Video: Ansteuerung Thorsminde

So langsam komme ich dazu, ein paar Videos der letzten Reise zu schneiden. Los geht es mit der Ansteuerung von THORSMINDE am 9. September 2018. Während der Ansteuerung lief die fest montierte GOPRO einfach mit – und erzeugte 50 Minuten Material. Vielleicht gut zum Einschlafen, aber nicht gut für das Internet. Nun sind es 6 Minuten – durchaus erträglich.

Die eigene Erinnerung an den Tag ist deutlich schlimmer, als es der Film vermuten lässt. Ist ja auch immer etwas anderes, ob man im Boot oder auf dem Sofa sitzt 😉

Keine Musik im Hintergrund, sondern die Original-Geräusche: Wind und Maschine.

Gute Unterhaltung!

 

Peter.

Der Rest

…ist schnell erzählt:

Am Donnerstag, den 27.9. machen wir uns auf den Weg nach CUXHAVEN. Gutes Segelwetter angesagt, Maschine (besser Diesel) wird wohl OK gehen. Eigentlich wollten wir diesen Törn ja vier Tage zuvor angehen. Zusammen mit 25 anderen TRANS-OCEAN Booten auf großer Geschwaderfahrt, eskortiert von drei Rettungskreuzern. Ein Satz mit X. Das war wohl nix.
Nun, uns kam bekanntlich zunächst Starkwind in die Quere und allen TO-Booten später ein Sturm dazwischen. Der verantwortungsvolle TO Vorstand hatte in Anbetracht der Wetterlage das ganze HELGOLAND Programm offiziell abgesagt und gut war. Keine Ahnung, wieso andere „Organisatoren“ bei solchen Wetterlagen an ihren Plänen festhalten?

STORMVOGEL auf der ELBE (von ODA NORWAY)

Der STORMVOGEL läuft sehr, sehr gut gen CUXHAVEN. Bummelig 18 Seemeilen DEUTSCHE BUCHT, dann bummelig weitere 18 Seemeilen auf der ELBE. Die Welle wird immer Flacher. Die anfänglich dunklen Wolken lösen sich auf. Wie auch der Hochnebel. Das ist praktisch, denn so können wir die zahlreichen Frachter, die hier auf Reede liegen, auch mit dem Auge gut erkennen. Nun blauer Himmel, aber durchaus herbstlich frisch.

Wir haben sogar noch mehr Glück: Beim Queren des Fahrwassers der ELBE nur sehr wenig Schiffsverkehr – keine Kursänderungen oder gar Aufreger notwendig.

So erreichen wir recht beglückt am frühen Nachmittag CUXHAVEN und machen längsseits am E Steg fest. Mit allem PiPaPo Fest. Zum Hafenmeister und dann Duschen. Davor: Anschiss von der Hafenmeisterin: Da könnt ihr nicht liegen bleiben! Nur für Boote ab 15 Meter!
Sehr witzig. 50 Zentimeter machen in CUXHAVEN den Unterschied. Zahlen wir halt 15 Meter. Mir doch egal. Nix da. Ab an den C-Steg.

STORMVOGEL auf der ELBE (von ODA NORWAY)

Wirklich jeder im Hafen versichert dem nun sehr ärgerlichen Skipper des STORMVOGELs, wie nett und zuvorkommend die Hafenmeisterin doch sei! Mag ja sein. Zu anderen vielleicht. Nicht zu dem bärtigen, stinkigen, grummelnden großen Kerl.

Also PiPaPo an den C-Steg. Da sind zwar alle Markierungen auf ROT – aber kann ja nur ein Scherz sein. Wir machen in einer roten Box sehr wiederwillig fest, denn der STORMVOGEL ragt hier gut vier Meter über den Mittelfinger (Schwimmstege) heraus und entsprechend bescheuert muss man seine Leinen ausbringen.
Das Schild „bis 15 Meter“ stachelt den Skipper weiter auf. Müssen die das denn hier so groß schreiben, das man das immer und überall ohne Brille lesen kann? Hat der Skipper denn vergessen, was für ein schöner Segeltörn nun zu Ende geht? Kann er nicht mal die Klappe halten? Nö, kann er nicht und die Manschaft gehört ja sowieso dem gleichen Geschlecht wie die Hafenmeisterin an.

STORMVOGEL auf der ELBE (von ODA NORWAY)

So geht er nun brodelnd zur Dusche, doch warmes Wasser braucht er eigentlich nicht. Die Manschaft meutert offen, ignoriert sie doch die klare Anweisung des Skippers, gefälligst auch nur für einen 12 Meter Platz zu bezahlen.

Vielleicht ein Mittagsschläfchen zur Beruhigung?

Nach dem ein oder anderen Stündchen wacht der Skipper wieder auf und die Manschaft berichtet schier unvorstellbares: Die Hafenmeisterin war in der Zwischenzeit da und hat alle Schilder auf GRÜN gestellt. Äh, wieso bitte denn das?
Na ja, als der Starkwind/Sturm war, sollten hier keine großen Boote liegen. Die würden so an den Mittelfingern zerren das die ganze Steganlage kaputt gehen würde!

Hallo?
Gehts noch?
Wer hat denn hier einen Schaden?

Betreibt die SEGELVEREINIGUNG CUXHAVEN nicht nur Etikettenschwindel, sondern etwa auch noch einen reinen Schönwetterhafen?

Volle Gebühr für viel zu kleine Plätze kassieren und wenn es dann mal weht, müssen die Boote auch noch vorholen? Wohin denn? Wie? An den E Ponton?

Beschluss: Wenn möglich, machen wir in Zukunft einen Bogen um dieses wirre Etablissement. Soll die Hafenmeisterin doch weiter Rasen mähen. Auf dem Aufsitzrasenmäher. Im Falle widriger Umstände nutzten die den stummen Automaten und bleiben unsichtbar.

Die Rest-Festwoche der 50 Jahre TRANS-OCEAN Feierlichkeiten vergehen wie im Fluge. Immer was los. Der große Gala-Abend in den HAPAG Hallen ist schon sehr gediegen und läuft zeitlich völlig aus dem Ruder. Das passt uns gut, denn wir rechnen in dieser Nacht mit der Ankunft unserer Norwegischen Freunde auf ODA. So gegen 1 Uhr. Es ist 3 als wir die Leinen übernehmen und den weitgereisten Dampfer (in einer Saison einmal PORTUGAL und zurück!) am C-Steg fest machen. Wie gut das es nun GRÜNE Boxen gibt. Kurzer Begrüßungsdrink. Wie schön!

Quelle: www.marinetraffic.com / Man achte auf ETA

Der Norweger hat auch einen Anschniss bekommen. Nicht von der Hafenmeisterin, sondern von der Revierzentrale. Er sei mitten im Fahrwasser und solle da schleunigst verschwinden. Der Norweger, so mitten in der Nacht, denkt, Schelm der er selber ist, da erlaubt sich der Skipper des STORMVOGELS einen Scherz und gibt zurück: „Du brauchst Deine Stimme nicht zu verstellen, Peter. Stell mal lieber den Sekt kalt!“.

Ja ja, so ist Deutschland 2018: Erst mal Anschiss. Dann mal sehen.

Stunden später, mit der Mittagsflut verlassen wir CUXHAVEN und gehen auf den allerletzten Schlag für dieses Jahr nach GLÜCKSTADT. Per auf ODA macht auf der ELBE noch ein paar wehmütig stimmende Bilder vom STORMVOGEL, und ach es ist doch wahr: Man soll doch aufhören, wenn es am schönsten ist!

Quelle: GOOGLE MAPS / YELLOWBRICK Tracking

Recht genau 1.000 Seemeilen in zwei Monaten. Nicht immer unter Segeln und nicht immer auf dem Meer. Eigentlich ´ne ganz schöne Runde. Jedenfalls extrem abwechselungsreich. Könnte man sagen, wenn man sich an alles erinnern würde…

Peter.

Dieselpest auf HELGOLAND

Bereits am Abend der Sturmfahrt gen HELGOLAND war klar, das wir am nächsten Tag nicht weiter fahren werden. Der Wind sollte zwar etwas nachlassen, aber immer noch stark sein und der Tag darauf, Dienstag mit Namen, sah´ viel besser aus.

So laufen wir also auf der Insel herum, besuchen den Schiffsausrüster und decken uns dort mit den erlaubten Drogen ein und versuchen den Vortag so schnell wie möglich abzuhaken. So ein Tag nach einer großen Anstrengung vergeht irgendwie schneller, als einer ohne.
Am Abend Fernsehen auf dem PC, mit laufender Heizung. Schön kuschelig und gemütlich. Irgendwann geht die Heizung von alleine aus – egal. Lösen wir Morgen. Es ist spät und wir gehen zu Bett.

Für Dienstag waren 20+ Knoten aus WEST angesagt – bestes Segelwetter, um in die ELBE zu kommen! Vielleicht etwas alte Welle vom Vortag, aber von HELGOLAND bis zur ELBMÜNDUNG sind es nur 18 Seemeilen – dann noch mal 18 auf der ELBE bis CUXHAVEN. Durchaus komfortabel machbar.

5:30 Uhr aufstehen, Kaffee und Tee kochen, Boot Segelklar machen, um 7:00 Uhr soll es los gehen – schön mit auflaufend Wasser die ELBE hoch. Irgendetwas im Unterbewusstsein veranlasst mich, den Füllstand des Backbord-Dieseltanks zu überprüfen. Seit Tagen schon läuft die Hauptmaschine auf Backbord, aus der Hüfte geschossen sollten da aber noch 150-200 Liter Diesel drin sein.

Erschreckende, sogar kurz schockierende Erkenntnis: Der Backbord-Dieseltank ist vollkommen leer.

LEER!!! WARUM DENN BLOSS?

Steuerbord prüfen – komisch, fast voll, obwohl da höchstens noch 70 Liter drin sein sollten?

Die Morgendämmerung bricht an, auch in meinem Hirn: Die Heizung! Wir haben die munter laufen lassen, aus den Backbord Tank ansaugend und den überflüssigen Diesel nach Steuerbord zurück laufend. So haben wir, unbeabsichtigt und unbemerkt, den kompletten Backbord-Tank in den Steuerbord-Tank umgepumpt. Tolle Wurst, aber eigentlich kein Problem.

Dann schalten wir die Hauptmaschine eben auf Steuerbord um. Wirklich kein Problem.

Drei-Wege-Hahn zur Auswahl des Backbord oder Steuerbord Dieseltanks

Sicherheitshalber noch eben den Dieselvorfilter tauschen, denn Steuerbord, das wissen wir, ist Modder im Tank und der Vorfilter ist alle 80 bis 100 Betriebsstunden recht verschmutzt und muss getauscht werden.

Vorfilter wechseln können wir gut. Doch wieso bekommen wir diesmal trotz Routine und Entlüftung keinen Diesel ins Schauglas? Falsch zusammen gebaut? Undicht? Noch mal auf und zu. Kein Diesel.

Hm, könnte es vielleicht sein, das das Saugrohr vom Steuerbordtank dicht ist? Eingetrockneter Modder, weil seit ein paar Wochen nicht benutzt? Könnte sein…

Mit ein wenig Bastelei und viel Saugpapier pumpen wir über Kanister (einen direkten Weg gibt es nicht) 30 Liter von Steuerbord nach Backbord über die Zapfstelle der Heizung und des Generators. Die Abreise nach CUXHAVEN haben wir mittlerweile abgehakt – diese Tide wird wohl ohne uns laufen…

…nun haben wir also wieder etwas Diesel im Backbord-Tank, aber am Vorfilter will immer noch kein Diesel ankommen. Das beide Ansaugrohre glteichzeitig dicht sind, ist unwahrscheinlich. Also muss irgendwas auf dem Weg vom Drei-Wege-Ventil (mit dem wir den Tank umschalten) zum Vorfilter – seit jeher als Kupferleitung ausgeführt – dicht sein.

In meinem Kopf beginnt unvermittelt ein Horror-Film:
Was wäre denn gewesen, wenn die Maschine auf der Sturmfahrt nicht angesprungen wäre? Weil die Leitungen verstopft waren? Ich steigere mich famos in dieses Grauen hinein. Panik, Wut und Ärger machen sich breit. Unüberlegte und ungerechte Worte verlassen in Richtung Heidi meinen Mund. Die Stimmung fällt in ´ner halben Stunden unter den Nullpunkt. So eine Scheiße!

Dabei übersehe ich in dieser Situation doch völlig, das wir gar nicht in Gefahr waren. Das der Horror-Film eben nur Fiktion gewesen wäre. WAS WÄRE WENN. Die Ansteuerung von HELGOLAND hatten wir komplett unter Segeln gemacht, die Maschine in relativ ruhigem Fahrwasser erst ganz kurz vor dem Hafen gestartet. Wenn die dann nicht angesprungen wäre, oder sofort wieder wegen Dieselmangels ausgegangen wäre, dann wären wir einfach am Hafen vorbei getrieben und hätten sicher sehr aufgeregt den Rettungskreuzer um Schlepphilfe über UKW Funk gebeten. Die wären bestimmt gekommen. Das hätte zwar etwas gedauert, aber wir waren ja auf der Windabgewandten Seite der Insel und bestimmt für 30-60 Minuten in deren Wind- und Wellenschatten. Also absolut keine Gefahr.

Doch der Film lief nun mal bereits im Kopfkino und war an diesem Morgen nicht mehr zu stoppen.

Ich muss von Bord! Mechaniker-Hilfe holen. Die Leitung mache ich nicht alleine auf. Traue ich mir nicht zu.

Der Hafenmeister weiß wie immer Rat – der einzige Motorenmann auf HELGOLAND sei zwar schon etwas älter, aber sehr erfahren. Anruf. Er verspricht so bald als möglich zu kommen. Wir warten an Bord, so langsam beruhige ich mich, aber nur sehr, sehr langsam. Der Motorenmann braucht noch mal eine telefonische Erinnerung. Ich kann nicht untätig herum sitzen und öffne mit der geduldigen Heidi den Wartungsdeckel des Backbord-Dieseltanks. Das geht relativ einfach. Ich will sehen, wie es im Tank aussieht.

Was für eine im wahrsten Sinne des Wortes Drecksarbeit. Diesel überall. Tropfen, Tupfer. Dieselgestank. Ja, da ist doch einiges an Modder und Schlamm im Tank, aber die Saugrohre sind völlig frei. Also ist diese Seite des Leitungsweges ist völlig OK. Wir pumpen die eine Stunde zuvor eingefüllten 30 Liter Diesel manuell wieder zurück in die Kanister und reinigen mit Putzlumpen und Aceton den Tank so gut es eben geht.

Dieser Modder, Schmodder, Schlamm und Schleim hat einen Namen: DIESELPEST. Es wurde schon so viel über diese Tank-Krankheit geschrieben (kannst Du lesen hier, hier und hier), da will ich nicht auch noch was zu sagen.
Nur so viel: Wenn „BIO“-Diesel dazu führt, das Boote in Seenot geraten, dann gute Nacht!

Dieselpest verstopft Treibstoffleitung

Der Motorenmann erscheint, offenbar gut über 70 Jahre alt, etwas steif, voller Tatendrang. In Ruhe sieht er sich alles an, zeigt auf eine Stelle des Leitungssystems und verkündet: „Hier gibt es eine Verstopfung!“.
OK, wenn er das sagt? Er öffnet die Verschraubung und zeigt mir das Reduzierstück, das von der dicken Edelstahl-Tankleitung auf das dünne Kupferrohr überleitet. Eine Leitungsverjüngung nennt man das. Jetzt wird alles klar: Das Teil wirkt wie ein Trichter. Von Dick auf Dünn. Wenn was verstopft, dann da.
In dem Reduzierstück ist kein Modder, Glibber oder sonst was: Das Zeug hier ist Knurz-Trocken und fest. Auch das kann der Motorenmann erklären: Die starke Diesel-Vorförderpumpe der Hauptmaschine saugt wie irre aus dem Tank – und trocknet an der Engstelle einfach alles aus, wenn kein Diesel mehr nach kommt.

Dieselpest verstopft Treibstoffleitung

Wie gut das es Menschen mit Erfahrung gibt! Er legt die kurze Kupferleitung still und stellt eine provisorische Schlauchverbindung her. Potentiell kann die zwar auch verstopfen, aber diese Schlauchverbindung kann ich in 5 Minuten auf machen, reinigen und wieder zu machen. Und überhaupt: Er versichert uns, das sich das so schnell nicht wieder zu setzten wird. So was dauere schon eine Zeit…

…was mich zu der Erkenntnis bringt: SELBST SCHULD! Ganz schlechte Seemannschaft.

Ich hatte schon länger (letzte Saison?) gewusst, das wir Dreck im Steuerbord-Tank haben – und gedacht, ich löse das Problem mit sauberen Diesel und häufigeren Vorfilter-Wechsel. Der Backbord-Tank war nach meiner Überzeugung sauber. Beides war falsch.

Der Motorenmann gibt noch den Rat, den großen Leitungsquerschnitt der Tankleitungen bis zum Dieselvorfilter durchlaufen zu lassen. Dann könne die Leitung nie wieder verstopfen. Keine Verjüngung des Querschnittes. Und dann besser eine Doppelfilteranlage montieren, mit der man schnell ohne Filterwechsel von einem verschmutzten auf einen sauberen Filter umschalten kann. Durch den großen Querschnitt würde der ganze Schmodder aus dem Tank dann am Vorfilter ankommen und dort gestoppt werden. Dazu seien die Filter ja schließlich da.

Also denn: Problem erst mal gelöst. Viel Verständnis und Wissen aufgebaut, aber eine große Kerbe mehr im Selbstvertrauen.

Wir tanken über Kanister 80 Liter sauberen HELGOLAND Diesel (1,06 € / Liter) in den Backbord-Tank und hoffen, das die Bakterien nicht ganz so schnell nach wachsen.

Am Abend beschäftigt mich der Umstand, das das Wissen des Motorenmannes auf HELGOLAND verloren gehen wird, wenn er altersbedingt nicht mehr an Bord kommen kann. Dann gibt es keinen Motorenmann mehr auf der Insel. Und Typen wie ich müssen sehen, wie sie ohne Hilfe klar kommen.

Am Besten mit besserer Seemannschaft: Beobachten, Vorbeugen, Handeln.

Alexander von Humbolt II auf Helgoland

Der Mittwoch, wie sollte es anders sein, brachte 30+ Knoten Wind aus West. Kein Gedanke an Weiterfahrt. Erst Recht nicht, wenn man befürchten muss, das die Maschine aussetzt.

Alexander von Humbolt II auf Helgoland

Einen Tag mehr um zur Besinnung zu kommen. Wir sind beeindruckt von der hier ebenfalls liegenden ALEXANDER VON HUMBOLT II. Tolles, richtiges Segelschiff.

Alexander von Humbolt II auf Helgoland

Für diese (nennen wir es mal) „Panne“ hätte es keinen besseren Ort auf der Erde geben können – schön längsseits an einer Pier liegend auf einer wunderbaren Insel.

War was?

Nix passiert!

Peter.

P.S.: Die ToDo-Winterlagerliste wird immer länger. Nun also auch noch: Professionelle Tankreinigung.

Das HELGOLANDe

Und also begab es sich zu einer Zeit, das das Wetter, insbesondere der gemeine windige Wind, günstig erschien für eine Weiterreise gen Süden. Die eigentlich zu wählende Richtung hatten die Reisenden schon lange festgelegt, doch auf einen konkreten Ort für die nun anstehende Etappe mochte sich der Anführer bisher nicht fest legen. Zu viele Unwägbarkeiten vernebelten zusehends seinen Kopf.

Zum einen könnte die Reisegruppe mit dem Boote nach RÖMÖ segeln, nur 44 Seemeilen entfernt. Verlockend. Verlockend nah. Doch dem eigentliche Ziele, das HELGOLANDe mit Namen, nicht wirklich näher kommend. Denn 18 dieser 44 Seemeilen wären ausschließlich dem Ziele RÖMÖ gewidmet und somit, in Summe betrachtet, nicht besonders verlockend. Es sei denn, es wäre Hochsommer und man wolle ein paar Tage auf RÖMÖ verweilen – doch es herrschte eine herbstliche Stimmung gegen Ende dieses Septembers und so stand der Reisegruppe zwar der Sinn nach Sonne, Strand und Baden, doch das Wetter führte anderes im Schilde.

Ein weiteres Ziel könne die Deutsche Insel SYLT werden. Der Hafen im Norden mit dem Namen LIST wurde schnell ausgeschlossen. Zu viel Umwege und keine gute Herberge in Aussicht. Viel weiter im Süden der gleichen Insel lag HÖRNUM, den vielfältigen elektronischen Überlieferungen zufolge schon deutlich einladender. Großer Hafen, klare Ansteuerung. Aber auch hier ein großer Umweg durch die Sandbänke, Rinnen, Löcher und Gatten. Sei es drum, 64 Seemeilen sollten doch an diesem günstigen Tage zu schaffen sein!

Die Propheten des Wetters sagten 20 bis 25 Knoten aus NORD-WEST vorraus, am Abend allerdings solle der gemeine windige Wind sich auf 30 Knoten verstärken. Aus diesem Grunde, aber auch aus dem Grund der hier vorherrschenden Gezeiten schien ein früher Aufbruch aus ESBJERG, am Tage des Herrn Sonntag, den 23. September 2018 durchaus angebracht.

Zunächst wollte das fein verwobene Spinnwerk der Festmacherleinen aufwendig entworren und zwei hässliche Regenschauern abgewartet werden. So ging es leicht verspätet in das Fahrwasser von ESBJERG. Eine durchaus angenehme Reise, zunächst. Doch die Verspätung beim Aufbruch führte auf dem letzten Drittel des Fahrwassers zu unangenehmen, sogar furchteinflößenden über den Bug des Bootes brechenden Wellen. Wüsste der Leiter der Reisegruppe nicht, das dies den Gezeiten und dem zu folgenden Kurses geschuldet sei, würde er umkehren. So aber steuert er das Boot mit starker Hand durch dieses Chaos und ist recht froh´ als sich die Situation nach erfolgter Kursänderung gen Süden deutlich verbessert.

Sogar sehr deutlich verbessert. Der gemeine windige Wind bläst nun schräg von Steuerbord achtern und die signifikanten Wellen rollen aus eben jener Richtung ebenfalls an. Das Boot, gut getrimmt, läuft 7 bis 8 Knoten unter Segeln. Niemand sollte da mehr erwarten.
Es  war kühl, doch der für das leibliche Wohl zuständige Teil der Reisegruppe zeigte sich gut vorbereitet und servierte geschwind einen heißen Tee, mit ohne Rum, selbstverständlich.

Die Stunden zerrannen, die Meilen auch. Die Ansteuerung von RÖMÖ wurde gegen 11:00 Uhr passiert und nicht erwählt. Für einen Abbruch gab es schlicht keinen Grund. Die nördliche Ansteuerung von HÖRNUM auf SYLT wurde schließlich gegen 15:30 Uhr erreicht, doch der Leiter der Reisegruppe wurde unvermittelt wankelmütig. Zu vorderst und allererst konnte er die angeblich ausliegenden Tonnen des HOLTKNOBSLOCH mit dem Fernen Glase nicht in der bewegten See erkennen. Desweiteren fragte er sich, ob es wirklich zu vollbringen sei, 7 Seemeilen gegen den gemeinen windigen Wind und das nun ablaufende Wasser anzukämpfen.
Die Verlockung, HÖRNUM aufzugeben und direkt die HELGOLANDe anzulaufen wurde mit einem Male sehr groß. Nur noch 30 Seemeilen bis zum lang ersehnten Ziele und noch vier bis fünf Stunden Tageslicht. Könnte klappen. Oder: Müsste gerade so machbar sein.
Hatte doch auch die Vorhersage der Propheten für den Abend schon längst ihren Schrecken verloren – der gemeine windige Wind wehte bereits mit 30 Knoten. In Böen etwas mehr, doch niemals, auf der ganzen Reise, berührte auch nur ein Regentropfen die umfangreiche Schutzkleidung der Reisegruppe.

Und so entschied sich die Gemeinschaft in stiller Einigkeit geschwind für die Weiterreise.

Kurz darauf meldeten sich Menschen verschiedener Nationen mit durchaus unterschiedlichen Akzenten, jedoch in vermuteter englischer Sprache über UKW Sprechfunk und verkündeten stolz, das sie beauftragt seien, große, ja sogar sehr große Arbeitsschiffe in diesem Seegebiet zu bewachen. Das Boot der Reisegruppe möge bitte seinen Kurse so ändern, das es einen Mindestabstand von 2,5 Seemeilen zu den zwar großen, aber offenbar schutzbedürftigen Arbeitsschiffen einhalten werde.
Natürlich saßen diese Menschen verschiedener Nationen mit unterschiedlichen Akzenten warm und trocken auf ihren kleinen Wachschiffen und sperrten, bis auf den Seegang, das Wetter einfach aus. Die Reisegruppe jedoch, allein auf ihrem kleinem Boot inmitten der tosenden See, fror jämmerlich. War doch der Tee mittlerweile aus gegangen und die Zubereitung eines neuen hätte den Teil der Reisegruppe, der für die Verkostung zuständig gewesen war, nur in die unnötige Gefahr einer Verbrennung oder Verbrühung gebracht. Mit großer Mühe und einiger Not umfuhr das Boot der Reisegruppe eines dieser großen Arbeitsschiffe mit Namen GRAND CANYON III. Welch maßlose Übertreibung, ist die NORDSEE doch gerade mal 20 Meter tief in diesem Gebiete. Doch das Arbeitsschiff arbeitete. Am Sonntag. In tosender See und nun mit sehr gemeinen windigen Wind.

Die Wellen wurden groß und größer, doch das Boot der Reisegruppe vermittelte eben jener verschworenen Gemeinschaft eine solide Geborgenheit. So könnte es noch Stunden, ja Tage lang weiter gehen! Wäre da nicht das HELGOLANDe im Wege und später dann sogar die unüberwindliche Deutsche NORDSEEKÜSTE. Bevor das HELGOLANDe zu dichte kame, strich die Reisegruppe auf offener See das Große Segel.

Im letzten Dämmerlichte des Tages erreichte das Boot der Reisegruppe die Nordansteuerung von HELGOLANDe. Der Anführer erkannte klar die beleuchtete erste Gefahrentonne, die nördlich des SELLEBRUNNKNOLL in den riesigen Wellen nur dann sichtbar wurde, wenn sie unfreiwillig, aber doch ohne jede Anstrengung einen Wellenberg erklommen hatte. Die beiden spitzen zueinander stehenden Kegel weisen stumm darauf hin, das man die Gefahrentonne doch bitte westlich passieren möge.
Auch die unbeleuchtete südliche Gefahrentonne Nummer 2 kam bald in Sicht, doch der Anführer der Reisegruppe war sehr beunruhigt. Die Wellen erschienen im immer weniger werdenden Dämmerlicht gespenstisch groß, grau und grässlich. Endlos, so schien es, laufen sie vom Heck des Bootes kommend, unter eben jenem durch und wenn ihr Wellenkamm den Bug des Bootes endlich frei gab, versperrte der vollständige Wellenberg in voller Größe kurz die Sicht auf die Insel und die Tonne. Grandiose Wassermassen.

Wie ärgerlich, so philosophierte die Reisegruppe, das Deutschland zu den armen Ländern dieser unseren Welt gehört und nicht jede Tonne beleuchten kann.

Nach passieren von Tonne 6 wurde die See von der Reisegruppe eher unbemerkt deutlich ruhiger. Denn diese war vollauf damit beschäftigt, alle Tonnen im Restlicht der Insel zu erkennen und sich Mitte Fahrwasser zu halten. Doch dann musste geschwind das Vorsegel geborgen und die Maschine gestartet werden, lag doch die Hafeneinfahrt unmittelbar voraus. Im Schutze des riesigen Vorhafens des HELGOLANDes bereitete der Teil der Reisegruppe, der eigentlich für die Verköstigung zuständig war, das Boot auf das nun anstehende Anlegemanöver vor und wenige Minuten später lag das Boot der Reisegruppe sicher am Ponton im Südhafen des HELGOLANDes und die Reisegruppe schloß sich freudig in die Arme.

Geschafft.

94 Seemeilen unter Segeln in 13 Stunden. Gar nicht mal so schlecht.

Peter.

P.S.:.
Und wie das so mit emotionalen Höhenflügen ist, der Absturz folgt unvermeidlich später. In diesem unserem Falle zwei Tage später. Dazu mehr in diesem Blog. Später.

ESBJERG

Am Samstag, den 15. September 2018 (um mal wieder ein Datum zu nennen) machen wir uns auf den Weg von HVIDE SANDE nach ESBJERG, 52 Seemeilen im Süden.

Die Wettervorhersage ist ausnahmsweise mal günstig: Zunächst NW 15 Knoten, später (was auch immer das bedeutet) abflauend. Um kurz vor 8 Uhr brechen wir auf, passieren ohne Sorgen die Hafeneinfahrt, setzten Segel und gehen auf Südkurs. Herrlich, wenn der Wind mal aus der richtigen Richtung kommt! Die alte Welle vom Starkwind der Vortage ist zwar noch da, aber durchaus erträglich.

Die Passage nach ESBJERG ist aus zwei Gründen tricky. Zum einen gibt es ein riesiges militärisches Schießgebiet bei NYMINDEGAB. Wenn dort tatsächlich scharf geschossen wird, reicht das Sperrgebiet 10 Seemeilen aufs Meer hinaus und man darf es nicht passieren. Logisch. Im Hafenbüro von HVIDE SANDE haben wir aber herausgefunden, das an unserem Samstag nicht geschossen wird und wir freie Fahrt haben. Direkt an das Sperrgebiet schließt sich HORNS REV an, ein großes Sandriff, das über 20 Seemeilen weit ins Meer hinein ragt. Das kann man sogar mit bloßem Auge am Strand von BLAVAND erkennen. Wenn man „Glück“ hat und starker Westwind weht, kann man beim Gezeitenwechsel große Brecher vom Strand aus fotografieren. Wir waren früher öfters in Ferienhäusern in der Gegend von BLAVAND und kennen das Strandbild von HORNS REV sehr gut:

Mal wieder Respekt angesagt.

Für Sportboote / kleine Boote gibt es eigentlich zwei Fahrrinnen durch das HORNS REV, die die Fahrzeit zwischen HVIDE SANDE und ESBJERG um mehrere Stunden reduzieren – aber keine dieser Rinnen ist betonnt. Und somit wohl eher ein Schleichweg für Eingeborene bei schönem Wetter. Aber nichts für ahnungslose Fahrtensegler, die erstmals in diesem Seegebiet sind.

Also nehmen wir den offiziellen, mit großen Tonnen ausgewiesenen Fahrweg von SLUGEN und pfeifen auf die in der Seekarte so schön aussehenden Abkürzungen von SÖREN BOVBJERG DYB und RINGKÖPING DYB. Um uns herum riesige Windparks mit (ohne zu zählen) hunderten von Windrädern, die im Flachwasser des Riffs gebaut wurden.
Der Skipper wird den Verdacht nicht los: Diese Armee von Windrädern stiehlt uns den Wind! Mit einem Male schlagen die Segel in der Welle, weil der Wind sie nicht mehr kräftig füllt. Nach 10 Minuten herum Eiern: Maschine an, beide Vorsegel weg. Weiter unter Maschine durch den SLUGEN. Vielleicht wird es später besser?

Wird es nicht. Der „später abflauende Wind“ (siehe oben) im Zusammenhang mit den stumm vor sich hin drehenden Winddieben verlangt nach Diesel. Bei auflaufendem Wasser im Fahrwasser von ESBJERG machen wir 8 Knoten und fliegen nur so dahin…und müssen aufpassen, das wir das richtige Hafenbecken mit dem darin versteckten Yachthafen finden. Gegen 15:00 Uhr laufen wir dort ein und sind sehr, sehr enttäuscht. Die alte, verrottete Steganlage ist randvoll mit ebenso ranzigen Motorbooten, insgesamt vielleicht nur 5 Segler. Alles Eingeborene. Zunächst kein Mensch zu sehen – der Skipper kurvt überall herum, denn einen genehmen Liegeplatz findet er nicht. Dann winkt ein Eingeborener und meint, wir sollen am „Service-Steg“ fest machen – dort würden immer die große Gastlieger anlegen. Das Schild „nur 3 Stunden“ sollen wir einfach ignorieren.

Dem Skipper ist es Recht, der Platz scheint einigermaßen gegen Südwind geschützt und Landstrom gibt es auch. Vorsichtig erkundigen wir uns bei unserem Einweiser, wieso die Marina so herunter gekommen wirkt: Ganz einfach: Die Stadt baut ein ganz neues Hafenbecken, ganz modern mit Insel für Büros und Gaststätten mitten drin und jeder Menge Platz für Wassersport. Aha, nicht kleckern, sondern klotzen scheint die Devise? Könnte man meinen. Entweder haben wir uns verhört oder es stimmt: Die Steganlage soll umziehen. Kann das sein? Schon im Oktober soll das Hafenbecken geräumt sein, die Windpark Offshore Versorger brauchen mehr Platz. Als wir zu Fuß das neue Hafenbecken besichtigen, ahnen wir die Dimension des Projektes, zweifeln aber an Oktober und den Umzug einer maroden Steganlage in ein Neubauprojekt. Nun denn, die kommenden Jahre werden es zeigen.

Die Vorhersage (bis 3 Tage) und die Prognose (4-6 Tage) sieht mies aus. Starkwind und sogar Sturm aus südlichen Richtungen. Regen. Wie gut, das die Mannschaft nun unbedingt zu einem Familienfest nach HAMBURG will. Der Skipper hat keine Gegenargumente – zum Glück ist das Wetter so wie es ist. Denn wäre guter Segelwind um nach Süden zu kommen, gäbe es an Bord des STORMVOGELS wohl die erste Meuterei.
Vermutlich ist der Wettergott ein guter Freund des Beziehungs-Gottes. Sofern es denn wirklich mehrere Götter geben sollte. Oder eben jener Einer hat eine gespaltene Persönlichkeit. Ist eigentlich auch egal, denn die EUROPCAR Station in ESBJERG hat Sonntags auf, wir mieten günstig einen OPEL Mini-SUV und schon am Nachmittag sind wir auf dem Weg nach Hause. Urlaub von Urlaub vom Urlaub vom Urlaub vom Urlaub vom Urlaub und so weiter.

Zwei Dinge ändern sich, je näher wir ELMSHORN kommen: Das Wetter wird zusehend besser, die Sonne ist sogar zu sehen. Aber viel wichtiger: Die Mannschaft bekommt Oberwasser und freut sich auf die Familie wie Bolle.

Ursprünglich wollten wir direkt nach dem Familienfest am Dienstag Abend wieder zurück nach ESBJERG, um eventuell auftauchende Wetterfenster unverzüglich nutzten zu können. Keine Chance. Keine Fenster. Kein Wetter. Im Gegenteil, für Freitag ist ein richtig fetter Herbststurm angesagt und es wird absehbar, das wir das TRANS-OCEAN Treffen auf HELGOLAND verpassen werden. Also nochmals Planänderung: Mittwochs mit dem Auto HEIDELBERG (wichtig wg. neuem Buch, super-ätzende Fahrt) und Donnerstag zurück nach ESBJERG um beim Boot zu sein, wenn der Sturm los bricht.


Die Vor-Sturm-Rückkehr war auch gut so: Wir bringen zusätzliche, sehr lange Leinen quer über die Stege aus um den STORMVOGEL mit den Winden vom Steg weg zu ziehen. Denn der Sturm kommt natürlich nicht aus Süd, sondern aus Nord-West.
Am Samstag müssen wir immer noch im tristen grau, Starkwind und Nieselregen aushalten, für Sonntag ist endlich brauchbarer Segelwind, jedenfalls tagsüber, angesagt.

Peter.

P.S.: ESBJEREG selbst haben wir nicht besucht. Mal den Supermarkt, aber sonst nix. Irgendwie unbefriedigend, aber das Wetter schlägt dann wohl doch auf die Stimmung…

HVIDE SANDE

Der Wind bläst am Donnerstag noch aus West-Süd-West mit 20 bis 25 Knoten, etwas weniger als an den beiden Hafentagen zuvor. Die Welle ist nach Inspektion des Skippers auf dem Deich auch etwas runter und so brechen wir kurz nach 8 Uhr auf. Es soll ja nur 25 Seemeilen nach HIVDE SANDE gehen, denn danach kommt gar nichts mehr an der Dänischen Nordseeküste – bis ESBJERG. Das sind noch mal über 50 Seemeilen und mitten drin das berüchtigte HORNS REV.

Also HVIDE SANDE, der große Fischereihafen mit dem kleinen Ort, den wir schon oft besucht haben. Mit dem Auto. Als Wochentourist in einem der unzähligen Ferienhäuser umzu.

Noch etwas beeindruckt vom Schlag von THYBORÖN nach THORSMINDE laufen wir im Dritten Reff im Groß, voller Fock und gerefftem Yankee. Aber das Boot will nicht laufen, nimmt nicht richtig Geschwindigkeit auf. Der Skipper hadert. Wende. Andere Seite. Wende. Von der Hafeneinfahrt frei kommen.

Nach der nächsten Wende nehmen wir das Yankee voll. Wenn es dann nicht läuft, gehen wir zurück – schreit der genervte Skipper in den Wind.

Wende. Yankeee raus und siehe da, endlich nimmt der STORMVOGEL Fahrt auf. Zwei Dinge, so stellt sich später heraus, waren nicht gut: Zum einen der Gegenstrom dicht unter Land, zum anderen hätte der bangbüchsige Skipper höchstens das zweite Reff im Groß nehmen sollen. Hinterher…

Was für eine Action am Morgen. Das Boot ist auf Kurs und wenn die schweren Schauerböen uns gar zu sehr auf die Seite drücken, reffen wir das Yankee. Knochenarbeit, die sehr schnell erledigt werden muss, denn nach der Böe muss das Segel ja wieder raus.

Als wir in die Nähe der Hafeneinfahrt von HVIDE SANDE kommen, wird es so düster über Land, das sogar die drei markanten Windräder im Regen verschwinden. Da wollen wir so erst mal nicht hin! Also Yankee weg und mit wenig Fahrt weiter. Nach einer knappen halben Stunde klart es wieder auf und wir sind fast da. Die Hafeneinfahrt wurde vor ein paar Jahren verbessert: Die Molenköpfe sind jetzt viel weiter draußen im Meer und etwas nach Süden ausgerichtet.

Aufmerksam beobachten wir das Einlaufen eines großen Fischkutters. Beängstigend, wie langsam und schaukelnd er sich seinen Weg in die Hafeneinfahrt bahnt. Aber: Der Skipper des STORMVOGELS beschließt nach dieser Beobachtung, auch von Süden her einzulaufen. Scheint die bessere Strategie zu sein. Wie schon in THORSMINDE bleibt das Groß im Dritten Reff zur Stützte, die Maschine muss für Fahrt sorgen. Die brechenden Wellen rollen unter dem Boot hindurch, wenn sie am Bug auslaufen wollen sie den STORMVOGEL vom Kurs abbringen – doch der Skipper ist hochkonzentriert und lässt solche Kapriolen nicht zu.
Die Fahrt geht auf 5 Knoten runter und wir scheinen auf der Stelle zu stehen. Kein guter Ort für Stillstand. Mehr Maschine durch mehr Umdrehungen. Es stellt sich keine Siegesgewissheit wie sonst üblich beim Skipper ein. Die Wellen sind groß, die Brecher links und rechts schwerstens irritierend und wir scheinen wie festgenagelt zu stehen. Offenbar wird aus dem RINGKÖPING FJORD Wasser abgelassen und erzeugt zusätzlich um Sog der Wellen Gegenstrom. Wenn man die Hände frei hätte, würde man vielleicht ein entsprechendes Lichtsignal am Hafenhaus durch das Fernglas erkennen können. Wenn man die Hände frei hätte – doch, was würde das nützen?

Irgendwie, nach einer gefühlten Ewigkeit passieren wir die Molenköpfe und erst jetzt weiß der Skipper: Wir schaffen das!

Klar, wenn alles vorbei ist schafft man auch alles.

Der STORMVOGEL hat den vielen Touristen, die beidseitig an der Hafeneinfahrt stehen, sicher das volle Programm geboten. Der vermutete Applaus über dieses Glanzstück seemännischer Fähigkeiten mit schlotternden Knien ist in der tosenden See wohl untergegangen.

Mittags kurz nach 12 machen wir an einem für Yachten reservierten Ponton im Fischereihafen fest. Etwas abseits der Touristen, aber gut.

Die Landstromversorgung ist HighTec: Damit Strom aus der Steckdose kommt, muss man über ein Mobiltelefon eine Nummer anrufen, die dann automatisiert die Steckdose frei schaltet. Was das wohl soll?

Tags darauf besuchen wir das Hafenamt. Denn hier kann man erfahren, ob im Schießgebiet vor HORNS REV scharf geschossen wird. Die Herren im Kontrollturm sind super-freundlich und recherchieren hier im Internet nach den Schießzeiten: Nein, an diesem Samstag keine Übungen.
Außerdem bieten sie an, das wir vor dem Auslaufen kurz über UKW Funk (Kanal 12, 0800-1700, Außerhalb 24h Rufnummer: +45 97 31 16 33) Bescheid sagen sollen – sie haben dann per Video-Überwachung ein Auge auf uns. Hätten wir auch beim Einlaufen machen sollen, sagen sie, denn es gibt keine Regeln für das Einlaufen. Der Hafen ist offiziell immer offen, auch bei Sturm. Wie eigentlich immer: Skippers Entscheidung.
Von dem Angebot machen wir aber keinen Gebrauch, als wir auslaufen, ist die Welle OK.

Am Abend kommt ein Tourist aus Bayern vorbei – er habe uns beim Einlaufen beobachtet. Habe sehr spannend ausgesehen. Es stellt sich heraus, das der Herr eigentlich aus Bremen stammt und früher auch mal gesegelt ist. Da wollte er doch unbedingt mal das Boot sehen – und die Mannschaft sprechen. Sieh´ mal einer an: So kommt man schnell zu lokaler Prominenz.

Die anderthalb Tage in HIVDE SANDE verdödeln wir mit Supermarkt, Fischbude, Bootjobs und Spaziergänge.

Auf einem dieser Landgänge entdecken wir durch Zufall einen perfekten technischen Schiffsrausrüster. Der Laden befindet sich unmittelbar an der kleinen Marina auf der anderen Seite der RINGKÖPING FJORD Schleuse, vielleicht zwanzig Minuten zu Fuß vom Seehafen. Wirklich alles gibt es dort. Sogar Dieselvorfilter für 7 € das Stück – die Heinis in LEMVIG haben uns ordentlich abgezockt.

So überstehen wir denn auch den Starkwindtag am Freitag gut im Hafen und bereiten uns auf die Weiterreise nach ESBJERG vor.

Peter.

P.S.: keine Ahnung, warum es nur ein paar Bilder vom STORMVOGEL aus HVIDE SANDE gibt. War wohl nicht in Stimmung ;-(

Thorsminde

Es ist ja nicht so, das der langjährige Skipper des STORMVOGELS keinen Respekt hätte. Im Gegenteil. In seiner Eigenwahrnehmung wächst sein Respekt gegenüber allem möglichen umgekehrt proportional zu seinem eigenen Selbstvertrauen.

Nissum Fjord

Das wird eigentlich, nüchtern und mit Abstand betrachtet, immer kleiner. Natürlich nur in kleinen, klitzekleinen, unmerklichen Schritten. Die blauäugige Leichtigkeit, die jugendliche Naivität des einfach mal Machen, die ist schon lange futsch. Das ist wohl das immer enger werdende Erfahrungsgefängnis.

Und so (und das ist wörtlich zu nehmen) quält sich eben jener Skipper mit der Frage, ob wirklich alle Faktoren für die Reise von THYBORÖN nach HIVDE SANDE sprechen. Das Boot? Vorbereitet und gut in Schuss. Die Mannschaft? Ausgeruht und guter Laune. Das Wetter? Nicht so wie gewünscht, aber vermutlich gerade so machbar. Der Skipper? Voller Selbstzweifel: Fahren oder bleiben?

Dabei hat er so großzügig geplant: 5 Tage „Warten auf Wetter“ in THYBORÖN. 3 Tage in HVIDE SANDE. Aber sowohl Vorhersage als auch Prognose sieht richtig mies aus. Das Wetter wird nicht besser werden.

Das Wetter:
Bummelig 20+ Knoten aus 240° (Süd-West) in drei Wettermodellen (GFS, DMI und ECMWF) angesagt. Dann wird das wohl auch so sein. Sobald wir aus dem THYBORÖN Kanal raus sind und etwas Abstand zur Küste haben, müssen wir 180° (Süd), besser etwas mehr steuern. Bedeutet 55°-60° zum Wind. Das ist mit dem STORMVOGEL bei ausgefahrenem Schwenkkiel durchaus machbar. Welle mit 2 Meter angesagt, Windböen aus den Regenwolken. Nicht optimal, die ganze Geschichte. Sollte aber machbar sein.
Nur mal so zum Wunschdenken: Sonnenschein, 15 Knoten aus 300° oder mehr (Nord-West) und vielleicht 1 Meter Welle – das wäre ganz wunderbar! Nun ist das Wetter kein Wunschkonzert und das Leben auf einem Segelboot schon mal gar kein Strandurlaub.

Hafeneinfahrt THORSMINDE bei WSW 25kn

Ein englische Boot hat sich in THYBORÖN unbemerkt aus dem Staub gemacht, wir kommen wenigstens mit dem jungen Einhandsegler aus Belgien ins Gespräch. Er möchte auch am Montag los, aber direkt nach HELGOLAND, in einem Rutsch. Er findet das Wetter nicht toll, aber eben auch machbar. Der Skipper sieht sich in seiner Überlegung bestätigt und verkündet den Aufbruch für den frühen Montag Morgen. Schließlich sind es über 50 Seemeilen nach HIVDE SANDE.

Hafeneinfahrt THORSMINDE bei WSE 25kn

Mit einsetzendem Tageslicht geht es los. Auf dem AIS können wir das belgische Boot erkennen, das in Dunkelheit aufgebrochen, sich offenbar mühevoll (Fahrt weniger als 4 Knoten) vor dem THYBORÖN Kanal von der Küste frei kreuzt.
Direkt vor dem Hafen das Groß ins erste Reff gesetzt und dann mit ablaufend Wasser und Maschine raus auf die Nordsee. Es steht eine lange, nicht brechende Welle auf den Kanal und wir fahren recht schnell Achterbahn. Natürlich läuft das Fahrwasser nicht 90° zur Welle und so werden wir heftig durch geschaukelt.
Maschine aus, Vorsegel raus und nun kämpft sich auch der STORMVOGEL von der Küste frei. Das dauert so gut eine, anderthalb Stunden. Dann endlich auf Südkurs – nun wird bestimmt alles besser…
…nun, wie man es nimmt. Viel Wasser an Deck, aber das Cockpit bleibt wie immer trocken. 180° Sollkurs bekommen wir nicht hin. Wir laufen in einer chaotischen See 175° und das ist viel zu wenig. Wenn wir so weiter machen, stranden wir in zwei Stunden. Nach zwei heftigen Böen die uns böse auf die Backbordseite drücken, wollen wir ins zweite Reff. Das Manöver unter Segeln können wir gut – auch in großer Welle. Heidi luvt am Ruder zackig an, ich mache das Groß kleiner und sie geht sofort wieder zurück auf Kurs. Die Vorsegel bringen die Fahrt schnell wieder und ich habe ein paar Minuten, das Groß zu trimmen. Kaum haben wir das gemacht, noch am Mast stehend, rufe ich nach achtern „Wir gehen ins Dritte Reff!“, denn ich kann keine große Verbesserung erkennen. Die ist aber zwingend notwendig. Also alles noch mal. Klappt wieder gut.

Ansteuerung THORSMINDE bei WSW 20+kn

Das große Yankee wird ins zweite Reff genommen, die Fock bleibt voll und endlich kommt das Boot wieder etwas aufrechter und macht um die 6 Knoten Fahrt. Das ist OK. Nur der Kurs ist immer noch nicht gut und so fahren wir eine Wende, um uns von der Küste besser frei zu halten. Nach dem wir wieder zurück auf Kurs gewendet haben kehrt endlich etwas (relative) Ruhe an Bord ein und im Skipper reift der Gedanke, nicht bis HIVDE SANDE zu gehen. Trotz SCOPODERM Pflaster hinter dem Ohr (die von ihm so geliebten STUGERON Dragees sind an Bord unauffindbar) Seekrank, körperlich schnell erschöpft und dieses hämmernde „WARUM?“ im Kopf.

Hafen THORSMINDE

„Sollte machbar sein“ – bedeutet eben nicht: „Wird ein schöner Segeltörn“

„WARUM?“ – ist die Kurzform der Frage „Warum zur Hölle tue ich uns so etwas an?“

Als Ausweich/Abbruchhafen hat der Skipper im Vorfeld alle Informationen über THORSMINDE recherchiert. Der Hafen hat keine guten Ruf unter Yachten. Man liege schlecht und es gebe kaum Infrastruktur für Yachties. Banane. Es ist ein Hafen.
Einzig das in den Berichten erwähnte Problem mit der „aufregenden Ansteuerung“ bei „starkem auflandigen Wind“ ist ernsthaft zu beachten. Auflandig ist der Wind durchaus, aber was meint wohl „stark“? Sind 20 Knoten „stark“ oder erst 30 Knoten?

Hafen THORSMINDE

Mittlerweile haben wir das belgische Boot eingeholt. Das liegt nicht daran, das der STORMVOGEL in diesem Chaos besonders schnell unterwegs wäre, sondern an dem Umstand, das der Einhandsegler sein offenbar zerfetztes Vorsegel bergen muss. Wir rufen ihn auf UKW Funk, keine Antwort. Logisch. Hat Besseres zu tun. Gerade als wir wenden wollen um näher an ihn heran zu kommen, können wir erkennen, das das kaputte Segel weg ist, ein kleines Vorsegel gesetzt wurde und das Boot zurück auf Kurs geht. Im Abstand von knapp zwei Meilen segeln wir nach Süden.

Kein Bagger, sondern Verschieber

Diskussion an Bord: Der Skipper möchte abbrechen – die Mannschaft möchte Meilen machen. Ein paar Böen und Brecher später ändert die Mannschaft ihre Meinung.

Der Skipper beschließt nun, unter Segeln in die Nähe der Hafeneinfahrt von THORSMINDE zu gehen, die Vorsegel zu bergen und dann unter Maschine und mit 3. Reff im Groß zur Stütze die Molenköpfe anzusteuern. So spät wie möglich möchte er genau vor (platt) den Wellen laufen. In seiner Vorstellung braucht nur eine große, brechende Welle dabei zu sein und das Boot könnte quer schlagen. Auf der anderen Seite lässt sich der STORMVOGEL in dem tosenden Wasser super steuern. Trotz der heftigen See reagiert das Boot sofort auf die nachdrücklichen Ruderlagen. Aber erst fünf Minuten vor den Molenköpfen ist der Skipper davon überzeugt, Boot und Mannschaft sicher in den Hafen zu bekommen. Kurz vor den Molenköpfen noch mal Volle Kraft voraus um sich so kurz wie möglich an diesem unwirklichen Ort aufzuhalten und dann fix die Maschine auf langsam voraus und das Groß schnell ganz weg nehmen.

Im Hafenhandbuch wird vor starkem Gegenstrom gewarnt, wenn der NISSUM FJORD entwässert wird – ist aber heute nicht der Fall.

Mit Fahrt und Schwung durch die Doppel-S-Kurve zum eigentlichen Hafen und – wie unheimlich ist denn das? – sofort spiegelglattes Wasser und viel, viel weniger Wind. Mit langsamster Fahrt ins hintere Becken, damit die Mannschaft das Boot für den Anleger klar machen kann.

Der Einhandsegler hat sich kurzerhand auch für den Abbruch entschieden und läuft kurz hinter uns ebenfalls in THORSMINDE ein.

Der Skipper des STORMVOGELS zählt jedenfalls eine weitere Kerbe im seglerischen Selbstvertrauen. So eine „hart am Wind“ Nummer kann man vielleicht ohne Welle, ohne Strom und ohne Regenböen durchziehen, aber nicht in unmittelbarer Küstennähe auf der NORDSEE.

THORSMINDE als Hafen ist gar nicht mal so schlecht. Das Dorf hat sogar einen Kaufmann, am Steg gibt es Strom, Wasser nur an der Landseite. Das Duschhaus ist OK – was will man also über den Hafen meckern?

Ach ja, wenn man unbedingt will: Die Hafeneinfahrt! Rein gekommen sind wir gerade so – raus kommen wir hier bei dem Wind nicht mehr. So bleiben wir zwei Tage und warten auf weniger Wind und eine Windrichtung, die nicht Süd im Namen trägt.

Peter.

P.S.:  Schon klar, THORSMINDE liegt an der Nordsee und nicht, wie es die Rubrik dieses Beitrags vermuten ließe, an der Ostsee. Aber „OSTSEE 2018“ meint den Segelsommer 2018, der ursprünglich nur in Ostsee statt finden sollte…

LIMFJORD zum Zweiten

Eigentlich hatten wir letztes Jahr gesagt: OK, LINFJORD war ganz gut, aber noch mal müssen wir hier nicht hin.

Eigentlich.

Schwups, gerade mal ein knappes Jahr vergangen und schon sind wir wieder mit dem STORMVOGEL im LIMFJORD. Diesmal ist die Passage eher als Durchreise in die NORDSEE angelegt. Die Wettervorhersagen sind insofern positiv, das wir gar keinen Wind haben. Also schon mal keinen Gegenwind, aber eben auch keinen Segelwind. Für uns ist das OK, denn im teilweise engen Fahrwasser wäre ein wildes herumgekreuze nichts für uns.

So brechen wir also nach einer Nacht in HALS auf um so weit wie möglich nach Westen zu kommen. Ein Ziel setzten wir nicht – müssen wir doch durch mindestens zwei Brücken in AALBORG und wann die Sonntags aufmachen wissen wir nicht.

Spiegelglattes Wasser. Außer uns nur ein Berufsschiff und ein Marinedampfer auf dem Wasser.

In AALBORG haben wir Glück, nur 20 Minuten Wartezeit und schlagartig tauchen auf der anderen Seite der Eisenbahnbrücke viele Segelboote auf – mit Vollzeug dümplen sie über das Wasser, treiben im strahlenden Schein der Herbstsonne. Das ganze ist wohl eher ein kollektives Segel-Auslüften. Nun, das, stört uns nicht. Wir kurven um die Dümpler herum. Der Skipper nimmt das bereits zweimal besuchte LOGSTÖR als Tagesetappe ins Visier, die Mannschaft mosert (kommt kurz vorm Meutern). Viel zu eng, viel zu busy. Nein, da will sie nicht hin!

Na´ wenn das so ist, versuchen wir doch der Insel LIVÖ einen Besuch abzustatten. Nur noch die AGGERSUND Brücke passieren (auch hier sehr erträgliche Wartezeit), an LOGSTÖR vorbei und dann den Hafen der Insel ansteuern.


Im wie immer sehr gut geschriebenen Törnführer „DÄNEMARK“ schreibt der Autor JAN WERNER:
„Meine Begeisterung für diese kleine Insel kennt kaum Grenzen! LIVÖ ist ein kleines Naturwunder, ein nordisches Paradies“.

Das hatten wir zwar im letzten Jahr auch schon gelesen, die Insel aber liegen lassen. Der Hafen dort soll sehr, sehr sogar sehr ganz klein sein und für´s Ankern war das Wetter damals auch nichts. Das ist in diesem Jahr anders. Wenn wir gar nicht in den Hafen rein kommen, ankern wir bei der Dauerflaute eben davor.

In der Abenddämmerung erkennen wir wie beschrieben erst in aller letzter Minute den Hafen und tuckern so langsam wie es geht hinein. Die Mannschaft winkt ab, rückwärts wieder raus! Der Skipper sieht eine freie Kaikante und hat bei Herrn WERNER gelesen: Die hat 25 Meter. Der STORMVOGEL hat 14,5 Meter – sollte also passen, auch wenn in der linken Ecke noch ein kleiner Eingeborener und an der Längspier ein riesiger Ponton liegt.

Wir machen den STORMVOGEL im wohl kleinsten jemals besuchten Hafen fest und wissen noch nicht, wie wir hier wieder raus kommen sollen. Drehen geht nicht. Egal. Das Problem wird gelöst, wenn es anliegt.

Am Abend erkunden wir nur die nächste Umgebung des Hafens, am folgenden Vormittag besuchen wir das Dorf mit der Jugendherberge und, natürlich, den Kaufmann. Wir laufen auf dem gut ausgeschilderten Wanderwegen durch Wald und Heide, erklimmen einen Aussichtsturm und genießen die Morgenstille. Es ist wirklich sehr, sehr still.

Plan der Hafenerweiterung von LIVÖ

Das ändert sich, als wir zum Hafen zurück kommen. Denn der Ponton gehört zu einem Bagger und zu dem Bagger gehören zwei Bauarbeiter. Die haben den Job, den Hafen zu vergrößern. Das kleine Becken bleibt wie es ist, aber die vier Außenliegeplätze bekommen auch eine Hafenmauer. Ist wohl auch besser so. Die beiden Bauarbeiter wühlen zwar so vor sich hin, richtig können sie aber nicht los legen, denn ihr Schlepper, mit dem der Ponton wieder nach draußen gezogen werden müsste, ist kaputt und sie warten auf Ersatz.

Wir schauen dem Treiben noch ein wenig zu, beschließen dann aber abzureisen. Zu laut. Zu viel Baustelle. Wetter auch nicht prickelnd.

Der Ableger mit rückwärts eindampfen in die Achterspring funktioniert tadellos – wohl auch, weil wir noch zwei Meter nach achtern können da es dem Dänen wohl auch zu laut wurde und er schon weg ist.

Über das heutige Tagesziel gibt es keine zwei Meinungen an Bord. LEMVIG!

Das letzte Jahr Heimatbasis für den Sommertörn mit Familie im LIMFJORD, jetzt auserkoren als Servicestation. Ein paar Arbeiten müssen am Boot erledigt werden, insbesondere Putzen, so jedenfalls die maßgebliche Meinung der Mannschaft.
Aber auch sonst wollen wir den STORMVOGEL nach fünf Wochen Fahrt mal ein wenig genauer ansehen. LEMVIG ist dazu hervorragend geeignet. Den wohl besten Schlachter Dänemarks, den wohl Besten Käseladen und, man glaubt es kaum, im Supermarkt den Besten Bäcker. Dazu dann noch der große Fischladen am Hafen – es wird uns an nichts fehlen.

Die Tage in LEMVIG rennen so dahin. In einem Autoteile-Shop bestellen wir zwei Dieselvorfilter und fühlen uns sehr übel abgezockt: 20 Euro kostet einer, in Deutschland vielleicht 8 Euro?
Da gehen wir einfach nicht mehr hin und denken bei der nächsten Tour daran, mehr in Reserve mit zu nehmen.

Mit einem Auge schielt der Skipper mehrmals täglich auf das Nordsee-Wetter. Wenn der Wind gut steht, wollen wir uns am Vortag nach THYBORÖN vorholen, um schon mal 12 Meilen weniger auf der Uhr zu haben.

Am Sonntag, den 9.9. scheint es soweit zu sein. Nur mit dem Vorsegel brettern wir bei sattem Südwind in den riesigen Fischereihafen am Nordsee-Eingang des LIMFJORDS. Außer uns nur ein Engländer und ein Belgier da. Ansonsten tote Hose im Yachthafen.
An Land dagegen steppt der Bär. Unzählige Touristen durchstreifen die viel zu breiten Straßen der Geisterstadt THYBORÖN. Wir sehen einen zerlumpten Philipino auf einem wackligen Fahrrad – arbeitet wohl einem Sklaven gleich auf einem Fischkutter (?).

Dem Skipper befällt der Gedanke, das Fischer doch eigentlich nur Diebe sind. Bei allergrößtem Respekt vor der wohl (weltweit) härtesten Arbeit der Welt: Fischer fahren aufs Meer, holen den Fisch aus dem Wasser und verkaufen den – ohne, das sie was dafür getan haben, das es den Fisch überhaupt gibt!
So ein Bauer, der muss seine Felder bestellen und seine Tiere aufziehen. Dazu braucht er auch große Maschinen wie die Fischer. Doch die nehmen einfach die Maschine und holen sich alles aus dem Meer, was sie bekommen können. Fängt der Skipper nun an zu spinnen?

Nun denn. Der Plan steht: Morgen geht es auf die NORDSEE – dem vierten und letzten Abschnitt unserer Sommereise.

Peter.

Kattegat

Mittlerweile ist klar, wir wollen am 21. September 2018 auf HELGOLAND sein und an den Festivitäten zum 50. Geburtstag des TRANS-OCEAN Segelvereins teilnehmen.

HELGOLAND liegt bekanntlich in der NORDSEE, genauer in der DEUTSCHE BUCHT. Wir sind noch in der OSTSEE, Höhe GÖTEBORG. Also durchs KATTEGAT brausen, nochmal irgendwie den LIMFJORD durchqueren und dann an der DÄNISCHEN und DEUTSCHEN NORDSEE Küste stramm nach SÜDEN.

MAERSK MANILA – größer geht immer
Schwedische Marine oder James Bond Bösewicht?

Vormittags noch in GÖTEBORG einkaufen, Mittags dann los ins 12 Meilen entfernte VRÄNGÖ. Guter Absprungpunkt für die Passage nach LÄSÖ. Nur zwei Boote übernachten in VRÄNGÖ. Dabei ist es doch erst Anfang September?
Die Wettervorhersage für den kommenden Tag ist sehr wacklig, was den Wind angeht. Wir gehen davon aus, das wir zwar leichen, aber immerhin segelbaren Wind bekommen.
Doch als wir im Grau des nächsten Morgens starten ist erst mal gar nix mit Wind. Als wir die kleinen Schären verlassen stoppen wir kurz die Maschine, um ganz, ganz sicher zu gehen. Nö, kein Wind. Ach, wie doof. Schon wieder eine Maschinenorgie.

Und Spannung bei der Überquerung einer Schifffahrtsstraße, die hier von Nord nach Süd führt. Irgendwie haben sich so 15 echte Schiffe verabredet um uns genau an unserem Kreuzungspunkt zu treffen. Dank moderner Technik und guter Sicht hält sich die Aufregung in Grenzen, aber es ist schon (sagen wir mal) beeindruckend, wenn so ein 200 Meter Dampfer auf offener See im Abstand von 400 Metern am STORMVOGEL vorbei läuft.

VERSTERÖ Yachthafen

Auf LÄSÖ gehen wir wieder nach VESTERÖ – liegt strategisch viel besser als ÖSTERBY. Und obwohl der Hafen immer noch Affen teuer (240 DKK plus Duschen plus Strom) ist, planen wir einen Hafentag. Zum einen wollen wir ein wenig über die Insel streifen, zum anderen wollen wir uns in Ruhe von unseren letzten verbliebenen GÖTAKANAL Gefährten verabschieden. Bis hier hin hatten wir einen gemeinsamen Weg, nun trennen wir uns erst mal und versprechen uns gegenseitig, uns im Winter wieder zu sehen.

Mit dem Bus, der auf der Insel KOSTENLOS ist, fahren wir nach ÖSTERBY. Kurze Hafeninspektion: Viel mehr Berufsfischer als im Westen, Yachthafen OK, aber genau so teuer. Ansonsten schwer Gründe zu finden, hier mit dem Boot zu liegen.

ÖSTERBY Yachthafen

Gegen 8:00 Uhr am nächsten Morgen schmeißen wir die Leinen los und gehen unter Segeln auf Kurs HALS – dem Eingang zum LIMFJORD. Wir haben exzellenten Segelwind bis gut eine Stunde vor HALS, dann ist der Wind relativ schnell weg und die Maschine muss wieder ran.
Die Mannschaft fand AALBORG im letzten Jahr nicht so wirklich prickelnd und möchte lieber im uns noch unbekannten HALS Station machen. Der Skipper kann damit leben, wollte er doch schon im letzten Jahr die beiden riesigen Eisbrecher, die dort vor der Hafeneinfahrt liegen, standesgemäß fotografieren.

Ungewohnt, wieder nur zu zweit unterwegs zu sein…

Peter.

19 Meter – GÖTA ÄLV

Nein, nein!

Der Fluß GÖTA ÄLV, der in GÖTEBORG an der WEST-Küste SCHWEDENS endet, ist natürlich länger als 19 Meter. Kannst Du lesen hier.

Seit Tagen schon quält den Skipper die Frage, welche Durchfahrtshöhe die GÖTAÄLVBRON, die Auto-, Straßenbahn-, Fahrrad- und Fußgängerbrücke in GÖTEBORG wohl wirklich haben wird? Viele Höhenangaben stehen im Raum. Irgendwas zwischen 17,50 und 18,50 Meter werden es wohl sein. Wir rechneten bisher mit 19 Meter. Da muss es ja wohl stille Reserven geben?
Wir werden so oder dort erst nachmittags ankommen und von 15-18 Uhr wird die Brücke wegen des Berufsverkehrs auf keinen Fall geöffnet. Also müssten wir warten. Still stehen.

Stillstand ist der Tot. (wie bereits bekannt)

Der Fluß GÖTA ÄLV

Doch der Reihe nach: Der Fluß GÖTA ÄLV ist Anfangs recht idyllisch, Natur pur. Sehr schön sogar. Wenn man so durch die Wälder kurvt, denkt man unvermittelt an KANADA. Das ändert sich, natürlich, je näher man GÖTEBORG kommt. Straßen, Eisenbahnlinien, Industriekomplexe. Muss wohl so ein.

Nach zwei, drei Stunden wird uns die Fahrt auf dem Fluß langweilig. Es gibt zwar noch eine Schleuse, aber auch die ist langweilig. Logisch: Über 60 (in Worten SECHSZIG) Schleusen in den vergangenen 8 Tagen. Routine, Routine.


Nützt aber alles nix, weiter fahren.

Wenn man nur wüsste, wie hoch der Mast wirklich ist?

Damals, in VILA REAL DE SANTO ANTONIO haben wir das ja alles schon mal für die Brücke PUENTE INTERNACIONAL DE GUADIANA über den Grenzfluss RIO GUDADIANA nachgemessen. 19 Meter kamen damals raus. Aber ob das wirklich stimmt?

Werkzeugkiste raus, daraus das 5 Meter Maßband. Erstmal während der Fahrt Rumpf und Aufbau messen. Dann eine Schot (Leine) über das Spi-Fall in den Masttop ziehen und dessen Länge ausmessen. Vier mal – denn vier mal kam was anders raus. Immer so 10,15,20 Zentimeter Unterschied. Dabei kommt es doch auf jeden Zentimeter an!

Irrwitzig große Eisenbahndrehbrücke kurz vor GÖTEBORG

Heraus kommt irgendwas zwischen 18,40 und 16,60 Meter inklusive der festen Aufbauten auf dem Mast, dazu dann noch vielleicht 50 Zentimeter für die flexible UKW Antenne. Die ist eigentlich nur ein dicker, wackliger Draht der in die Höhe ragt. Also lag die damalige Messung gar nicht so falsch. 19 Meter Durchfahrtshöhe müssen reichen.

Die Brücke kommt näher, der Skipper hievt die GOPRO zur Kontrolle in den Mast, allerdings verdreht die sich ungewollt und schaut nicht voraus, sondern Steuerbord-Voraus.

Fundament für die neue Brücke

An der Brücke steht, klar durch das Fernglas erkennbar: 18,30 Meter. Witzig. Schon wieder eine andere Zahl.

Mindestens einer auf der Brücke will es auch wissen: Passt oder passt nicht?

Anruf bei der Brücke über UKW Sprechfunk. Brauchen wir bei 19 Metern eine Brückenöffnung oder nicht?


Wenn ihr GENAU 19 Meter habt, könnt ihr so durch fahren – so die lupenreine Ansage. Also nix Stillstand. Nix tot.


Der Skipper versucht mit langsamster Fahrt sich der Brücke zu nähern. Die Mannschaft, und das ist keine Geschichte, verkriecht sich in der Achterkajüte, weil sie davon ausgeht, das er eventuell herabstürzende Mast das massive Cockpit nicht zertrümmern wird.
Langsamste Fahrt kann man getrost vergessen. Die Strömung drückt ganz gut und wenn die Maschine zum aufstoppen rückwärts liefe, würde der Kurs „Exakt Mitte Brücke“ nicht zu halten sein. Also mit 2,5 bis 3 Knoten – es gibt kein Zurück! („There is no way back“ – Textzeile aus P-MACHINERY von PROPAGANDA).

Lilla Brommen

Der Skipper hört deutlich, wie die UKW Antenne an der Unterseite der Brücke kitzelt. Metall auf Metall. Ist auch später gut auf derm GOPRO Video zu hören. Aber nichts fällt auf Deck, kein Ruck geht durch das Boot.

Und dann: Durch, einfach Durch!

Was für eine Erleichterung. Was für eine Freude. Das es knapp werden würde war ja klar, aber so knapp?

Jetzt sind die 19 Meter also amtlich, erprobt an der GÖTAÄLVBRON zu GÖTEBORG am 28. August im Jahre des Herren 2018.

Die Brücke muss, im übrigen, und das soll hier unbedingt noch erwähnt werden, 2022 außer Dienst gestellt werden muss, weil sie dann wegen Altersschwäche einstürzen könnte. Daher baut die Stadt gerade eine neue Brücke. Also eigentlich ist das eine riesige Skulptur und keine Brücke. Aus irgendeinem Sience-Fiction Film abgekupfert oder so. Sieht bestimmt toll aus, wenn sie fertig ist und die alte Brücke abgerissen ist.
Doch die neue Brücke wird nur 11 Meter hoch. Und genau wie diese verrückte Eisenbahnbrücke im TROLLHÄTTA Kanal wird das eine Fahrstuhlbrücke, die an allen vier Ecken hoch gezogen wird.
Bei der ganzen Recherche über Brückenhöhe und Öffnungszeiten überkam den Skipper das starke Gefühl von Ärger. Ärger zwischen der Stadt GÖTEBORG und der Seefahrtsbehörde, die für die Seewasserstraßen in SCHWEDEN zuständig ist.
Die Stadt existiert nun mal an beiden Seiten des Ufers und braucht eine leistungsfähige Brücke als Lebensader. Doch wenn man die so hoch bauen würde, das Schiffe, oder auch Boote wie der STORMVOGEL, darunter her passen würden, dann bräuchte man auf beiden Seiten der GÖTA ÄLV sehr große Flächen für die Auf- bzw. Abfahrten. Diese Flächen gibt es aber gar nicht. Alles bebaut.
Und wenn man eine Brücke baut, die geöffnet werden kann, dann steht der Verkehr für 15-20 Minuten komplett Still. Hatten wir schon: Stillstand ist der Tot. Offiziell soll die alte, aber auch die neue Brücke mindestens einmal je Stunde geöffnet werden. Aber die große Ausnahme 6 bis 9 und 15-18 gibt es schon.


Nun baut GÖTEBORG also die Quadratur des Kreises: Eine komplett neue Brücke inklusive Zufahrten neben der alten. Ich würde mal sagen, wenn die das wirklich bis 2021 hin bekommen, dann sollten wir in Deutschland in Zukunft Schweden mit Großprojekten betrauen. Vielleicht können die ja wirklich Großprojekte.

Nun denn, noch Geschwind in LILLA BROMMEN fest gemacht und die 19 Meter gefeiert!

Peter.

…neues von Familie, Segeln und Fotos