es knapp werden würde war ja klar, aber so knapp?

Jetzt sind die 19 Meter also amtlich, erprobt an der GÖTAÄLVBRON zu GÖTEBORG am 28. August im Jahre des Herren 2018.

Die Brücke muss, im übrigen, und das soll hier unbedingt noch erwähnt werden, 2022 außer Dienst gestellt werden muss, weil sie dann wegen Altersschwäche einstürzen könnte. Daher baut die Stadt gerade eine neue Brücke. Also eigentlich ist das eine riesige Skulptur und keine Brücke. Aus irgendeinem Sience-Fiction Film abgekupfert oder so. Sieht bestimmt toll aus, wenn sie fertig ist und die alte Brücke abgerissen ist.
Doch die neue Brücke wird nur 11 Meter hoch. Und genau wie diese verrückte Eisenbahnbrücke im TROLLHÄTTA Kanal wird das eine Fahrstuhlbrücke, die an allen vier Ecken hoch gezogen wird.
Bei der ganzen Recherche über Brückenhöhe und Öffnungszeiten überkam den Skipper das starke Gefühl von Ärger. Ärger zwischen der Stadt GÖTEBORG und der Seefahrtsbehörde, die für die Seewasserstraßen in SCHWEDEN zuständig ist.
Die Stadt existiert nun mal an beiden Seiten des Ufers und braucht eine leistungsfähige Brücke als Lebensader. Doch wenn man die so hoch bauen würde, das Schiffe, oder auch Boote wie der STORMVOGEL, darunter her passen würden, dann bräuchte man auf beiden Seiten der GÖTA ÄLV sehr große Flächen für die Auf- bzw. Abfahrten. Diese Flächen gibt es aber gar nicht. Alles bebaut.
Und wenn man eine Brücke baut, die geöffnet werden kann, dann steht der Verkehr für 15-20 Minuten komplett Still. Hatten wir schon: Stillstand ist der Tot. Offiziell soll die alte, aber auch die neue Brücke mindestens einmal je Stunde geöffnet werden. Aber die große Ausnahme 6 bis 9 und 15-18 gibt es schon.


Nun baut GÖTEBORG also die Quadratur des Kreises: Eine komplett neue Brücke inklusive Zufahrten neben der alten. Ich würde mal sagen, wenn die das wirklich bis 2021 hin bekommen, dann sollten wir in Deutschland in Zukunft Schweden mit Großprojekten betrauen. Vielleicht können die ja wirklich Großprojekte.

Nun denn, noch Geschwind in LILLA BROMMEN fest gemacht und die 19 Meter gefeiert!

Peter.

Trollhättakanal

Der kleine TROLLHÄTTAKANAL   verbindet den See VÄNERN mit dem Fluss GÖTA ÄLV. Mit „klein“ ist hierbei nur die Länge gemeint. Nach der berauschenden Landschaft des GÖTAKANALS landen wir nun in einem richtigen Industriekanal.

Vom See kommend erste Klappbrücke in VÄNERSBORG

Los geht mit der wohl schnellsten Klappbrücke der Welt in VÄNERSBORG. Ungeöffnet beträgt die Durchfahrtshöhe 16 Meter – also Anruf über UKW Sprechfunk beim Brückenmeister. Der will wissen wie hoch der Mast ist (19 Meter) und meint, er macht sofort auf, wir sollen dichter heran kommen.
Das machen wir, natürlich mit langsamer Fahrt, und das Teil klappt (zumindest gefühlt) in Sekundenschnelle hoch. Wir durch und genau so schnell geht die Brücke wieder runter und die Autos können weiter fahren.

Im Hintergrund kann man schon die Eisenbahnbrücke erkennen

Doch nun liegt die Eisenbahnbrücke vor uns – offenbar eher ein Museumsstück. Wird vom gleichen Brückenmeister bedient aber diesmal ist er abhängig vom Fahrplan der Züge. Wäre ja doof, wenn so ein ganzer Zug vor der geöffneten Brücke warten müsste. Und so hängen wir in dem Mini-Kanalabschnitt, der auch noch als Hafen genutzt wird, mal eben ´ne r halbe Stunde fest. Nix geht vor, nix geht zurück.

Eisenbahnbrücke von VÄNERSBORG. Museum?

Wir zählen zwei Züge, dann geht dieses Ungetüm sehr, sehr gemächlich auf. Faszinierend.

Dann ein kurzes Stück über einen Mini-See und wieder warten vor einer Brücke. Diesmal müssen wir fast eine Stunde warten – es ist schon später Nachmittag, auf der Brücke ist der Berufsverkehr im vollen Gange und hinter uns kommt dann auch „endlich“ das andere deutsche Boot. Auch klar. Da kannst Du so schnell weg segeln wie Du willst, die Brückenwärter normalisieren das alles wieder. Ökonomie der Brückenöffnung und so.

Schon beim Warten vor der Brücke steigt kurz mal des Skippers Adrenalinspiegel, denn, Erinnerung, Erinnerung, wir sind in einem Kanal! Auch wenn Rechts und Links der Fahrrinne augenscheinlich viel Wasserfläche zu sehen ist – das sagt nichts, aber auch gar nichts über deren Wassertiefe aus. Also hübsch, auch beim Drehen der Warteschleifen, im Fahrwasser bleiben.


Außerdem fühlt sich der Skipper recht schnell von den beidseitigen, mit Auslegern über dem Wasser hängenden Radareflektoren belästigt. Die Dinger sind so hoch, die übersieht man leicht und wenn das passieren würde, wäre offen, ob der Mast oder der Ausleger gewinnt. Besser nicht darauf ankommen lassen.

Verrückt: Diese Eisenbahnbrücke wird an allen vier Ecken gleichzeitig hoch gezogen – Fahrstuhlbrücke.

Die weiteren Brückenöffnungen klappen wie am Schnürchen und wir erreichen am späten Nachmittag den Ort TROLLHÄTTAN. Der (für Kanalfahrer) kostenlose Hafen liegt direkt neben der Schleusentreppe und die Schleusenwärter (per Video zugeschaltet) öffnen direkt die Tore, dabei biegen wir doch im letzten Moment ab und gehen in den Mini-Gasthafen. Müssen sie die Tore halt wieder schließen.

Gasthafen TROLLHÄTTA – direkt neben der Schleuse

Was für ein Tag! Morgens in SPIKEN los, durch die Schären, HighSpeed über den See, Brücken ohne Ende, Nieselregen, Kälte. Langer Tag. Die Mannschaft zaubert was leckers warmes, Feierabendbier und das wars für den Tag.

Mannschaft mit Leine. Sehr souverän.

Früh´ am nächsten Morgen geht es weiter. Direkt, so zum Frühsport, so denken wir, mit dem Abwärtsschleusen. Nix Frühsport. Die modernen Schleusen sind zwar unheimlich groß, die Wände glitschig und igitt, igitt.
Aber kaum Strömung, viel Platz und nachdem die Manschaft verstanden hat, das irgendwo unter der Wasseroberfläche der nächste Poller in der Wand sicher auf sie wartet, führt sie die Leinenmanöver sehr sourverän durch. Der Skipper sucht sich achtern hingegen eine Leiter.
Wir sind immer nur mit zwei Booten in den riesigen Schleusen und sehr, sehr entspannt dabei. Allerdings – diese Poller in den Wänden gibt es nur auf einer Seite und statt, wie beschrieben alle paar Meter liegt doch mindestens eine Bootslänge dazwischen.

Im Sjetchleusenloch

Nun, nach den Schleusen endet auch bald der Kanal und mündet in den Fluß GÖTA ÄLV – ganz schon breit, das Teil. Oder kommt das einem nur so vor, weil dieser TROLLHÄTTAKANAL so eng und dunkel war?

Peter.

P.S.: Was den Bildern feht ist Farbe. Doch die war an diesem Tag krank.

See Vänern

Jetzt fahren wir über´n See,

über´n See,

Jetzt fahren wir über den See!

Der gemeinte See liegt mitten in SCHWEDEN, ist riesig groß und heißt VÄNERN. Vom Ausgang des GÖTAKANALS in SJÖTORP wollen wir nun zum Eingang des TROLLHÄTTAKANALS. Dazwischen liegt der See, von Ausgang zu Eingang 60 Seemeilen Strecke, dazwischen eine große Halbinsel mit Schären und eine Brücke. Deren Durchfahrtshöhe ist in den Karten mit 17,8 Meter angegeben und sie liegt im Fahrtwasser nach MARIESTAD – da wird unter anderem Bier gebraut!
Seit RIO GUADIANA gehen wir davon aus, das wir 19 Meter Durchfahrtshöhe brauchen, Ebbe und Flut gibt es auf VÄNERN nicht, also müssen wir wohl oder übel den Umweg „oben rum“ nehmen. Die paar Meilen mehr machen ja den Kohl nicht fett, würde es bloß nicht wie doof aus SÜD pusten. Im Fahrwasser nach MARIESTAD bestimmt easy (soweiso) unter Maschiene, oben rum ist offenes Wasser und entsprechend Welle. Schon toll, wie der Wind so einen See aufpeitschen kann.

Auf der genommenen Abkürzung zwischen VETEN und SANDHOLM wird es kurz mal unangenehm flach, aber mit ganz langsamer Fahrt und Ausguck am Bug passiert nichts.
Dann stramm unter Segeln nach SÜD-WEST – noch einmal schöne Schären und enge Fahrwasser genießen! Das berühmte Schloss LÄCKÖ versinkt im Regen und sieht wenig einladend aus, aber wir wollen sowieso etwas weiter in die Schären, nach SPIKEN.

SPIKEN  ist einer der größten Süßwasser-Fischereihäfen in SCHWEDEN, 700 Tonnen Fisch aus dem See werden hier jährlich angelandet. Behauptet jedenfalls ein Touri-Schild.

„Hafeneinfahrt“ SPIKEN

In den eigentliche Hafen kommen wir gar nicht erst rein, zu klein und vor allem – zu flach! Aber direkt davor ist noch eine Box neben einem Kutter frei und wir haben bestimmt noch 50 Zentimeter Wasser unter dem Kiel. Also gehen wir mal von knapp 2 Metern aus 😉

Der Ort ist winzig, es ist Sonntag und viele Eingebohrene Touristen treiben sich hier herum – und sind dann auf einmal weg. Haben die auch so was wie TATORT?

Am kommenden Tag weht es noch stärker aus SÜD, nun aber etwas ÖSTLICHER. Wir bahnen uns unseren Weg durch die Schären, treffen mit DIANA auf den nächsten GÖTAKANAL Kreuzfahrer und schon sind wir wieder auf dem offenen See.

Tja, und dann werden die Segel getrimmt die 38 Seemeilen auf schnurgeradem Kurs nach VÄNERSBORG (ganz im SÜD-WESTEN des Sees) gesetzt und ab geht der Vogel. Der STORMVOGEL. Irgendwie hat sich die ganze Trimmerei im Winter 2016/2017 wohl doch gelohnt. Das Boot läuft viel besser!

Wir sehen 7,5 oder auch 8 Knoten auf dem Log. Nicht schlecht der Specht. Talsperrensegeln. Kaum Welle, viel Wind, Vollzeug. OK, etwas auf der Backe liegend aber das Deck ist noch nicht im Wasser. Nach ein paar Stunden denken wir ans Reffen, aber es sind nur noch wenige Meilen bis zur Klappbrücke von VÄNERSBORG. Da müssen die Segel sowieso alle runter.

Auf dem Meer hätten wir wohl viel früher gerefft.

Aber wir fahren ja „nur“ übern See, übern See.

Peter.

P.S.: Seit Tagen sind wir mit einem anderen Boot aus Deutschland unterwegs und die haben ganz andere Windgeschwindigkeiten auf dem Instrument abgelesen. Den Verdacht habe ich schon länger – unser Windsensor auf der Mastspitze scheint nicht mehr korrekt zu arbeiten. Das ist so ein High-Tech Teil ohne mechanisch bewegliche Bauteile. Aber irgendwie kann es Richtung und Stärke messen. Na ja – auf bestimmten Kursen wird offenbar zu wenig angezeigt und die Richtung stimmt auch nicht.
Das wäre ja ein Fall für die Mannschaft. Wir erinnern uns: Skipper alles unter Wasser, Mannschaft alles über Wasser. Doch der Windsensor steht ja auf dem Masttop – da würden die kurzen Arme der Mannschaft ja gar nicht hin langen. Auch nicht vom Bootsmansstuhl aus. Also bleibt alles wie es ist. Bis zum Winter.

P.S.2: Auf dem See könnte man bestimmt länger als nur zwei Tage verweilen. Dann aber vielleicht im Hochsommer und mit einem (viel) kleineren Boot (?).

Schleusentraining auf dem Götakanal

Der weltberühmte GÖTAKANAL!

Je näher wir unserem Startpunkt in MEM kommen, um so deutlicher werden die Warnungen der Einheimischen: „They call him the divorse channel!“

Zu Deutsch: „Sie nennen ihn den Scheidungskanal!“

Startpunkt MEM GÖTAKANAL

Na, das wollen wir doch mal sehen. Ob 32 Ehejahre, jede Menge Kinder, ein paar Enkel und 25.000 gemeinsame Seemeilen in 4 Jahren durch einen uralten Kanal quer durch SCHWEDEN in Gefahr gebracht werden können?

Erst mal mit Halbwissen aufräumen: „DER GÖTAKANAL“ ist eugentlich nur einer von vier Abschnitten auf der Bootsreise mit stehendem Mast im Binnenland von SCHWEDEN. Dann kommt noch eine Passage über den riesigen See VÄNERN, der TROLLHÄTTAKANAL und schließlich der Fluß GÖTA ÄLV
Bereist man die ganze Strecke, führt sie von OST-SCHWEDEN (MEM, nähe STOCKHOLM) bis ganz nach WEST-SCHWEDEN (GÖTEBORG) oder eben umgekehrt.

Erste Schleusenkammer in MEM

Unser erster Abschnitt auf dem eigentlichen GÖTAKANAL führte uns in fünf Tagen von MEM nach SJÖTROP am See VÄNERN:

Tag 1: MEM – BERG
Tag 2: BERG – BORENSHULT
Tag 3: BORENSHULT – FORSVIK
Tag 4: FORSVIK – TÖREBODA
Tag 5: TÖREBODA – SJÖTORP

Eigentlich kann man alle Kanaldetails wie immer super bei WIKIPEDIA oder der Kanalseite nachlesen, aber 58 Schleusen, 50 Brücken, 5 Seen und 2 Aquadukte in 5 Tagen, das ist doch schon mal ein Klopfer, oder? Na ja, oder diese offensichtlich geballte Manöverhäufigkeit bietet eben Anlass für Streß. Viel Streß. Denn alleine die 58  Schleusenmanöver bedeuten ja: 58 mal anlegen, 58 mal ablegen.

Alarm! Tauchen! Wie? Falscher Film? OK, Fluten, Fluten!
Vor Schleusentreppe BERG: Wir fragen gar nicht erst nach dem größten.

Weil wir außerhalb der schwedischen Hauptsaison reisen, müssen wir die Passage im voraus buchen und in einem Konvoi antreten. Fünf Tage sind dafür vorgesehen, wer will, kann diesen Abschnitt auch in drei Tagen abreißen. Oder halt endlos im Hochsommer. Da kann man so langsam oder schnell durch den Kanal brettern wie man will – allerdings dann völlig unorganisiert. Gerüchten zufolge kommt es in dieser Zeit regelmäßig zu Tumulten vor und in den Schleusen, weil irgendwelche Schlauköpfe sich vordrängeln. Wie unsportlich!

In der so genannten Bestellsaison fährt immer die gleiche Gruppe zusammen, da  sieht man sich täglich wieder und lernt schnell, sich zu benehmen. Jedes Boot hat tagsüber in den Schleusen die gleiche Position. STORMVOGEL: Immer als zweiter Backbord hinten. Im Einzelfall kann man die Passage aber wohl verlängern und vor den Startpunkten der Tagesetappen aussetzten, bis der nächste Konvoi vorbei kommt – aber das muss man mit der Kanalgesellschaft vorher absprechen.

Kreuzfahrer! Kann man buchen!

Nun denn, wir kommen also ganz entspannt Samstags in MEM an, gehen an die Kaimauer vor der ersten Schleuse und machen fest. Montag soll es los gehen – die Manschaft hatte in der Nacht zuvor tatsächlich einen Albtraum wegen der vielen vor uns liegenden Schleusen!
Kommt ein Niederländer vorbei und meint: Nein, nein, Montag geht es nicht los! Erst Mittwoch ginge es weiter. Das hätte er aus erster Hand von der Kanalgesellschaft. Ja, ja, so entstehen Steggerüchte: Er hatte keine Ahnung, das nun Bestellsaison ist und der nächste mögliche Slot für ihn als Nachzügler war eben erst Mittwoch.

Am Nachmittag mit dem Leihfahrrad von MEM nach SÖDERKÖPING. Der Skipper hat  alle verfügbaren Karten, inklusive GOOGLE MAPS, studiert und beharrt schon bei Abfahrt in MEM auf seiner Meinung, das es keinen direkten Weg nach SÖDERKÖPING am Kanal gebe. Man müsse über die Straßen ca. 12 Kilometer in Kauf nehmen – one way. Auf dieser Meinung beharrte er auch weiterhin sehr hartnäckig, als ihn die Manschaft in MEM auf einen altmodischen  Richtungspfeiler hinwies, auf dem „MEM 6 km“ stand. Die 12 Kilometer auf der Straße zurück waren mal wieder länger als auf dem Hinweg. Ob das wohl mit der asymetrischen Erdkrümmung, der Kontinentalplattenausdehnung oder den Kondensstreifen am Himmel zu tun hat?

Wo nehmen die Schweden nur die spektakulären Wolken her?

Sonntags besteht die Manschaft auf einem Fußmarsch am Kanal entlang. Denn eben diese Manschaft hat in MEM ein weiteres Hinweisschild gefunden: „SÖDERKÖPING 6 km“ ist darauf zu lesen. Das kann ja gar nicht sein! Kein Weg in den Karten = Kein Weg in der Wirklichkeit. Die Manschaft wird schon sehen: Der Weg am Kanal entlang wird irdendwo im Niergendwo enden. Oder im Kanal versinken. Gehen wir doch einfach mal los…

…und kommen eine knappe Stunde später in SÖDERKÖPING an. Welch Schmach! Hat die Manschaft, sich allgemein in Fragen der Navigation vornehm zurückhaltend, doch gnadenlos über den sonst so erhabenen Skipper triumphiert. Noch Tage später bekommt er die 2 mal 12 Kilometer auf den nun nur noch „Highway to Hell“ genannten Straßen rund um MEM und SÖDERKÖPING aufs Brot geschmiert. Ist schon sagenhaft, wie die Eingeborenen auf dem Land über die Straßen brettern.

Doch auch die Manschaft wird wieder ruhiger. Montag, 9:00 Uhr steht die erste Schleusung an. Auf Hinweistafeln am Kanal wird auch in Deutsch erklärt, wie das geht. Mit den Leinen und so. Unser Konvoi besteht aus einem weiteren Deutschen Boot, einem Polen und, so denken wir, aus einem Eingeborenen. Führt das Boot doch eine schwedische Flagge am Heck. Ein paar Tage später lernen wir, das Skipper (Schwede) und Manschaft (Finnin) in Finnland leben und nur den Sommer auf dem Boot in Schweden verbringen.

Eine Schleuse ist komplett auf Handbetrieb. Wenn man fragt, darf man helfen!

Eben dieser Schwede, der eigentlich in Finnland lebt, erklärt dem Skipper des STORMVOGELS ein völlig anderes Leinenmanöver als jenes, das auf den Tafeln steht. Na, der hat gut Reden. Wir halten uns an die offiziellen Vorgaben! Natürlich. Wir sind Deutsch!

Jedenfalls für die ersten vier Schleusen. Dann stellt der Skipper in Windeseile auf das Schwedisch/Finnische Verfahren um und es läuft viel besser als vorher.

In einer Schleusenkammer

Der Autor dieser Zeilen grübelt nun kurz darüber, ob er die unterschiedlichen Verfahren des Festmachens in den Schleusen hier zum Besten geben sollte und kommt zu dem Schluß: Nein, ist wohl nicht vom allgemeinen Interesse und aus Gründen des Datenschutzes kann wohl auch darauf verzichtet werden. Datenschutz ist ja heute sowieso alles.

In einer anderen Schleusenkammer

Die Manöver in den Scheusen sind durchaus aufregend. Hier lernt man zentimetergnau mit seinem Boot umzugehen. Nicht zu früh´ an die Schleusenmauer, das vorbeischabende Fenderbrett wird womöglich hoch gedrückt und vertüddelt sich im Seezaun. Nicht zu abrupt aufstoppen, dann zieht es den Bug magisch an das an Steuerbord voraus liegene Heck des anderen Bootes. Nicht zu schnell einfahren, denn sont bleibt keine Zeit vom langsam dahin treibenden Boot die Leinen nach oben zu schmeißen. Dem Deutschen Hektiker kommt zupass, das das eingeborene Schleusenpersonal völlig entspannt und ohne jeden Zeitdruck seine Arbeit verrichtet. Es sind junge Studenten die diesen Job verrichten um etwas Geld zu verdienen. In der Bestellsaison fahren sie mit dem Auto von Schleuse zu Schleuse und so lernt man sich im Laufe des Tages kennen. Aber es bleibt bei Tagesbekanntschaften, denn täglich wechselt die Schleusenvcrew. Macht aber nix: Exzellent ausgewählte Mitarbeiter hat die Kanalgesellschaft da am Start!

GÖTAKANAL Schleusentreppe BERG – los gehts!

Im Wesentlichen hat der STORMVOGEL diese ganze wilde Schleuserei ohne Schäden überstanden. Nur in einer Schleuse hat er sich an der Backbordseite, nahe dem Wasserpass ein paar Kratzer in dem schönen blauen Lack zugezogen – der Skipper spricht die Manschaft und sich selbst von jedem Versagen unverzüglich frei: Die Kaimauer ist so unglaublich niedrig, das kein Fender der Welt die Kratzer hätte verhindern können. Und überhaupt: Der Skipper ist sehr froh´ das es bei der ganzen Turnerei in und an den Schleusen keinen Personenschaden gegeben hat.

Schleuse FORSVIK: Very tricky an unebener Wand

„Jeder Seemann ein Artist. Zwei sind schon ein ganzer Zirkus“.

Nun, diese körperliche, teilweise artistische Darbietung vom Manschaft und Skipper sollen im folgenden erläutert werden:
Die ersten der keine Ahnung wie vielen Schleusen (nur so viel: Verdammt viel!) gehen alle bergauf. Jede so ungefährt drei Meter. Das bedeutet, das man in eine leere Schleusenkammer einfährt und die Wände der Schleusen viel zu hoch sind, als das die Manschaft nach oben springen könnte, um die Leinen fest zu machen. Poller in den Wänden gibt es nicht. Leitern gibt es auch nicht. Die waren damals, als der Kanal gebaut wurde, wohl noch gar nicht erfunden. Oder so ähnlich.
Daher gibt es vor den Schleusen Mini-Stege, an der man die Manschaft in eleganter Vorbeifahrt absetzten kann. Diese begibt sich dann schleunigst, oft im Laufschritt, zur Schleusenkammer. Der Skipper, erstmals, aber dann wiederholt, alleine auf dem in Fahrt befindlichen STORMVOGEL, steuert mit größter Konzentration den Dampfer in die Kammer,  bringt das Boot nahezu zum stehen und schmeißt zunächst, und das ist wichtig, die Achterleine in die Luft. Die Manschaft hat diese zu fangen und das vorher mittels Palstek präparierte Auge auf einem Eisenring zu legen, woraufhin der Skipper die Achterleine sehr kurz an der Heckklampe seines Dampfers fest macht – und nicht wieder löst, bis es weiter geht. Dadurch wird die Voraussfahrt endgültig gestoppt. 
Als nächstes sprintet der Skipper über Deck nach vorne und schmeißt die Vorleine in die Höhe, die die Manschaft möglichst weit vorne in der Kammer auf einen anderen Eisenring legt. Nun ist die Manschaft mit ihrem Job durch und kann sich zur Ruhe setzten. Der Skipper hingegen muss kurz unter Deck, denn die schwedischen Sicherheitsvorschriften verlangen, das der Motor währends des Schleusens abestellt wird. Und die Maschine wird beim STORMVOGEL nun mal im Deckshaus gestartet oder abgeschaltet. 
Dann wieder an Deck gehastet und die Vorleine, die an Bord elegant durch die Vorschiffsklampe und eine Umlenkrolle auf eine Winsch nach achtern zum Cockpit geführt wurde, permanent während des Schleusens stramm durchgesetzt halten. Konzentriert, manchmal von der entspannt an Land herumflegelnden Manschaft höflich aber bestimmt erinnert. Denn, und das ist wirklich gemein: Die Kammern werden durch die vorderen Tore geflutet und die erzeugte Strömung ist schon sehr beachtlich.
Je nach dem, wie viele Schleusenkammern aufeinander folgen, klettert die Manschaft wieder an Bord (denn das Boot ragt jetzt gut 1,5 Meter über die Schleusenmauer hinaus) oder sie geht lässigen Fußes nach dem Losschmeißen zur nächsten Schleusenkammer. Diese aufeinanderfolgenden Schleusentreppen bedeuten höchste körperliche Anstrengung. Für den Skipper. Natürlich. Denn kurz vor dem Losschmeißen muss der wieder ins Deckshaus jumpen, die Maschine starten und dann in Slow-Motion in die nächste Kammer tuckern…und alles geht wieder von vorne los. Wir haben es ja so gewollt.

Ganz schön grün hier

Oh, verdammt. Jetzt habe ich unser neu erworbenes Fach-Know-How ja doch auf den Markt getragen!
 
Konzentration ist alles! Eine Sekunde entscheidet über Sieg oder Niederlage. Wie immer auf einem Boot.

GÖTAKANAL Schleusentreppe BERG

Egal ob Einzelschleuse oder Schleusentreppe: Es folgt Kanalfahrt oder ein See, der überquert werden will. Oder eine Brücke, die geöffnet werden muss. Das macht auch das Schleusenpersonal. Entweder vor Ort oder per Fernsteuerung und Videokamera. Das ist prickelnd, denn man muss recht dicht vor die geschlossene Brücke kommen, damit die Kamera das erste Boot erfasst. Erst dann wird die Brücke geöffnet. Schließlich will man ja den Auto-, Bahn und Personenverkehr nicht unnötig behindern. So lange muss man das Boot auf der Stelle halten. Die kleinen Boote können Kreise ziehen, Super-Luxus-Kreuzfahrer wie der STORMVOGEL hätten Schwierigkeiten, im engen Kanal zu wenden.
Doch das Timing ist immer perfekt. Kein Wind, kein Streß.

Kein Pool. Schleusentreppe BERG im GÖTAKANAL

Am dritten Tag, auf der Etappe von BORENSHULT nach FORSVIK machen wir Station in MOTALA. Zum einen muss das Boot segelklar gemacht werden, denn nun muss man den See VÄTTERN überqueren, zum anderen hat die Kanalgesellschaft hier ihr Hauptquatier. Und eben dort hin haben wir aus Deutschland Ersatzteile für unsere Frischwasser-Hochdruckpumpe bestellt. Diese Pumpe versorgt die Wasserhähne und die Dusche mit Frischasser aus den Tanks – und eben jene Pumpe will nach fünf Jahren nicht mehr so richtig. Also das Service-Kit für die Mechanik bestellt und nach MOTALA liefern lassen. Die Pumpe wohlgemerkt funktionierte noch einigermaßen gut.
Der Skipper pilgert zum Office, bekommt das kleine Paket, kommt zurück an Bord und – very spooky – die Pumpe stellt komplett den Betrieb ein. Das Paket ist noch nicht mal ausgepackt! Es ist nur an Bord gekommen! Und schwups, stellt die Pumpe komplett den Betrieb ein – nix dreht sich mehr, nix summt. Einfach tot. Tolle Wurst. Die Ersatzteile sind nun erstmal nutzlos, denn wenn der Pumpenmotor nicht dreht, kann die Mechanik auch nicht pumpen.
OK, da ist er also wieder, der Herr Klabautermann!
Kann man machen nix. Wir füllen ein paar Wasserflaschen mit Leitungswasser für Händewaschen und so, machen uns segelfertig und knüppeln sehr hart am Wind und mit ausgefahrenem Schwenkkiel die 12 Seemeilen über den See nach KARLSBORG. Da sollen wir spätestens um 18:00 Uhr sein, weil dann die Autobrücke geöffnet wird. Auf der doch recht unangenehmen Überfahrt fragt sich der Skipper, was die Boote wohl machen, wenn es 25 oder 30 Knoten Wind auf die Nase gibt?

Der in Finnland lebende Schwede hilft selbstlos und organisiert eine neue Druckwasserpumpe nach MARIESTAD, gleich in der Nähe von SJÖTORP. Mit dem Auto wird er später den Skipper durch die Gegend kutschieren und die Pumpe wird problemlos ausgetauscht. Aber nicht, das die alte Pumpe sich in Sicherheit wiegen könnte: Die wird zu Hause seziert, komplett überholt und wieder zum Leben erweckt. Da kann sie sich mal getrost darauf verlassen!

Noch so ein Kreuzfahrer.

Und eben jener in Finnland lebender Schwede entpuppt sich als ehemaliger Marineflieger der schwedischen Streitkräfte, langjährigem SAS Piloten und nun im Ruhestand befindlicher Auslandsschwede. Er war in KARLSBORG stationiert und kennt die ganze Gegend wie seine Westentasche. Am Tag nach unserer Ankunft in SJÖTORP ist er Regattaleiter des örtlichen Segelvereins und lädt uns für den Abend ins Vereinsheim ein. Gemeinsames Abendessen („bring your own“), drei Gitarrenspieler und jede Menge Gesang! Was für ein toller, unvergesslicher Abend. Doch so ist das bei Reisenden: Weiter, immer weiter. Die einen zurück nach Finnland, die anderen auf den riesigen See VÄNERN. Aber das ist eine andere, kürzere Geschichte.

Demnächst hier in diesem Blog.

Peter.

P.S.: Ja, wir würden die Tour noch mal machen – aber nur in der Bestellsaison.

P.S.II: Es gibt auch Videomaterial. Aber das wird noch dauern…

Anker mal zwei

Von Süd-Fahrern haben wir den Tip bekommen, das man auf LILLA MÄSHOLMEN (direkt neben STORA ASKÖ) (57°59,3’N 16,48,4’E) an einer einsamen Pier kostenlos liegen kann. Von dort aus gehe man ca. 1 Kilometer auf der Straße ins Land und finde einen Selbstbedienungs-Fischladen: Was in der Auslage ist kann man kaufen und stecke das Geld einfach in eine Kassette. Keine Bedienung, keine Menschen. Nur Fische.

Da wollen wir hin. Fisch von nicht gegenwärtigen Eingeborenen kaufen. Lecker! Der Süd-Wind bläst uns mit Kraft nach Norden – nur mit dem YANKEE, denn mehr Segel trauen wir uns in den Windungen und Wendungen des Schärenfahrwassers nicht zu. Für die 45 Seemeilen von FIGEHOLM brauchen wir knapp 10 Stunden, denn erst am Nachmittag frischt der Wind so auf, das der STORMVOGEL fliegt.
Je näher wir dem Ziel kommen, um so mehr steigt in der Erinnerung des Skippers ein Nebensatz der Süd-Fahrer von UTKLIPPAN auf: Haben die nicht was von einer Schiffshavarie erzählt und das die Pier vielleicht gesperrt sein könnte? Wir kommen näher und sehen im abendlichen Dämmerlicht durch das Fernglas Menschen in Arbeits/Signalkleidung am Strand. Offenbar räumen die Auf oder machen sauber. Aha – ist wohl doch was passiert?
Wir laufen im Fahrwasser um die Insel herum, erkennen die Pier und jede Menge Container, Maschinen, Arbeitsboote und einige Menschen. Und ein Absprerrband, das offenbar drei viertel der Pier sperren soll. Im restlichen viertel liegt zwar ein Fischerboot, aber da würden wir wohl auch noch gut hin passen…
…stünde da nicht ein ruhig, aber bestimmt gestikulierender Eingeborener an der Pier und rufet: „Harbour closed, Harbour closed“. Ach wie ärgerlich.

Das war wohl nix. Mit Blick auf die Karte sieht eine Bucht bei TORRÖ (58°00,8’N 16°47,7’E, 6 Meter), ganz in der Nähe, gut für eine Nacht aus. Wir sind platt, der Abend naht und wir wollen nicht groß weiter. Also Kurs gesetzt, Felsen und Untiefen auf der Karte begutachtet und los gehts. Die Bucht entpuppt sich als wahre Perle. Ein Schwede liegt vor den Felsen mit Heckanker, wir gehen in die Mitte der Bucht zum freischwingen. Anker hält, alles gut, die Mannschaft kocht was leckeres und gut ist für den langen Tag.

Den Morgen verdaddeln wir in der absoluten Stille ein wenig, haben aber auch nur 36 Seeemeilen auf dem Zettel. Unter Maschine raus aus der Bucht, YANKEE raus und wieder in Brausefahrt durch die Schären. Eigentlich sind die Schären ab FÄNGÖ erst wirklich, wirklich toll. Vorher ist auch schon nicht schlecht, aber…es geht ja bekanntlich immer noch etwas besser.

Der Ankerplatz von KÄREHOLM (58°25,5’N 16°43,4’E, 7 Meter) ist zwar nach Süd komplett offen, aber es ist sowieso kein Wind und auch keiner angesagt. Die Süd-Fahrer hatten uns nahe gelegt, auch die kleine Kapelle auf der nahe gelegen Insel VEST GÄRDSHOLM zu besuchen, sie sei sehr romantisch! Dafür hätte der Skipper das Dingi klar machen müssen und bei der ganzen Segelei ist der abends immer so müde…
Also nix mit Kirche, dafür mit heftigem Gewitter. Gerade, als es kompliziert in der Ansteuerung wird, geht es los. Segel gerade noch rechtzeitig weg, Ölzeug an und dann streng nach Plotter mit reduzierter Fahrt durch die Felsen. Braucht man diese Nervenkitzel wirklich? Ist es zu Hause auf dem Sofa nicht viel einfacher?

Die Belohnung:

Ein spektakulärer Doppel-Regenbogen.

Was für ein Schauspiel!

Das geborgene Gefühl im Deckshaus.

Wie schön, das der STORMVOGEL auf alles vorbereitet ist.

Und das ist wohl die Essenz: So was bekommt man auf keinem Sofa der Welt!

Peter.

Drei auf die Schnelle

KALMAR, BORGHOLM und FIGEHOLM – drei Stationen in fünf Tagen auf dem Weg nach Norden:

Im Törnführer steht zu KALMAR: Großer Gasthafen, man bekommt immer einen Platz, direkte Einkaufsmöglichkeiten am Hafen und volle Infrastruktur. Das stimmt alles, nur nicht, wenn gerade Stadtfest ist und die Eingeborenen mit ihren Booten aus den umliegenden Häfen in dieses Regionale Zentrum strömen. Pech gehabt.

Wir finden einen Platz im privaten ELEVATOR HAVEN, ganz an Steuerbord der Hafeneinfahrt hinten in der Ecke vor dem Museum. Der Anleger geht voll in die Hose. Der viele Süd-Wind hat uns zwar eine schnelle Reise der 51 Seemeilen von UTKLIPPAN ermöglicht, drückt uns aber nun mit Macht auf den Steg. Doch nicht etwa das Unvermögen der Mannschaft ist die Ursache, sondern die Mooringbojen: Die haben so viel Grundleine das sie am Ende fast mittschiffs hängen, statt ordentlich nach achtern das Boot zu halten.
Später lernen wir, das wir hier eigentlich nicht liegen sollen, denn alle Plätze sind fest vermietet. Die meisten Boote sind schon weg und so werden wir geduldet. Kostenlos – und dürfen dennoch die Yachthafen-Einrichtungen (fast 1 Kilometer entfernt) benutzen. Alles gut.
Der kommende Tag bringt etwas besseres Wetter und wir strolchen durch die Stadt und natürlich zum Schloss. Ein paar Bilder, ein paar Einkäufe und die klare Ansage, nach einem Hafentag wieder abzureisen.

BORGHOLM auf ÖLAND als 17 Seemeilen Kurzetappe unter Maschine. Waren wir zwar schon mal und fanden es nicht besonders, liegt aber strategisch ganz schlau und Segelwind ist sowieso nicht. Bezahlen können wir hier erst gar nicht. Denn wir liegen im Hafen des örtlichen Segelvereins (gleich an Backbord nach der Mole) und der Bezahlautomat, an dem auch die Wohnmobil-Fahrer bezahlen sollen, ist komplett ausgestiegen. Interessiert aber auch keinen. Drüben im Yachthafen funktioniert zwar alles, da kostet die Nacht aber auch mal eben 340 SEK.

Eigentlich wollten wir dann weiter nach KIDDENHOLM, einem Ankerplatz auf dem Festland – aber andere Boote haben uns den Gasthafen von FIGEHOLM, gleich in der Nähe, ans Herz gelegt. Also schön 32 Seemeilen unter Segeln da hin, das restliche Wetter ist leider lausig nasskalt.


Nun gilt es also: Schärenfahrt heißt konzentrieren! Wenn man vom offenen Meer den Felsen immer näher kommt, wird einem schon mulmig. Doch die Schweden sind wirklich Weltmeister im Betonnen des Fahrwassers und so finden wir sicher den Weg. Der Nieselregen lässt nach, ein paar Sonnenstrahlen brechen durch und wir können direkt in diese ruhige, stille, völlig abgeschiedene Schärenlandschaft eintauchen. Die kurze Revierfahrt ist wunderschön – und der Hafen von FIGEHOLM dann tatsächlich auch! Betrieben vom örtlichen Yachtclub gibt es hier alles, was einen Segler glücklich macht: Kostenlose Waschmaschinen und Trockner, einen Handwagen für den Transport schwerer Lebensmittel vom nahe gelegenen Supermarkt und, Heidi freut sich besonders: Kostenlose Fahrräder.

Wie sich da andere Boote über die „hohen“ Liegegebühren, die uns mit 300 SEK völlig fair erscheinen, aufregen können bleibt uns schleierhaft. Weil der kommende Tag keinen Wind verspricht, bleiben wir einfach. Kurven in der Gegend rum, gehen einkaufen, waschen Wäsche und besuchen das örtliche Seefahrtsmuseum. Da kann man zum Beispiel jede Menge alte Außenborder bestaunen, oder sich von den tollen alten Fotos der Frachtsegler in die Vergangenheit entführen lassen.

Im September sind in Schweden Parlamentswahlen und überall hängen Wahlplakate. Auf einem lesen wir tatsächlich „MER KÄRNKRAFT!“. Gleich um die Ecke ist das Atomkraftwerk UTHAMMAR. In Deutschland wohl Satire, hier durchaus ernst gemeint.

Peter.

Utklippan – für immer!

 

Oh Du mein UTKLIPPAN!
Oh Du einmalige Ansammlung von Felsbrocken inmitten des Meeres!
Oh Du unvergessliche, unvergleichliche und unsterbliche Außenklippe!
Du Süd-Westlichste aller schwedischen Inseln.
Du Eiland in der HANÖ BUGT.
Oh Du mein UTKLIPPAN!

Nur selten besuchen wir Orte noch einmal, an denen wir schon waren. Wiederholung ist Stillstand und Stillstand ist der Tot.
Die drei Tage auf UTKLIPPAN hätten unterschiedlicher nicht sein können. Am Tag der Überfahrt von BORNHOLM, immerhin gut 60 Seemeilen nach irgendwie Nord, blies der Wind ganz ordentlich. Darauf waren wir eingestellt. Doch die Welle war überraschend mies und erwischte den Skipper völlig drogenfrei. In der Folge war dieser nach ein paar Stunden recht seekrank. Doch die Segel waren gut getrimmt, der elektrische Autopilot fand den Weg und die zahlreichen Berufsschiffe bleiben wie durch ein Wunder gut auf Abstand. Am späten Nachmittag liegen wir im Schutzhafen UTKLIPPAN längsseits an der Pier und freuen uns sehr, nach sieben Jahren wieder hier zu sein.

Am Abend tauschen wir uns mit Süd-Fahrern über Anker- und Liegeplätze aus. Dem kommenden Flautentag wird ein echter Starkwindtag folgen – somit stellt sich die Frage, ob wir eine Nacht oder drei Nächte auf UTKLIPPAN bleiben wollen. Der Skipper ist völlig klar in seiner Meinung. Drei, mindestens. Zu einmalig ist dieser Ort in der Welt.

Am Flautentag setzen wir mit dem Ruderboot über zur Süd-„Insel“, auf der der Leuchtturm steht. Damals, 2011, war er noch komplett in Gerüst und Plane eingehüllt, weil er überholt werden musste. Nun sind die Arbeiten längst abgeschlossen und, das ist wirklich der Hammer: Man kann ihn für 40 SEK besteigen und dort oben bleiben, so lange man will. Das machen wir und verbringen den GANZEN in luftiger Höhe. Wir beobachten aus der Vogelperspektive den Boots- und Schiffsverkehr um die Insel herum, das Treiben auf der Insel und todesmutige Eingeborene, die kühn vom kleinen Leuchtfeuer in das Wasser der Hafeneinfahrt springen.

Genau hinsehen – Bildmitte!

Für den Abend haben wir ein Grillbuffet gebucht und finden so Gelegenheit, ausführlich mit dem Hafenmeister zu sprechen. Er und zwei weitere Personen haben erst vor einem Jahr ganz UTKLIPPAN von Land Schweden gemietet. Komplett, mit der ganzen Infrastruktur! Einer kümmert sich um die Gastronomie und die Betten, einer um die Tauchbasis und einer um den Hafen. Sieben Wettbewerber mussten sie im Rennen um den Mietvertrag ausstechen. Nun haben sie eine gute zweite Saison hinter sich, haben aber noch viel Verbesserdungsbedarf.

Ein Problem sind um Beispiel die Toiletten. Das sind Plumpsklos und das „Plumps“ muss aufwendig per Boot aufs Festland zum Entsorgen gebracht werden. So lange nur zahlende Gäste „Plumpsen“ ist das kein Problem, aber alle zwei Tage bringt der öffentliche Nahverkehr Tagestouristen aus KARLSKRONA auf die Insel, die selbst Proviant mit bringen, kein Geld auf der Insel lassen, aber eben „Plumpsen“. Das schwedische Jedermans-Gesetzt, wonach das Land im Prinzip allen gehört und von allen betreten werden darf, macht es möglich. Hey, das sind Probleme!

Der Skipper ist schnell traurig, denn das wäre mal ein Projekt so ganz nach seinem Geschmack. Der Hafenmeister bremst: Man muss schon Schwede sein und am Besten aus der Region kommen, sonst zahlt man für alles und jedes den vollen, maximalen Preis und dann funktioniert das alles nicht mehr.

Wie auch immer: Wer den ganz besonderen Ort in Europa sucht, der sollte über www.utklippan.eu seinen Aufenthalt auf der Insel buchen. Die Preise sind mehr als angemessen, die Leute super freundlich, die Felsen einmalig und wenn man schlauer ist als wir, nimmt man per Rucksack ein paar Drinks mit auf den Leuchttrum und verbringt dort den Spätnachmittag…vielleicht bis zum Sonnenuntergang?

Leider, leider, wird die Insel im Herbst für den Winter geschlossen. Das Problem ist die Wasserversorgung. Die friert ein weil alles oberirdisch verlegt werden muss – in den Fels lässt sich nichts verlegen. Wie bei uns an Bord wird das Wasser per Seewasser-Entsalzungsanlage erzeugt. Strom gibt es vom Festland.
Die Betreibercrew würde wohl auch gerne im Winter für spezielle Events anrücken – aber vermutlich wird schon die Überfahrt zu Insel im Winter die meisten Gäste abschrecken (?).

Nach dem wunderschönen, unvergesslichen Flautentag folgt wie angekündigt der Sturmtag. Alle anderen Boote haben am Vorabend die Insel verlassen, nur der STORMVOGEL liegt einsam im Schutzhafen. Der durch die Süd-Westliche Einfahrt eintretende Schwell bewegt zwar das Boot merklich, aber das ist voll OK. Ein paar mal wird die Leine vom Fenderbrett durchgescheuert, aber mit ein paar alten Opferleinen wird auch das vermieden. Ganz früher funktionierten noch die Schutztore, mit denen der Hafen komplett abgeriegelt werden konnte – aber die sind Geschichte.

Wir nutzen den Sturmtag für Boot-Jobs und überprüfen z.B. den Generator. Mit dem Ruderboot trauen wir uns nicht auf die Süd-Insel, der Wind fegt schon mächtig über die flachen Felsen. Aber auch dieser Tag wird noch lange in Erinnerung bleiben.

Oh, Du mein Utklippan!

Peter.

P.S. I:
Ach ja, fast schon vergessen: Der Skipper hat die Drohne im Hafenbecken versenkt. Durch mutigen Taucheinsatz konnte sie zwar physisch geborgen werden, aber bisher scheiterten alle Re-Animationsversuche. Damit ist (bisher) die Drohne das teuerste Spielzeug, das am wenigsten Genutzt, zu Bruch gegangen ist. Besonders ärgerlich: Der Absturzfilm ist nicht zu retten. Die Datei existiert zwar auf der SD-Karte, aber kein vorhandenes Tool ist der Ansicht, das es sich um eine Videodatei handeln könnte. Ähm, äh, falls da jemand Ideen hat?

P.S. II:
Der Beitragstitel ist ein wenig vom Titel „Für Immer“ von DORO PESCH beeinflusst. Wir haben neulich aus der Mediathek ihren Auftritt bei INAS NACHT gesehen und dieses fast verloren gegangene Lied auf YOUTUBE wieder entdeckt. Tolle Künstlerin!

…neues von Familie, Segeln und Fotos